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Afrika: Abschied für Millionen Weiße

Weiße Angolaner wollen in 2500 Fahrzeugen zurück nach Europa trecken: Nach dem Fall der Portugal-Kolonien Mocambique und Angola bersten die letzten weißen Bastionen in Afrika. Während in Uganda der Gipfel der Staaten der »Organization of African Unity« (OAU) tagt, richten sich Millionen Weiße ein, Afrika zu verlassen.
aus DER SPIEGEL 31/1975

In der Ankunftshalle des Lissabonner Flughafens weinten übermüdete Kinder. Abgehetzte Frauen schimpften hysterisch: »Die MPLA hat unsere Häuser gestürmt und unsere Töchter vergewaltigt. So sind die Schwarzen.«

In einer anderen Halle redeten aufgeregte Offiziere auf Soldaten ein, die sich auf dem Boden niedergelassen hatten. Die jungen Männer in den Tarnanzügen weigerten sich, dorthin auszufliegen, von wo die kreischenden Frauen gekommen waren -- nach Angola.

Ein wütender Feldwebel drohte mit dem Kriegsgericht. Doch ein bärtiger Hauptmann zeigte Sympathien für die Befehlsverweigerer: »Niemand möchte als Letzter in Afrika fallen. Es ist wie mit den Amerikanern in Vietnam.«

Was sich in diesen Monaten im südlichen Afrika abspielt, übertrifft indes die historische Dimension des Vietnam-Desasters der Amerikaner. Nach 500 Jahren fallen auf dem Schwarzen Kontinent die letzten Bastionen des weißen Mannes. Obwohl der Erdteil kein Dien Bien Phu und keine Tet-Offensive erlebte, sehen sich die Mächtigen von einst nun als Afrikas »lost white tribes«, die verlorenen weißen Stämme. Die Nachfahren jener Europäer, die einst mit Büchse und Bibel per Segelschiff und Ochsenkarren den Kontinent erobert hatten, machen sich mit dem Gedanken vertraut. Afrika Addio zu sagen.

Schon hat etwa die Hälfte der einst 200 000 Weißen Mocambique verlassen, das am 25. Juni unabhängig wurde. Über 100 00 der früher 600 000 weißen Angolaner sind abgereist. Die Verbliebenen schlagen sich um Schiffsplätze und bieten in Zeitungsannoncen Häuser für Flugtickets. Doch auf Monate hinaus sind alle Maschinen und Schiffsplätze ausgebucht.

Der Exodus könnte zur Völkerwanderung anschwellen, wenn nach dem Fall der beiden Portugal-Kolonien der Dekolonisierungsprozeß auch Rhodesien (270 000 Weiße), Südwestafrika (100 000) Weiße) und die Republik Sudafrika (vier Millionen Weiße) erfaßt.

Wie nach dem Zweiten Weltkrieg könnten Millionen Heimatloser nach Westeuropa fluten weit mehr jedenfalls als die 960 000 Algerien-Franzosen, die 1962 das unabhängig gewordene nordafrikanische Land verließen.

Verunsichert sind die Weißen in den letzten von ihnen regierten Gebieten Afrikas allemal:

* Das Einwanderungsland Rhodesien -- in Planspielen des südafrikanischen Verteidigungsministeriums bereits »gone black« -- registrierte in den ersten vier Monaten dieses Jahres die Rekordzahl von 3230 Auswanderungen. Die Rhodesier fürchten den Zusammenbruch ihrer Wirtschaft, wenn sich Mocambique dem Uno-Boykott gegen die einstige britische Kolonie. die keinen Hafen hat, anschließt. Arbeitslosigkeit und Preissteigerungen aber erhöhen die Gefahr von »chimurenga«. dem Aufstand der Schwarzen.

