Zur Ausgabe
Artikel 2 / 50
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ALGERIEN ALI HINTER DER KACHELWAND

aus DER SPIEGEL 5/1960

Der Krieg beginnt an einer klinkenlosen Tür auf dem Flugplatz Orly, 16 Kilometer im Süden von Paris. Einzeln werden die Passagiere nach Algier von einem schwarzen Zöllner in eine kleine Kabine hinter der Sperrholztür gewinkt. Und mit entwaffnender Routine gleiten die Hände des farbigen Kolonialfranzosen unter unsere Achseln, über Hüften und Hosentaschen bis an die Waden, dort wo professionelle aber nicht lizenzierte Waffenträger die kleineren Kaliber aufzuhängen pflegen. Hinter der Entwaffnungsstelle kontrollieren Beamte der Staatssicherheitstruppe CRS die Pässe und Einreisegenehmigungen.

»Algerien ist eine französische Provinz wie die Bretagne«, hatte uns Ex-Premier-Georges Bidault vor unserer Abreise versichert. Eine Provinz mit eigenem Zoll, eigener Währung und Visumzwang, mit einem nun schon fünfjährigen Krieg und einer Hauptstadt, in der die farbigen und weißen Feinde des General-Staatschefs de Gaulle - Rebellen und Reaktionäre nur durch die Anwesenheit der Armee in Schach gehalten werden: Algier.

Der einarmige Oberstleutnant Boutier hat an diesem Nachmittag im Generalgouvernement zu Algier zwei Mitteilungen zu machen: »16.19 Uhr: Der erste Öltropfen aus der Sahara durch die Pipeline im Mittelmeerhafen Bougie eingetroffen. 17.04 Uhr: Explosion einer Handgranate in Algier, Ecke Rue St Louis und Rue Bab Azoun; 17 Verletzte.«

Am Abend sind die gefleckten Fallschirmjäger des Generals Massu in der Rue Bab Azoun aufgezogen. Die dunkle Straße, die von zwei Geschäfts-Arkaden eingesäumt wird, bildet die untere Grenze der am Hang aufsteigenden Casbah - der Moslemstadt von Algier.

Etwa alle dreißig Meter, überall dort, wo eine Gasse, ein Gang oder eine Treppe von der Straße fort in die Moslemstadt führt, halten Doppelposten der »Paras« Wache. Dazwischen patrouillieren Streifen, oft hellhäutige Franzosen unter Führung eines farbigen Sergeanten.

Lautlos, wie Dschungel-Kämpfer, gleiten die Fallschirmjäger auf Gummisohlen über das Pflaster oder lehnen regungslos in Häusereingängen und Mauernischen. Hinter ihrer zur Schau getragenen Gleichgültigkeit lauert schußbereites Mißtrauen. Manche wenden kaum den Kopf, um den Passanten aus den Augenwinkeln zu mustern, andere schwenken katzengleich herum, sobald sich Schritte ihrem Rücken nähern, Wie von ungefähr sieht man sekundenlang in das bläulich schimmernde Maul der im Hüftanschlag umgehängten Maschinenpistole.

Wer den »bemalten Männern«, wie sich die Fallschirmjäger nach ihrem Kampfdreß aus olivgrünem und erdbraunem Zeltbahnstoff nennen, verdächtig erscheint, wird gestellt: Einer tastet nach Waffen und prüft die Ausweise, sein Kamerad überwacht die Prozedur im Sicherheitsabstand von einigen Metern.

Teilnahmslos lassen die verdächtigen Algerier - meist mit erhobenen Händen - die Leibesvisitation über sich ergehen. Sie gehört so selbstverständlich zu ihrem Abendspaziergang wie das Herumlungern vor den Spielautomaten der zahllosen Espresso-Bars.

Auch der Kino-Besuch ist mit solchen Inspektionen verbunden - es war ein beliebter Trick der Terroristen, Zeitbomben unter Kinositze zu bugsieren, um die nächste Vorstellung durch einen Feuerzauber zu bereichern.

Vor einem Lichtspielhaus vergällt an diesem Abend ein orientalischer Portier zwei deutschen Fremdenlegionären den Genuß an den Fronterlebnissen des authentischen US-Kriegshelden Audey Murphy ("To hell and back"), indem er trotz lauter Proteste darauf besteht, mit seinen Wurstfingern ihre khakibraunen Waffenröcke nach verborgenen Bomben abzutasten.

