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BUNDESWEHR Alarm per Telephon

aus DER SPIEGEL 43/1968

Der sowjetische Panzersprung in die böhmischen Wälder wird Westdeutschlands Reservisten die Ruhe rauben. Denn mit dem 1,2-Millionen-Heer gedienter Soldaten soll die Bundeswehr ihre lichten Reihen künftig fester schließen.

So empfiehlt es ein Planentwurf des Ständigen Nato-Rates, über den die atlantischen Außenminister Mitte November in Brüssel zu befinden haben.

Das ruhestörende Programm fußt auf der jüngsten Lagebeurteilung der westlichen Verbündeten. Danach verfügt der Warschauer Pakt heute über 14 (vorher: 20) sowjetische und sechs ostdeutsche Divisionen in der DDR;

* 18 bis 20 (vorher: keine) sowjetische und vier (vorher: keine) polnische Divisionen In der CSSR;

* zwei bis drei (vorher: zwei) sowjetische und zehn polnische Divisionen in Polen;

* vier sowjetische und sechs ungarische Divisionen in Ungarn.

Bilanz: Die Sowjets haben während der Tschechenkrise ihre Streitmacht in den mitteleuropäischen Satellitenländern um rund 15 Divisionen verstärkt. Zwar ist das Gleichgewicht zwischen Nato und Warschauer Pakt insgesamt stabil geblieben, aber die Ost-Divisionen sind auf dem europäischen Schachbrett seit der CSSR-Besetzung günstiger placiert.

Allerdings wird sich in absehbarer Zeit der östliche Positionsvorteil verringern. Die Nato-Strategen rechnen damit, daß die Sowjets letztlich nur ein Armeeoberkommando mit sechs bis acht Divisionen in Böhmen unterhalten werden.

Angesichts dieser begrenzten Gewichtsverlagerung sowjetischer Macht -- Nato-Urteil: »Lediglich eine indirekte, aber keine direkte Bedrohung« -- wollen die westlichen Waffenbrüder keine neuen Truppenverbände aufstellen, jedoch die vorhandenen Divisionen kampfkräftiger und reaktionsschneller trimmen:

* Die Truppenverbände sollen ständig 85 Prozent ihrer Kriegsstärke erreichen;

* die restlichen 15 Prozent sollen im Ernstfall »in wenigen Tagen« mit ihren Einheiten marschbereit sein. Die erste Forderung bedeutet für die Bundeswehr, mehr Soldaten als bisher unter Waffen zu halten. Zur Zeit treten häufig nur 60 bis 75 Prozent der planmäßig vorgesehenen Soldaten zum täglichen Dienst an. Grund für die Ausfälle: Krankheit. Urlaub, Lehrgänge oder unbesetzte Planstellen.

Damit die Bundeswehr Ihr Soldaten-Defizit wenigstens etwas vermindern konnte, war ihr bislang im Verteidigungshaushalt das Geld für 4000 Reservisten bewilligt worden, die den Personalbestand der Streitkräfte von 451 000 auf 455 000 Mann erhöhen. Das bedeutet: Insgesamt 424 000 Reservisten pro Jahr können in Drei-Tage-Alarmübungen, oder 48 000 Reservisten in Vier-Wochen-Wehrübungen durchgeschleust werden.

Wenn aber die Truppe nach den Nato-Wünschen in Zukunft ständig 85 Prozent der Kriegsstärke aufweisen soll, müßten pro Jahr schätzungsweise 700 000 Reservisten zu Vier-Wochen-Wehrübungen einberufen werden; ein enormer Produktionsverlust in der Wirtschaft sowie Milliardenausgaben für Reisespesen, Sold, Fourage und Verdienstausfall wären die Folgen.

Den anderen Nato-Wunsch -- raschere Mobilisierung im Ernstfall -- hat die Bundeswehr schon vorweg erfüllt. Ihr Sortiment an ausgebildeten Vaterlandsverteidigern ist so reichhaltig, daß jede Garnison aus einem Umkreis von 50 Kilometern genügend Reservisten einberufen kann.

Die Mob-Reservisten haben zu Hause ihren Einberufungsbescheid. Im Panzerschrank der Kompanie liegt zugleich eine Liste, in der vermerkt ist, mit welchem Nachrichtenmittel der Reservist am schnellsten alarmiert werden kann: per Kradmelder, Telephon oder Telegraph. Binnen 24 Stunden waren so bei den bisherigen Alarmübungen die Reservisten zur Stelle und die Kompanien kriegsstark.

Mit einer Kette von Alarmübungen will die Bundeswehr fortan noch kürzere Mob-Zeiten erreichen. Außerdem will sie herausfinden, in welchen Gegenden und zu welcher Jahreszeit mehr Reservisten als gewöhnlich einberufen werden müssen, um den Ausfall etwa in der Urlaubszeit oder an Festtagen wettzumachen.

Schließlich spekuliert das Verteidigungsministerium darauf, daß häufige Drei-Tage-Alarmübungen den Charakter des Außergewöhnlichen verlieren und in Zukunft niemand mehr unterscheiden kann, ob die Reservisten nur übungshalber in die Kasernen reisen oder ob es Ernst wird.

Für den Kriegsfall, so scheint es daher, ist die Bundeswehr besser gerüstet als für friedliche Zeiten. Denn »wesentlich mehr Vier-Wochen-Wehrübungen, als im Etat vorgesehen, können wir nur machen, wenn die Lage wirklich kritisch ist«, heißt es auf der Bonner Hardthöhe.

Aber selbst wenn genug Geld in der Bundeskasse für Vier-Wochen-Wehrübungen vorhanden wäre, könnte die Bundeswehr den Reservistenschub nicht verkraften: Ihr fehlen für das im Etat vorgesehene Plansoll rund 38 000 Unterführer und Offiziere.

Bundesfinanzminister Strauß strich im Verteidigungshaushalt 1969 bereits 21 000 Planstellen, die Kollege Schröder ohnehin nicht besetzen kann.

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