* Im von Südafrika regierten Südwestafrika (Namibia) stellten im vergangenen halben Jahr fünf US-Ölkonzerne trotz verheißungsvoller Funde die Versuchsbohrungen ein. Getty Oil: »Wegen zu erwartender politischer Veränderungen.« Farmer bieten ihren Besitz zu Schleuderpreisen an. und Windhuks deutschstämmiger Bürgermeister Ernst Günther Kaschik »müßte lügen«, wenn er »nicht zugäbe, daß Geld transferiert wird«,

* Südafrika will sich in einer dramatischen Neuorientierung seiner Außenpolitik der neuen Lage anpassen: Es ließ im vorigen Jahre weiße Mocambiquer im Stich, die gegen die drohende Machtübernahme der Frelimo rebellierten, und sucht freundschaftliche Beziehungen zu allen schwarzen Regierungen. Gleichzeitig brachte Pretoria aber das Militärbudget auf den bislang höchsten Stand: 3,31 Milliarden Mark. Die Zukunft am Kap scheint dennoch vielen ohne Hoffnung. Kfz-Schlosser Manuel Ferreira aus Pretoria: »Ein paar Jahre kann man hier noch Geld machen. Aber dann heißt es abhauen.«

Die Baas und Bwanas packen ihre Koffer, weil sie erwarten, daß die einst von einer straffen Kolonialadministration regierten Gebiete nur über blutige Stammeskämpfe zu Nationen zusammenwachsen können, ein Kongo-Chaos, in dem die Weißen als Sündenböcke leiden müßten. Die Senhors und Massas fürchten die Rache der generationenlang Unterdrückten und Gedemütigten. Vor allem mögen sie sich nach Jahrhunderten unangefochtener Herrschaft nicht vorstellen, was allein ihr Bleiben garantieren könnte: mit den Schwarzen als Gleiche unter Gleichen zu leben.

»Reaktionäre müssen nicht weiß sein.«

»Schwarze Führer wie Tansania-Präsident Julius Nyerere und Frelimo-Chef Samora Machel sind sicher keine Rassisten«, weiß der liberale Ingenieur Raul Teixeira aus Mocambique. »Aber als Revolutionäre wollen sie die Bourgeoisie entmachten, und die Bourgeoisie, das sind im südlichen Afrika nun einmal wir Weißen.«

Nicht nur im südlichen Afrika. Geschäftsleute, Großfarmer, Ingenieure sind auch in den Staaten nördlich des Sambesi überwiegend nicht schwarz, sondern braun oder weiß. Und so gerne die unabhängigen Staaten helihäutige Experten für ein paar Jahre als notwendige Entwicklungshelfer begrüßen, die alteingesessenen Fremden sollen gehen:

Zaire-Präsident Mobutu wies 30 000 aus Portugal, Griechenland und Pakistan stammende Händler aus. In Äthiopien packen 6000 Weiße italienischer Abstammung ihre Sachen, die in der Bürgerkriegsprovinz Eritrea noch viel Einfluß hatten. Der kontinentweiten Politik der »Afrikanisierung« fielen in Ghana und Nigeria Tausende von Libanesen betriebene Geschäfte zum Opfer. Weiße Großfarmer mußten in Kenia und Tansania ihren Besitz aufgeben. Aus Uganda verjagte Idi Amin* neben ein paar tausend Weißen fast die gesamte asiatische Bevölkerungsgruppe

* Siehe Titelbild.

von rund 50 000 Menschen. Das westafrikanische Sierra Leone wollte den Moskito zum Staatssymbol erheben, weil das Malaria bringende Insekt die Ansiedlung von Weißen verhinderte.

»Die Anwesenheit von weißen Farmern, Technikern und Geschäftsleuten«, fand die Londoner »Times«, erinnere die Afrikaner immer wieder daran, daß der »Weg nach vorn ein ausländischer Weg« sei. Der Weiße werde zum »Symbol dieser Frustration« der Schwarzen.

Zum Alptraum der Weißen wurde hingegen Feldmarschall Idi Amin, diese Woche Gastgeber der Gipfelkonferenz der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), ein durchaus atypischer afrikanischer Führer. Seine Geiselnahme eines britischen Lehrers beeindruckt weit mehr, als wenn etwa die Frelimo drei Weiße und den Inder José Monteiro als Minister in die Unabhängigkeitsregierung von Mocambique beruft, Samora Machel jungen Frelimo-Kadern schwarze Gefangene vorführt: »Damit ihr seht, Reaktionäre müssen nicht weiß sein.«

Mag Sambia-Minister Mwaanga den Idi Amin als »Hitler Afrikas« verdammen, Nyerere ihn als »Traumtänzer« abtun, der größenwahnsinnige, unberechenbare Halbalphabet prägt für Weiße heute weitgehend das Bild des schwarzen Afrikaners.

