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Afrika »Alles, außer der Atombombe«

aus DER SPIEGEL 27/1995

SPIEGEL: Stimmt es, daß Sie selbst 1975 den Kaiser Haile Selassie umgebracht haben?

Mengistu: Es war gar nicht nötig, ihn umzubringen. Haile Selassie war krank und alt, niemand liebte ihn.

SPIEGEL: Wie ist er denn nun gestorben?

Mengistu: Sicher gab es unter meinen Männern viele, die ihn gerne eigenhändig getötet hätten. Aber ich weiß nichts Genaues. Es bleiben Zweifel über die Umstände seines Tods. Der behandelnde Arzt hatte mich nicht darüber informiert, wie sehr sich Haile Selassies Zustand verschlechterte.

SPIEGEL: Weshalb haben Sie nach Ihrem Staatsstreich in Äthiopien ein stalinistisches Regime eingeführt?

Mengistu: Ich hatte zuerst bei den Amerikanern und dann bei den Chinesen um Unterstützung gebeten - vergeblich. Dann ging ich nach Moskau, wo mich Leonid Breschnew umarmte. Er sagte: »Oberst, von meinem Land können Sie bis auf die Atombombe alles haben.« So kam es dann auch. Als wir uns später trafen, sagte ich: »Leonid, ich bin dein Sohn, dir verdanke ich alles.«

SPIEGEL: Und wie standen Sie zu Michail Gorbatschow?

Mengistu: Dieser konterrevolutionäre Lügner hat die Sowjetunion zerstört und die Welt den Amerikanern überlassen. Nachdem er an die Macht gekommen war und von Glasnost und Perestroika zu reden begonnen hatte, fragte ich ihn, ob das eine Veränderung der Linie bedeute. Gorbatschow lächelte: »Genosse Mengistu, vom Marxismus-Leninismus werde ich nicht einen Millimeter abweichen.« Später hat dieser Heuchler meine Feinde mit Waffen versorgt und mich gleichzeitig zum Durchhalten ermutigt. Wir in Äthiopien wußten nicht mehr, wer unser Freund war und wer unser Feind.

SPIEGEL: Haben Sie sich da wieder an die Amerikaner gewandt?

Mengistu: Ja, aber Ronald Reagan verweigerte jede Hilfe.

SPIEGEL: Welche Staatsmänner schätzten Sie am meisten?

Mengistu: Kim Il Sung und Castro. Nordkorea ist ein wunderbares Land, und Kim war ganz anders, als ihr Westler ihn euch vorgestellt habt: Er war geistreich, rauchte, trank, erzählte Witze. Er hat mir ein Elektrizitätswerk und Werften geschenkt und für die Entsendung seiner Militärberater nichts verlangt.

SPIEGEL: Was halten Sie von Südafrikas Nelson Mandela und seiner friedlichen Machtübernahme?

Mengistu: Als Gefangenen habe ich Nelson Mandela wegen seiner inneren Stärke bewundert. Aber ich sehe keine Ergebnisse, seit er an der Regierung ist.

SPIEGEL: Wieso haben Sie politisches Asyl in Simbabwe gefunden?

Mengistu: Ich glaube, daß die Amerikaner diese vorläufige Regelung arrangiert haben.

SPIEGEL: In Addis Abeba müssen sich Führungskräfte Ihres Regimes vor Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Wären Sie bereit, sich zu stellen?

Mengistu: Nicht, solange ein abgekartetes Spiel läuft. Obwohl ausländische Juristen an dem Tribunal teilnehmen, gibt es keinen fairen Prozeß. Die Schuldigen stehen von vornherein fest.

SPIEGEL: Was bedauern Sie, wenn Sie jetzt zurückblicken?

Mengistu: Ich hatte eine der stärksten Armeen Afrikas, eine der am besten organisierten Parteien der Welt aufgebaut. Und die Einheit meines Landes habe ich mit den Zähnen verteidigt. All das ist umsonst gewesen, das tut mir weh. Y

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