Meist sind es matthäutige Halbwüchsige und junge arabische Männer, die das Mißtrauen der Streifen und Posten erwecken. Denn seit die organisierten Untergrundkader der Aufständischen im Stadtbezirk Algier von General Massus »Paras« und Zuaven zerschlagen wurden, rekrutieren sich die Attentäter der selten gewordenen Anschläge fast ausschließlich aus den Reihen halbstarker Magrebiner, die Abenteuer und Handgeld suchen, keine familiären Verpflichtungen kennen, dafür aber die Chance haben, selbst vor französischen Militärgerichten als jugendliche Mörder mit dem Leben davonzukommen.

Die Taktik des Terrors hat sich nicht geändert: Bei möglichst geringer Gefahr für das eigene Leben möglichst viele Opfer auf einen Streich zu erlegen, gleich ob es Frauen, Kinder oder Männer, Europäer oder Araber sind. Der Terrorist fragt nicht danach, ob er Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung oder Kämpfer fürs »Algérie francaise« trifft. Der Krieg aller gegen alle ist sein Ziel.

Höllenmaschinen in vollbesetzten Autobussen, Handgranaten in Milchbars zur Stunde des Schulschlusses und Zeitbomben in den Papierkörben an Plätzen mit gedrängtem Publikumsverkehr - das sind die bevorzugten Methoden der militärisch machtlosen »Freiheitskämpfer«. Erst dieser Tage warf sich ein Feldwebel in dem Café »Chez Ali über eine hereingetrudelte Bombe und ließ sich zerfetzen, um seine beiden spielenden vier- und siebenjährigen Söhne zu retten.

Auch die Handgranate in der Rue Bab Azoun wurde von der sicheren Höhe einer steilen Treppe ungezielt in das Menschengewoge des Spätnachmittags auf der viele Meter tiefer liegenden Geschäftsstraße geworfen. Die Attentats-Helden, die sich untereinander stolz El-Mudschahid (Der Kämpfer) nennen, entkamen unerkannt in die angrenzende Casbah.

80 000 Muselmanen hausen dort auf 56 Hektar Hangfläche (ein Quadrat von 750 Metern Seitenlänge)* in einem Gewirr winkliger Gassen, ineinandergeschachtelter Häuser, steiler Treppen und lichtloser Gänge.

Noch 1957 war dieses Labyrinth mit Stacheldraht von der Außenwelt abgeschlossen. Nur durch drei Öffnungen in den spanischen Reitern, an den Läufen von Maschinengewehren vorbei, konnten die Bewohner der Casbah offiziell aus ihrem Getto in die Stadt. Europäer - auch Soldaten - durften nicht hinein.

Die Casbah war damals vom Terror der Aufständischen beherrscht und mit Sprengstofflagern gespickt. Arabische Chemiker und Apotheker mixten Molotow-Cocktails, bastelten Hafthohlladungen und konstruierten Zeitzünder in geheimen Labors. Die Terrorkader verteilten Handgranaten und Maschinenpistolen zum täglichen Einsatz. Heute sind die Waffendepots von Algier ausgehoben. Die wenigen Bomben, die in der Stadt explodieren, sind mühevoll aus dem Landesinneren eingeschmuggelt, unter Feldfrüchten der morgendlichen Gemüsetransporte. Statt des Stacheldrahts ist um die Casbah ein Kordon von Fallschirmjägern gezogen, und inmitten des Häusergewirrs liegen drei Wachen von je 30 Zuaven, deren Patrouillen jeden Winkel der Eingeborenenstadt durchstreifen.

Das Polizei-Kommissariat des II. Stadtbezirks liegt an der oberen Grenze der Casbah. Vor der Pforte steht ein schmaler, schulterhoher Splitterschutz, der dem Wachtposten vor Handgranaten und Feuer Deckung geben soll. Der Posten trägt eine Maschinenpistole.

Durch den dünnen Regen kommen drei olivfarbige Gestalten mit roten Feldmützen auf uns zu: drei Zuaven vom 9. Bataillon auf Patrouille durch die Casbah. Wir schließen uns ihnen an.

Frankreichs Zuaven-Regimenter tragen nur noch aus Traditionsgründen ihren romantischen Namen; die meisten Einheiten bestehen aus Weißen.

Sergeant Koenig, Führer unserer Patrouille, wird in zehn Tagen in seinen oberelsässischen Heimatort Tann entlassen. Auch seine beiden gemeinen Zuaven haben nichts mit den Sarotti-Mohren gemeinsam; der eine stammt aus Besancon, der andere aus Lyon. Sie kennen in der Casbah von Algier jedes Haus ihres Viertels, dessen Besitzer und die Familienoberhäupter.

