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Rundfunk Aktion Naßzelle

Jüngere Zuschauer wandern ab, Werbegelder fehlen: ARD und ZDF stehen in einem dramatischen Überlebenskampf.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Mit den Show-Effekten, die moderne Medienmanager gemeinhin lieben, kann der feinsinnige Funkhauschef in München partout nichts anfangen.

Bedächtig stopft Albert Scharf seine Pfeife und doziert, die Lesebrille auf der Nase ist weit heruntergerutscht, über Rundfunk und Kultur. Seine Befriedigung, charakterisiert Scharf sich selbst, finde er »eher im Ergebnis, nicht in den Schlagzeilen, die mich dabei begleiten«.

Der Jurist mit Professorentitel schätzt das Finassieren im Salon und die lange Rede in den Gremien. So, im Stil des diplomatischen Dienstes, will Scharf, 60, einen der schwierigsten Jobs der Republik erledigen: die Führung der ARD.

Die Pflichtaufgabe, auf zwei Jahre befristet, wird den Intendanten des Bayerischen Rundfunks jedoch öfter in die Zeitung und die »Tagesschau« bringen, als ihm lieb ist. Der dramatische Überlebenskampf des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zieht die Schaulustigen geradezu an.

Seit Ende der achtziger Jahre haben ARD und ZDF, bis auf einen kleinen Rest, ihre Werbegelder verloren. Jüngere TV-Zuschauer sind zu den Privatsendern desertiert (siehe Grafik), die sündteuer gewordenen Film- und Sportrechte überfordern den Etat. Und nun lanciert die Kommerz-Konkurrenz auch noch immer neue, spezielle Fernsehkanäle.

Der Handkantenwettbewerb setzt dem Ethiker Scharf zu. »Eine neue Art Journalismus drängt sich auf, mal flapsig, mal aggressiv«, räsoniert er, Sex und Gewalt dienten als »publikumsträchtiges Reizmittel«. Das Monopol der Öffentlich-Rechtlichen sei durch wirtschaftlich potentere Konzerne ersetzt worden, denen es nicht um Information und Kultur, sondern nur ums Geschäft gehe.

Für einen Ausgleich sollen die anlaufenden Verhandlungen über höhere Rundfunkgebühren sorgen. Der Pflichtbeitrag wurde zuletzt Anfang 1992 von 19 auf 23,80 Mark geliftet. Auch nun spekulieren die Intendanten für die Zeit nach dem 1. Januar 1997 auf eine happige Erhöhung - um über vier Mark. Doch die Regierungen in den Ländern werden einer solchen zusätzlichen Belastung der TV-Seher und Radiohörer nur mit Bedingungen zustimmen.

Die elf ARD-Anstalten, die es auf Jahreseinnahmen von über acht Milliarden Mark und 24 000 Mitarbeiter bringen, stehen unter massivem Druck. Ihr neuer Vorsitzender Scharf sieht das Unternehmen zwar schon auf einem »offensiven Wettbewerbskurs« (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 66). In Wirklichkeit aber stehen harte Schnitte aus.

Hin- und hergerissen zwischen Kulturauftrag und Massensendungen verliert der Senderverbund Profil. Sogar Oldtimer wie die »Augsburger Puppenkiste«, mit Lokführer Lukas und Kater Mikesch, wollen der ARD ade sagen. Die Drehbücher seien mittlerweile »einfach zu flach«, findet ein Manager der Kindersendung.

Im Programm haben die Funkhausstrategen auf weiche Welle geschaltet. Am Vorabend, wenn die ARD Werbung ausstrahlen darf, sollen tägliche Seifenopern wie »Marienhof« oder »Verbotene Liebe« das richtige Umfeld für Margarine- und Tampon-Spots bieten. Später am Abend umschleichen die Öffentlich-Rechtlichen das Verbot, nach 20 Uhr Reklame zu senden: Sie zeigen, etwa vor Fußballspielen (Krombacher Pils) oder Kultursendungen wie »Aspekte« (Focus), in kurzen Werbefilmchen die Produkte und Markenlogos von Sponsoren.

Von einem Umbau der ARD-Organisation ist dagegen noch wenig zu sehen. So könnten Kleinsender wie Radio Bremen größeren Anstalten zugeschlagen werden. Dafür aber, so Ober-Intendant Scharf, sei die Politik zuständig: »Wenn die Länder eine Reform wollen, wird die ARD daran mitarbeiten.«

Die Vorschläge kommen inzwischen im Wochenrhythmus. Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) etwa plädiert dafür, die ARD von elf auf sieben Anstalten schrumpfen zu lassen. Der thüringische CDU-Fraktionschef Jörg Schwäblein schlug vor, die ARD als bundesweites Vollprogramm ganz abzuschalten: Es sei »überflüssig und zu teuer«.

