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RIKSCHAS Ärmster Mann Chinas

aus DER SPIEGEL 8/1950

In China fahren keine Rikschas mehr. Mao Tse-tungs Regierung hat durch Dekret ausnahmslos verboten, daß keuchende Kulis reiche Reisende auf zweirädrigen Vehikeln durch die Straßen ziehen dürfen. Der kommunistischen Menschenwürde wegen. Neunzig Jahre Rikscha-Geschichte sind in China zu Ende.

Aelter sind die Fahrzeuge nämlich nicht, und sie sind auch durchaus keine chinesische Erfindung. Die Vehikel stammen aus Japan. Als der Commodore Perry 1853 Japan dem Welthandel öffnete und die ersten Weißen ins Land kamen, sahen sie, wie kleine und oft körperlich schwache Japaner schwere Sänften steile Berge hinauftrugen. Ein Menschenfreund konstruierte die »Jin-Rikischa« (Jin = der Mensch; rikischa = der Wagen). Die Rikscha führte sich ein.

Es dauerte nur ein paar Jahre, da rollte sie auch in China. Wohlhabende Unternehmer bauten die Wagen und vermieteten sie für einen täglichen Pachtzins an Kulis. Für einen Teil von Chinas Millionen Dauer-Arbeitslosen gab es einen neuen Beruf: Rikscha-Kuli.

Schon während des zweiten Weltkrieges gab Tschiang Kai-Schek einem Programm seine Zustimmung, das bei Friedensanbruch die Rikschas mit einem Schlage verbieten sollte. Die internationale Stadtverwaltung von Schanghai hatte beispielsweise festgestellt, daß nahezu alle Schanghaier Rikscha-Kulis an Tuberkulose litten und nur jeder dritte von ihnen dreißig Jahre alt wurde.

Als dann aber Japan kapituliert hatte und die Rikschas abgeschafft werden sollten, baten die Kulis selbst um Aufschub. Amerikanische Soldaten waren damals in den Städten stationiert. Sie hatten monatelang im Dschungel gekämpft und die Taschen voll aufgesparter Löhnung. Der ärmste Mann Chinas, der Rikscha-Kuli, wollte mit daran verdienen. Tschiang verschob sein Verbot auf unbestimmte Zeit.

Die amerikanischen Landser fanden das Rikschafahren ausgesprochen »funny«. In Schanghai ist es dauernd vorgekommen, daß zwei baumlange GIs zwei Rikschas mieteten, die Kulis auf den Sitz setzten, in die Stange griffen und selbst um die Wette rannten. Die Kulis verdienten Geld und etwas dazu, was in China auch noch wichtig ist: sie gewannen an »Gesicht«, an sozialem Ansehen.

Als die Amerikaner nach ein paar Monaten abzogen und Tschiang wieder mit dem Verbot winkte, da erhielt er eine Petition von der Gilde der Rikscha-Kulis aus allen Städten des Reiches: »Das Rikscha-Ziehen ist eine Unmenschlichkeit. Wir wissen es. Wir bitten noch um weitere zehn Jahre Unmenschlichkeit..« Tschiang gewährte.

Das war 1947. Von nun an sollten keine neuen Konzessionen für Rikscha-Ziehen mehr vergeben werden. Die Kulis sollten aussterben. Aber da kam Mao Tse-tung, und Tschiang landete auf Formosa. Mao verbot.

Die Kulis haben schon längst einen Ersatz für ihre Rikscha gefunden: das Pedicab. Das Pedicab ist eine Kombination von Rikscha und Fahrrad. Der Fahrgast sitzt in der Rikscha, der Kuli vorne auf einem Fahrradsattel. Er tritt in die Pedale. Weil er nicht mehr zu laufen braucht, sieht es nicht so entwürdigend aus.

Eine kommunistische Erfindung sind die Pedicaps aber nicht. Sie fahren schon seit 1940.

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