»So ist es, wenn die Schwarzen regieren«, sagen die Weißen im Süden. Gleichzeitig plagen sie düstere Gedanken: Mögen nicht Millionen gedemütigte Schwarze die gleiche Haßliebe gegenüber ihren Herren empfinden wie Amin? Werden die ungebildeten schwarzen Massen nicht zu ähnlichen Grausamkeiten fähig sein wie der Exboxer, wenn sie einmal die Macht haben?

Die Afrikaner stimmten überall begeistert zu, als in Uganda Amin die Inder vertrieb, die »Juden Afrikas«, die sich als Kleinhändler und Geldverleiher Haß und Neid der Schwarzen zugezogen hatten. Wenn Amin in der Affäre um den Lehrer Hills mit den Briten Katz und Maus spielte, wenn er seine ehemaligen Kommandeure in die Knie zwang und sich von vier Engländern auf einem Stuhl zu einem Empfang der afrikanischen Außenminister tragen ließ, mußte das Millionen Afrikaner mit Triumph oder doch stiller Genugtuung erfüllen.

Zur Angst vor der sozialen Umschichtung auf Kosten der Weißen -- die nur mittelbar etwas mit Rasse zu tun hat -- kommt so die Furcht vor den Komplexen der Kolonisierten. Sie ist sicher nicht unbegründet.

Im südafrikanischen Parys fragte die 1927 ans Kap ausgewanderte Deutsche Else von Zarnikow ihren treuen Boy Durban: »Was würdest du machen, wenn der Aufstand gegen die Weißen losbräche?« Die Antwort erschütterte sie: »Ihnen, Madam, würde ich nie etwas Böses tun können, denn ich kenne Sie. Aber ich würde in Gegenden gehen, wo ich die Weißen nicht kenne. Und hierher kämen fremde Schwarze, um zu töten.«

Vor wenigen Jahren noch war den Weißen im südlichen Afrika die Vorstellung von einer schwarzen Machtübernahme völlig absurd erschienen -- selbst da, wo sie jetzt schon Realität ist. »Vielleicht passiert es in ferner Zukunft einmal -- aber auf keinen Fall zu unseren Lebzeiten«, machte sich eine weiße Hoteliersfrau in Mocambique noch vor drei Jahren vor.

»Wenn es sein muß, essen wir sie alle zum Frühstück«, hatte 1969 der südafrikanische Minister Blaar Coetzee über die schwarzen Befreiungsbewegungen gespottet. Rhodesien-Premier Ian Smith wollte glauben machen, er hätte in seinem Staat die »glücklichsten Schwarzen der Welt«. Und die Portugiesen investierten Milliarden in den Cabora-Bassa-Damm in Mocambique -- ein Jahrhundert-Bauwerk, das sie selbst zu nutzen gedachten.

Doch als am 25. April 1974 die Militärs in Portugal das Caetano-Regime stürzten, fielen mit Mocambique und Angola die vorgeschobenen Forts wie Kartenhäuser zusammen. Fassungslos erlebten viele Weiße, wie sich Portugals Soldaten in Mocambique mit Frelimo-Kämpfern, in Angola mit Angehörigen der MPLA, Unita und FNLA verbrüderten. Einige verkrafteten das nicht: In der mocambiquischen Hafenstadt Quelimane drehte der Polizeichef durch, in Vila Salazar erschoß sich Bonns Generalkonsul von Keudell.

Die Mehrheit der Weißen aber wollte nun gezwungenermaßen mit der Zeit gehen. Geschäftsleute in Lourenco Marques suchten die Freundschaft des Malers Malangatana, der als Frelimo-Sympathisant galt. Journalisten in Beira redeten sich mit »Genosse« an und zeigten auf ihren Schreibtischen demonstrativ Bücher des ermordeten Frelimo-Gründers Eduardo Mondlane. Alt-Pflanzer Günter Hubertus von Reibnitz bewirtete auf seiner Farm bei Vila Pery schwarze Buschkrieger. »Wir waren die ersten afrikanischen Nationalisten.«

Anfang September rebellierten dann doch Siedler gegen die Übergabe Mocambiques an die Frelimo. Da griffen die einstigen Kolonialsoldaten ein. »Seite an Seite mit Portugals Armee konnte Frelimo-Chef Machel verkünden, sei die »Bande von Banditen, Rowdys und Reaktionären unschädlich« gemacht worden.

