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Alarm im Hafen

»Report«-München mischte bei der Stimmungsmache gegen den Hamburger Bürgermeister von Dohnanyi mit. Ein Bericht über die Hafenstraße wurde gezielt dramatisiert - mit einer Fälschung. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Rainer Ommler, 37, Kameramann aus dem bayrischen Utting am Ammersee, ist »gern in Hamburg« und fand es auch Ostern wieder »schön« dort.

In einem Fernsehbericht des Bayerischen Rundfunks, an dem Ommler vor Ort mitwirkte, hörte es sich anders an. »Alltäglichen Terror mitten in der Stadt« meldete das Münchner TV-Magazin »Report« Mitte April aus Hamburg und zeigte brennende Barrikaden, staatsfeindliche Flugblätter und Gewalttätigkeiten rings um die Hafenstraße.

Höhepunkt des Berichts war eine Vorbeifahrt mit laufender Kamera in der Hafenstraße, die von einem bunten Völkchen aus Autonomen und Alternativen, Punks und Outlaws bewohnt wird. Ein junger Mann kam ins Bild, der mit einem Pfahl in der Luft herumfuchtelte; gleich darauf wurde ein anderer sichtbar, der eine Wurfbewegung machte. Erläutert wurden die Bilder in der Stimmlage eines Kriegsberichterstatters: _____« Die Hafenstraßenszene agiert im Stile einer » _____« Stadtguerilla. Ein Beobachter meldet unsere Vorbeifahrt, » _____« ein zweiter reagiert sofort mit Angriff - der Kameramann » _____« sieht den Pflasterstein fliegen und muß in Deckung. Die » _____« Zeitlupenwiederholung verdeutlicht die kompromißlose » _____« Aggressionsbereitschaft in der Hafenstraße ... Das » _____« »Report«-Team hatte in diesem Fall Glück. Der » _____« Pflasterstein, von diesem Beobachter genau anvisiert und » _____« gegen das Auto geschleudert, verfehlte nur knapp das » _____« Ziel. »

Allein an diesem Textstück des »Report«-Berichts waren mindestens zwei Behauptungen falsch: *___Der eine der beiden jungen Männer konnte den anderen ____gar nicht »im Stile einer Stadtguerilla« alarmieren - ____die Standorte, getrennt durch vier Hafenstraßen-Häuser, ____lagen etwa 50 Meter auseinander. Für die ____Fernsehzuschauer war dies nicht erkennbar, denn die ____Häuser zwischen den Männern waren durch raffinierten ____Schnitt entfernt worden; *___Kameramann Ommler hatte mitnichten »den Pflasterstein ____fliegen« sehen, wie »Report« behauptete. Er war von ____einem Ausruf seiner mitfahrenden Ehefrau gewarnt worden ____("Paß auf, der wirft"), beide duckten sich. »Ob ____wirklich ein Stein geflogen ist«, sagt Ommler, habe er ____"selbst nicht gesehen«.

Um so nachdrücklicher beteuert »Report«-Chef Heinz Klaus Mertes, 45, an dem Steinwurf gebe es überhaupt keinen Zweifel. »Ich kenne diese Bewegung«, versichert der Münchner, der das Auto, Ommler auf dem Rücksitz, gesteuert hatte. Es sei »die weit ausholende kräftige Pflastersteinbewegung eines geübten Werfers« gewesen, so Mertes, »die kenne ich von Wackersdorf«.

Er habe den Wagen noch »automatisch nach links« gerissen, sagt der Mann vom Bayernfunk, sonst wäre »der Stein eingeschlagen«. Davon hat Ommler ebenfalls nichts mitbekommen; er erinnert sich nur, daß Mertes auf den Zuruf seiner Frau »Gas gab«.

Ommlers Kameraszene gibt, auch bei wiederholtem Abspiel in Einzelbildern oder in Zeitlupe, keinen Aufschluß über den tatsächlichen oder vermeintlichen

Steinwurf. Der von der Kamera eingefangene junge Mann ist in einiger Entfernung nur unscharf zu sehen, ein fliegender Stein nicht zu erkennen.

Doch allen Einwänden begegnet »Report«-Reporter Mertes, der die Sendung seit Jahresbeginn leitet und moderiert, mit der ihm eigenen Überzeugungskraft: »Der Stein flog.« Auch Zweifel am Meldesystem zweier Stadtguerrilleros, die sich über vier Häuser hinweg gar nicht miteinander verständigen konnten, wischt Mertes weg: »Wie auch immer«, sagt er, »ob einer dazwischen war, der weitergerufen hat, das weiß ich nicht.«

Wissen müßte er allerdings, woran Ommler sich erinnert: Das Team, sagt der Kameramann, sei an den Hafenstraßen-Häusern »insgesamt öfter vorbeigefahren«. Den jungen Mann, der mit dem Pfahl umherfuchtelte, habe er nicht zur gleichen Zeit gefilmt wie den anderen, der eine Wurfbewegung machte. Beide Szenen stammten nicht aus einer, sondern aus »zwei Vorbeifahrten«, so Ommler. Der Bericht über das Guerrilla-Meldesystem war eine Fälschung.