Ein freundliches »Bonjour, Madame; Bonjour, Monsieur« auf den Lippen, öffnen sie mit Fußtritt und lächelnder Unbefangenheit Eingangstore, Schlaf- und Badezimmertüren oder Moscheepforten. Öfter als dreimal klopfen sie an keine verschlossene Tür. Dann schnappt Sergeant Koenig mit dem Messer selber das Schloß auf. Seine väterliche Jovialität gegenüber graubärtigen Korangelehrten, verschleierten Frauen und bettelnden Kindern verliert er dabei nicht.

Der Weg ins Innere der Casbah führt durch armbreite Gassen, über denen die Häuser mit ihren vorspringenden Stockwerken zusammenwachsen, bis oben schließlich nur noch ein schmaler Spalt, kaum eine Handbreit Himmel, bleibt.

In den schulterhohen Torbogen hockt das Mittelalter. Ein sengender Geruch sticht uns in die Nase, süßlich wie abgestandenes Blut und scharf wie verbranntes Fleisch. Auf einem Holzkohlenfeuer schmoren ein Dutzend enthäuteter Schafsköpfe. Daneben steht ein kupferner Kessel mit abgehackten Hammelfüßen. Durch einen Schleier von beizendem Rauch starrt uns der Schafsköhler mit einem rotgeränderten Auge ausdruckslos an. Das andere ist ausgestochen.

Ein paar Schritte weiter dringt feiner Singsang durch vergitterte Fensterbogen. Über eine enge Stiege verlassen wir die Straße und steigen in einen zimmergroßen Garten, den Friedhof der Moschee Sidi Ben Ali. Über den Marmorgrabsteinen zweier türkischer Prinzessinnen wuchert quer durch den Hof eine Platane.

Das primitive Mausoleum des Marabut Sidi Ben Ali bildet eine Rückwand des Gartens; im gegenüberliegenden brusthohen Säulengang hocken auf ihren Socken im Schneidersitz betende Muselmanen.

Das Stockwerk darüber beherbergt die winzige Koranschule der Moschee. In einem kahlen schmalen Raum leiert ein Vorbeter die Koran-Suren herunter; ein Dutzend hundeäugiger Buben und Mädchen plappert ihm nach.

Gerade ist ein neuer Koran-Schüler durch die Pforte geschlüpft. Zuerst zieht der magrebinische Dreikäsehoch seine Stiefel aus, dann schält er sich aus einem dunkelblauen Duffle-Coat, und schließlich betritt er - schon mitsummend - die Gebetsmatten, über die Sergeant Koenig und seine Zuaven bedachtsam hinwegtreten.

Trübe Regenlachen auf rötlichem Lehmboden zwischen Grundwasser-Resten an der Rue de Abderames in der oberen Casbah sind das einzige, was an das Terroristen-Hauptquartier des Ali la Pointe erinnert. Ali, seines spitzen Messers wegen »la Pointe« genannt, war ein gewerbsmäßiger Halsabschneider, der als Herr der Casbah starb. Die Rebellen hatten ihn als Kaderchef des Terrors in Algier geworben.

Einen algerischen Sommer lang tyrannisierte Ali die weiße Stadt am Meer. Einen Tag und eine Nacht dauerte sein letzter Kampf: Von seinen Glaubensbrüdern verraten, von Fremdenlegionären in seinem Versteck belagert, verteidigte er sich 24 Stunden in seiner Todesfalle und verweigerte die Kapitulation.

Schließlich sprengten die Legionäre, die ihn gerne lebend fangen wollten, die Haustür. Doch die geballte Ladung zündete wie ein Blitz Alis verborgenes Sprengstoff-Arsenal. Auf ihren eigenen Höllenmaschinen fuhren Ali und seine letzten Mitverschworenen gen Himmel.

Was von seinem Hause übrigblieb, machten Frankreichs Pioniere dem Erdboden gleich - eine Warnung für alle Muselmanen, daß dort, wo sich der Terror einnistet, kein Stein auf dem anderen bleibt.

