Ermittlungen nach Mordanschlag Nawalny bittet Vereinte Nationen um Hilfe

Weil Russland in seinem Fall nicht ermittelt, hat Kremlkritiker Nawalny nun zwei Uno-Sonderermittlerinnen gebeten, seinen Fall zu untersuchen. Nach SPIEGEL-Informationen werden sie die Mission übernehmen.
Kremlkritiker Nawalny hofft auf Hilfe durch die Uno

Kremlkritiker Nawalny hofft auf Hilfe durch die Uno

Foto: Pavel Golovkin / dpa

Der Kremlkritiker Alexej Nawalny hat den in Sibirien auf ihn verübten Mordanschlag mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok überlebt, aber offenbar keine Hoffnung mehr, dass russische Behörden jemals die Hintermänner und Auftraggeber ermitteln.

Über seinen französischen Anwalt William Bourdon hat Nawalny, der sich weiterhin in Berlin aufhält und sich von den Folgen seiner Vergiftung erholt, daher die Uno-Sonderberichterstatterin für außergesetzliche Hinrichtungen, Agnès Callamard, sowie ihr Kollegin Irene Khan, Uno-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit, gebeten, sich mit seinem Fall zu befassen. Die beiden Uno-Vertreterinnen waren nach SPIEGEL-Informationen in der Sache bereits in Berlin und haben Nawalny zu einer längeren Besprechung getroffen.

Uno-Sonderbotschafterin Callamard bestätigt den Vorgang auf Anfrage. Sie werde "die Vorwürfe genauestens prüfen und tiefgreifend analysieren". Wie lange dieser Prozess dauern werde, könne sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Inhaltliche Einschätzungen zu den Vorwürfen werde sie erst abgeben, wenn die Untersuchungen abgeschlossen und "mit dem betreffenden Staat erörtert worden sind", so Callamard.

Nawalnys Anwalt Bourdon betont, es sei nicht nur für Nawalny, sondern für "die internationale Gemeinschaft" wichtig, zu erfahren, wer hinter dem Anschlag steckt. "Alexej und wir werden alles dafür tun, die Ermittlung der Sonderberichterstatterinnen zu unterstützen", sagt Bourdon.

Nawalny selbst hatte auf seiner Webseite gestern über die kuriose Situation berichtet , dass es zwar einen Mordanschlag auf ihn gab, aber russische Behörden in der Sache nicht ermittelten; es gebe zwar ihn als Opfer - aber "keinen Fall".

Bei der Prüfung ähnlicher Fälle in der Vergangenheit habe sein Team festgestellt, dass eine internationale Institution existiere, die "voll befugt" sei, den Vorgang zu untersuchen - das Uno-Sonderberichterstattergremium für außergesetzliche Hinrichtungen. Nawalny erwähnt beispielhaft Callamards Untersuchung im Fall des Journalisten Jamal Khashoggi, der im Oktober 2018 in Saudi-Arabiens Botschaft in Istanbul bestialisch ermordet und zerstückelt worden war.

Agnès Callarmard hatte in dem Fall sechs Monate ermittelt und ihre Ergebnisse in einem umfangreichen Report  veröffentlicht, in dem sie Saudi-Arabien als Staat und fünfzehn seiner Agenten für die "geplante Exekution" verantwortlich machte. Zudem gebe es glaubwürdige Beweise, die weitere Ermittlungen notwendig machten, auch gegen den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman.

In seinem Fall könne die Sonderbotschafterin etwa von Russland die Herausgabe seiner Kleidungsstücke sowie die medizinischen Unterlagen über seine Behandlung in Omsk verlangen, schrieb Nawalny. Zudem kann Callamard im Rahmen ihrer Tätigkeit auch Reisen an die Tatorte unternehmen.

Nawalnys Anwalt Bourdon räumt ein, dass die Mission der beiden Uno-Vertreterinnen wohl nicht einfach werden wird, verweist aber auf Callamards Arbeit in Sachen Kashoggi. Sie habe dabei "äußerst professionell" agiert.

Der Kremlkritiker selbst vermutet, dass er über seine Kleidung in Kontakt mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok gekommen sein könnte. Auch an einer Wasserflasche aus seinem Hotelzimmer fanden sich Spuren davon. Ein Labor der Bundeswehr hatte Proben Nawalnys analysiert und den "zweifelsfreien Nachweis eines chemischen Nervenkampfstoffes der Nowitschok-Gruppe erbracht". Zwischenzeitlich haben mehrere internationale Labore diesen Befund bestätigt - zuletzt gestern die Chemiewaffen-Kontrollbehörde OPCW.

Nawalny hat keine Zweifel, wer hinter dem Anschlag auf ihn steckt. "Ich behaupte, das hinter der Tat Putin steht, und andere Versionen des Tathergangs habe ich nicht", sagte er dem SPIEGEL vorige Woche in seinem ersten großen Interview nach seiner Entlassung aus der Berliner Charité.

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