Erschüttert wie über Portugals Soldaten waren Mocambiques weiße Aufständische über die Nachbarn Südafrika und Rhodesien. Keines der Länder schickte Hilfe, im Gegenteil: Vorsters Apartheids-Staat stellte sich eiligst auf das neue Kräfteverhältnis in Afrika ein.

Die Kap-Herren erkannten plötzlich. daß ihnen »die Zeit davonläuft« (Außenminister Hilgard Muller). Premier Vorster bekundete den Frelimo-Führern seine »Sympathie« und wünschte ihnen »alles Gute«. Vorster: »Alles, was uns interessiert, ist, daß sie zu ihrem eigenen und zu unserem Besten eine stabile Regierung bilden.«

Südafrikas Außenminister sah nun sogar Parallelen zwischen Buren und Frelimo-Kämpfern: »Die Vorfahren vieler von uns führten zwei Unabhängigkeitskriege gegen die Briten. Wir waren die ersten afrikanischen Nationalisten.«

Um auch nur den Schein jeder Provokation zu vermeiden, ließ Vorster nach der Mocambique-Revolte südafrikanische Militär-Lkw von der Grenze abziehen, die ins Land strömende weiße Flüchtlinge aufnahmen. »Die Südafrikaner«, kommentierte ein US-Diplomat, »konzentrieren sich nur noch auf die Verteidigung des eigenen Krals.«

Der eigene Kral aber könnte bald an der Ungleichheit zwischen Weißen und Schwarzen explodieren. So verdienen etwa Schwarze in der Fertigungsindustrie durchschnittlich 70 Rand im Monat, Weiße dagegen 385 Rand; in den Textilfabriken bekommen die Schwarzen 45 Rand, die Weißen 454 Rand. Die schwarze Übermacht von insgesamt 18 Millionen ist nicht in Parlament und Regierung vertreten, hat kein Streikrecht und darf nur in bestimmten Gebieten der Republik leben.

Deshalb konnte niemand überrascht sein, als nach dem Sieg der Brüder im Nachbarland Frelimo-Parolen an den Wänden von Südafrikas Vorstädten prangten und jugendliche Demonstranten Mocambiques Unabhängigkeitskämpfer hochleben ließen. Die Polizei griff gegen solche Kundgebungen hart ein. Die Behörden versuchten unter Strafandrohung, jedwede Berichterstattung darüber zu verhindern.

Gleichzeitig aber ließ die Regierung in vielen Parks und Fahrstühlen die »Nur für Weiße«-Schilder entfernen. Schwarzen wurde gestattet, in »weißen« Industriegebieten Haus- und Grundbesitz zu erwerben. Fußballer und Boxer verschiedener Rassen durften gegeneinander antreten, Im 80 Jahre alten Newlands-Stadion von Kapstadt, in dem bislang nie ein Schwarzer gespielt hatte, half der Farbige John Noble beim Rugby-Sieg über Frankreich. Zehntausende jubelten -- auf noch nach Rassen getrennten Rängen.

Auch Südafrikas Verteidigungsministerium wollte die Baas-Mentalität abmildern. In einer Broschüre ermahnte es seine Soldaten: »Vermeiden Sie die schlechte Sitte, Bantus mit »Affe« oder »Pavian« anzureden ... Und wenn ihnen eine Hand zum Gruß entgegengestreckt wird, schlagen Sie ein. Ihre Hand wird davon nicht ihre Farbe ändern.«

Die oberflächlichen und halbherzigen Versuche der Regierung, das Zusammenleben der Rassen im Apartheidsstaat zu harmonisieren, kommen indes offenbar zu spät. Im vergangenen Dezember versammelten sich im St. Peter"s Konferenz-Zentrum von Hammanskraal bei Durban 320 Vertreter der Schwarzen, Asiaten und Mischlinge -- Protestanten und Katholiken, Gewerkschafter und Lehrer. Die intellektuelle Elite ihrer Bevölkerungsgruppen diskutierte eine Black-Power-Strategie, und die früher stets willkommenen weißen Sympathisanten wurden nicht einmal als Berichterstatter eingelassen.