Eine lärmende Kindermeute, die auf diesem einzigen freien Platz in der Casbah spielt, verdrückt sich die Gasse aufwärts, als wir uns nähern. Kommen Sie«, sagt Sergeant Koenig, »ich zeige Ihnen mehr von Ali la Pointe.«

Ein anderes Versteck des Terroristen-Chefs lag im Impasse Lavoissier, ein paar Gassen entfernt. Wieder öffnet Sergeant Koenig eine kinnhohe Hauspforte und schreitet über die Kacheln eines engen maurischen Innenhofs auf eine dunkle Treppe zu, die in die oberen Stockwerke führt. Im Lichtschein seiner Taschenlampe stolpern wir die ungleichen Stufen empor. Der Zuaven-Sergeant rutscht aus, hart schlägt sein Karabiner gegen den Stein. Alle zucken unwillkürlich zurück. Keine Sorge«, beruhigt er die Partie. »Das Ding kann nicht losgehen. Nur in der Pistole habe ich eine Kugel im Lauf.«

Auf dem oberen Treppenabsatz schlägt der Patrouillenführer mit der flachen Hand gegeh eine Bohlentür, Noch ehe sich schlürfende Schritte nähern, hat -er das Schloß mit dem Messer aufgeschnappt. Wir treten auf eine Galerie, die den Innenhof umschließt. Vier Türen, auf jeder Seite eine, öffnen sich auf die Galerie. Hinter jeder Tür liegt ein langer schlauchartiger Raum - Heim je einer vielköpfigen Moslemfamilie.

Eine Wohnung ist leer. Dahin gehen wir. Die Tünche der Wände ist abgeblättert, der Putz zerbröckelt, Bajonetteinstiche haben ein bizarres Kratermuster eingekerbt. In der Ecke rechts der Tür gähnt ein viereckiges Loch im Fliesenboden, gut einen Meter tief. Dort hatte Ali la Pointe Bomben eingelagert. Ein Kühlschrank über dem Versteck diente als Fassade, bis die Soldaten ihn beiseite rückten.

Als einziges Möbel des Zimmers steht an der anderen Querwand ein eisernes Bettgestell barbarischer Kunstschmiedearbeit mit groben Arabesken und bunten Glühbirnen zur Illuminierung der Nächte des Hausherrn. Er allein schlief stets auf diesem monströsen Lager, sein Harem zu seinen Füßen auf den Bodenmatten.

Links vom Bett befindet sich eine gekachelte Nische mit eingelassenen Eisenleisten, auf denen früher das Tablett mit dem Teeservice der Familie stand. Behutsam drückt ein Zuave mit der MP gegen die Kachelwand. Sie weicht zurück und gibt den Blick in ein schmales Mauerverlies frei, wo notfalls drei Mann gedrängt kauernd Schutz vor ihren Verfolgern finden könnten. Oft hockte hier Ali la Pointe hinterm Teeservice, während französische Soldaten vergeblich die Wände abklopften.

Ali la Pointes politischer Kommissar und FLN-Organisationschef für Algier, Yacef Saadi, hatte seinen bevorzugten Unterschlupf in der Rue Caton - genannt nach dem römischen Senator, dessen Hauptanliegen es war, das nordafrikanische Karthago zu zerstören.

Der reinliche Yacef Saadi, der heute im Barbarossa-Gefängnis* von Algier auf seinen Prozeß wartet, hatte seine Geheimverliese um eines der in der Casbah seltenen Badezimmer gruppiert. In einem Doppelboden im Treppenhaus, nur über eine anzustellende Hühnerleiter zu erreichen, konnte er liegend Unterschlupf finden, die nachgezogene Leiter neben sich.

Yacef Saadis zweite Fluchtlinie verlief nicht horizontal, sondern vertikal: Sobald Soldatenfäuste an die Eingangspforte donnerten, ließ er sich an einem Seil den engen Luftschacht hinunter, der an seinem Badezimmer vorbeiführte; einen Stock tiefer gehangelt, zwängte er sich dann durch eine Maueröffnung und befand sich auf der Dachterrasse des nächsten, hangabwärts gelegenen Hauses.

Über die Dächer der Casbah konnten Ali la Pointe, Yacef Saadi und ihre Gefolgsleute von einem Ende der Moslemstadt bis zum anderen eilen, ohne ein einziges Mal eine Straße zu betreten. So ist es in der Casbah von Algier; so ist es in allen alten Städten des islamischen Orients.

