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KIRCHE Agent Gottes

aus DER SPIEGEL 10/1963

Die vier Beamten der Nachrichtenpolizei betraten die kirchliche Stätte morgens um halb neun und blieben zehn Stunden, doch war ihr Aufenthalt nicht innerer Einkehr gewidmet.

Das Interesse der politischen Polizisten galt vielmehr einem VW-Kalender für das Jahr 1962 und anderen Habseligkeiten des Pastors Rudolf Dohrmann, der in einer Holzbaracke, der »Arche«, das evangelische Industriepfarramt der Volkswagenstadt Wolfsburg leitet.

Die Polizeiaktion wurde nicht nur - laut Lokalzeitung - mit »einer an einen Überfall erinnernden Plötzlichkeit«, sondern auch mit der gebotenen Gründlichkeit vollzogen, ging es doch um die vom Amtsgericht Wolfsburg formulierte Vermutung, »daß die Durchsuchung zur Auffindung' von Beweismitteln für Verbindungen des Beschuldigten (Dohrmann) zu politischen Stellen und Organisationen der sowjetischen Besatzungszone dienen wird«.

Auf Weisung des Lüneburger Oberstaatsanwalts Baumann filzten die Fahndungsbeamten sogar den Gottesdienstraum, kramten in der sogenannten Teeküche der »Arche« zwischen Abendmahlsgeräten und lüpften die Betten der drei Dohrmann-Kinder.

Der Pastor selbst, der in der benachbarten Gemeindeschule arglos in Religion unterrichtete, als die Aktion begann, wurde in einem Polizeiauto abgeholt und auf das Kommando »Jacke ausziehen!« einer Leibesvisitation unterzogen.

Gegen Quittung nahmen die Rechtshüter am Abend 156 Gegenstände mit, die sie teils »sichergestellt«, teils »beschlagnahmt« hatten, darunter - außer dem alten VW-Kalender - ein Einzelstück des SED-Organs »Neues Deutschland« und einen Brief der staatsbejahenden »Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise« in Niedersachsen. Auf eine Vernehmung des Pastors Dohrmann wurde dagegen verzichtet.

Dohrmann begegnete dem Vorgehen der Obrigkeit mit professioneller Demut. Drei Tage später verlas er bei einem »Informations-Abend« in seiner überfüllten »Arche«, was schon Paulus den Korinthern geraten hatte: »Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr komme, welcher auch wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist.«

Dohrmanns geistiges Wirken war freilich zu keiner Zeit im Finstern verborgen gewesen, sondern im Gegenteil noch im Herbst vergangenen Jahres von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover - Landesbischof: D. Dr. Hanns Lilje - ausdrücklich gutgeheißen worden.

Auch durch, die staatsanwaltschaftlichen Maßnahmen gegen Dohrmann

ließen sich die niedersächsischen Kirchenväter nicht irre machen. Nach einer Sitzung des -Bischofsrates, dem die Landessuperintendenten angehören, ließ das Landeskirchenamt vorletzte Woche wissen, man habe »keinen Anlaß zum Einschreiten« gegen den Amtsbruder in Wolfsburg gefunden.

Allerdings hat Oberstaatsanwalt

Bäumann in Lüneburg sowohl die kirchlichen Stellen als auch Dohrmann selbst darüber im unklaren gelassen, welcher strafrechtlichen- Verfehlungen der Pastor sich schuldig gemacht haben soll.

Bäumann auf Anfrage: »Ich weiß es schon, worum es sich handelt, aber wir wollen jetzt keine neuen Geschichten in die Presse bringen. Der Stand des Ermittlungsverfahrens gestattet es nicht.«

Aus dem Durchsuchungsbefehl, den die Nachrichten-Polizisten ihm vorhielten, weiß Dohrmann nur, daß er in den Verdacht »zersetzender Propaganda« geraten ist ein Sachverhalt, der unter den Paragraphen 100 d (Landesverräterische Beziehungen) des Strafgesetzbuches fällt: Dazu Dohrmann: »Meine Tätigkeit soll moralisch unmöglich gemacht werden.«

Der 49 Jahre alte Geistliche hat seine Tätigkeit freilich nicht - darauf beschränkt, in der Wolfsburger »Arche« Gottesdienste abzuhalten. Das Industriepfarramt, dem er vorsteht und dem drei weitere Pfarrer- angehören, hat sich vielmehr die Aufgabe gestellt, »das Wort Christi nicht von der Kanzlei zu predigen, sondern mitten unter den Arbeitern«.

