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SEKTEN Allein gegen die Mafia

Eine Hamburger Senatsangestellte versteht sich als Bollwerk gegen die Scientologen. Sie sorgte dafür, daß der Psychokonzern künftig auch von Geheimdienstlern beobachtet wird. In ihrer Rigidität steht Ursula Caberta ihrem Gegner kaum nach.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Die Dame, einziger Passagier im Erste-Klasse-Abteil des letzten Zugs Bonn-Hamburg, macht es sich bequem. Genüßlich legt sie die Füße hoch, setzt den Walkman mit José Carreras »O sole mio« auf und bestellt einen Piccolo-Sekt; Ursula Caberta, 47, Deutschlands einzige staatliche Scientology-Beauftragte, feiert ihren Sieg.

Nicht zuletzt auf ihr Drängen hin ("Wenn das nicht klappt, hau' ich in den Sack") hatten die deutschen Innenminister soeben entschieden, die Wirtschafts- und Psychosekte Scientology vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen - ein Instrument, das der Staat sonst nur gegen Organisationen mit Bestrebungen gegen die freiheitliche, demokratische Grundordnung einsetzt. Ob dies auf die dubiose Psychogruppe zutrifft, damit hatten sich viele in der Ministerrunde zunächst ausgesprochen schwergetan - die Scientologen erschienen den Innenministern zwar als Übel, doch als so einflußreich und bedrohlich wieder nicht.

Auch der langjährige Hamburger Verfassungsschutzchef Ernst Uhrlau, ein respektabler Fachmann, hatte sich stets gegen die Beobachtung ("Das ist nicht unser Geschäft") der Organisation gesträubt. Wenn nötig, argumentierte er, könne schließlich auch die Kriminalpolizei sogenannte V-Männer einsetzen, um kriminelle Strukturen aufzuklären.

Doch Caberta hatte bei Hamburgs Innensenator Hartmuth Wrocklage so leidenschaftlich für ihr Anliegen gefochten ("Frau Caberta hat mich überzeugt"), daß der stellvertretende Vorsitzende der Ministerkonferenz seinen Einfluß bei den Kollegen geltend machte: Es wurde beschlossen, den Geheimdienst zu beauftragen.

Seit fünf Jahren klärt Caberta Geschäftsleute, Schuldirektoren und besorgte Angehörige über die »sehr gefährliche, faschistoide, totalitäre Vereinigung« auf. Nimmermüde wiederholt sie bei Beratungsgesprächen am Telefon, wie die expansive Organisation »Parteien, Verwaltung und Polizei« unterwandere und Menschen an ihrem »ruin point«, ihrer psychischen Schwachstelle, ködere, um sich ihrer Seelen zu bemächtigen.

Cabertas Engagement gegen den Psychokonzern ist - wie bei engagierten Scientologykritikern häufig - zur Leidenschaft geworden. Und wenn die löwenmähnige Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology mit den Katzenaugen und den rotgemalten Lippen davon spricht, daß sie ihren durch Panzerglas gesicherten Schreibtisch im sechsten Stock der Hamburger Innenbehörde erst räumen will, wenn sie »die kleingekriegt hat«, die Scientologen, macht es den Eindruck, als fühle sich da jemand wie in einer Neuauflage von »Allein gegen die Mafia«.

Als eine der ersten hatte die damalige SPD-Bürgerschaftsabgeordnete die Explosivität des Themas Scientology erkannt. Der Einfluß der Organisation schien sich in den Parteien und auf dem Immobilienmarkt immer weiter auszudehnen, da beschloß die bis dahin vor allem im Ausländerrecht engagierte Volkswirtin Anfang der neunziger Jahre: »Das wird jetzt mein Bereich.«

Für den mit rund 7000 Mark dotierten neuen Gruppenleiterposten schlug die sinnenfrohe Schnodderschnauze ("Zum guten Leben gehören schöne Männer, guter Wein und ein vernünftiger Skat") gleich zwei potentielle Mitbewerberinnen aus dem Feld. Den Job verdankt die ehemalige Angestellte im Landessozialamt einer Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft, die sie ihren Gegnern durchaus ebenbürtig macht.

So sicherte sie sich die Rückendeckung ihrer Partei im traditionell SPD-dominierten Hamburg; sie überzeugte 1992 sogar den sich sträubenden damaligen SPD-Innensenator Werner Hackmann, die Anti-Scientology-Truppe anstatt beim Jugend- oder Sozialressort prominent in seiner Behörde anzukoppeln.