Die strenggläubigen Mohammedaner hielten darauf, daß die Frauen ihres Harems - das Wort hat im Arabischen eine unverfänglichere Bedeutung als im Sprachgebrauch der Christen: es ist der Haushalt des Familienoberhauptes schlechthin - tunlichst die Straßen nicht betraten. Die Straßen und Plätze der Stadt sind für die Herren und Meister geschaffen, nur alte Frauen, ganz junge Mädchen und Dienerinnen sollten den Markt und die Basare besuchen. Die Frauen im begehrenswerten Alter hatten sich im Hause aufzuhalten, das wie eine Festung nach außen geschlossen und um den Innenhof herumgebaut ist.

Um aber auch die Damen wenigstens zuweilen frische Luft schnappen zu lassen und ihnen einen Klatsch mit der Nachbarin zu ermöglichen, erhielt im Laufe der Jahrhunderte jedes Haus eine Dachterrasse, die mit zumindest zwei anderen Terrassen durch eine Dachbrücke, eine Pforte oder eine Mauerscharte verbunden ist, so daß die Frauen von einem Haus zum anderen gehen können, ohne jemals einen Fuß auf die verbotene Straße zu setzen.

Zwar hat die Strenge der althergebrachten Bräuche nachgelassen, die Zeit auch den Frauen die Straße geöffnet, aber die zweite Etage der Städte, die Frauenstraße der Dachterrassen, ist geblieben.

Seit jeher ist sie allen, die sich vor den Schergen der Machthaber verbergen müssen oder fliehen wollen, ein Gnadengeschenk Allahs gewesen. Die Agenten und Terroristen der algerischen Rebellion nutzten, wie vor ihnen ihre Vorbilder in den Städten Marokkos und Tunesiens, diesen unschätzbaren Vorteil.

Wenn Militärpatrouillen die Gassen durchkämmten und die Häuser umstellten, huschten zu ihren Häuptern die gejagten Dachhasen über die Frauenetage in ein von der Treibjagd verschontes Stadtrevier, um in anderen Schlupf Winkeln des unergründlichen Baus unterzutauchen.

Alle diese Schleichwege und Verstecke sind heute den Soldaten so gut bekannt wie einst den Rebellen. Glaubensbrüder der Terroristen haben sie verraten; freiwillig oder gefoltert. Wenn er, so hatte der Fallschirmjägergeneral Massu einmal gesagt, jemanden in Händen halte, der wisse, wo Höllenmaschinen verborgen sind, dann werde er ihn zum Sprechen bringen - »so oder so«. Den von den Franzosen verhörten Moslems wurde die Zunge gelöst - so oder so. Es gibt keine organisierten Terrorkader mehr in Algier. Die Casbah hat ihre Geheimnisse preisgegeben.

Dafür, daß sie keine neuen Geheimnisse hinter ihren Lehmmauern gebiert, bürgt das Blockwart-System des Mao Tse-tung. Fallschirmjägeroberst Godard, Chef des Staatssicherheitsdienstes und der Polizei in Algerien, hat in der Casbah jene Spitzelorganisation aufgezogen, mit der die chinesischen Kommunisten ihre dichtbesiedeltsten Kommunen kontrollieren.

Die Eingeborenenstadt ist in kleine Zellen aufgeteilt, von denen je eine mehrere Hausgemeinschaften umschließt, eine bestimmte Chiffre trägt, die an die Häuserwände gepinselt ist und von einem muselmanisehen Vertrauensmann überwacht wird.

Dieser Blockwart, der alle Nachbarn und Mitbewohner kennt, wurde von den französischen Behörden nach gründlicher Gehirnwäsche »so

oder so« zur Mitarbeit gewonnen und ist verpflichtet, dem Staatssicherheitsdienst über alle bemerkenswerten Vorgänge Bericht zu erstatten. Auf seine Arbeit ist Verlaß; denn geht etwas schief, so wird er als erster zur Rechenschaft gezogen. Dieses System ermöglicht es, daß heute - obgleich es nicht gewünscht wird - besonders wagemutige Fallschirmjäger und Zuaven sogar allein in Zivil durch die Casbah spazieren.

Wir drängen uns durch das stinkende Gewimmel des Casbah-Marktes. Lastträger balancieren Körbe, gefüllt mit weißlich-schleimigen Tintenfischen, auf ihren Turbanen durch das Gedränge. Doch ist ihre Last auch noch so schwer, schweigend quetschen sie sich an die Seite, um der Streife Platz zu machen. Sie lächeln nicht, sie blicken nicht feindselig. Sie respektieren die Macht Frankreichs, wie den Zorn Allahs.

