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WEISSRUSSLAND Allein in Minsk

aus DER SPIEGEL 30/2005

Die Einsamkeit sei sein »wundester Punkt«, beklagte Präsident Alexander Lukaschenko dieser Tage in einem Fernsehinterview. Er könne leider nicht mit einem großen politischen Freundeskreis prahlen. Da hat er recht, aber die »letzte Diktatur in Europa«, wie US-Außenministerin Condoleezza Rice das Regime nennt, fährt unablässig fort, das Land zu isolieren. Vergangene Woche ließ Lukaschenko den amerikanischen Professor Terry Bosch aus seinem Land verbannen: Der Jurist, der zwei Jahre Internationales Recht an der Staatlichen Universität lehrte, wurde gezwungen, binnen zweier Stunden mit seinen beiden Töchtern Minsk zu verlassen. Die Ausweisung ist Teil einer Säuberung, mit der Lukaschenko Kontakte westlicher Politiker oder Wissenschaftler zur einheimischen Opposition kappen will - um eine Revolution à la Ukraine oder Kirgisien zu verhindern. Schon im vorigen Jahr hatte er die vom Westen unterstützte Europäische Humanistische Universität in Minsk schließen lassen und damit mehr als tausend Studenten auf die Straße gesetzt; ein ebenfalls geschlossenes Lyzeum wich in den Untergrund und nach Polen und Litauen aus. Den erbittertsten Konflikt liefert sich der frühere Sowchose-Direktor derzeit mit dem Nachbarn Polen: Mit dem Leiter der Konsularabteilung an der polnischen Botschaft musste vorige Woche der zweite polnische Diplomat innerhalb kurzer Zeit das Land verlassen; Minsk verbot zudem die Tätigkeit der von Warschau finanzierten Stiftung »Dialog«. Lukaschenko unterstellt den Nachbarn »Spionagetätigkeit«; die polnische Minderheit, so glaubt er, wirke als Warschaus fünfte Kolonne. In Weißrussland, dessen westlicher Teil von 1921 bis 1939 zu Polen gehörte, leben mindestens 400 000 Polen, die in einer Landsmannschaft verbunden sind.

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