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Allein gegen alle

Bärbel Bohley: Warum die Symbolfigur des Herbstes 1989 nicht zur Volksheldin taugte
aus DER SPIEGEL 39/1999

Oktober 1989, in einer Kirche in Ost-Berlin: In dem protestantisch schmucklosen Altarraum sitzen Bärbel Bohley und Jens Reich an einem kargen Holztisch. Bis auf den letzten Platz sind die Kirchenbänke gefüllt, doch immer mehr Menschen drängen in das dunkle, kühle Gotteshaus.

Bisher haben sie die beiden Protagonisten des Neuen Forums nur im West-Radio gehört, manche haben Flugblätter in die Hand bekommen, aus denen sie nicht ganz schlau wurden: Will das Neue Forum nun den Sozialismus verbessern? Oder Marktwirtschaft und West-Geld einführen?

An den Mikrofonen in den evangelischen Gotteshäusern, ob in der Erlöserkirche in Ost-Berlin oder in der Leipziger Nikolaikirche, finden die Menschen ihre Sprache wieder. An den Mikrofonen erzählen sie ganz alltägliche Geschichten: von fiesen Handwerkern, dummen Staatsbürgerkundelehrern oder miesen Bonzen.

Auch in der Kirche, in der Bärbel Bohley sitzt, melden sich die Menschen zu Wort. Die Malerin genießt es. Wie lange hat sie solche Augenblicke herbeigesehnt! Plötzlich ist die Frau, die in diesen Tagen noch öfter als sonst zur Zigarette greift, ganz ruhig. Leichtigkeit liegt in ihren Gesichtszügen. Die Angst der Leute, das spürt sie, ist weg. Und wenn die Angst erst mal verflogen ist, hat das System von Stasi und SED schon seinen Schrecken verloren - das weiß sie aus eigener Erfahrung.

Würden die kleine Frau und der schlanke, hoch gewachsene Mann am Podium jetzt aufstehen und dazu aufrufen, ihnen zu folgen, die meisten Besucher täten es sicher. Aber die Pose eines Lech Walesa, der in Danzig die Arbeiter anführte, liegt den Rebellen im Osten Deutschlands nicht. Fertige Antworten haben sie nicht, Führer wollen sie nicht sein.

»Ich will eine total veränderte DDR, in der jeder Bürger sich endlich selbst in die Mündigkeit entlässt«, ist Bärbel Bohleys Credo. Ihre Antworten sind Aufforderungen zum Selberdenken.

Massenweise treffen in diesen Tagen Briefe in dem maroden Haus in der Fehrbelliner Straße im Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ein, in dem sie wohnt. »Bitte helfen Sie uns, Frau Bohley«, heißt es in vielen Schreiben. »Von der Volkskammer bis zur Versorgung mit Apfelsinen«, stöhnt die Empfängerin der Bittschriften, »reicht unsere vermeintliche Anwaltschaft.« Das Vertrauen des Volkes in die zierliche Frau ist in diesen Wochen schier unbegrenzt. Bald gilt sie als »Mutter der Revolution«, als »Jeanne d''Arc vom Prenzlauer Berg«. Doch zur Volksheldin taugt Bärbel Bohley nicht. Nur ein paar Wochen lang hat sie ein inniges Verhältnis zu diesem DDR-Volk - bis zum Fall der Mauer.

Als die Leute plötzlich nach West-Berlin strömen, sieht sie ihren Traum von den selbstbewussten und mündigen Mitbürgern in den Einkaufspassagen des Ku''damms verenden. »Die Leute sind verrückt, und die Regierung hat den Verstand verloren«, kommentiert sie den Mauerfall. Von diesem Satz bis zur Niederlage der Oppositionsgruppen bei den Volkskammerwahlen im März 1990 ist es nur ein kurzer Weg. Monate später ist die Heldin des Herbstes 1989 politisch wieder fast so isoliert wie in den Jahren der Dissidenz. Doch auf einsamem Posten zu kämpfen stört sie nicht, dort ist ihr Stammplatz. Bärbel Bohley, Jahrgang 1945, ist das Gegenbild zum Erziehungsziel der DDR-Volksbildung. Dem verordneten Kollektivgeist hat sie einen Individualismus entgegengesetzt, dessen Unberechenbarkeit die Herrschenden nervte, dessen latenter Autismus es auch Freunden nicht immer leicht machte. »Mein Oppositionsgeist«, hat sie einmal gesagt, »ist immer ganz persönlich.«

Anfang der Achtziger, als in Ost wie West der Widerstand gegen die Hochrüstung wuchs, geriet die Malerin, die in der DDR Grafik studieren durfte und es sogar zum Mitglied der Sektionsleitung des Berliner Bezirksverbandes Bildender Künstler brachte, ins Visier der Staatsorgane. Eine Eingabe gegen ein neues Wehrgesetz, nach dem im Ernstfall auch Frauen hätten eingezogen werden können, führte zum Rausschmiss aus der Sektionsleitung. Weil sie mit englischen Frauen über Krieg und Frieden diskutierte, nahm sie der Staatssicherheitsdienst zum Jahreswechsel 1983/84 für sechs Wochen in Untersuchungshaft, wegen »landesverräterischer Nachrichtenübermittlung«. Damals gehörte sie schon zum Kern der DDR-Opposition, zur Gruppe »Frauen für den Frieden«.

Gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern gründete Bohley 1986 die »Initiative für Frieden und Menschenrechte« (IFM), die anders sein wollte als die zahlreichen kirchlichen Friedenskreise im Land - eine Oppositionsgruppe nach dem Vorbild der tschechischen Charta ''77.

Damals lernte sie die westdeutsche Grünen-Gründerin Petra Kelly kennen und schätzen, die im Unterschied zu anderen West-Politikern Kontakt nicht nur zu den Mächtigen in der DDR suchte. Regelmäßig traf sich die Bundestagsabgeordnete Kelly mit DDR-Oppositionellen, die sie mit Büchern und Druckmaterialien versorgte, »kofferraumweise«, wie sich das einstige IFM-Mitglied Ralf Hirsch erinnert. Als Erich Honecker 1987 Bonn besuchte, schenkte die Grünen-Politikerin dem SED-Boss einen Bildband der DDR-Malerin - ein in den Jahren der Teilung einmaliger Akt der Solidarität.

Die Chance, die Querulantin endlich loszuwerden, sah die DDR-Regierung 1988. Oppositionelle und Ausreisewillige störten einen SED-Gedenkmarsch für die ermordeten Arbeiterführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mit eigenen Transparenten; Opfer der darauf folgenden Verhaftungswelle wurde auch Bärbel Bohley.

Reihenweise wurden Dissidenten damals gen Westen abgeschoben. Doch wieder gelang ihr das eigentlich Unmögliche: Mit ihrem damaligen Lebensgefährten Werner Fischer erstritt sie sich im Gefängnis das Recht auf Rückkehr in die DDR. So war sie, anders als andere, zur Stelle, als der Traum vom Aufbruch wahr wurde.

Am 9. September 1989 verfasste Bärbel Bohley mit zwei Dutzend weiteren Oppositionellen den Gründungsaufruf für das Neue Forum. Später trieb sie konsequent, mitunter gnadenlos, die Aufdeckung der Stasi-Machenschaften voran. Sie machte Manfred Stolpe und Gregor Gysi das Leben schwer, die sich der eigenen Vergangenheit nicht stellen wollten. Und als Gysi ihr per Gericht verbieten ließ, ihn einen »Stasi-Spitzel« zu nennen, nannte sie ihn, typisch Bohley, eben »Stasi-Spritzel«.

Ihr Versuch jedoch, die Bürgerbewegung in die neue Zeit zu retten, scheiterte - nicht zuletzt an der Mitgründerin selbst. Ihr Individualismus wurde der Organisation zum Verhängnis. Ohne oder gegen sie, das ließ sie die Mitstreiter oft genug spüren, sei das Neue Forum undenkbar.

Im August 1995 brach sie noch einmal spektakulär ein Tabu: In ihrer Wohnung empfing sie Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich 1990 über die Bedenken und Ratschläge der einheitsskeptischen Bürgerbewegten hinweggesetzt hatte. Die Begegnung mit Kohl, die den Eintritt einiger Bürgerrechtler in die CDU einleitete, markierte zugleich den Endpunkt der DDR-Bürgerbewegung.

Doch bis heute zählt Bärbel Bohley mit Jens Reich und Richard Schröder zu den wenigen politischen Figuren des Herbstes 1989, die weder Amt noch Mandat brauchen, um Debatten zu entfachen - wenn es sein muss, allein gegen alle.

Im Jahre 1996 besetzte sie wieder einen vermeintlich aussichtslosen Posten: Sie ging als Aufbauhelferin nach Bosnien - und wurde von der DDR eingeholt. Die »stumpfen, grauen, müden Gesichter, das stumme Gehetze der Laufenden, die Lethargie der Wartenden«, schreibt sie, seien ihr vertraut vorgekommen - »aus der DDR der sechziger und siebziger Jahre«.

Bärbel Bohley auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit? Fotos aus Bosnien, die sie vor halb zerschossenen Häusern zeigen, erinnern verblüffend an alte Bilder mit ihr aus den Hinterhöfen am Prenzlauer Berg. STEFAN BERG

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