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BAUHERREN Alles abgenommen

Mit Vorliebe legen Bundesligaspieler ihr Geld in Bauherrenmodellen an. Bei Eintracht Frankfurt hat vor allem der Vizepräsident daran verdient. *
aus DER SPIEGEL 20/1983

Die Tritte seiner Gegenspieler nahm Bum Kun Tscha, 29, Stürmerstar beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt, mit Gelassenheit hin, selbst als ihm einer den Lendenwirbelfortsatz brach: »Auch beim Fußball ist Gott.«

Richtig getroffen hat den frommen Christen aus Korea erst ein Schreiben des Amtsgerichts Seligenstadt, das ihm jetzt unter dem Aktenzeichen M 1204/83

zugestellt wurde - der Beschluß, sein Gehalt zu pfänden. Fassungslos wollte der Torjäger von seinen Beratern wissen, warum ihn nun auch noch die Justiz attackiere.

Bum Kun Tscha, der Deutsch nur wenig und von hiesigen Finanzgeschäften überhaupt nichts versteht, hatte - wie viele seiner Kickerkollegen - Immobilien nach dem Bauherrenmodell gekauft, eine komplizierte Form spekulativer Geldanlage, die Großverdienern Steuern sparen helfen soll, aber nur für die Anlagefirmen einen sicheren Gewinn abwirft (SPIEGEL 47/1982).

Die Lübecker Hypothekenbank, eine von Tschas Darlehensgläubigerinnen, ließ die Bezüge des Frankfurter Stürmers (monatlich 35 000 Mark brutto) bei seinem Klub pfänden, nachdem der Koreaner Zinszahlungen in Höhe von 45 000 Mark schuldig geblieben war und das Kreditinstitut das gesamte Darlehen über 200 000 Mark gekündigt hatte. »Der Tscha hat nur verschlampt, seine Zinsen zu zahlen«, reagierte Wolfgang Zenker, Vizepräsident der Frankfurter Eintracht. »Wir haben das gleich wieder in Ordnung gebracht.«

Der zweite Mann im Eintracht-Präsidium hatte Anlaß genug, sich um die Zahlungsschwierigkeiten des Fußball-Exoten zu kümmern - er selbst verkaufte vor drei Jahren dem Asiaten zwei Häuser in Velbert bei Wuppertal auf der Basis des Bauherrenmodells, für 900 000 Mark mit einer Hypothekenbelastung von 600 000 Mark. Zenker habe ihn damals angesprochen, erinnert sich der Ballkünstler, »Grabowski hat gekauft, Pezzey hat gekauft, ist auch gut für Tscha«.

So gut war das Geschäft für den Koreaner offenbar nicht. Als sein jetziger

Manager Holger Klemme, der Tscha bei einem italienischen Spitzenklub unterbringen will, die Verkaufsunterlagen einsah, stieß er auf einen Gebührenanteil »von rund 40 Prozent der Verkaufssumme«. Ein solcher Vertrag sei »sittenwidrig«, meint Klemme, der Koreaner sei ausgenommen worden »wie eine Weihnachtsgans«.

Mit dem Eintracht-Vize ist ein Funktionär ins Zwielicht geraten, dessen Rolle unter den Managern und Bossen im Bundesligageschäft ohne Beispiel ist. Während andere einen Sitz in den Führungsgremien der Renommierklubs durch reichliche Spenden aus ihren Privatunternehmen erkauften, diente sich Zenker bei der Eintracht hoch, indem er sich um die geschäftlichen Angelegenheiten der Profis kümmerte. Den Fans stellte er sich in der Fußball-Zeitschrift »Kicker« so vor: »Ich nehme den Spielern, so sie wollen und sich an mich wenden, alles ab, was sie daran hindern könnte, sich voll und ganz auf den Fußball zu konzentrieren.«

Zenker hatte es vor allem auf das Geld der Spieler abgesehen. Als Vertriebsdirektor der »Südwestdeutschen Unternehmens- und Finanzierungsberatungsgesellschaft mbH« (Südfinanz) zählte er schon bald etwa 80 Spieler zu seinen Kunden, darunter nahezu den gesamten Stamm des Frankfurter Klubs. Bei seinen Abschlüssen kassierte Rolls-Royce-Fahrer Zenker, wie er sagt, »die üblichen Provisionen«.

Noch fragwürdiger ist seine Position, seit er letztes Jahr ins Präsidium aufrückte. Als Verantwortlicher für den Lizenzspielerbereich des hochverschuldeten Vereins hat Zenker dafür zu sorgen, daß die Gehälter der Profis gedrückt werden. Als Geschäftsmann hat er ein Interesse, daß seine Kunden viel verdienen. »Seitdem ich Vizepräsident bin«, versichert er allerdings, »habe ich keine Verträge mehr mit Frankfurter Spielern abgeschlossen.«

Wie Zahnärzte oder Rechtsanwälte legen auch die Bundesligakicker mit Vorliebe ihr Geld in Bauherrenmodellen an, die Stars und auch die Mittelmäßigen. Eine Schar von Anlageberatern wirbt um die finanzkräftigen Sportler, »ich bin da doch nicht der einzige«, weiß Zenker.

