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Alle sollen es lesen

aus DER SPIEGEL 6/1949

Nach einer wilden Sturmfahrt Moskau-Berlin wurde im Mai 1945 der schmächtige, schwarzhaarige Anton Ackermann aus einer alten Leih- und Pacht-»C-17« gehoben. In der Tasche hatte er ein politisches Columbus-Ei: »Den deutschen Weg zum Sozialismus«. Niemand ahnte damals die Stolpersteine, die auf seinem deutschen Wege stehen würden. Immerhin: Er fiel nicht. Aber der eigensinnige Weg ist schuld daran, daß er im Januar 1949 nicht von der SED-Parteikonferenz in den engsten Rat, das Politbüro, befördert wurde.

»Die Einheitspartei soll selbständig und unabhängig sein. Es ist ihre Aufgabe, ihre Politik und Taktik entsprechend den Interessen der deutschen Werktätigen und den speziellen Bedingungen in Deutschland zu entwickeln. Sowohl bei der Verwirklichung des Programm-Minimums als auch des Programm-Maximums soll sie, von den Besonderheiten der Entwicklung unseres Volkes ausgehend, einen eigenen Weg einschlagen.« Das verkündete Lenin-Schüler Ackermann 1945 der deutschen Linken.

Bei soviel Speziellem klatschten selbst so hartgesottene Reformisten wie der inzwischen kaltgestellte Berliner Putschist Karl Litke Beifall und besiegelten am 21. Dezember 1945 durch 60 feierlich gegebene Unterschriften das Parade-Dokument über den deutschen Weg zum Sozialismus.

Sozialdemokrat Otto Grotewohl hatte mit seinen eigenen Händen August Bebel in Lebensgröße ölgemalt. Den hängte er nach der Vereinigung über die Köpfe der 60. Den Saal im Marmorpalais der alten Dresdner Bank in der Berliner Behrenstraße, wo der deutsche Weg zum Sozialismus beschlossen wurde, tauften sie »August-Bebel-Saal«. Bebel war Trumpf. Ulbricht las damals Lenins »Staat und Revolution« nur noch heimlich unterm Tisch, und Anton Ackermann ließ in den Einheits-Thesen das Wort von der »proletarischen Diktatur« einfach weg.

Für den brillant gelungenen Vereinigungs- und Tarnungs-Bluff in der wechselvollen Geschichte des Marxismus-Leninismus bekam Anton Ackermann den Chefsessel in der Kultur-Abteilung der SED samt Sitz im Montagsrat der roten Zentralsekretäre, eine 8-Zimmer-Villa hinterm Niederschönhauser Schlagbaum und den Verpflegungspajok eines sowjetischen Obersten.

Anton Ackermann hätte ein glücklicher Mann sein können - aber da ist Elli, Elli Schmidt - vollschlank mit 55er-Oberarm - ist Anton Ackermanns angetraute Ehefrau. Anton hat seine Sorgen mit ihr. Nicht, weil sie sich in Frauenversammlungen als schlichte Weißnäherin feiern läßt, die sich nach Abplättmustern ihre Festtagsgewänder selber schneidert - die Spatzen pfeifen es sowieso von den sowjetdeutschen Dächern, daß Elli Schmidt im Krieg die deutsche Sprecherin von Radio Moskau war. Es ist Schlimmeres, was Anton sorgt: Elli liebt den Alkohol weit mehr als ihren Mann.

So schwer Anton mit Elli fertig wird, so leicht hat er es mit Otto Meier, seinem Einheits-Pendant im Kultur-Kraal der SED (seit der letzten Partei-Konferenz soll in der SED als einer »Partei neuen Typus« das Einheits-Pendant abgeschafft werden). Während Anton Ackermann 12 Jahre an der Moskwa die Kommata in Stalins Gesammelten Werken zählte, verbrachte Otto Meier die Hitler-Zeit in der Gießerei-Abteilung von Siemens & Halske in Berlin, wenn er nicht gerade kahlgeschoren aus Sachsenhausen kam. Da ist ihm nicht viel Zeit geblieben, die Strategie und Taktik des Leninismus zu studieren. Otto Meier ist keine Gefahr.

Immerhin sind da einige andere Lenin-Schüler, die längst nach Antons Thron gieren: Fred Oelsner, rothaarig und Marx-Pfaffe Nr. 1 der SED, der immer noch keinen rechten Job hat. Erst kürzlich schloß er sich sechs Wochen lang in Schloß Börnicke (SED-Versorgungsgut mit 3000 Morgen, Zutritt vom Hauptabteilungsleiter abwärts) ein, um Ackermanns ketzerische These vom deutschen Weg zum Sozialismus zu erledigen.

