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Italien »Ätna, verschlinge sie«

Kampf gegen Rom: In den blühenden Po-Regionen wächst der Wunsch nach politischer Unabhängigkeit. Der rabiate Chef der Liga Nord, Umberto Bossi, berief schon eine provisorische Regierung. Spaltet sich Italien?
aus DER SPIEGEL 21/1996

Aus einem durchgeweichten Banner der Liga Nord, das sich die junge Frau um den Kopf gelegt hat, rinnt Regenwasser auf ihr Gesicht. Unter dem militärischen Käppi ihres Gefährten ringelt sich tropfnasses Haar. Es schüttet, was der Himmel hergibt über dem »Parlament von Padanien«, das in dem spätbarocken Schlößchen Villa Riva Berni in der Nähe von Mantua tagt.

Padanien, genannt nach der Po-Region: Das ist der Traum von einem Staat - der reiche Norden Italiens mit insgesamt knapp 26 Millionen Einwohnern, die nach dem Willen von Umberto Bossis Liga Nord aus dem korrupten Zentralstaat ausscheren sollen.

Stumm und andächtig verharrte am vorletzten Sonntag eine Menge von Nordpatrioten vor der Freitreppe des Schlößchens, in der festen Hoffnung, daß drinnen im Festsaal ihr Führer Bossi Geschichte schreiben würde. Vor den 350 Delegierten des Parlaments von Padanien rief der Liga-Chef die erste, unabhängige, wenn auch nur provisorische Regierung aus. »Governo sole« (Sonnenregierung) nennt er sie, den Namen Schattenregierung lehnt er ab.

Noch am gleichen Nachmittag vereinbarte der Außenminister Padaniens sein erstes außenpolitisches Treffen: mit der ebenfalls provisorischen Regierung der französischen Region Savoyen - auch diese frisch auf dem Pfad der Unabhängigkeit von einer unterdrückerischen Zentralregierung.

Wie immer, wenn Bossi Spektakuläres startet, verschwammen in Mantua die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Provokation. Die Sezession Padaniens sei mit dieser Regierungsbildung nicht vollzogen, bekannte Bossi, jedoch glaube er nicht, daß sie noch zu vermeiden sei.

»Bellende Hunde beißen nicht«, versuchte am nächsten Tag ein Kommentar der römischen Tageszeitung Il Messagero zu beschwichtigen. Aber wenige Italiener machen sich noch Illusionen: Die Liga Nord mit ihren spalterischen Zielen ist ernst zu nehmen.

Bei den Parlamentswahlen vom 21. April errang die Bossi-Partei, der Monate zuvor noch der Untergang vorhergesagt worden war, erstaunliche Ergebnisse: etwa 30,3 Prozent im früher stramm christdemokratischen Venetien. Längst ist die Liga über den dumpfen Nord-Süd-Rassismus hinausgewachsen, der ihre Anfänge in den frühen achtziger Jahren kennzeichnete. Damals malten fanatische Hasser der süditalienischen »terroni«, der »Erdfresser«, nachts ihre rabiaten Sprüche auf Brücken und Bahnübergänge - etwa »Vorwärts, Ätna, verschlinge sie alle«.

Die Agitatoren stammten, wie Bossi selbst, aus der Unterschicht und versuchten, mit aggressiver Heimattümelei eine neue Identität zu schmieden. Inzwischen prägen ganz andere Anhänger die Bewegung: solide kleine und mittlere Unternehmer, die sich darum sorgen, durch das römische Lotterleben den Zug nach Europa zu verpassen.

Deutlich ist inzwischen auch, daß Bossis Bewegung und ihr Vormarsch nur ein Ausdruck einer tiefreichenden Malaise sind, die den Norden Italiens und den ausgepowerten Süden des Landes immer weiter auseinandertreibt.

Auch ohne die Liga nämlich köchelt Rebellion im Norden der Apenninhalbinsel. Der »sezessionistische Druck« im Norden, so die Turiner Tageszeitung La Stampa, sei eine »ungestüme zentrifugale Kraft, die vor der Liga da war und sie in ihrer räumlichen Ausbreitung übertrifft«.

Erstmals wurde der Name Padanien durch eine 1992 erschienene Studie der Agnelli-Stiftung bekannt, welche die Po-Ebene in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Einheit beschrieb und mehr Autonomie für die Region forderte.

Die Daten der Untersuchung über die Kluft zwischen dem Norden und dem Süden sind noch heute gültig: Das Bruttosozialprodukt des Südens liegt gut 40 Prozent unter dem, was im Norden erwirtschaftet wird. Die Arbeitslosigkeit im Mezzogiorno beträgt 19 Prozent, im Norden weniger als ein Drittel davon.

Außer in den beiden autonomen Regionen Aostatal und Südtirol besteht ein krasses Mißverhältnis zwischen den Steuerleistungen der nördlichen Regionen und dem Rückfluß aus Rom. Jeder Lombarde zahlt nach der Agnelli-Studie dem italienischen Staat 2 385 000 Lire mehr, als an öffentlichen Mitteln für ihn bereitgestellt wird. Die südlichen Regionen Molise und Lukanien kassieren dagegen pro Bewohner sieben Millionen zusätzlich - ein erzwungener Finanzausgleich, der in der Sicht des Nordens die »Normen der Solidarität sprengt und eher auf Plünderung hinausläuft«, so ein Bürgermeister aus Venetien.