»Du kannst bewährter Anti-Apartheidskämpfer gewesen sein, im Gefängnis, unter Polizeibeobachtung oder verbannt«, klagt ein südafrikanischer Liberaler, »die jungen Schwarzen beeindruckt das keineswegs.« Die »schwarz-weiße Kluft in Südafrika«, fand der Londoner »Observer«, ist »ein Grand Canyon des Mißtrauens«.

Südafrikas Regierung hofft denn wohl auch mehr auf jene Schwarzen, die nördlich ihrer Grenzen bereits unabhängige Staaten regieren. Hatten vor Jahren noch Minister die Oppositionspolitiker Helen Suzman und Colin Eglum des »Umgangs mit Freunden von Sittlichkeitsverbrechern und Mördern« geziehen, weil sie in West- und Ostafrika schwarze Staatsmänner getroffen hatten, die die Befreiungsbewegungen unterstützen, so mußten sie jetzt erleben, wie der Chef selbst nächtens zu den Schwarzen flog:

Premier Vorster reiste heimlich zu Präsident Houphouet-Boigny an die Elfenbeinküste und zu Präsident Tolbert nach Liberia. Er traf Spitzenpolitiker anderer unabhängiger Staaten und bat die Liberianer. ihm Gespräche mit Kenias Kenyatta, Zaires Mobutu und Nigerias Gowon zu vermitteln. Vorsters Überzeugung: »Das südliche Afrika ist am Scheideweg zwischen Frieden und eskalierenden Konflikten ... Der Preis für die Konfrontation wäre zu hoch:« Mit seinen Kontakten zu den schwarzen Staaten möchte Vorster die eigenen Schwarzen beeindrucken und sein vom Uno-Ausschluß bedrohtes Land aus der weltweiten Isolierung lösen. Er lockt die unabhängigen Nationen mit Entwicklungshilfe, bucht jede Zusage als politischen Erfolg:

* Die Zentralafrikanische Republik des Idi-Amin-Freundes Bokassa erhielt 20 Millionen Mark für den Bau eines Luxushotels.

* Sambia akzeptierte während einer Versorgungskrise mehrere tausend Sack Mais.

* Mocambique ließ südafrikanische Heuschrecken-Bekämpfer und Gleisbauer an der .Bahnstrecke Pretoria/Lourenco Marques ins Land. Die wirtschaftlich völlig verarmte Frelmio-Volksrepublik erlaubt vorerst weiterhin 125 000 Bürgern, als Devisenbringer in Südafrikas Bergwerken zu arbeiten, Mocambique wird, wie unter portugiesischer Herrschaft vorgesehen, Cabora-Bassa-Strom in den Apartheidsstaat verkaufen. Gleichzeitig aber unterstreicht Staatschef Machel, daß die Befreiung ganz Afrikas von weißer Herrschaft das Endziel der Revolutionäre bleibt. Am Vorabend von Mocambiques Unabhängigkeit mußte Pretoria sein Generalkonsulat in Lourenco Marques schließen,

Südafrika rüstet daher in seiner Epoche der Détente mehr als je zuvor. Vorsters Staat kaufte vor allem in Frankreich Düsenflugzeuge, U-Boote, Panzer und Raketen (Boden-Luft-, Luft-Luft- und Luft-Boden-Raketen), Pretoria stellt selbst leichte und mittlere Waffen her, einschließlich Bomben, Minen und Napalm-Geschossen. Es hat Öl-Vorräte für zwei bis drei Jahre gehortet und errichtet einen Atomreaktor. Es zählt zu jenen Staaten, die Atombomben bauen könnten.

Armee-Inspekteur Generalleutnant Malan forderte Südafrikas Männer und Frauen auf. die Verteidigungsbereitschaft des Landes durch freiwilligen Dienst zu erhöhen, da Südafrikas »Krisenschwelle außerordentlich niedrig« sei.

Die Verteidigungslinie ist nämlich seit dem Ende der weißen Herrschaft in Mocambique und Angola um 1000 Kilometer nach Süden gerückt- auf Kosten Rhodesiens vor allem, das jetzt wie ein »verwundeter Daumen« ins schwarz beherrschte Afrika ragt (so ein rhodesischer Offizier), »Rhodesien ist in tödlicher Gefahr.«

Während Pretoria die abgefallene Englandkolonie zunehmend als »Stolperstein für Südafrikas Außenpolitik« sieht (die regierungsnahe Zeitung »Die Transvaler"), klagen die weißen Rhodesier, daß Vorster sie »ausverkaufe«, um seinen Dialog mit den schwarzen Staaten zu führen und sein eigenes Land zu retten.

