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Aids: »Ich bin positiv«

Wie Infizierte leben und leiden *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Im ersten Moment glaubte Heinz: »Das ist ja alles nicht wahr du hast dich verhört.« Der Krankenpfleger hatte das Gefühl, »nicht mehr ich selber zu sein«. Unter ihm schien sich der Boden aufzutun: »Ich merkte, daß ich abrutschte.«

Jäh konfrontiert mit dem Befund HIV-positiv zu sein, hatte Heinz nur einen Gedanken: »Schluß machen, jetzt sofort.« Der Pfleger lief zum Medikamentenschrank seiner Station und starrte auf die Arzneivorräte: »Die Frage war nur, nehm' ich Insulin, oder nehm' ich Digitalis.« Die Kurzschlußreaktion unterblieb, weil eine Kollegin zufällig hinzukam und fragte: »Mensch, was machst du denn da?«

Erst fassungslos, dann verzweifelt - wie der Pfleger Heinz, 35, reagieren die meisten Betroffenen auf die Mitteilung, daß sie zu den sogenannten HIV-Positiven gehören, jenem Bevölkerungsteil der seit mehr als drei Jahren zu den Tagesthemen der Nation zählt und dennoch in mancher Hinsicht eine unbekannte Größe geblieben ist.

Unbekannt ist, wie viele Westdeutsche dazu zählen - ob 40000, wie Optimisten schätzen, oder mehr als 300000, wie Pessimisten annehmen. Die weitaus meisten Infizierten wissen gar nicht, daß sie das Virus in sich tragen. Wer per Test davon erfährt, bislang kaum jeder zehnte Angesteckte, verschweigt den Befund fast immer gegenüber Kollegen und Bekannten, häufig gegenüber den nächsten Angehörigen und manchmal selbst gegenüber dem Intimpartner.

Ungewiß ist das Schicksal der Virusträger. Ob sämtliche Infizierten an Aids zugrunde gehen, wie der US-Mediziner Robert Gallo meint, oder ob der eine oder andere davonkommt, ist noch die Frage. Auch wie lange, im Einzelfall, die Frist läuft zwischen Ansteckung und Krankheitsausbruch, ist kaum vorhersehbar - mal wenige Monate, mal ein Jahrzehnt oder mehr.

Unerforscht ist das Sexual- und Sozialverhalten dieser Gruppe, die sich alle neun oder zehn Monate verdoppelt. Zu diesem Thema kursieren vornehmlich Spekulationen, die wiederum von Politikern, je nach Standort, zitiert und kolportiert werden.

Scharfmacher in der Gefolgschaft des bayrischen Aids-Bekämpfers Peter Gauweiler etwa streuen Horror-Geschichten über drogensüchtige Flittchen, schwule Sexmaniaks und debile Desperados, die das Virus skrupellos weiterverbreiten - im Extremfall nach der Art jener vielzitierten, aber womöglich fiktiven New Yorker Amokschläferin, die am Morgen danach mit Lippenstift auf den Badezimmerspiegel ihres Opfers zu schreiben pflegt: »Welcome to the Aids Members' Club.« Beschwichtiger dagegen, beispielsweise aus dem Umfeld der Bonner Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, ziehen es vor, in den Aids-Kranken durchweg einsichtsfähige Ansprechpartner zu sehen, die sich brav mit Safer Sex begnügen, wenn sie nur hinreichend bedient werden mit Verkehrsratschlägen und Kondomreklame a la »Gib Aids keine Chance«.

Falscher Alarm der Hardliner? Gutgläubige Zuversicht der Abwiegler? Der Umstand, daß ein riesiges Dunkelfeld die Infizierten wie die Seuche insgesamt umgibt, macht jede Antwort willkürlich. Die Gruppe der Betroffenen hat keine klaren soziologischen Konturen. Der Befund »positiv« ereilt längst nicht mehr nur Angehörige der Risikogruppen: *___promisk lebende männliche Homosexuelle, die unter den ____westdeutschen Aids-Kranken derzeit noch immer den mit ____Abstand größten Anteil ausmachen; *___Drogenabhängige, die sich mit verseuchten Nadeln ____infiziert haben, die zweitgrößte Krankengruppe; *___männliche und weibliche Prostituierte, die sich durch ____Geschlechtsverkehr oder ebenfalls durchs Heroin-Fixen ____angesteckt haben; *___bluterkranke Kinder und Erwachsene, von denen sich rund ____4000 das Virus durch verseuchte Blutgerinnungsmittel ____("Faktor VIII") zugezogen haben.