Inmitten der oberen Casbah, in der Rue Kelber, liegt eine der drei Wachen des 9. Zuaven-Bataillons. Noch bevor wir ihrer ansichtig werden, dringt aus einem Lautsprecher einer der letzten Schreie der Pariser Chansons zu uns durch die Straßen: »O, lala, quelle nuit!« Wir wissen, daß wir uns einer Insel der westlichen Zivilisation nähern.

Das Haus ist hoch und geräumig. Die Armee hat es requiriert. Die Soldaten haben das Interieur nach ihrem Geschmack mit grellen Farben getüncht; arabische Schreiner bessern die Geländer der hölzernen Galerie und die zersprungenen Türrahmen kunstvoll mit Drechslerwerkzeug und Schnitzmesser aus. Ein Kamin ist gebaut, roh behauene Holztische,

Bänke, Schemel sind das Mobiliar. Es riecht nach Bier, Schweiß und Lederzeug. Feldtelephon, Funkgerät und Fernsehapparat verbinden die Wache mit dem 20. Jahrhundert. Vom Dach her dröhnt aus einem Radio alltäglich zur festen Stunde »Die Stimme der Armee« mit ihren staatsbürgerlichen Erziehungsparolen und den militäramtlichen Nachrichten, die im V. Bureau des Generalstabs redigiert werden. Daneben steht ein Ausguck; sobald es dämmert, streifen Scheinwerferkegel über die Dachlandschaft.

An diesem Abend machen wir uns auf die Suche nach dem Deputierten Algiers in der französischen Kammer, Pierre Lagaillarde. Der Advokat, einst Fallschirmjägerleutnant in Indochina, Studenten-Anführer in Algier und Putsch-Initiator vom 13. Mai 1958 hat geschworen, nicht mehr nach Paris zu gehen, seit im letzten September General de Gaulle Algerien das Selbstbestimmungsrecht in Aussicht gestellt hat. Lagaillardes Adresse in Algier: unbekannt. Man gab uns vier Tips auf dem Weg. Jeder Tip eine Theke.

Wir beginnen unsere Suche in einem Nachtklub im Geschäftsviertel. An der Bar lehnt eine Blondine ohne Drink. Den Kopf in die Hände gestützt, studiert sie die Nachrufe auf zwei gefallene Offiziere der Fremdenlegion im Legionärs - Magazin, »Képi-blanc«. Kein Lagaillarde.

Nächster Stopp am Tag darauf: Die maurische Bar des exklusiven Hotels St. Georges. Statt des passionierten Einpeitschers der Sturmparole »Algérie francaise« finden wir dort die Profiteure des Krieges und der französischen Herrschaft: Heereslieferanten, Weinplantagen-Besitzer, Bauunternehmer, Reeder und Export-Importhändler diverser Nationalitäten, nebst ihren Tannenbäumen gleich geputzten Damen. Der einzige Knall, der hier fern vom Kriegslärm in den Bergen durch die weitgeöffneten Hotelfenster dringt, ist das satte Plop der Tennisbälle von den roten Courts im Palmen- und Zypressen-Park. Lagaillarde war nicht dabei.

Auch hinter den handgranatensicher vergitterten Fenstern der Cintra-Bar des Hotels »Aletti« an der Wasserfront finden wir zur mittäglichen Aperitif-Stunde nur den ortsüblichen Cocktail-Set: Einkaufende Damen und Colons (Siedler) aus dem Bled, dem weiten Hinterland, Advokaten und Kaufleute aller Rassen, ein paar Berufsspieler, die nachts die Roulettetische im Casino beherrschen, und bunt unter sie gemischt Offiziere in scharfgebügeltem Khaki oder olivgrünem Gabardine.

Siegespalmen und Sterne auf der breiten Ordensschnalle eines hochdekorierten Majors der Fremdenlegion, der mit dem Mixer um die Runde würfelt, versinnbildlichen Frankreichs verlorene Kriege und gewonnene Schlachten.

Wieder warten wir vergeblich auf Lagaillarde, den in den letzten Tagen hier niemand gesehen hat. Erst am Abend stöbern wir ihn auf - im Studentencafe »Automatic«. Mit dem Rücken an die Theke gelehnt, im Trenchcoat, die Krawatte leicht verrutscht, läßt er den Redeschwall eines gestikulierenden Rif-Kabylen über sich ergehen. Er selbst spricht wenig, aber mit metallischer Härte und fast stets mit Ironie. Rot leuchtet sein gestutzter Backenbart über dem milchig-grünen Absinth.