Dem bayrischen Kameramann waren auf Befragen die Schilderungen und Interpretationen der »Report«-Redaktion nicht mehr geläufig, weil er sie sich, beim Anschauen seiner Aufnahmen in der »Report«-Sendung am 12. April, nicht so genau gemerkt hatte. Um so präziser erinnerte er sich an die tatsächlichen Vorgänge. Sicher war auch sein Eindruck richtig, die »ganze Atmosphäre und Situation in der Hafenstraße« sei so gewesen, daß, »wenn Sie mit 'ner Kamera im Auto ganz langsam da vorbeifahren, Sie eben damit rechnen mußten, daß sich einer bückt und 'n Stein schmeißt«.

Die Atmosphäre hatte »Report« allerdings selbst angeheizt. Das Bayern-Team war vor Ommlers Einsatz bereits szenebekannt und hatte die Hafenstraßen-Bewohner derart provoziert, daß ein Hamburger Kameramann deshalb die Arbeit für »Report« niederlegte.

Zuerst war, bevor sich dann auch Mertes einschaltete, nur »Report«-Mitarbeiter Michael Mandlik, 29, in Aktion getreten. Als beim Kameraaufbau vor einem der Hafenstraßen-Häuser einige Bewohner Einwände machten und eine zartgliedrige, offenbar alkoholisierte Frau in Gezeter ausbrach, wertete Mandlik dies sofort als Bedrohung. Er meldete den Vorgang der Polizei, die Streifenwagen in Alarmbereitschaft versetzte. Im Hamburger Rathaus sorgte die Meldung für Aufregung, die Polizei sei auf dem Marsch in die Hafenstraße.

Kameramann Michael Schmidt, der mit Mandlik in der Hafenstraße unterwegs gewesen war und hinterher vor Ort weiterdrehte, protestierte brieflich gegen die Panikmache: »Es bestand zu keinem Moment eine Bedrohung.« Als »Report« nicht einlenkte, gab Schmidt den Auftrag zurück. Trotz seines Einspruchs entrüstete sich Mertes in »Report« über die »unverhüllten Gewaltdrohungen der Hafenstraßen-Bewohner«.

Kein Zweifel, daß in der Hafenstraße neben Schutz- und Haltsuchenden auch Randalierer auftreten, die bei Konflikten mit etablierten Mächten schnell zu Gewalttätigkeiten neigen. Daß die Gewalttäter zur Zeit in der Minderheit sind, zeigte sich, als eine besetzte Häuserzeile in der Nachbarschaft der Hafenstraße vorige Woche umgehend kampflos von der Polizei geräumt wurde.

Klar ist aber auch, daß bis zu Dohnanyis Rücktrittsankündigung letzte Woche eine Koalition konservativer Medien und Politiker eine Kampagne gegen den Bürgermeister geführt hatte. Dohnanyis Befriedungspolitik wurde von der Amtsbürokratie verschleppt, die Ungeduld der Bürger angefacht.

Der Unionstaktik, noch die kleinsten Zwischenfälle auszuschlachten und Dohnanyi jeden Steinwurf, jeden Autoeinbruch rund um die Hafenstraße persönlich anzulasten, schloß sich »Report«-Mertes in seinem Appell gegen den »Pakt mit den Rechtsbrechern« an.

Der Journalist, in Fernsehkreisen als »neuer Gerhard Löwenthal« verspottet, brachte die Hafenstraße sogar mit dem weltweiten Terrorismus in Verbindung. Mertes: _____« Wir haben über die siebziger und achtziger Jahre » _____« lernen müssen, daß Terror und Gewalt durch ein weltweit » _____« verästeltes Wurzelwerk miteinander verbunden sind. » _____« RAF-Terroristen hierzulande haben ihr mörderisches » _____« Handwerk in palästinensischen Ausbildungslagern » _____« trainiert. In den bundesweit bekannten Häusern in » _____« Hamburgs Hafenstraße suchen nunmehr frühere RAF-Häftlinge » _____« Unterschlupf. »

Auch Dohnanyi selbst wurde von »Report« angerempelt. Mertes: _____« Wir hätten gern heute abend Hamburgs Ersten » _____« Bürgermeister von Dohnanyi zu der Lage in der Hansestadt » _____« und zu seiner künftigen Politik befragt, aber unser » _____« Interviewwunsch, unsere Einladung, wurde abschlägig » _____« beschieden. »

Was Mertes nicht erwähnte: Mandlik hatte, als er nach Hamburg kam, nur einen Termin mit CDU-Fraktionschef Perschau verabredet. Dohnanyi konnte trotz aller Bemühungen kein Interview mehr geben, er ging am nächsten Tag in Urlaub.

Am Mittwoch letzter Woche, einen Tag nach Dohnanyis Rücktrittserklärung, eckte Mandlik im Hamburger Rathaus schon wieder an. Er bekam einen Interviewtermin mit Dohnanyi, wollte aber, anders als mit der Pressestelle vereinbart, den Bürgermeister für »Report« nur nach der Hafenstraße fragen. Dohnanyi lehnte ab und bemerkte, daß die Kamera schon lief.

Bis Ende der Woche bemühte sich Senatssprecher Reimer Rohde vergebens um die »Report«-Zusage, daß die heimliche Aufnahme nicht gesendet wird. Rohde: »Ein eklatanter Verstoß gegen die Spielregeln.«

[Grafiktext]

DIE »STADTGUERILLA«-FÄLSCHUNG Angeblicher Steinwerfer Angeblicher Melder Tatsächliche Position der gefilmten Personen (Die Häuserzeile wurde von »Report« geschnitten.)

[GrafiktextEnde]

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