Während es unter Blutern kaum noch zu Neuinfektionen kommt, weil seit 1985 nur noch virusfreie Faktor-VIII-Präparate angeboten werden, breitet sich die Seuche nun außerhalb der Risikogruppen aus. Aus der Schwulen-Szene bringen Bisexuelle das Virus zu heterosexuellen Frauen; die Kundschaft von Prostituierten trägt die Seuche in die Familien; infizierte Schwangere gebären Aids-positive Kinder (SPIEGEL-Titel 30/1987).

Je weiter die Infektionsketten in die Durchschnittsbevölkerung reichen, desto mehr verschwimmt das Erscheinungsbild eines vermeintlich typischen Virusträgers. Die Erfahrungs- und Leidensberichte von HIV-Positiven, die der SPIEGEL von dieser Nummer an veröffentlicht, sind vornehmlich Botschaften aus dem herkömmlichen Risikomilieu - aber eben nicht nur. Es sind auch Jedermann-Biographien.

Die SPIEGEL-Journalisten, die diese Lebensgeschichten zu Protokoll nahmen, trafen auf Angehörige nahezu aller Berufsgruppen und Bevölkerungsschichten - vom Akademiker bis zum Arbeitslosen, vom bluterkranken Computerexperten bis zur vorbestraften Gelegenheitsprostituierten. Aids widerfährt treuen Ehefrauen wie umtriebigen Singles, und dem guten Nachbarn auch.

Zu Wort kommen Heterosexuelle wie der biedere Angestellte Ingo, der sich bei einem einzigen Seitensprung im Urlaub angesteckt hat ("Ich war zur falschen Zeit mit der falschen Frau zusammen"), aber auch ehemals promiske Homosexuelle wie Hansjakob von der Aids-Hilfe Düsseldorf, der unmittelbar nach dem Test »vor einem großen schwarzen Loch« stand, sich dann jedoch mit der Infektion arrangierte: »Ich akzeptiere die Krankheit, wo immer sie mich hinführen wird.«

Die Positiven-Protokolle erhellen, was bislang weder Demoskopen noch Wissenschaftler zu erfassen vermochten: wie westdeutsche HIV-Infizierte, ob bereits an Aids erkrankt oder nicht, mit dieser Diagnose leben, leiden - und lieben.

»Irgend etwas ist in mir abgestorben, die Lust, die Geilheit sind vergangen«, bekennt der Münchner Schwule Hannes. Und die Aids-kranke Anni schildert, daß »der Körper die Energie braucht für die Krankheit, deshalb wird Sex einfach abgestellt«. Die positive Christine dagegen vermag sich mit der »fehlenden Spontaneität« beim Kondomgebrauch nicht abzufinden und hat mit ihrem nicht infizierten Freund ohne Schutz geschlafen: »Weil wir beide zu dem Schluß gekommen sind, daß die Psyche ausschlaggebend dafür ist, ob es ausbricht oder nicht.«

Wieweit die Sex-Praktiken von HIV-Infizierten, oft im Spannungsfeld von Sucht, Lust und Todesangst, durch Aufklärung beeinflußbar sind - die Antwort auf diese Frage wird nicht nur über die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Seuche entscheiden, sondern auch die innenpolitische Entwicklung der Bundesrepublik beeinflussen: hin zum Gauweiler- oder zum Süssmuth-Staat.

Aus Angst vor Isolierung und Diskriminierung haben sich Aids-Kranke selber bislang kaum an die Öffentlichkeit gewandt. Schlagzeilen machten Positive durchweg nur mit Negativem oder Atypischem - wenn etwa, wie letzten Monat in München, ein Infizierter vor Gericht steht, der seine Partnerin zu ungeschütztem Intimverkehr gezwungen hat, oder wenn, so geschehen in Dortmund, eine Aids-kranke Ladendiebin einem Kaufhausdetektiv in den Finger beißt.

Doch in solchen Prozessen kommt nicht zur Sprache, was in den SPIEGEL-Protokollen geschildert wird: das Ausmaß des physischen und des psychischen Elends von HIV-Positiven, ihre Angst vor Arbeitsplatzverlust, vor Diskriminierung, vor Vernichtung der bürgerlichen Existenz. Ein Betriebsarzt aus Süddeutschland, der seine Gesprächszusage in letzter Sekunde wieder zurückzog, erklärte dem SPIEGEL: »Wenn heute bekannt wird, daß ich positiv bin, werde ich morgen gefeuert.« Jeder der Infizierten versucht auf seine Weise, mit der Last fertig zu werden. Mancher verdrängt und macht weiter, als sei nichts passiert. Der eine hofft inständig auf ein rettendes Medikament, der andere denkt an Selbstmord. Die meisten versuchen zu leben mit einem »Gefühl«, das eine HIV-positive Ehefrau so umschreibt: »Ich sitz' in so einer Obstpresse, und der Deckel wird langsam zugeschraubt von oben. »

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