Für Caberta ist es gesicherte Erkenntnis, daß die Anhänger des Sektengurus und Science-fiction-Autors L. Ron Hubbard wie programmierte Roboter die Gesellschaft infiltrieren, um schließlich die Weltherrschaft zu übernehmen - »clear planet«, wie das auf scientologisch heißt. Sie selbst versteht sich als Bollwerk gegen den Psychokonzern, der, einmal an der Macht, die Erdenbewohner ins Unglück stürzen könnte.

So ballen sich nun die Schauerberichte über Scientologys aggressive Methoden in den Medien, und Ursula Caberta ist auf allen TV-Kanälen zu Hause - ob in »Talk im Turm« auf Sat 1, »Talk vor Mitternacht« im Dritten Programm des NDR oder in der Dokumentationssendung »Zündstoff« des ZDF, sie war schon überall.

Caberta hat das Thema großgemacht und das Thema sie: Angesehene Institutionen wie die Industrie- und Handelskammern, das bayerische Innenministerium oder das Arbeitsministerium in Bonn bitten in Konfliktfällen mit den Scientologen um Argumentationshilfe. Das Wirtschaftsministerium in Bonn klärt die Sicherheitsbeauftragten deutscher Firmen mit ihrer Unterstützung über scientologische Strategien und Interessen auf.

Caberta genießt den direkten Zugang zu den Mächtigen des Hamburger Stadtstaats, steht mit den hohen Genossen ("Mein guter Hartmuth") auf du und du. Von Amts wegen legitimiert, ist sie überall in der Republik als Expertin gefragt und schult derzeit auch die Verfassungsschützer für deren neue Aufgabe.

Die Senatsangestellte kennt keinen geregelten Feierabend und manchmal auch kein Wochenende. Ein Pensum, das sie ebenso von ihren Mitarbeitern erwartet - mehrfach Grund für Personalwechsel in der vierköpfigen Crew.

Für Aussteiger ist sie auch privat erreichbar, wenn's sein muß sogar nachts. Der jungen Ex-Scientologin Tanya, 18, die nach der Schule beinahe täglich zu Besuch kommt, ist sie schon wie ein Mutterersatz: »Noch einen Kaffee, Schätzchen?« fragt Caberta und streicht ihr liebevoll durchs Haar.

Mit dem ranghöchsten deutschen Aussteiger Gunther Träger, 47, verbindet sie ein fast schon symbiotisches Verhältnis. Bei der Vorstellung ihres gemeinsamen Buches »Scientology greift an« in der Bremer Handelskammer beginnt Träger die Sätze, und Caberta bringt sie nicht selten zu Ende.

Mit Distanz läßt sich dieser Job, den sie zuweilen wie eine Mission empfindet, auf Dauer offenbar schwer vereinbaren. Dabei bleibt die intensive Auseinandersetzung mit der »unheimlichen Macht« (Caberta) nicht ohne Wirkung auf sie selbst.

Ungeduldig, wenig tolerant verfährt Caberta mit denen, die nicht mithalten wollen auf ihrem harten Kurs. Staatsanwälte beschimpft sie per se als »Schnarchlappen«, die sich nicht ernsthaft mit der Materie befassen wollen. Die Grünen, die sich konsequent gegen eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz wenden, hält sie für »naiv« und »auf diesem Auge blind«.

Auch mit der Bonner Enquete-Kommission zum Thema »Sogenannte Sekten und Psychogruppen« ("Unentschlossener Lamentierverein"), deren Parteivertreter wie der CDU-Abgeordnete Ronald Pofalla ihr mitunter »hysterische Züge« nachsagten, sei »die Zeit der Zärtlichkeiten endgültig vorbei«. Erweisen sich Parteifreunde als nicht loyal, kennt sie kein Pardon - als SPD-Innenpolitiker Willfried Penner Zweifel anmeldet, ob es ausreichend Beweise für die Gefährdung des Staates durch Scientology gebe, fährt sie ihn an: »Lieber Willfried, halt dich aus Diskussionen raus, von denen du nichts verstehst.«

Seit sie hauptberuflich die »Mafia« (Caberta über Scientology) jagt, hat sie sich auch äußerlich auf ein Leben mit dem Feind eingerichtet. Auf Anraten des Landeskriminalamts zog sie von einer Parterrewohnung im Hamburger Vorort Rissen in ein Mehrparteienhaus des belebten Stadtteils Ottensen, ihr Telefonanschluß hat eine Geheimnummer. Und wenn die früh geschiedene Mutter einer 25jährigen Tochter ausgeht, vergißt sie selten, daß ihr jemand folgen könnte, der an jedem intimen Detail ihres Lebens Interesse hat.