Den Radikalinski hat der bayerische Regierungschef Edmund Stoiber (CSU) gespielt. ARD-Großsender sollten lieber ihre Dritten Programme aufrüsten, empfahl er. In zehn Jahren, so Stoiber, gebe es ohnehin nur noch einen nationalen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender - »das dürfte das ZDF sein«.

Auf dem Mainzer Lerchenberg, dem ZDF-Hauptquartier, hat Intendant Dieter Stolte kapiert, wohin die Reise geht. Vor einigen Wochen versuchte Stolte, 60, seinen Fernsehrat für den nötigen Wandel von der »traditionellen, übersichtlichen Rundfunkanstalt zum Multimedia-Unternehmen« zu begeistern.

Den gesetzlichen Auftrag, »Rundfunk für alle« zu senden, möchte der Chef des ZDF (1,7 Milliarden Mark Einnahmen, 4000 Mitarbeiter) neu definieren. Dabei schwebt ihm ein »größeres, diversifiziertes Programmangebot in Zusammenarbeit mit finanzkräftigen Partnern« vor. Er denkt an »werbefinanzierte Wiederholungskanäle«, in denen die Vorräte beliebig oft recycelt werden können - als Spartenprogramme für Dokumentationen oder Seniorensendungen ("Golden Oldies"). Mitarbeiter halten es nicht für ausgeschlossen, daß sich eine Zusammenarbeit mit dem Medienkonzern Bertelsmann und dem mit dem ZDF eng verbundenen Filmgroßlieferanten Leo Kirch ergibt.

Zur Orientierung dient Stolte, wie er in einem internen Papier für den Fernsehrat schreibt, »in geradezu prototypischer Weise« der Kirch-Sender Pro Sieben. Das Unternehmen bringt es bereits auf zehn Beteiligungsfirmen. Sie betreiben, rechtlich unabhängig, andere TV-Sender (Kabel 1, Kabel plus), entwickeln Multimedia-Anwendungen, betreuen Abo-Fernsehen oder verkaufen Werbezeiten.

Das Konglomerat bereitet sich auf eine TV-Revolution vor. Eine neue digitale Übertragungstechnik macht es möglich, daß eine Vielzahl neuer Fernsehkanäle schon dieses Jahr auf Sendung geht. An diesem Boom wollen auch die Öffentlich-Rechtlichen teilhaben.

Um nicht den Anschluß zu verlieren, haben ARD-Intendanten eine Reihe von Spartenkanälen avisiert, etwa für Kindersendungen, Ratgebermagazine und Ausbildungsprogramme. Die WDR-Spitze, mißgestimmt über die langwierige Abstimmung in der ARD, preschte vergangene Woche vor und gründete eine Entwicklungsgesellschaft für Spezialitätenstationen.

Ein Reformpapier des WDR-Rundfunkrats geht sehr weit. Darin werden etwa der breite Verkauf eigener Produktionen und die Auslagerung von Abteilungen vorgeschlagen. Die Räte empfehlen auch einen neuen Führungsstil, um »Motivationsblockaden« in der ARD zu überwinden. Sollte sich die ARD als reformunfähig erweisen, drohen die Verfasser mit dem Austritt des WDR aus dem Senderverbund.

Die neuen Senderprojekte sollen letztlich auch von den Verbrauchern finanziert werden. Scharf hält es für möglich, daß die Zuschauer spezielle Entgelte für Zusatzangebote zahlen. Sicherheitshalber melden ARD und ZDF einen Gutteil der geplanten Kosten demnächst als Finanzbedarf für die allgemeine Rundfunkgebühr an.

Vorerst muß sich der ARD-Vormann (Lieblingsspruch: »Nur Gartenzwerge schauen nicht über den Zaun") noch mit Kleingeld begnügen. Jeweils 8,25 Mark treibt die ARD als zusätzliche Rundfunkgebühr von Hotels ein, die in den Badezimmern Lautsprecher installiert haben - notfalls vor Gericht.

»Wir müssen ausschöpfen, was uns der Staatsvertrag als Gebührensachverhalt vorgibt«, lobt Scharf die Aktion Naßzelle, die rund 10 Millionen Mark zusätzliche Gebühreneinnahmen bringen soll. Die Hotels, ärgert er sich, machten mit den Boxen im Bad ein Geschäft. Die Zimmerpreise seien erheblich gestiegen.

Und das auf Kosten der ARD. Y

[Grafiktext]

Marktanteile d. großen Fernsehsender b. jüngeren Zuschauern

[GrafiktextEnde]

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