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Alles andere als romantisch

aus DER SPIEGEL 17/1949

Eine Million Sack 'Milho', 276000 Sack Reis, im Jahre 1941 sechzig Millionen sieben Jahre später hundertzwanzig Millionen Stück Kaffeepflanzen - , das sind die Ertragszahlen unseres Siedlungsgebietes der Companhia de Terras Norte de Paranà«, erzählt der Mann mit dem gutmütigen breiten Gesicht, aus dem zwei freundlich zwinkernde Augen hinter einer großen Hornbrille hervorschauen.

»Wollen wir in die Sonne gehen«, bittet er. »Ich bin erst einen knappen Monat in Europa und muß mich noch akklimatisieren.«

Bis 1933 saß Dr. Johannes Schauff in der »Mitte« des Plenarsitzungssaales des Deutschen Reichstages, als Zentrumsabgeordneter. In der Weimarer Zeit wurde sein Name bekannt, als er das deutschnationale Osthilfeprogramm so erfolgreich zerpflückte, daß es in das Bewußtsein der Oeffentlichkeit nur mehr als »Osthilfeskandal« einging. 1933 verließ Schauff Deutschland.

Ueber Italien ging er nach Brasilien. Dort gab es für den Fachmann der Agrarreform zu tun. Schauff fand westlich von Sao Paulo, nordwestlich von Curitaba, Neuland, das eben erst von den brasilianischen Behörden zur Besiedlung freigegeben war: die »Terras Norte de Paranà«.

In den dreißiger Jahren entstand hier - zwischen den Flußläufen des Paranapanema, des Tibagi, Pirabo und Ivai - eine Art Klein-Europa. Eine Bahnlinie von Santos über Durinhos bis zur neu aufgeblühten Stadt Londrina (sie wurde jetzt bis zum neu entstehenden Apacarana verlängert) erschloß zukunftsträchtige Gebiete.

»Jeder von uns drüben in der unendlichen Weite zwischen dem Matto Grosso, Paraguay und dem Staate Sao Paulo preist doch seine alte Heimat als die schönste«, erzählt Dr. Schauff. »Die Pioniere in jener jungfräulichen Landschaft waren zuerst großenteils Deutsche. Oesterreicher und Italiener. Unter den Deutschen gab es bekannte Namen - so einen Koch-Weser.«

»Dann kamen Polen, Slowaken, Spanier und Russen dazu. Als das Bündnis Stalin-Hitler die Welt in atemlose Spannung versetzte, folgten sehr viele Balten. Wir haben dann drüben etwas ins Leben gerufen, wovon man heute in Europa zwar sehr viel spricht, wozu es aber anscheinend noch lange nicht kommen will: eine europäische Gemeinschaft.«

Als Brasilien an der Seite der Westmächte in den Krieg eintrat, gab es Schwierigkeiten für die Deutschen. Heute gehört das größtenteils der Vergangenheit an. Dr. Schauff betonte das auch in Salzburg, wo er wegen der Einwanderung von Volksdeutschen aus dem Banat verhandelte.

Diesen Landvertriebenen eine neue - und endgültige - Heimat zu schaffen, kam der Ex-Zentrumsabgeordnete und heutige brasilianische Großplantagenbesitzer nach Europa. Das Land drüben - so sagt er - braucht praktische Landwirte. Es ist nicht mehr so wie einst, als es hieß: »Den Vätern der Tod, den Söhnen die Not, den Enkeln das Brot!«

Hohe Erträge wurden und werden vielfach sogar von Landwirtschafts-unkundigen Siedlern erzielt. Es gibt Patentanwälte, die landwirtschaftliche Maschinen konstruieren, baltische Damen, die zwar auf Rittergütern saßen, aber viel eher im Sattel und auf der Jagd zu Hause waren als im Weizenschlag, und die heute Expertinnen der Tungue-Oelgewinnung sind. Es gibt ehemalige Minister, die auf den von ihnen persönlich bearbeiteten Böden Rekord-Reisernten erzielen.

Der brasilianische Siedler-Alltag ist alles andere als romantisch. Trotz aller abenteuerlichen Erzählungen. 36 Kilometer reiten Dr. Schauffs Kinder zur Schule. Die meisten Siedler haben mehr als 48 Reitstunden bis zur nächsten Bahnstation. Das Eintreffen eines Zuges ist »das Ereignis« des ganzen Gebietes, das zu erleben man gern den Distanzritt auf sich nimmt. Für viele Menschen, denen der Beruf eines Oelpflanzers nicht an der Wiege gesungen wurde, bedeutet die Rückkehr in die Urnatur den großen Verzicht auf tausend kulturelle Selbstverständlichkeiten von einst.

Aber auch in dieser Hinsicht geschieht etwas in Brasiliens »Klein-Europa«. Es gibt Kulturgemeinschaften mit Bach-Konzerten und Voltaire-Abenden. Nicht Baltendeutsche, Franzosen, Reichsdeutsche, Oesterreicher oder Polen reiten stundenlang herbei zu diesen Veranstaltungen, sondern Europäer, die in der Fremde wieder an Europa glauben gelernt haben.

Hauptort jenes neuerschlossenen Gebietes ist Londrina. 1932 gegründet, hat es heute 35000 Einwohner. Deutschsprachige Siedlungen im Gebiet der Nord-Paranà-Siedlungsgesellschaft sind zum Beispiel die Orte Neu-Danzig und Rolandia.

Das Land drüben schenkt seine Reichtümer den Siedlern nicht ohne härteste Arbeit. Nur wer entschlossen ist, sich selbst bis zur alleräußersten Leistungsmöglichkeit auzuschöpfen, kommt zum Ziel. Glückssucher nicht.

Deutsche können heute den Sprung nach Brasilien noch nicht tun. Obwohl man sie gern nehmen würde. In Nord-Paranà - wie überall in Südamerika - sind außer praktischen Landwirten vor allem handwerkliche Facharbeiter erwünscht.

Auf die Frage nach den Chancen der Intelligenzler weist Dr. Schauff auf sich selbst. Es sei zwar leichter gewesen, Dr. jur. und MdR zu sein. Dankbarer aber sei es, Reis und Kaffee anzubauen.

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