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DDR Aktion M

Ost-Berlin erhöht die Kampfbereitschaft seiner Truppen: Die Armee erprobt ein neues Mobilmachungssystem, die paramilitärischen Kampfgruppen wurden aufgerüstet.
aus DER SPIEGEL 11/1977

Zahlreiche DDR-Bürger, allesamt Reservisten der Nationalen Volksarmee (NVA), erhielten in den vergangenen Wochen vertrauliche Post von ihrem Staat. Ab 1. Mai, so teilte ihnen ihr zuständiges Wehrkreiskommando lapidar mit, hätten sie sich bereit zu halten, »im Mobilmachungsfall« innerhalb angegebener Stundenfrist zu den Waffen zu eilen.

Der genaue Termin, so die Anweisung weiter, werde zu gegebener Zeit über Rundfunk oder Fernsehen bekanntgegeben. Mitzubringen seien bei Dienstantritt neben Gesundheitspaß und Fahrerlaubnis auch das SED-Mitgliedsbuch sowie »zwei Garnituren Unterwäsche, zwei Paar Socken, ein Paar Handschuhe, ein Paar Hosenträger, zwei Stück Handtücher, ein Stück Wolldecke, Taschentücher, Eßbesteck, Wasch-, Näh- und Schuhputzzeug«, ferner eine Portion Tagesverpflegung.

Abschließend werden die Briefempfänger streng ermahnt, den »Einberufungsbefehl M« nicht ins Ausland mitzunehmen und seinen Inhalt »keiner anderen Person zugängig zu machen«.

Die Mobilmachungs-Order, für die es in der DDR-Geschichte keine Parallele gibt, ist offenbar teil einer strategischen Operation, mit der die ostdeutschen Militärs in den nächsten Monaten die Wehrkraft ihrer Truppen zu steigern hoffen.

Die Aktion wurde seit Wochen propagandistisch vorbereitet. So verkündete Generaloberst Erich Mielke, Mitglied des SED-Politbüros und Minister für Staatssicherheit, Ende Januar vor Parteifunktionären und Offizieren in Leipzig, es sei »unübersehbar«, daß »der Imperialismus zur Durchsetzung seiner strategischen Pläne die gegen den Sozialismus gerichteten feindlichen Aktivitäten in jüngster Zeit erneut wesentlich verstärkt hat«. Mielkes Politbüro-Kollege Werner Felfe referierte wenig später in Aschersleben vor Kommandeuren der SED-Kampfgruppen über die »wachsenden Anforderungen bei der Landesverteidigung«.

SED-Generalsekretär Erich Honecker schließlich forderte letzte Woche anläßlich des 27jährigen Bestehens des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die »patriotischen Kräfte« müßten »auch künftig höchste revolutionäre Wachsamkeit« beweisen, da »Kräfte der Reaktion, des Militarismus und des Revanchismus« danach trachteten, »die Entspannung zu torpedieren«.

Über die »Aktion M« selbst freilich verloren die Partei-Propagandisten bislang kein öffentliches Wort. Das Ost-Berliner Außenministerium bestritt vielmehr Anfang Februar kategorisch Meldungen über verstärkte Sicherheitsvorkehrungen der NVA und der paramilitärischen »Kampfgruppen der Arbeiterklasse«.

Doch dem Klassenfeind im Westen sind die ostdeutschen Mai-Parolen längst bekannt: Zwischen 30 000 und 40 000 ehemalige Volksarmisten sind nach Schätzungen von DDR-Experten der Nato von der geheimen Mobilmachungs-Ankündigung betroffen.

Und auch den Zweck der Übung haben westl ehe Ost-Aufklärer bereits ausgemacht: Die DDR, so die Nato-Erkenntnis, ist derzeit dabei, ihr veraltetes Mobilmachungs-System zu modernisieren.

Nach dem derzeit prakizierten Verfahren, das noch aus der Gründerzeit der Nationalen Volksarmee stammt. werden die Reservisten im Krisenfall auf umständliche und zeitraubende Weise durch die örtliche Volkspolizei oder die Parteiorganisation ihres Betriebes von ihrer Einberufung informiert. Sie müssen sich zunächst bei einer Meldestelle einfinden. werden von dort an eine Sammelstelle weitergereicht und erst dann ihrer Truppe zugeteilt.

