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»ALL SYSTEMS ARE GO«

aus DER SPIEGEL 44/1970

Das einzige Taxi, das für eine Fahrt von Saxmundham sechs Meilen weit nach Leiston in der ostenglischen Grafschaft Suffolk aufzutreiben war, ist ein Bus für zwölf Personen. »Den brauchen wir hier«, erklärt der Fahrer, »Leiston ist wie Mekka.«

Allerdings kommt man wohl leichter nach Mekka als nach Leiston, wo es mitten in der Woche so leblos ist wie in deutschen Dörfern sonntags um halb drei und wo Esel auf den Wiesen weiden.

Außerdem: In Mekka ist Mohammed zugegen, wann immer man kommt. Alexander Sutherland Neu] dagegen, der Mohammed von Leisten, ist die ganze Woche nicht zu sprechen. »Neill«, so heißt es auf einer Tafel am Eingang seiner Summerhill-Schule, »spricht mit Besuchern jeden Sonnabend um drei und zu keiner anderen Zeit.«

Da Summerhill aber schließlich das Mekka der Antiautoritären ist, bleibt man trotzdem da, ermuntert durch den Hinweis auf der Tafel: »Sie können natürlich herumstehen bis nachmittags um sechs.« Zum Herum. toben kommt es erst gar nicht. Es zeigt sich, daß Neill nicht unbedingt erforderlich ist, um Summerhill fürs erste kennenzulernen. Erforderlich ist dagegen jemand wie Simone.

Simone ist blond, drei Käse hoch und kommt aus Dänemark. In diesem Augenblick freilich kommt sie gerade aus einem Baum und fragt, ob man sie bitte an die Hand nehmen möchte, das sei doch netter,

An der Hand der siebenjährigen Simone läßt sich Summerhill gut auskundschaften, von der Dorfstraße an, wo es Omo und Persil zu kaufen gibt, bis zur Pferdekoppel, einer Fußballwiese und einem Schwimmbassin, das ein bißchen selbstgebastelt aussieht wie alles, wie auch die Häuschen aus Holz oder Stein, in denen die Kinder wohnen, die jüngsten immer sechs zusammen, die ältesten in Einzelzimmern.

In ihrem Klassenzimmer, das an den deutschen Kindergarten erinnert, schlägt Simone ein Comicbuch auf, will auf den Schoß genommen werden und alles vorgelesen haben. Es kommen Simones Schwester Susanne und ein Knabe, von dem die Mädchen behaupten, er sei aus Germany. Der Knabe, befragt, verweigert jegliche Auskunft. Simone, immer noch auf dem Schoß, will wissen: »Was tust du so?« Die Antwort läßt sie kühl: »Macht nichts«, sagt sie. Nun zeigt sich der Knabe, sie nennen ihn Caulier, interessiert: »Hast du schon mal ein Gespenst gesehen?« Leider nein, kein richtiges.

Die drei gehören zur Gruppe der Fünf- bis Achtjährigen, das sind insgesamt sechzehn in Summerhill. Ihre Lehrerin ist Kay Dunbar, die in ihren Jeans selbst wie eine Schülerin aussieht. Sie erzählt, daß vormittags natürlich mehr Kinder im Klassenzimmer sind, manchmal sogar zehn oder noch mehr. Und die anderen? »Die spielen lieber, oder sie schauen auch mal rein.«

Mal hereinschauen kostet nichts, kann sogar ganz interessant sein. In der Fensterecke steht ein Pappkarton mit Stoffgetier, darüber ein Schild: »Ein paar Spielsachen. Gib ihnen Namen. Denk dir Geschichten über sie aus.« An der Wand ein paar Bilder von Häusern früher, darunter das Schild: »Hier einige Bücher, in denen etwas mehr über die Leute steht, die in diesen Häusern gewohnt haben.«

Anregung ringsum. Aus einem Küchenkalender ausgeschnitten, Photos von Tomaten, Kartoffeln, Schinken, Suppe: »Wörter, die dir helfen werden, den Speiseplan am Schwarzen Brett zu verstehen.« Und überall Farbe und Papier zum Malen, Gläser zum Planschen, Kram zum Basteln.

Aber keiner muß eben müssen. Simone, seit zwei Jahren hier, macht nicht den Eindruck, als sei sie irgendwie auf Hilfe angewiesen. Wenn sie gefragt wird, wer ihr das bißchen Lesen beigebracht hat, erklärt sie vergnügt: »Ich selbst.« Eins ist sie gewiß: intakt. Eins hat sie: Mumm. Sie erklärt: »Wenn du störst, dann sage Ich"s dir schon.«

Sechs Lehrer gibt es, fünf »housemothers« und sechzig Kinder. Sechzig, wo sind die? Drei buddeln im Gewächshaus, zwei stehen bei den Pferden, zwei schießen Elfmeter, drei sitzen im Leseraum, zwölf sind mit Sägen und Bohren in der Werkstatt beschäftigt. Die anderen sausen auf Rädern durchs Gelände. Ein Mädchen sitzt in ihrer Klasse und läßt sich vom Lehrer an der Tafel eine Aufgabe vorrechnen, nickt dann und rechnet nach -- Hilfe, nicht Nachhilfe.

Sie lernen, wann sie wollen und was sie wollen. Da es in Summerhill nicht wie in anderen Schulen nur um den Teil des Kindes geht, der oberhalb des Genicks liegt, macht das nichts. Neill hat dazu die Geschichte von dem Mädchen erzählt, das drei Jahre in Summerhill war und nach Kopenhagen zurückkehrte. Dort war es in der Schule die Schlechteste in Englisch, das es perfekt sprach: Es hatte nie Grammatik gelernt, vernünftigerweise.

Die Chance, über sich selbst zu bestimmen, verleiht schon den Kleinsten eine überzeugende Form von Gelassenheit: Sie alle sind »imprägniert mit Toleranz«, wie ein anderer Besucher empfand. Und da es nicht viel zu gehorchen gibt, gibt es auch nicht viel aufzubegehren. Da die Lehrer nicht Vorgesetzte, sondern Freunde sind, wird jemand aus Summerhill auch später Vorgesetzte weder fürchten noch brauchen. Im übrigen sind sie Kinder wie andere auch. Sie schreiben an die Hauswand, wo es jeder sieht: »Please remember, Chelsea are the greatest«, und an die Rückfront, wo es nicht so gut zu sehen ist: »Fuck«.

Einige achten sogar auf Disziplin und Ordnung. Als es sechs Uhr nachmittags geworden ist, erscheint ein Mädchen und befindet: »Du weißt doch, daß Besucher nicht zugelassen sind außer sonnabends«, schwingt sich auf ihr Rad und ruft: »Krieg mich doch.«

Hinten auf ihrem Pullover steht: »All systems are go« -- offenbar ein passendes Wort für diese Kinder in Summerhill.

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