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INVESTMENT-SPAREN Aktionär auf Raten

aus DER SPIEGEL 24/1960

In einem kleinen Laden der Düsseldorfer Bismarckstraße 31 entleeren täglich Hausfrauen, Rentner, Arbeiter und Angestellte ihre Portemonnaies und schieben den Inhalt einer Angestellten zu, die eine komplizierte Berechnung und Buchung vornimmt. Nach der üblichen Frage »Wie groß ist jetzt mein Anteil?«, nehmen die Kunden eine Quittung mit zahlreichen Positionen in Empfang und verlassen das Geschäft.

Das Büro ist eine Niederlassung der Allgemeinen Deutschen Investment -Gesellschaft mbH (Adig) und das erste Ladengeschäft, in dem Investment-Zertifikate auch ratenweise an die Laufkundschaft vertrieben werden. Bekundete Adig-Geschäftsführer Früstück: »Wir nehmen selbst krumme Beträge, beispielsweise 33,25 Mark. Unser Geschäft geht nicht schlecht.«

Die Allgemeine deutsche Investment -Gesellschaft mbH* hat sich kürzlich entschlossen, die Zertifikate ihres Fonds für Renten (festverzinsliche Wertpapiere) sowie für Aktien ("Fondra"), des Fonds für industrielle Spezialwerte ("Fondis") und des »Adifonds« - er umfaßt Aktien von 100 ausgesuchten Unternehmen - in Raten zu veräußern. Der Investmentsparer kann sich jetzt also auch auf Stottern in die Industrie einkaufen.

Bisher mußten die Zertifikatskäufer stets jenen Betrag entrichten, der dem vollen Preis eines Papiers entsprach. Das Fondra-Zertifikat kostet zur Zeit 108 Mark, das Adifonds-Papier 197 Mark. Viele Interessenten scheuten nur deshalb den Wertpapierbesitz, weil ihnen Beträge über 100 Mark als zu hoch erschienen.

Wer den Gang zur Düsseldorfer Gemischtwarenhandlung für Investmentpapiere sparen will, kann nach Abschluß eines Sparvertrags mit der Adig - er muß sich verpflichten, monatlich mindestens 30 Mark aufzubringen - seiner Bank einen Dauerauftrag für die Überweisung des monatlichen Sparbetrags geben. Für den Gegenwert wird ihm - nach Abzug einer dreiprozentigen Jahresprovision - ein entsprechender Anteil an einem Zertifikat gutgeschrieben. Adig-Geschäftsführer Früstück: »Die Sparraten werden sofort in Aktien großer und größter Unternehmen angelegt. Mit der ersten Rate wird man bereits Miteigentümer eines Investmentpapiers.«

Die Höhe der Sparbeträge, die zum Erwerb eines Zertifikats aufgebracht werden müssen, hängt vom jeweiligen Preis des Investment-Papiers ab, der täglich aus dem Kursdurchschnitt aller im Fonds enthaltenen Aktien ermittelt wird. Bei einem Preis von beispielsweise 180 Mark erwirbt der Sparer mit jeder Rate ein Sechstel des Wertpapiers. Steigt der Preis des Zertifikats auf 210 Mark, beträgt sein Anteil je Rate entsprechend weniger.

Die Vorbilder für ihr neues Sparsystem bezogen die Adig-Manager aus den Vereinigten Staaten. Über die Hälfte des jährlichen Investment-Neugeschäfts entfallen gegenwärtig in den USA auf Ratenverkäufe, die von Vertretern an den Haustüren und im Laden getätigt werden. Der Wertpapierbesitz in den USA ist dementsprechend weitaus verbreiteter. Während die Bundesbürger im Durchschnitt nur ein Investmentvermögen von 40 Mark pro Kopf ihr eigen nennen, beträgt der Anteil in den USA 400 Mark.

Noch während die Adig-Manager ihre Vorbereitungen für den Verkauf auf Raten trafen, verkündete das Adig -Konkurrenzunternehmen, die Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen mbH, hinter dem sich die Deutsche Bank verbirgt, es wolle ebenfalls seine »Investa« - und »Intervest«-Zertifikate auf Raten vertreiben. Die Gesellschaft entwickelte jedoch ein anderes Sparsystem.