Tatsächlich zwang Vorster Rhodesiens Smith, inhaftierte schwarze Nationalistenführer freizulassen; er drohte. seine Hilfstruppen aus Smiths Staat zurückzuziehen. Wenn sich Mocambique der Blockade gegen Rhodesien anschließt, wollen England und die Uno für die Ausfälle aufkommen, die der junge Staat durch den Ausfall der Transitgebühren erleidet.

* Im Rollstuhl ein Schwarzer, den die später getöteten Guerillas verstümmelt hatten.

»Rhodesien ist in tödlicher Gefahr«, sorgte sich die Salisburyer Zeitschrift »Rhodesian Property & Finance«. Das Land, das der englischen ..Sunday Times« vergangenes Jahr noch wie die »Titanic« erschien, die selbstzufrieden und angeblich unsinkbar auf den tödlichen Eisberg zusteuert, bereitet sich nun auf schwere Zeiten vor.

Wie im Hitler-Deutschland während des Krieges, sind alle Bürger aufgefordert, Altpapier zu sammeln. In einer Feind-hört-mit-Kampagne warnen Plakate »Kneipen haben Ohren«. Farmer verbarrikadieren ihre Häuser, ihre Frauen lernen Schießen und das Morsealphabet. Das »Bombay-Duck Curry House« in Salisburys Jamison Avenue bietet stolz »rein rhodesischen Kaffee« an: »Whimpy« in der First Street gewährt »Angehörigen der Streitkräfte in Uniform zehn Prozent Preisnachlaß«,

Rhodesien erhöhte 1974 den Verteidigungsetat um 17 Prozent, und von zusätzlichen 46 Prozent für das Innenministerium und zusätzlichen 55 Prozent für Straßenbau sind ein beträchtlicher Teil verkappte Militärausgaben. Männer zwischen 18 und 22 müssen einen zwölfmonatigen Wehrdienst leisten; bis zum 38. Lebensjahr kann jeder zum Reservedienst einberufen werden. Schulabgänger werden nicht mehr zugunsten des Studiums vom Militärdienst zurückgestellt.

»Mit Mocambique ist das hier nicht zu vergleichen«, erklärt ein Beamter in Salisbury, »dort sollten Portugiesen das Land verteidigen. Hier aber tun es Einheimische.« Zeitungen kritisieren allerdings Drückebergerei unter Wehrpflichtigen. Und neuerdings wirbt Rhodesien ausländische Söldner an, die als Einwanderer getarnt ins Land kommen und dann sofort in die Armee aufgenommen werden.

Das weiße Minderheitsregime sucht Verstärkung, denn die 22fache schwarze Mehrheit ist selbstbewußter geworden. Obwohl die Armee die Leichen erlegter Guerillas als Abschreckung zur Schau stellte, stoßen immer wieder Jugendliche zu den Partisanen. Wie einst die Amerikaner zahllose Vietnamesen. zwangen die Rhodesier über 100 000 Landbewohner zur Umsiedlung in 40 Wehrdörfer. In den schwarzen Slums singen Rockbands von »Black Power« und »chimurenga«.

Der auf Vorsters Druck freigelassene radikale Nationalistenführer Pfarrer Ndabaningi Sithole predigt offen »befreiende Gewalt. sie ist von Gott erlaubt«. Sogar sein gemäßigter Kollege, Bischof Abel Muzorewa, schließt neuerdings »bewaffneten Kampf« nicht mehr aus, »wenn es notwendig ist«.

Und die schwarzen Rhodesier haben jetzt mächtige Verbündete. »Wir warten nur, bis unsere Brüder uns um Hilfe bitten«, erklärte Mocambiques Außenminister Chissano, »wir sind bereit.« Idi Amin vorigen Dienstag: Er sei bereit, »persönlich« eine panafrikanische Invasionsarmee gegen Rhodesien und Südafrika zu führen.