Künftig sollen die Ost-Wehrpflichtigen, wie im Westen seit langem üblich. bereits am Ende ihrer Militärdienstzeit erfahren, in welcher Einheit sie sich bei einer Mobilmachung einzufinden haben. Mit ihrem Mai-Test, so vermuten Strategen im Brüsseler Nato-Hauptquartier, wollen die NVA-Planer vor allem erproben, wie schnell die schon jetzt vorgewarnten Reservisten über Rundfunk und Fernsehen zur Fahne gerufen werden können und bei ihren Einheiten sind. Ein West-Militär: »Die haben erst jetzt die Möglichkeiten der elektronischen Medien entdeckt.«

Um die Einberufenen auch sinnvoll beschäftigen zu können, soll die Mobilmachung offenbar mit einem größeren Manöver verbunden werden. In der Nähe von Berlin, vor allem bei der Ortschaft Glienicke, werden bereits jetzt schwere Pioniergeräte aus der gesamten DDR zusammengezogen.

Parallel zur Mobilmachungs-Reform hei der NVA bemüht sich die SED derzeit, ihre Partei-Armee weiter aufzurüsten: die nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 gegründeten »Kampfgruppen der Arbeiterklasse«.

Diese Kampfgruppen, die direkt dem SED-Politbüro unterstehen -- rund 400 000 SED-Mitglieder und zuverlässige parteilose Angehörige aus Betrieben, landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und Behörden -- wurden in den letzten Monaten durch NVA-Reservisten verjüngt und mit modernen Waffen ausgerüstet.

Die vordem lediglich mit Handfeuerwaffen versehene Parteitruppe verfügt inzwischen über etwa 35 000 leichte und schwere Maschinengewehre sowie über rund 420 leichte Panzerfahrzeuge und 250 gepanzerte Mannschaftswagen. Je Bataillon erhielten die Kampfgruppen drei rückstoßfreie Geschütze, vier Panzerabwehrkanonen, zwei 23-mm-Vierlings-Flaks und vier Mörser.

Um »ständig eine hohe Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft zu gewährleisten« (Mielke), verfügte die Partei zum Jahresbeginn zudem eine drastische Verschärfung der Ausbildung: Mußten die »Kämpfer im steingrauen Ehrenkleid« (so die Soldatenzeitung »Volksarmee") bislang lediglich alle acht bis zehn Wochen zu Gefechtsübungen einrücken, werden sie seit Januar alle vier bis fünf Wochen zum Manöver abkommandiert. »Die Hälfte der Kämpfer«, so ein SED-Mann, »ist jetzt immer verfügbar«

Hinter der kostspieligen Aufrüstung der ostdeutschen Partei-Armee steckt, so mutmaßen westliche Militärs, strategisches Kalkül. Die in Bezirks- und Kreis-Reserve-Bataillone gegliederten Kampfgruppen, die schon heute nach Ansicht des renommierten Londoner Instituts für Strategische Studien an militärischem Wert die Milizen der übrigen Warschauer-Pakt-Staaten bei weitem übertreffen, sind fester Bestandteil des östlichen Verteidigungskonzepts: Sie sollen im Kriegsfall die regulären DDR-Truppen bei der Sicherung des Hinterlandes unterstützen und den Schutz wichtiger Objekte wie Kraftwerke, Bahnhöfe oder Brücken übernehmen. Als paramilitärische Verbände fallen sie jedoch nicht unter die Verhandlungen über einen ost-westlichen Truppenabbau in Europa.

DDR-Bürger indes beunruhigt die plötzliche militärische Aktivität ihrer Staatsführung aus einem ganz anderen Grund: Sie werten Mobilmachungs-Order und Kampfgruppen-Aufrüstung vor allem als weiteres Indiz für eine zunehmende Verhärtung des SED-Kurses im Inneren.

Daß ein gewisser Einschüchterungseffekt beabsichtigt ist, steht zu vermuten: daß die Mobilmachungs-Kampagne den Einheits-Sozialisten angesichts wachsender Aufsässigkeit in der Bevölkerung und einer noch immer steigenden Flut von Ausreiseanträgen zumindest angenehm sein muß, ist gewiß.

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