Ihre Kunden müssen am Bankschalter Sparmarken über Beträge von mindestens 25 Mark erwerben und in eigens dafür bestimmte Karten einkleben. Am Jahresende rechnet die Gesellschaft alle Sparkarten ab und stellt ihren Kunden die Zertifikate zu. Für die Sparer bietet dieses System gewisse Vorteile. Sie müssen sich nicht wie bei der Adig verpflichten, jeden Monat einen bestimmten Betrag zu leisten, vielmehr können sie auch aussetzen.

Um die Sparer zu verstärkter Kauflust anzustacheln, will die Deutsche Bank ihr System mit einem zusätzlichen Geschäft koppeln: Sie will den Ratenkauf mit einer Risiko-Lebensversicherung verbinden.

Dazu erklärt Dr. Ernst Bracker, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Wertpapiersparen: »Wenn ein Sparer, der sich in einem Zehn-Jahres-Vertrag verpflichtet hat, insgesamt 10 000 Mark zu sparen, nach fünf Jahren stirbt, zahlt die Versicherungsgesellschaft den Hinterbliebenen, obwohl dann erst 5000 Mark gespart sind, die fehlenden 5000 Mark in Zertifikaten aus. Die Investmentsparer müssen lediglich eine zusätzliche Prämie an die Versicherungsgesellschaft entrichten, die aber, da es sich um eine Gruppenversicherung handelt, sehr gering sein wird.«

Mittlerweile bieten andere Investmentbanken ihren Ratenkunden weitete Vergünstigungen an. Das Frankfurter Bankhaus Hardy & Co., das den »Europafonds I« sowie den »Atlanticfonds« auf den Markt gebracht hat, gewährt neben der Lebensversicherung auch noch eine Unfallzusatzversicherung.

Bei Unfalltod des Ratensparers will das Frankfurter Institut »neben der Erfüllung des Ratensparvertrages« zusätzlich die volle Vertragssumme in Investment-Zertifikaten zur Verfügung stellen. Die Hinterbliebenen eines tödlich verunglückten Sparkunden, der einen Vertrag über 10 000 Mark abgeschlossen, aber nur 5000 Mark eingezahlt hat, erhalten mithin 20 000 Mark.

In einer Studie lobt die Deutsche Bank den Wettlauf der Investmentgesellschaften um die Gunst der Bundesbürger recht überschwenglich. Das Ratensparen »bei geringem monatlichem Einsatz von Mitteln« habe nicht nur für den Kunden eine weitgehende Risikostreuung zur Folge. Auch auf die Börse »wirken solche Verfahren glättend und marktstabilisierend«, da die Vertragssparer, einerlei, ob die Kurse fallen oder steigen, immer gleich hohe Beträge einzahlten.

Diese These scheint freilich eher aus dem Wunsch der Deutschen Bank nach vermehrten Zertifikats-Provisionen geboren zu sein als aus der Einsicht in westdeutsche Börsenprobleme. Die Börsen warteten nämlich mangels ausreichenden Wertpapierangebots in der letzten Woche neuerlich mit hektischen Kurssprüngen auf (siehe Graphik). Da die Investmentbanken für den Gegenwert der Zertifikate sofort Aktien erwerben, muß das neue Abzahlungssystem die gegenwärtigen Kurstreibereien noch verstärken. Derartige Abzahlungsgeschäfte stabilisieren also nicht den Aktienmarkt, sondern forcieren die Kursinflation.

In Bonn betrachtet man das anlaufende Stottergeschäft denn auch mit Mißtrauen. Um zu verhindern, daß der Zertifikaterwerb auf Raten ungezügelte Formen annimmt, bereitet das Bundeswirtschaftsministerium eine Ergänzung zur Gewerbeordnung vor: Zumindest der Verkauf von Zertifikaten durch Hausierer soll verboten werden.

* Gesellschafter sind 19 westdeutsche Banken, darunter die Bayerische Staatsbank, die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft AG und die Commerzbank AG.

Investment-Bankier Früstück: Börse im Laden

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