»Ich gebe keine Erklärungen mehr ab«, ist der erste an uns gerichtete Satz. Warum? »Ich bin es leid, Rufer in der Wüste zu sein.« In welcher Wüste? »Die Wüste der Politik des Generals.« Mit Vehemenz und starr werdenden Augen setzt er hinzu: »Es hat einen 13. Mai gegeben. Wir haben damals de Gaulle an die Macht gebracht. Er hat Versprechungen abgegeben und hier auf dem Forum gerufen: 'Ich weiß, was ihr wollt!' Er hat die freiwillig übernommenen Verpflichtungen gebrochen und seine Versprechungen widerrufen.« Der junge Advokat stürzt seinen Drink hinunter. »Die Zeit zum Reden ist vorbei, gute Nacht.«

Ungleich wortfreudiger ist der Ideologe und anerkannte Theoretiker der extremistischen »Ultras« in Algerien, Dr. Bernard Lefèvre. Wir finden ihn in einem mit Küchengerüchen angefüllten Mietshaus, nicht weit von der Universität. Er ist Doktor der Medizin und praktiziert als Arzt und Homöopath.

»Wir sind dabei, Frankreich unser Emblem aufzuprägen - die schlichte Lilie des Heiligen Ludwig.« Der Doktor greift zu einer Visitenkarte und malt uns etwas darauf, das auf den ersten Blick einer geschälten Banane ähnelt. Dann spricht er gelassen und freundlich den Satz aus, den seine Gesinnungsgenossen noch vorsichtig mit der Formel von »den kommenden Ereignissen« umschreiben: »Der Bürgerkrieg ist wahrscheinlich!«

Dies ist die Diagnose des Dr. Lefèvre: »Die Politik de Gaulles führt, wenn sie fortgesetzt wird, zum Verlust Algeriens, zur Unabhängigkeit des Landes unter der Herrschaft der Rebellen.«

Und dies ist Dr. Lefèvres Therapie: »Wir werden; wenn de Gaulie mit den Aufständischen politisch verhandelt, mit der Armee in Algerien die Macht übernehmen. Von Algerien aus werden wir die Machtergreifung in die Metropole tragen. In Südfrankreich bauen unsere Freunde zur Zeit eine politische Organisation und einen Aktionskader auf, die in Frankreich gleichzeitig mit uns losschlagen werden. Auch Teile der Armee von Frankreich werden auf unserer Seite sein.«

Dr. Lefèvre hat seinen silbern glitzernden Brieföffner zur Hand genommen und pointiert mit ihm seine Bürgerkriegsthesen: »Wir werden einen Ständestaat begründen, der nichts mit Faschismus zu tun hat, sondern auf der christlichen Religion fußt. Später - aber das hat noch Zeit -

werden wir die Monarchie restaurieren. Nicht mit dem Grafen von Paris und dem Haus Orleans, sondern mit dem Herzog von Anjou, dem Enkel Alfons XIII. von Spanien.«

Dem Mann der Tat und »Ultras«-Organisator, an den der Doktrinär Lefèvre uns verweist, begegnen wir in einem der großen Kontorhäuser an den Quais, in denen Reeder, Kaufleute und Anwälte ihre Bureaus haben: »Chef« Ortiz. Ein schwerer, platzheischender Franzose mit messerscharfem Profil, geöltem Schwarzhaar und maßgeschneidertem rostbraunem Anzug, macht er den Eindruck eines soliden Untergrund-Managers. Er sitzt in dem Patrizier-Kontor eines befreundeten Anwalts hinter einem schweren Empire-Schreibtisch.

»Unsere Nationale Front zählt nur ein paar zehntausend Mitglieder«, sagt er uns, »aber die gesamte Bevölkerung steht hinter uns.« Tatsächlich haben sich alle Gruppen, die den Anspruch erheben, »patriotisch« und »national« zu sein, in einem »Verständigungskomitee« zusammengefunden, das die Doktrin Dr. Lefèvres zum Programm erhoben hat und Ortiz als obersten Aktivisten anerkennt.