Dann ist da weiter Paul Wandel, Präside der zonalen Zentralverwaltung für Volksbildung. Der will auch endlich mal ins Polit-Büro und nicht ewig in der Wilhelmstraße auf dem Abstellgleis stehen und in Humanismus machen.

Und schließlich ist Sepp Schwab da, der Geheimnisvollste unter den Passagieren, die Mai 1945 aus der »C 17« gekrochen kamen. Sepp Schwab war von 1930 bis 1941 Vertreter der deutschen KP bei dem Moskauer Komintern. Dann übernahm er die deutschsprachigen Sendungen des Moskauer Rundfunks. Er kannte nicht nur Elli, sondern auch Anton, als der noch mit ausgefransten Hosen über den Puschkin-Boulevard spazierte.

September 1948 war es soweit, da gingen sie Anton ans Leder. Große Parteivorstandssitzung im Berliner Glaspalast, Oelsner und Wandel sprungbereit. Ackermann bleich. Ulbricht als Großinquisitor leitete ein: Anton solle der abgestandenen Häresie vom deutschen Weg zum Sozialismus abschwören, die führende Rolle der Sowjetunion anerkennen und sein ins Deutsche übersetztes Tito-nentum aufgeben. Anton schluchzte. Da stand Fred Oelsner auf: »Vielleicht nur hier vorm Parteivorstand? Oeffentlich soll er abschwören! Im Neuen Deutschland. Alle sollen es lesen. Und sich danach richten und sich hüten!« (Beifall).

Sepp Schwab, Verlagschef des SED-Zentralorgans »Neues Deutschland« strahlte, als er Ackermanns Abschwör-Thesen in der Hand hatte (beide sind aus Moskau verfeindet; Ackermann hätte ihm im Sommer beinahe den »Neues Deutschland«-Konzern abgejagt.) Er druckte die Absage an den deutschen Weg sechsspaltig auf dem VB-Format des »Neuen Deutschland": »Der Marxismus-Leninismus kennt keine besonderen nationalen Formen. Er ist in Inhalt und Form weltumspannend und von internationaler Gültigkeit.«

So haute sich Anton Ackermann bereitwillig selber ins Gesicht. Verlassen liegt der deutsche Weg zum Sozialismus im Dunkel einheitssozialistischer Selbstkritik. Trotzdem konnte sich Ackermann nur mit Mühe auf dem oberen Sprossen der SED-Hierarchie halten.

Sepp Schwab öffnete nämlich jetzt die Spalten des Zentralorgans seinem Konzernkollegen Rudolf Herrnstadt (Allgemeine Verlags-Gesellschaft mit »Berliner Zeitung«, »Neue Berliner Illustrierte« und einem Dutzend Zeitschriften). Der sollte Ackermann abschlachten.

Rudolf Herrnstadt ist noch jung in der Prominenz der Ostzone. Als Warschauer Korrespondent für das »Berliner Tageblatt« hat er einst mehr mit Polens Schlachtizen geprostet als die Marx-Fibeln von Kautsky und Plechanow gelesen. Erst über das National-Komitee »Freies Deutschland« kam er in Tuchfühlung mit dem Bolschewismus. Der mußte nun gegen Anton in die Arena.

»Der Marxismus-Leninismus ist dem Inhalt nach weltumspannend und von internationaler Gültigkeit, aber er verwirklicht sich in nationalen Formen und muß dies tun, da die Menschen in unserer Epoche in Nationen organisiert sind«, schoß er Anton ins Gebein. Als bekehrter Stalinist schäumte der zurück: »Trotzkistisch-menschewistische Theorie, Abgleiten in den bürgerlichen Nationalismus«. Und warf dem bolschewistischen Parvenu Herrnstadt ein paar Klafter Lenin-Zitate. Jahrgang 13, an den Schädel: »Herrnstadt spricht über Marxismus-Leninismus, wobei er die nächstliegende, entscheidendste, tiefste, fundamentalste Wahrheit über die Gesellschaft vergißt: Ihre Spaltung in Klassen«.

Ritterkreuzträger und Major a. D Dr. Gerhard Dengler, Chef der »Leipziger Volkszeitung«, klatschte Beifall und räumte - wie andere Ostzonen-Chefredakteure - am 20. Januar Ackermann vier Spalten seines Blattes ein, damit er seinerseits mit dem Artikel »Eine notwendige Erwiderung« Herrnstadt erlege.

Die Aufspießung Herrnstadts auf die rostige Forke des Klassenkampfes ließ Anton Ackermann noch einmal davonkommen. Die Partei-Konferenz der SED am letzten Wochenende wählte den einstigen Lotsen auf den deutschen Weg zum Sozialismus, wenn schon nicht als Mitglied, so doch wenigstens als »Kandidaten« für das »Polit-Büro«.

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