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Afghan Open

Global Village: Wie sich der Golfplatzverwalter von Kabul um Weltniveau bemüht
aus DER SPIEGEL 19/2007

Am Freitag, sagt er, haben sich zehn Afghanen angemeldet und am Freitag davor zehn Ausländer, und zehn ist schließlich keine schlechte Zahl. Zehn an einem Tag. Zehn Mitglieder. Sie fuhren in Autos die staubige Auffahrt zum Clubhaus hinauf und hatten Geld dabei. Nur heute kommt niemand. Niemand, der Mitglied werden will, der Golf spielen will.

Golf in Kabul.

Hinten, an Loch sechs oder sieben, läuft träge ein wilder Hund über den Platz. Mohammed Afzal Abdul sitzt im Schatten einer Baracke und wartet. Auf den Bergen, die Kabul umfassen wie ein brauner, steinerner Ring, liegt noch immer Schnee. Hier unten, im Tal, knallt die Sonne.

Die Baracke ist das Clubhaus des Kabuler Golfclubs. Die Baracke daneben liegt in Trümmern, weil die Taliban sie so lange beschossen, bis sie zusammensackte wie ein müdes Tier. Am Ende hat Abdul alle überlebt: die Taliban, die Mudschahidin, die Sowjets. Er hat einfach gewartet. 26 Jahre lang.

Vielleicht ist Afghanistan kein Land für Golf. Vielleicht ist Golf das Letzte, was sie hier brauchen. Ausgerechnet Golf. Der Sport der Sorgenlosen im Land der Sorgen. Der Sport aus dem dekadenten Westen im muslimischen Osten. Der Sport der Amerikaner und Besatzer. Vielleicht ist Golf in Kabul aber auch ein Statement. Eine Art Symbol. Wenn die Menschen Golf spielen, im Trümmerland, kann die Lage nicht so schlecht sein. Und solange ein Golfplatz die Kriege überlebt, ist eigentlich alles möglich in Afghanistan.

Im Moment spielen vor allem Ausländer. Soldaten, Leute von Hilfsorganisationen, von den Botschaften. Manche kommen mit Bodyguards. Die amerikanischen Soldaten kommen im Hubschrauber. Aus Sicherheitsgründen.

Abdul ist der Verwalter. Er ist, nach eigener Angabe, auch Afghanistans einziger Golflehrer, was sich in gewisser Weise schon dadurch erklärt, dass der Kabuler Golfplatz der einzige ist.

Eigentlich ist es auch gar kein Golfplatz. Oder es ist doch ein Golfplatz, vorausgesetzt, man vergisst alles, was man bisher über einen Golfplatz wusste. Zunächst einmal muss man den Rasen vergessen. Es gibt hier nur Sand und Staub und Geröll und Wind. Abdul hat Sand und Motorenöl zusammengerührt, für die Greens. Jetzt sind die Greens eben Browns. Wahrscheinlich hätten ihn alle Golfplatzbesitzer dieser Welt dafür erschossen, aber es war das Einzige, was Abdul zur Verfügung hatte. Sand und Motorenöl.

Er hat auch Rasen gesät, aber die Sonne brennt jeden Halm weg. Also hat Abdul Gräben gezogen für Wasserleitungen, die den Platz durchziehen wie trockene Flussbetten. Er hat nur keine Rohre. Und auch kein Wasser. Man muss Umkleiden und Duschen vergessen. Man muss Golfschuhe vergessen, weil es für diesen Boden sowieso keine Sohle gibt.

»Afghan Style«, sagt Abdul.

Das ist der Golfplatz in einem Satz.

Die Geschichte des Golfplatzes ist auch die Geschichte seines Landes. Als Abdul beginnt, Ende der sechziger Jahre, ist der Golfplatz neu, und Afghanistan hat einen König. Wahrscheinlich sind Könige eher gut für Golfspieler, sportpolitisch gesehen. Ein Amerikaner gibt dem mittellosen Abdul Unterricht, besorgt ihm Schläger. Abdul gewinnt die Afghan Open, will Profi werden. 1978 putschen die Kommunisten. Danach kommt die Sowjetarmee. Wahrscheinlich sind Kommunisten eher schlecht für Golfspieler, sportpolitisch gesehen.

Der Golfplatz wird geschlossen, Abdul verhaftet. Kontakt zu westlichen Diplomaten, heißt es. Abdul bleibt sechs Monate in Haft, aus einem Golfspieler wird ein politischer Gefangener. Nach der Entlassung flieht Abdul nach Pakistan, arbeitet als Taxifahrer.

Anfang der neunziger Jahre kommt er zurück. Es sieht für ihn nach Frieden aus. Es folgt der Bürgerkrieg. 1996 kommen die Taliban. Abdul wird wieder verhaftet. Diesmal sind es drei Monate Gefängnis. Er flieht nach Pakistan, er fährt Taxi.

2002 kommt er zurück. Er ist jetzt 45 Jahre alt, und es gibt wieder neue Zeiten, neue Herrscher und neue Armeen. Der Kabuler Golfplatz ist ein Trümmerfeld. Zerschossene Panzer stehen neben Raketenwerfern. Ein Kommandeur der Nordallianz kauft das Gelände. Als Verwalter kommt nur Abdul in Frage. Er räumt auf und holt ein Minensuchteam. Er lässt Ziegen und Schafe über das Gelände laufen, als letzten Test. 2004 wird der Kabuler Golfplatz wiedereröffnet. Und jetzt?

»Wir müssen schnell den Weltstandard erreichen«, sagt Abdul.

Den Weltstandard.

»Ich hoffe auf die internationale Gemeinschaft«, sagt Abdul. Dann spricht er von Tiger Woods, den man einladen müsste, ein internationales Turnier vielleicht. Er steht in der kahlen Baracke, dem Clubhaus, ein kleiner tapferer Mann, der davon träumt, seinem Land einen Sport wiederzubringen, den es verloren hat.

Auf einem weißen Plastiktisch liegen ein paar alte Golfmagazine, die ein Amerikaner mitbrachte. Er brachte auch ein paar Schläger mit und Basecaps mit der Aufschrift »Kabul Golf Club«, die in einer staubigen Vitrine zum Verkauf ausliegen. Im Prinzip brachte der Amerikaner alles mit, was Abdul anbieten kann.

Vor ein paar Monaten zog der Amerikaner weiter. Er arbeitet jetzt für die Uno im Sudan. Irgendwann ziehen sie alle weiter: die Ausländer, die Golfer aus dem Westen; die Jungs mit den Spenden; die Mitglieder des Kabuler Golfclubs.

Abdul geht hinaus und schaut hinüber zum Eingangstor. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde in der Ferne ein Auto die staubige Auffahrt zum Clubhaus hinauffahren. Aber dann dreht es um.

JOCHEN-MARTIN GUTSCH

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