Afghanistan Chaos nach Anschlägen am Flughafen Kabul

Am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul ist es zu mindestens zwei Explosionen gekommen. Das US-Verteidigungsministerium geht von einem Selbstmordanschlag aus. Es hat Tote und Verletzte gegeben.
Ein Opfer des Anschlags am Kabuler Flughafen wird am Donnerstag auf einer Liege abtransportiert

Ein Opfer des Anschlags am Kabuler Flughafen wird am Donnerstag auf einer Liege abtransportiert

Foto: WAKIL KOHSAR / AFP

Mindestens zwei Explosionen haben die Umgebung des Kabuler Flughafens erschüttert. Das bestätigte  Pentagon-Sprecher John Kirby auf Twitter. Eine Explosion ereignete sich demnach am sogenannten Abbey Gate, einem der Hauptzugänge, die andere am Baron Hotel, das in der Nähe liegt. Zuvor hatte auch das türkische Verteidigungsministerium dezidiert von zwei Explosionen berichtet.

Bei der Attacke am Abbey Gate soll es sich ersten Erkenntnissen zufolge um ein Selbstmordattentat handeln, wie ein US-Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters sagte. Das Pentagon bestätigte, dass mehrere US-Soldaten und Zivilisten getötet worden seien. Nach übereinstimmenden Medienberichten sind mindestens vier US-Soldaten unter den Toten, weitere drei seien verwundet worden. Es sind die ersten in Afghanistan getöteten US-Soldaten seit dem Deal, den der ehemalige US-Präsident Donald Trump mit den Taliban schloss.

Die Nichtregierungsorganisation Emergency, die vor Ort ein Krankenhaus betreibt, berichtete von mindestens sechs Menschen, die bereits tot ins Krankenhaus eingeliefert worden seien. Mehr als 60 weitere seien verletzt worden. Die Taliban sprachen von mindestens 13 Toten und 52 Verletzten.

Nothelfer transportieren Verletzte ab

Nothelfer transportieren Verletzte ab

Foto: Wakil Kohsar / AFP

Attentat von außerhalb des Flughafens verübt

Nach ersten Informationen des SPIEGEL ereignete sich die Explosion am Abbey Gate offenbar inmitten von Zivilisten. Der gut vernetzte afghanische Journalist Bilal Sarwari schrieb auf Twitter, ein Selbstmordattentäter habe sich in einer großen Menschenmenge in die Luft gesprengt. Mindestens ein weiterer Angreifer habe danach das Feuer eröffnet. Sarwari berief sich auf mehrere Augenzeugen in dem Gebiet.

Das Pentagon sprach von einer »komplexen Attacke«. Der militärische Ausdruck bezeichnet einen Angriff mit mehreren Personen, die zum Beispiel erst eine Bombe zünden, um ein Gate aufzusprengen und dann mit weiteren Kämpfern versuchen, dort einzudringen. Ein anderes Beispiel wäre, wenn nach einer ersten Bombe eine zweite gezündet wird, um herbeieilende Menschen und Rettungskräfte zu töten.

Ein auf Twitter geteiltes Bild, das offenbar vom Inneren des Flughafengeländes aufgenommen wurde, zeigte eine große Rauchwolke. Der lokale Fernsehsender ToloNews veröffentlichte auf Twitter Bilder, auf denen zu sehen ist, wie Verletzte in Schubkarren transportiert werden.

Rauch steigt über dem Flughafen von Kabul auf

Rauch steigt über dem Flughafen von Kabul auf

Foto: Wali Sabawoon / dpa

Bundeswehr hat Afghanistan verlassen

Bundeswehrsoldaten waren von dem Angriff nicht betroffen, das twitterte das Einsatzführungskommando. Die deutschen Soldaten standen nach SPIEGEL-Informationen zum Zeitpunkt des Angriffs bereits an der Landebahn, die deutsche Maschine sollte 15 Minuten nach der Explosion abheben. Die Luftwaffe hatte darüber hinaus noch einen sogenannten Medevac-Airbus in der Luft, um für mögliche Zwischenfälle beim Abzug der letzten Truppen vorbereitet zu sein. Nach den Explosionen, bei denen mindestens 15 amerikanische Soldaten verletzt wurden, bot man den USA sofort an, dass der A400M noch mal landen und Verletzte aufnehmen könnte. Die Maschine startete am Abend wieder, allerdings ohne US-Soldaten, da diese offenbar vor Ort medizinisch versorgt werden können.

US-Präsident Joe Biden wurde nach Angaben des Weißen Hauses über die Anschlagsserie informiert. Der britische Premierminister Boris Johnson berief eine Krisensitzung ein. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnete die Lage bei einem Besuch in Dublin als »extrem angespannt«.

Warnungen vor Anschlag

Am Kabuler Flughafen hatten sich auch am Donnerstag Tausende Menschen versammelt, die darauf hofften, in das Innere des Flughafens zu gelangen. Dort starten seit Tagen die Evakuierungsflieger der westlichen Armeen. In den vergangenen Tagen war es mehreren Menschen gelungen, sich durch das Abbey Gate in Sicherheit zu bringen.

Die Sicherheitslage rund um den Flughafen hatte sich in den vergangenen Stunden deutlich zugespitzt. Die deutsche Botschaft in Afghanistan und andere Stellen warnten vor einer Terrorgefahr. Die US-Botschaft hatte US-Bürger, die sich am Abbey Gate, East Gate oder North Gate aufhielten, in der Nacht zu Donnerstag dazu aufgerufen, das Gebiet »sofort« zu verlassen.

Großbritanniens Staatssekretär im Verteidigungsministerium, James Heappey, sprach noch am Donnerstagmorgen von der Drohung eines »ernsthaften, unmittelbaren, tödlichen Angriffs« binnen Stunden auf den Flughafen oder die von westlichen Truppen genutzten Zentren. Auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer verwies darauf, dass konkrete Anschlagsdrohungen des IS die Evakuierungsoperation einschränkten.

slü/Reuters/AFP/dpa/mgb/cre
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