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»Alle haben gekotzt, nur ich nicht«

SPIEGEL-Interview mit den Gründern des ersten deutschen Horror-Video-Clubs Zwei junge Berliner, beide mit Realschulabschluß, sehen Horror als Hobby; ihr Club soll Kontaktadresse für Gleichgesinnte sein. Frank Hamm, 19, arbeitet als Musikinstrumenten-Verkäufer; Thomas Klaue, 18, ist Lehrling bei der Post. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

SPIEGEL: Warum habt ihr einen Horror-Fan-Club gegründet?

THOMAS: Den Club haben wir vor ein paar Wochen gegründet, damit wir mit anderen Horror-Fans Kassetten und Tips austauschen können. Wir wollen später auch eigene Horrorfilme drehen, so mit Blut und allem.

FRANK: Horrorfilme sind für uns das Beste, was es gibt. Daher gucken wir fast nur Horrorfilme an.

SPIEGEL: Warum müssen es denn so harte Brocken sein?

FRANK: Ich gucke mir lieber einen richtigen Horrorfilm an statt so eine lange Geschichte, bei der man die Effekte an einer Hand abzählen kann. Da ist nicht genug Action drin.

SPIEGEL: Was ist für dich Action?

FRANK: Wenn Blut zu sehen ist, wenn die sich umbringen, hintereinander weg.

SPIEGEL: Was gefällt euch daran?

FRANK: Da wird gezeigt, was man noch nie gesehen hat - zum Beispiel, daß da ein Bein abgebissen wird, wie das angeknabbert wird.

THOMAS: Ein Horrorfilm muß zeigen, was es gar nicht geben kann.

FRANK: Er muß spannend sein, unrealistisch und mit viel Effekten drin, ohne viel Story, volle 90 Minuten. Man weiß nachher, daß es ein Quatsch-Film war, aber ein Spitzenfilm wegen der guten Effekte.

SPIEGEL: Nennt doch mal ein paar gute Effekte.

THOMAS: Wenn man ein Messer in den Kopf kriegt oder wenn vom Arm ein Stück rausgebissen wird oder wenn Spinnen den Körper hochkommen und den Leuten die Augen und die Zunge rausreißen.

FRANK: Das sind halt Effekte, bei denen ich mir überlege, wie machen die das.

SPIEGEL: Wie findet ihr denn heraus, welche unter den Tausenden von Filmen echte Schocker sind?

FRANK: Zuerst mal aus Zeitschriften. Und dann geh' ich in die Videothek und lese mir die Kassetten-Texte durch. Dann nehm' ich, was ich mir so vorstellen könnte, daß es vom Horrormäßigen her okay ist.

THOMAS: Ich frage immer mal rum in den Videotheken, ob die Filme schon jemand gesehen hat und ob die wirklich so hart sind, wie es da angekündigt steht.

SPIEGEL: Sehen eure Eltern auch ab und zu hin, wenn ihr euch diese Filme vorspielt?

FRANK: Meine Eltern haben zuerst unheimlich gemeckert, aber jetzt gucken sie das auch schon mal an. Mein Vater trinkt 'nen Magenschnaps vorher und sagt: Nun laß es mal losgehen. Und wenn ich zu meiner Mutter sage, komm mal her, hier ist ein starker Effekt, das mußt du dir angucken, dann guckt sie natürlich hin. Wenn sie dann schreit »Iiih, igitt«, dann weiß ich: Der Film ist gut, der ist sogar besonders wertvoll.

SPIEGEL: Wenn ihr das mit Freunden oder Kollegen anschaut und die sagen, daß sie das nicht sehen können, wie reagiert ihr da?

FRANK: Wenn die sagen, das ist ja eklig, dann ist das für mich die Bestätigung, daß das gut ist.

SPIEGEL: Warum sind denn diese Schocker eigentlich so gefragt?

THOMAS: Da ist oft ein bißchen Angeberei dabei. Die Filme sind ja hauptsächlich bei jungen Leuten gefragt, und da kann man dann sagen: Alle haben gekotzt, nur ich nicht.

SPIEGEL: Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, warum ihr an Brutalität Spaß habt, während sich anderen der Magen umdreht?

FRANK: Das ist wie beim Jogging, man härtet sich ab. Irgendwann stumpfst du ab als Dauerseher.

SPIEGEL: Wie steht ihr denn zur Gewalt im richtigen Leben?

FRANK: Es gibt zwar eine ganze Menge Gewalt im täglichen Leben, aber ich halte mich aus allem raus.

THOMAS: Man muß ja nicht gerade gewalttätig eingestellt sein, wenn man einen solchen Film sieht.

FRANK: Ich sehe diese Filme täglich. Ich kann nicht glauben, daß ich aggressiv werde, wie die Psychologen das beschreiben. Bei mir baut sich durch die Filme im Gegenteil einfach alles ab.

SPIEGEL: Glaubt ihr, daß Horrorfilme Folgen haben können?

THOMAS: Kommt auf denjenigen drauf an, der den Film sieht. Wenn der schreckhaft ist und Angst hat, dann ist klar, daß er auch nachts nicht schläft.

SPIEGEL: Da gibt es aber Jungen und Mädchen, die jünger sind als ihr und die ins Bett pinkeln oder an Nägeln kauen oder in der Schule aggressiv werden, weil sie die Filme nicht verkraften.

THOMAS: Warum gucken die das denn eigentlich? Warum sagen die nicht, das interessiert mich nicht?

SPIEGEL: Ihr sagt ja selber, daß jeder gern mitreden möchte.

FRANK: Das ist richtig. Das muß halt jeder selber entscheiden können.

SPIEGEL: Von welchem Alter an, meint ihr denn, kann man sich solche Filme ansehen?

FRANK: Ich würde sagen, ab 18 ist schon okay.

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