Die Organisation Scientology pflegt ihre Kritiker bekanntermaßen mit Psychomobbing einzuschüchtern; eine Anleitung des verstorbenen Meisters Hubbard lautete: »Organisiert Kampagnen, die den Ruf des Betreffenden so nachhaltig ruinieren, daß er geächtet wird.« Der Zweck sei, »den Feind zu zermürben und zu entmutigen«.

So erklärte das »Rechtsamt« der Scientologen, eine Spruchkammer der sekteneigenen Gerichtsbarkeit, Caberta zur »Persona non grata«. Eine »Sonderkommission«, eine eigens gegründete Spitzeltruppe von rund zehn Scientologen, kündigte an, sich mit korrupten Politikern zu befassen - spezielles Interesse gelte der designierten Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology, die damals noch Bürgerschaftsabgeordnete war.

Ein Flugblatt der scientologennahen Bürgerinitiative »Mitbürger unterstützen Toleranz« verunglimpfte Caberta als »Ursula la Douce«, die mit Aussteigern und Journalisten ins Bett gehe. Per Post erhielt Caberta zum Geburtstag einen verfremdeten SPIEGEL-Titel, der ursprünglich den illegalen Handel mit Zyankali anprangerte - nun hing am Zeh der im Foto gezeigten Leiche ein Schild mit ihrem Namen: »Sterbehilfe für Caberta«. Die Sekte bestreitet, etwas damit zu tun zu haben.

Schließlich forschte der Detektiv Rolf Hör, 38, monatelang Cabertas Privatleben bei Familienangehörigen, Nachbarn und alten Jugendfreunden aus. Der Mann arbeitete nach eigenen Angaben im Auftrag von Scientology für die Anwaltskanzlei Moxon & Bartelson in Los Angeles, wo sich das Hauptquartier der Sekte befindet.

Längst ist Caberta ins Blickfeld der höchsten Scientology-Manager gerückt - und das ist alles andere als angenehm. In deren hauseigenen Publikationen wie der nach eigenen Angaben mit zwei Millionen Exemplaren aufgelegten »Freiheit« wird sie regelmäßig in Bild und Wort als neuzeitliche Inquisitorin vorgeführt.

Eigentlich hat die Frontfrau mit ihrer forschen Aufklärungskampagne viel erreicht: Heute wissen wohl die meisten Deutschen, daß es sich bei Scientology um eine Organisation handelt, die ihre Mitglieder manipuliert und auspreßt. Das ist nicht zuletzt auch ihr Verdienst.

Das Bundesarbeitsgericht sprach der Sekte inzwischen den Charakter einer »Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft« ab und brandmarkte die »menschenverachtenden Anschauungen« und »totalitären Tendenzen«. Das Bundesverwaltungsgericht stellte fest, daß der Psychokonzern vor allem Profit machen möchte und deshalb steuerpflichtig ist. »Scientology befindet sich in Deutschland auf dem Rückzug«, bilanzierte Caberta unlängst nicht ohne Stolz.

Mit ihrer jüngsten »Bundesratsinitiative zur Regelung des gewerblichen Psychomarktes«, die Anbieter von Psychokursen demnächst zu Verträgen mit ordentlichen Kündigungsfristen, Qualitäts- und Qualifikationsnachweisen zwingen soll, könnte Caberta die Sekte erneut am Nerv treffen: Die Scharlatanerie würde transparent, Wucherpreise könnten geahndet werden.

Doch das alles reicht Caberta offenbar nicht mehr. Tief sitzt die Erfahrung, daß ihr die Scientologen so nahe gekommen sind, ihr bis ins Privateste nachspionierten, sie zu kompromittieren und zu verleumden suchten.

So hält es Ursula Caberta nur für folgerichtig, daß nach dem Verfassungsschutz womöglich nun auch der zweite Geheimdienst der Republik auf den Feind angesetzt werden soll: Im Bundeskanzleramt wird darüber nachgedacht, den Bundesnachrichtendienst mit der Beobachtung der Scientologen im Ausland zu beauftragen. Caberta: »Wenn andere Maßnahmen nicht greifen, bin ich die letzte, die den BND da zurückpfeift.« Susanne Koebl

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