Diesen Weg ist Dohrmann von dem »Industriepfarrer« Symanowski gewiesen worden. Er hatte dessen »Seminar für kirchlichen-Dienst in der Industrie« in Mainz-Kastel absolviert, bevor er vor drei, Jahren in die VW-Stadt ging, um das Evangelium am Fließband zu verbreiten. Außerdem versammelte er regelmäßig jugendliche Volkswagenarbeiter in der »Arche«, mit denen er aktuelle politische Themen diskutierte.

So unbekümmert, wie er die modernen Methoden der Seelsorge in Wolfsburg betrieb, entfaltete er - als, Präsidiums-Mitglied der sogenannten Goßnerschen Missionsgesellschaft - seine industriediakonische - Tätigkeit auch außerhalb seiner Pfarre.

Die Goßner-Missionare, die auf Weisung der evangelischen Kirche arbeiten und sich seit längerem auf Seelsorge unter Werktätigen - so im indischen Stahlwerk Rourkela - konzentrieren, sind neuerdings auch in den volkseigenen Betrieben der Sowjetzone tätig geworden, was zunächst zu Mißhelligkeiten führte.

So weiß Pastor Fahlbusch von der »Aktionsgemeinschaft für Arbeiterfragen«

im Referat Sozialarbeit der hannoverschen

Landeskirche zu berichten, daß die Goßner-Missionare, die in die DDR-Industrie »hineingeschmuggelt« wurden, zunächst »als Agenten behandelt, verhaftet und verhört« wurden, bis das Vorhaben am Ende »einigermaßen gut« auslief: Die DDR-Behörden respektierten den missionarischen Drang der Goßner-Leute - nicht zuletzt dank des Einsatzes von Pastor Dohrmann, der forsch in die Zone fuhr, »um seine Freunde loszueisen«.

Dazu Dohrmann: »Die Arbeit der Industriediakonie ist weder von einem Belasteten noch von einem landesverräterischen Verbrecher getan worden. Allerdings: Ich war als Agent tätig

und habe für eine fremde Macht gearbeitet und tue es auch in Zukunft, als Agent Gottes in dieser Welt.«

Vor jeder Zonenfahrt meldete Dohrmann

seine Ostkontakte ordnungsgemäß beim, hannoverschen Landeskirchenamt an und berichtete nach Rückkehr über seine Erlebnisse.

Versicherte der Pastor: »Meine gesamte Tätigkeit geschah und geschieht in kirchlichem Auftrag. Ich habe zu keinem Zeitpunkt und an keinem Ort außerhalb dieses Auftrages gestanden und gearbeitet.«

Das hannoversche Landeskirchenamt ist daher auch über die Wolfsburger Polizeiaktion bestürzt. Pastor Fahlbusch: »Wir wissen auch nicht, was dahintersteckt. Uns liegt aber daran, daß die Sache durchgepaukt wird, sonst gerät unsere Arbeit noch in den Geruch konspirativer Tätigkeit.«

Mit Erlaubnis der Strafverfolgungsbehörde - Oberstaatsanwalt Baumann: »Vorher können wir uns ohnehin nicht schlüssig werden« - und mit finanzieller Unterstützung der »Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung« ist Pastor Dohrmann am vorletzten Sonntag als Führer einer Gruppe von VW-Arbeitern einstweilen für zwei Wochen nach Israel geflogen.

Vor der Abreise schickte er der Lüneburger Staatsanwaltschaft noch ein Paket Akten nach, das die Fahndungsbeamten nicht mitgenommen hatten,

VW-Pfarrer-Dohrmann (r.), Präses Scharf: Die Polizei blieb zehn Stunden

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