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»Aktion Zarenwetter«

aus DER SPIEGEL 20/1995

Dunkelgraue Gewitterwolken hingen am Montag letzter Woche über Moskau. Auch für den Dienstag hielten die russischen Meteorologen eine mißliche Prognose bereit: Ein heranziehendes Tiefdruckgebiet drohte die hochgemuten Paraden zum 50. Jahrestag der deutschen Kapitulation unter Wasser zu setzen.

Doch kein Tropfen Regen fiel auf die 9000 russischen Soldaten, 250 Panzer, 50 Kampfflugzeuge sowie die 10 000 Schaulustigen, die sich am Dienstag morgen im neuen Moskauer Siegespark Poklonnaja Gora einfanden. Blitzblau wölbte sich der Moskauer Himmel wenig später auch über dem Roten Platz, wo Rußlands Präsident Boris Jelzin mit seinen illustren Gästen aus dem Westen den Aufmarsch von 5000 Veteranen beobachtete.

Der überraschende Wetterumschwung war weder ein Beleg für die Schwierigkeit verläßlicher Wettervorhersagen, noch war er den russischen Meteorologen als Falschprognose anzulasten. Im Gegenteil: Ihre Warnung, Platzregen könne die Jubelfeiern verwässern und die zur Flugschau abkommandierten Jets und Hubschrauber womöglich an den Boden fesseln, hatte im Aerologischen Observatorium in der Moskauer Vorstadt Dolgoprudnij höchste Alarmstufe ausgelöst.

Der Leiter der dortigen Abteilung »Aktive Einwirkung«, Gennadij Bernikow, befahl den Start von sieben Spezialflugzeugen der Typen AN-30, AN-26 und AN-12. Das Turboprop-Geschwader nahm am Montag abend Kurs auf die heranziehenden Schlechtwetterwolken und versprühte in ihnen Trockeneis und die Chemikalie Silberjodid.

Die »Aktion Zarenwetter« war von Erfolg gekrönt. In den mit chemischen Substanzen geimpften Wolken wirkten Kohlendioxid- und Silberjodidkristalle als Kondensationskerne. An ihnen lagerten sich Wassertröpfchen an, die, zu Schneeflocken und Hagelkörnern gefroren, durch die Wolken sanken und als Regen niedergingen - lange bevor die gräßliche Wetterfront Moskau erreichte.

Mit ihrer Schönwetteraktion zum großen Gedenktag hatten die »aktiven Einwirker« - eine Truppe mit viel Erfahrung, die nie kleckert, sondern klotzt - wieder einmal Glück.

Gleichartige Versuche in anderen Ländern, durch Wolkenimpfung beispielsweise Hagelstürme über landwirtschaftlichen Nutzflächen zu verhindern oder Wolken gezielt über Waldbränden und in Dürrezonen abregnen zu lassen, waren in den letzten Jahrzehnten immer wieder fehlgeschlagen.

Teilerfolge gab es nur in Israel, wo die Niederschlagsmenge gebietsweise um bis zu 15 Prozent gesteigert werden konnte.

Gegen einen weltweiten Einsatz der Wolkenimpfung sprechen vor allem wirtschaftliche Gründe: Sie geht, bei ungewissem Ausgang, mächtig ins Geld. Die Parade-Aktion der Zarenwettermacher kostete rund eine Viertelmillion Mark.

Dafür schien allerdings im Umkreis von 100 Kilometern um die russische Metropole am Dienstag die Sonne. _(* Am 9. Mai. )

Truppenparade in Moskau*: Die »Einwirker« hatten Glück

P. KASSIN

* Am 9. Mai.

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