Zur Ausgabe
Artikel 66 / 82
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AFRIKA ALBERT SCHWEITZER

aus DER SPIEGEL 38/1965

Wir haben ihn gegessen, den Doktor Albert Schweitzer«, könnte nach seinem Vorschlag auf dem Grabstein stehen. Jeder sechste Einwohner des schwarzen Kongostaates Gabun, über dessen glühendem Himmel der Äquator steht, ist mindestens einmal sein Patient gewesen.

Mehr als vierzig Jahre hat Schweitzer, der promovierte Theologe, Philosoph und Mediziner, dort Neger zu heilen, Lepröse zu pflegen versucht, nach seinen Regeln und seinen Erfahrungen, bei Petroleumlicht und Orgelspiel, mit Morgenappell - einschließlich des »Attention! Fixe!«, dem »Achtung« und »Stillgestanden«, das er selbst kommandierte -, mit Püffen und Knuffen, mit Ungeduld und Liebe.

Über vierzig Jahre hat er, zwischen Hühnern, Ziegen, Schlangen, Schimpansen, Gorillas, Pelikanen, zwischen Katzen, Hunden und Moskitos, sich um Sterbende bemüht, die ihm erst gebracht wurden, wenn der Medizinmann nicht weiterwußte, hat er Kinder auf die Welt gehoben, die vor den unordentlichen Müttern versteckt werden mußten, hat er Baracken bauen lassen und Pumpen repariert, zwischendurch für Photographen den Schnauzbart gesträubt, mit Buber, Einstein, Nehru und Heuss korrespondiert, die Welt vor Atombomben gewarnt, Kennedy zum Atomstopp-Vertrag gratuliert, den Nobelpreis entgegengenommen, über den Sinn des Lebens geschrieben - Relikt aus einem humaneren Jahrhundert, Idol und Alibi für das gegenwärtige, das sich, nach Verrichtung des schuldigen Lambarene-Kults, gelassen seinen eigenen Geschäften zuwendet.

Als Schweitzer fürs moralische Schaugeschäft entdeckt wurde, war sein Werk, das Urwaldspital, nur noch eines unter Hunderten, und unter diesen längst nicht mehr das beste. Wiederentdeckt wurde dabei das um Jahrzehnte zurückliegende Mammutpensum eines Europäers, der zweifellos nicht um Mitternacht die Lampe gelöscht haben kann, der als Philosoph Theologie studiert hatte und, nun schon Theologie-Dozent, noch Medizin dazu, und derweil predigte (er hat Heuss getraut), quer durch Europa Orgelkonzerte gab, als erster den Orgelbau der Welt normierte, in einem 800-Seiten-Buch dem zwanzigsten Jahrhundert die Entdeckung Johann Sebastian Bachs ermöglichte und über die Leben-Jesu-Forschung ein Grundsatzbuch schrieb, dessen Resultat die Theologie weit mehr irritiert hat als den Autor, der sich gleichwohl für einen Christen hielt: »Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, die Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete, das Himmelreich auf Erden gründete und starb, um seinem Werk die Weihe zu geben, hat nie existiert.«

Als Kind hatte ihn die Frage beschäftigt, was die Eltern Jesu mit dem Geld und den Schätzen angefangen hatten, die ihnen von den Weisen aus dem Morgenland an die Krippe gebracht worden waren. Als erwachsener Mann (er war Sartres Großonkel) blieb er ähnlich ungeniert.

Die Antwort auf einen werbenden Brief der Reichsregierung mit der stereotypen Schlußformel »Mit deutschem Gruß« unterschrieb er höflich »Mit zentralafrikanischem Gruß«. Amerikanischen Reportern, die ihn nach seiner Stellung zum Kommunismus fragten, antwortete er: »Solche Fragen existieren im Urwald nicht.« In der Eisenbahn benutzte er, solange das ging, die dritte Klasse, und auch nur, »weil es keine vierte gibt«, ein Flugzeug hat er nie bestiegen.

Eine Vortragsreise in die Vereinigten Staaten unternahm er erst, als er das angebotene Honorar in den Gegenwert für notwendige Reparaturen und notwendige Bananenkäufe umgerechnet hatte. Häuserbau und ärztliche Versorgung richteten sich

nach seinem Wort, das stets das letzte war. Nach der Zeit der Welt wollte er sich nicht richten, geschweige nach der Ortszeit: Die Uhren in Lambarene gingen nach seinem Kommando, zur besseren Nutzung des Tageslichts, um zwanzig Minuten nach.

In Afrika ist er über Gabun nie hinausgekommen; die Idee, eine Eingeborenen-Sprache zu lernen, war ihm völlig fremd, und ebenso fremd war ihm jede Entwicklungshilfen-Sentimentalität. Die Eingeborenen, die bei ihm lesen gelernt hatten, weigerten sich danach, Handarbeit zu machen. Über eine Heuschrecke trat er vorsichtig hinweg, ein träger Neger war vor einer Ohrfeige niemals sicher: »Ich bin euer Bruder, aber der ältere.«

Ob er von den Weißen, die ihn schon zu Lebzeiten zum Denkmal gemacht hatten, viel anders dachte, steht dahin. Einige seiner Mitarbeiterinnen haben jahrelang den Kampf um die Erledigung der Korrespondenz geführt und diesen Kampf Tag für Tag verloren; als Briefpartner war Schweitzer in allen Kontinenten der Welt hoffnungslos verschuldet. Aber er dürfe, hatte er gesagt, sich keinem Menschen versagen, »der glaubt, daß ich ihm helfen kann - und sei es durch ein Autogramm«.

Zur Ausgabe
Artikel 66 / 82
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.