Mit den Zwangsabgaben des Nordens wurde zudem die wirtschaftliche Entwicklung des Mezzogiorno kaum gefördert. Römische Politiker verpulverten vielmehr das Geld, um ihre eigene Klientel zu füttern. Der Rest floß oft genug in die Taschen der Mafia, die als Gegenleistung für dicke öffentliche Aufträge Politikern aus dem Süden Wählerstimmen besorgte.

Im Norden dagegen wird der römische Staat noch heute als bürokratischer Moloch gehaßt, der mit quälender Akribie seine Auflagen durchsetzt. »Ich muß Steuern für meine Tiefkühltruhe zahlen, für die Inschrift auf meinem Rolladen, für die Blumenkübel vor dem Geschäft - und jede einzelne zu einem verschiedenen Zeitpunkt«, klagt der Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts aus Varese.

Zwar erfreut sich der Nordosten des Landes derzeit einer Wirtschaftsblüte wie nie zuvor. Das Gebiet, in dem 500 000 überwiegend mittlere und kleine Unternehmen - oft Familienbetriebe - schaffen, gilt als das Japan Italiens. Mit nur 5 Prozent liegt die Arbeitslosigkeit mehr als die Hälfte unter dem landesweiten Durchschnitt. Der Exportüberschuß stieg in den vergangenen Jahren um 30 Prozent - und das nicht nur wegen der billigen Lira.

Aber gerade in diesen gesegneten Gefilden wächst die Zukunftsangst. Das Jahr 1999 mit dem Termin für die europäische Währungsunion steht vor der Tür. Trotz der neuen Regierung unter Romano Prodi und seines Teams bewährter Wirtschaftslenker kann Italien mit einer Staatsverschuldung von 124 Prozent des Bruttosozialproduktes kaum noch darauf hoffen, die strengen Maastricht-Maßstäbe zu erfüllen. Und das schürt im Norden den Wunsch, sich aus dem maroden italienischen Einheitsstaat zu verabschieden.

Völlig unvorstellbar, schrieb der Wirtschaftspolitiker Massimo Riva von der linksdemokratischen PDS, daß der Norden »auf die Vorteile der Einheitswährung verzichtet, nur weil der Rest Italien es nicht schafft«. Die Folge: Unter dem »unwiderstehlichen Druck« solcher »konkreter Interessen« würde sich die »Spaltung des Landes« vollziehen.

Immerhin meinen selbst 25 Prozent der Nicht-Liga-Wähler nach einer neuen Untersuchung der Universität Urbino, daß die Sezession für den Norden »wünschenswert und realisierbar« sei. Über die Hälfte der Befragten war zugleich der Meinung, daß es einem unabhängigen Norden in jeder Hinsicht besser ginge - in der wirtschaftlichen Entwicklung, im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, bei den öffentlichen Dienstleistungen und im täglichen Leben.

Gegen das Abdriften wird in Italien seit Jahren eine föderalistische Reform verlangt - Umbau des italienischen Einheitsstaates nach bundesdeutschem Muster. Zu einem überzeugten Föderalisten ist etwa der linke Philosoph Massimo Cacciari geworden, seitdem er als Bürgermeister über die todkranke Stadt Venedig herrscht.

»Existenzwichtige Projekte wie der Bau des beweglichen Schleusensystems gegen das Hochwasser dürfen nicht länger in einem römischen Ministerium entschieden werden, dessen Hausherr alle neun Monate wechselt«, sagt Cacciari. »Für Venedig ist der Föderalismus zur Überlebensfrage geworden.«

Marcello Pacini, Direktor der Agnelli-Stiftung und kein Anhänger Bossis, predigt den Föderalismus schon viel länger. Der »Nationalstaat hat ausgedient«, sagt er, »einmal, weil die moderne Technologie, die einheitliche Währung und die gemeinsame Verteidigung nach einer Verankerung in übernationalen Strukturen verlangen. Zum anderen, weil sich moderne Gesellschaften nach regionalen Grundsätzen neu organisieren müssen, schon um den Bürgern bessere Möglichkeiten der demokratischen Beteiligung zu geben. Das ist die Zukunft - zweifellos auch in Italien«.

Aber bisher wird eben nur darüber geredet. Seit dem Zusammenbruch der korrupten Ersten Republik vor nunmehr zwei Jahren entstanden zwar allerlei Projekte, etwa das einer föderalistischen Steuerreform. Aber nichts wurde verwirklicht. Entsprechend wächst die Unruhe bei denen, die sich der Einheit Italiens nur dann verpflichten wollen, wenn ihnen mehr Autonomie gewährt wird - etwa die Bürgermeister des nordöstlichen Italien.

Sie tagten vorletzte Woche in Mestre, der Industrievorstadt von Venedig, und was sie verlangten, klang bescheiden: etwa kommunale Führungskräfte nach privatwirtschaftlichen Leistungsprinzipien selbst aussuchen zu dürfen. »Um den Rasen vor dem Rathaus zu mähen, muß ich nach römischen Vorschriften drei Leute anstellen«, beschwerte sich ein Stadtvater aus Treviso.

Das Schlußdokument fiel drastisch aus. Falls Rom sich nicht zu föderalistischen Reformen entschließt, wollen die Bürgermeister in ihren Gemeinden den »zivilen Widerstand« ausrufen. Düster prognostizierte Riccardo Illy, Stadtoberhaupt von Triest: »Wenn es einen Volksentscheid gäbe, wüßte ich nicht, wie viele bei uns noch dafür stimmen würden, in Italien zu verbleiben.« Y

Der Norden droht Rom mit zivilem Widerstand

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Vergleich des Nordens mit Rest-Italien

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