Die Spieler lockt, daß sie vor allem während der Bauphase vom Finanzamt hohe Steuerrückerstattungen bekommen. Doch die Abschreibungsmodelle lohnen sich letztlich nur, wenn die erworbenen Immobilien nicht überteuert sind und der Käufer lange in einer hohen Steuerprogression bleibt. Wer etwa drei Modelle zeichnet, hat der Mühlheimer Steuerberater Thomas Zahn, Schatzmeister der Offenbacher Kickers, einmal überschlagen, »der müßte bis zu seinem 50. Lebensjahr als Fußballspieler gut verdienen«.

Gerade für die Fußballprofis ist diese Anlageform mit besonders hohen Risiken verbunden. Wenn sie nach dem schnellen Geld ihre Karriere beenden, wegen Verletzungen vorzeitig aufhören müssen oder schlechter dotierte Verträge erhalten, kommen sie auch nicht mehr in den Genuß der hohen Steuervergünstigungen. Ihnen bleiben enorme Zins- und Tilgungsbelastungen, und beim vorzeitigen Verkauf der meist erheblich über dem Marktwert erworbenen Immobilien legen sie drauf und müssen auch dem Finanzamt die eingesparte Umsatzsteuer nachzahlen.

Einige glauben, ganz gut abgeschnitten zu haben. Für Spielmacher Bernd Nickel, der bei Zenker vier Häuser gekauft hat, »waren die damals noch nicht sehr teuer«. Vor seinem Wechsel zu Young Boys Bern will er zwei wieder abstoßen.

Auch Jürgen Grabowski, mehrfacher Erwerber von Abschreibungsobjekten, »hat keine negativen Erkenntnisse«. Das Eintracht-Idol knüpfte in den vergangenen Jahren gegen ein monatliches Fixum für Zenkers Südfinanz Kontakte mit Spielern.

Aber daß die Belastungen etlichen Fußballern zu schaffen machen, ist Gesprächsthema in der Branche. Ewald Lienen, Außenstürmer bei Arminia Bielefeld, wollte vor zwei Jahren aufhören, kickte dann aber weiter, nachdem er bei einem Anlageberater »viel Geld in den Sand gesetzt hatte«. Darmstadts Libero Wolfgang Trapp, der zu Eintracht-Zeiten zwei Häuser über Zenker kaufte, errechnet jetzt bei geschrumpftem Gehalt, daß »nur ein Haus besser gewesen wäre«.

Auch mit Spielern vom Nachbarrivalen Offenbacher Kickers kam der Eintracht-Vize ins Geschäft. Vorstopper Michael Kutzop zeichnete bei ihm eine Penthouse-Wohnung in Bad Kreuznach für 460 000 Mark, »eine Nummer zu groß für mich«, wie Kutzop nach einem Gespräch mit dem Steuerberater einsah.

Nach heftigen Angriffen des Kickers-Präsidiums ("Kutzop wurde nicht fachmännisch aufgeklärt") entließ Zenker den Kickers-Spieler aus dem Vertrag. Der Immobilienhändler: »Kutzop wurde von uns korrekt beraten, aber die Spieler wollen gleich immer das Beste.«

Auch für den Koreaner Bum Kun Tscha taugte Zenkers Abschreibungsmodell nicht. Nach Rückkehr in seine Heimat, aber auch schon nach einem Wechsel zu einem italienischen Verein, kann er, so der Frankfurter Steuerberater Hans R. Ilgen, »die Vorteile der deutschen Steuergesetzgebung nicht mehr nutzen«.

Tscha bleibt jetzt nichts anderes - wie sein Manager Klemme sagt -, »als die Häuser mit erheblichem Verlust zu verkaufen. Er ist praktisch pleite«. Tscha will Zenker auf Schadensersatz verklagen.

Nach Paragraph 138 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist ein Rechtsgeschäft sittenwidrig und damit nichtig, wenn »jemand unter Ausbeutung ... der Unerfahrenheit ... eines anderen« erhebliche Vermögensvorteile erlangt. Klemme: »Das ist auch eine Sache für den Staatsanwalt.« Wer solche Vorwürfe erhebt, verteidigt sich Zenker, »der versteht nichts von der Materie. Wir haben uns nichts vorzuwerfen«.

Der Wirbel um Tschas Fehlinvestition hat auch andere Spieler durcheinandergebracht. »Uns gehen die Geschäfte«, so ein Eintracht-Kicker, »auch noch während der Spiele durch den Kopf.«

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