»Chef« Ortiz poliert seinen wuchtigen goldenen Siegelring: »Unsere Front ist zur Aktion bereit. Wir haben Waffen, wir haben Geld.«

Und die Armee? »Falls de Gaulle mit den Aufständischen über das Selbstbestimmungsrecht verhandelt, schafft er einen Staatsnotstand für alle Franzosen. Dann werden wir handeln. Der große Teil der Armee wird mit uns sein; nur das Oberkommando ist gaullistisch.« Und Massu, fragen wir, der legendäre Fallschirmjägergeneral und Volksheld vom 13. Mai 1958? »Er ist ein Kamerad vom 13. Mai. Wenn ich ihn treffe, gebe ich ihm die Hand.«

»Chef« Ortiz wiederholt damit im Grunde nur, was uns schon der »Ultras«-Homöopath Lefévre so wortgewandt beteuert,hat. Im Hauptquartier des Oberkommandierenden für Algerien, Luftwaffengeneral Maurice Challe, konfrontieren wir Frankreichs Befehlshaber mit der Behauptung des Doktors der Medizin Lefèvre über die Unzuverlässigkeit der Armee.

»Ich sehe, Sie kennen die Ärzte der Stadt.« Der General speit eine unsichtbare Tabakfaser an der Lippe auf das satte Grün des Velours-Teppichs in seinem Arbeitszimmer: »Die Armee gehorcht den Befehlen ihres Oberkommandos.«

Dieses Oberkommando für Algerien residierte einst in einem alten Patrizier-Palais mitten in der Altstadt von Algier, und der damalige Oberbefehlshaber Salan, der am 13. Mai 1958 zögernd und mit halbem Herzen den Staatsstreich der Fallschirmjäger gegen die IV. Republik mitmachte, entging in jenem Hauptquartier nur durch zufällige Nichtanwesenheit einem Bazooka-Attentat der »Ultras«, in das - nach Angaben des Senators Mitterrand - auch de Gaulles heutiger Premierminister Debré verstrickt gewesen sein soll: Die von dem Dach eines schräg gegenüberliegenden Hauses durch Fernzündung abgefeuerte Panzerfaust explodierte vor dem Schreibtisch Salans und zerriß dessen Adjutanten.

Im Hauptquartier von Salans Nachfolger, General Challe, hätte höchstens ein Artillerie-Anschlag Aussicht auf Erfolg. Genau wie die Residenz des zivilen Generaldelegierten für Algerien, Delouvrier, liegt es hoch über der Stadt. Aber während vor der Einfahrt des Generaldelegierten die Büsten der ehemaligen Generalgouverneure Frankreichs ihren marmornen Blick über die Spahi-Posten mit Turban und gezogenem Krummsäbel hinweg auf die Berge Algeriens richten, wo sich die Aufständischen verkrochen haben, schaut der militärische Oberkommandierende General Challe aus seinem Fenster vorbei an der Trikolore im Vorhof weit hinaus aufs Meer, auf dessen anderer Seite

Frankreich und seine V. Republik liegen. Der General tritt an seinen Kartentisch, über dessen Kante die Sahara wie ein Tischtuch bis auf den Boden hängt. »Das Ende militärischer Aktionen gegen die Aufständischen ist abzusehen.«

Leise klirrt am linken Handgelenk General Challes an einem silbernen Armband eine stilisierte Erkennungsmarke mit seinen massiven Initialen: »G M C«, während er mit dem Zeigefinger über Berge und Wüsten fährt: »So lange, wie es gedauert hat (fünf Jahre), wird es nicht mehr gehen. Länger als ein Jahr vielleicht, aber nicht viel länger. Vereinzelte Terrorakte sind nie auszuschließen.« Er saugt an seiner kurzstieligen Pfeife: »Die Armee wird so lange die Ordnung aufrechterhalten - gegenüber jeder Macht.«

An der Wand über uns hängt das eindrucksvolle Farb-Staatsphoto des Präsidenten Charles de Gaulle, der seine Rechte auf zwei Folianten stützt, deren ledergebundene Rücken keinen Aufschluß darüber geben; ob es sich um seine. Memoiren oder um Briefmarkenalben handelt.

* In einer deutschen Großstadt - Hannover - wohnen auf gleichem Raum 3500 Menschen.

* Nach einem legendären algerischen Seeräuber

so benannt.

Militärpolizei in Algiers Casbah: »Bonjour, Madame«

Straßenpatrouille, Algerier: Ordnung durch Foltern und Verrat

Attentat in der Rue Bab Azoun: Im Kühlschrank verwahrte Bomben ...

... explodieren nach Schulschluß: Funkstreife im Geschäftsviertel

Putschist Lagaillarde, Freund: »Gute Nacht«

Terrorist Yacef Saadi: Geheimverlies im Badezimmer.

Generäle Challe, Massu (im hintergrund): Bürgerkrieg möglich

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 50
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.