Weil die Bedrohung wächst. Betriebe zu Kurzarbeit übergehen oder schließen -- Rhodesiens Deviseneinnahmen gingen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um 70 Prozent zurück -, verlassen gerade die jungen Rhodesier in steigender Zahl das Land. Die meisten geben vor, ihre Ausbildung vervollständigen oder Erfahrungen sammeln zu wollen. Der deutsche Restaurantbesitzer Gerhard Ziebel aus Salisbury weiß, daß viele Geschäftsleute »lieber heute als morgen verkaufend möchten.

Verkaufen möchten auch viele Weiße in Namibia ihren Besitz, seit Südafrikas Vorster den Ausgleich mit Schwarzafrika sucht und möglicherweise die Herrschaft über die umstrittene ehemalige deutsche Kaiserkolonie Südwest aufgeben will. Denn das Wüstengebiet von der dreifachen Größe Frankreichs könnte sich für Pretoria vom nützlichen Pufferstaat zum unbequemen Unruheherd wandeln.

Vorster versprach jedenfalls seinen schwarzen Dialog-Partnern. Südwestafrika in die Unabhängigkeit zu entlassen, und verdeutlichte seine Absichtserklärung: Er zog südwestafrikanische Abgeordnete aus seinem Parlament zurück und ließ erstmalig wieder ein separates Jahrbuch über Südwestafrika drucken. Im Zeichen der Integrationspolitik war dieses Regierungsdokument vor sieben Jahren abgeschafft worden.

Südwestafrikas Bergbaugesellschaften, so berichtete Amerikas »Business Weck«, »sorgen sich über ihre Rolle im zukünftigen Namibia ... und die Möglichkeit eines linken Regimes In Johannesburg, aber auch in deutschen Zeitungen bieten »Südwester« ihren Besitz an -- oft »aus Altersgründen«. Denn die Söhne wandern aus.

Doch nicht alle geben auf. In Versammlungen des ultra-rechten Bundes Nationaler Deutscher (BND) agitieren Redner: »Wir dürfen uns hier nicht verschaukeln lassen à la Mocambique.« Die Einwohner von Outjo erhielten mit der Strom- und Wasserrechnung Anweisungen für den Fall, daß »eines Tages Terroristen einfallen«.

Weiße Südwester wollen noch kämpfen; ihre Brüder in Angola, das im November unabhängig wird, denken nur noch ans Abreisen. Denn weil sich dort die drei rivalisierenden schwarzen Unabhängigkeitsbewegungen MPLA, Unita und FNLA ständig blutige Machtkämpfe liefern, ist in Portugals einstiger Prachtkolonie die Ordnung zusammengebrochen:

In den Straßen von Luanda stapelt sich der Müll. Stromversorgung und Telephonverbindungen funktionieren nur stundenweise. Betriebe, wie etwa Angolas einzige Reifenfabrik »Mabor«, müssen wegen Materialmangels schließen. Lebensmitteltransporte aus dem Hinterland erreichen nur mit Militäreskorte die Hauptstadt. Bei immer wieder aufflackernden Gefechten und Metzeleien starben mindestens 5000 Menschen -- freilich überwiegend Afrikaner.

Weiße Angolaner demonstrierten vor dem Gouverneurssitz und vor ausländischen Botschaften für eine Luftbrücke nach Europa. Linienmaschinen und ein Charter-Jumbo der portugiesischen Gesellschaft TAP bringen gegenwärtig täglich nur einige hundert Personen außer Landes. »In Portugal will man uns nicht, weil wir als Reaktionäre geb ten. Außerdem gibt es dort schon genug Arbeitslose«, klagte ein weißer Angolaner. Bonns Generalkonsul Dr. Walter Groener erarbeitete zusammen mit seinem österreichischen Kollegen einen Evakuierungsplan für über 1000 Deutsche und Österreicher. Groener: »Eine großdeutsche Aktion.«

Größeres plant der Fuhrunternehmer Guilherme dos Santos aus Luanda. Er will in einem »Auto-Dünkirchen« über 2000 Lkw und 500 Pkw 12 000 Kilometer durch acht Afrika-Staaten und die Sahara nach Lissabon leiten. Santos: »Jugendliche unter 15 kommen nicht mit, es wird zu anstrengend.«

Vor dem großen Treck hatte sich schon ein Konvoi von vier Fahrzeugen auf den Weg nach Portugal gemacht. Man hat nichts mehr von ihm gehört.

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