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JAPAN Alles außer Mord

Lehrer werden von ihren Schülern mißhandelt; immer häufiger auch tobt blutiger Bandenkrieg im Klassenzimmer: fast die Hälfte aller Verhafteten sind Minderjährige.
aus DER SPIEGEL 14/1981

In der städtischen Turnhalle Sendagaya in Tokio vernahmen 12 000 Lehrer Erschreckendes, wenngleich nichts Neues: Immer mehr Schüler, 15jährige schon, rauchen in aller Offenheit; Schulmädchen treten in der Öffentlichkeit mit gefärbtem Haar und Make-up auf. Das sei -- da waren sich die zum Workshop geladenen Pädagogen einig -- eine »totale Mißachtung der Schulordnung«.

Über Lehrer, die »wie Polizeibeamte vorgehen«, beklagten sich in der Nachbar-Präfektur Saitama andererseits 15jährige Schüler. Auch da nichts Neues: Eigens für »Disziplin und öffentliche Moral« abgestellte Lehrer prüfen am Eingang die Sauberkeit der Schuluniformen, begutachten Haarschnitt und Frisur und untersuchen selbst Hosentaschen nach Zigaretten und Aufputschmitteln -- »wie Polypen Kriminelle filzen«, so das Schülerurteil.

Kaum verwunderlich denn auch, daß fast jeder zweite Schüler dieser Altersgruppe der Tageszeitung »Mainichi« seinen heimlichen Wunsch eingestand, den Lehrern »einmal kräftig eine reinzuhauen«.

Aber eben das tut Japans schulischer Nachwuchs neuerdings schon so häufig, daß etwa dem Englischlehrer Hideaki Fujita aus Kasukabe Schülergewalttätigkeiten als das »ernsteste und am tiefsten sitzende soziale Problem der Nation« erscheinen.

Im »Erziehungskrieg« -- so das Massenblatt »Asahi Shimbun« -- sieht die sonst eher betuliche »Japan Times« gar »Zeichen von Dekadenz und Desintegration«, einen Trend also, der die japanische Gesellschaft »höchstwahrscheinlich in den Untergang führen könnte«.

An blutigen Auseinandersetzungen in Klassenzimmern und auf Schulhöfen, in Rektoraten und Lehrerzimmern verzeichnete die Polizei in ihrem Weißbuch 1980 über Jugendkriminalität den neuen Rekord von 1558 Fällen, 77 Prozent davon unter 12- bis 15jährigen Schülern.

In 394 Fällen, bald doppelt soviel wie im Jahr zuvor, bezogen Lehrer von Schülern Prügel. 532 Pädagogen wurden geschlagen, viele von ihnen mußten im Krankenhaus behandelt werden.

Den Anlaß zur Lehrerkeile gibt in vier von fünf Fällen nichts als einfach autoritäres Gehabe der Schulmeister. Im Frust der Gängelung greifen Schüler, immer häufiger auch zu Gruppen zusammengerottet, zu Besenstielen und Baseballschlägern, Bambusschwertern und Regenschirmen, gar Stühlen und sonstigem Schulmobiliar.

So wurden der Staatsanwaltschaft Osaka gleich 19 gewalttätige Schüler auf einen Streich vorgeführt: Binnen Monaten hatten die 15jährigen ein halbes Dutzend Lehrer das Faustrecht spüren lassen. Ein Junge, vom 27jährigen Lehrer gescholten, lauerte dem nach Schulschluß auf und revanchierte sich mit Schlägen und Fußtritten.

In der Präfektur Miyagi saßen 80 Schüler über zwei zum Knien gezwungene Lehrer stundenlang zu Gericht. Ein 14jähriger versuchte in Himeji seine 38 Jahre alte Lehrerin mit einem selbstgebastelten Vorderlader umzubringen. Eine 26jährige Pädagogin in Tokio wurde nach Schulschluß von zwei Halbwüchsigen im Klassenzimmer eingesperrt und vergewaltigt.

In diesem Monat forderten 200 Lehranstalten zur Zeugnisausgabe daher vorsorglich Polizeischutz an. Zu Beginn der Schulfeiern ermahnten Polizisten in Zivil die Schüler zum Stillhalten. An Hunderten von anderen Schulen standen Streifenwagen einsatzbereit. Das Fernsehen übertrug das Schauerstück live.

Eilends zusammengetrommelt, erarbeiteten Kriminalisten aus ganz Japan im Tokioter Hauptquartier eine detaillierte Verhaltensbroschüre für Polizeibeamte, Schulbehörden und auch die Eltern der Schüler.

Doch sie alle sind in Wahrheit völlig ratlos, »unfähig, einen Durchbruch zu finden zur Lösung des Problems«, wie die »Asahi« resignierte. Die traditionell auf Gehorsam und Disziplin gedrillte Nation schiebt sich gegenseitig die Schuld an der Jugendmisere zu.

Denn eben mit der Disziplin hapert es beim japanischen Nachwuchs. Das ist den Erwachsenen unbegreiflich. »Daß Schüler Lehrer beschimpfen«, grübelte ein Sprecher des Tokioter Polizeipräsidiums, »gab es früher auch schon mal, aber nicht mehr als das.«

»Bis auf Mord«, befand die Lehrergewerkschaft Nikkyoso, »sind heute alle S.189 Arten von Jugendverbrechen an der Schultagesordnung.«

Die Gewalt der Kinder aber richtet sich nicht nur gegen ihre Erzieher; innerhalb der Klassengemeinschaften selbst wird's, wie die Polizei jüngst feststellte, »immer brutaler«.

In Südwestjapan ließen Mädchen Mitschülerinnen auf Glasscherben knien; sie stopften ihnen Seife in den Hals und drückten brennende Zigaretten auf den Brüsten aus. In Kawasaki erleichterten Zehn- und Zwölfjährige mit vorgehaltener Spielzeugpistole Schulkameraden ums Taschengeld.

Im Haß gegen den Schulbetrieb setzte in Yamagata ein Elfjähriger gleich fünf Gebäude auf dem Campus in Brand. Straff organisierte Banden von Jungen wie Mädchen erpressen von Mitschülern »Spendengelder« für Vergnügungen.

Hauptsächlich wegen derlei Straftaten sistierte die Polizei voriges Jahr 166 000 Minderjährige; das waren 40 Prozent aller Verhaftungen in Japan.

Verantwortlich dafür sind nach Meinung der autoritär-konservativen Regierungspartei LDP »miserables Schulmanagement« und eine »unausgeglichene Nachkriegserziehung«. Ein verschärftes Durchgreifen der Polizei, von den Liberaldemokraten öffentlich gefordert, gilt Lehrergewerkschaft und Oppositionsparteien freilich lediglich als »Ermunterung zur totalen Intervention des Staates in Schulangelegenheiten«.

So warf der Chef der sozialistischen, 600 000 Mitglieder starken Lehrergewerkschaft Nikkyoso den herrschenden Konservativen vor, die Schulerziehung wieder auf sturen Nationalismus zurückführen zu wollen. Aber schuld seien nicht etwa laxe und bequeme Lehrer, wie die Regierung meint, die lediglich ihren Unterricht abreißen, schuld sei vielmehr die streng autoritäre Schulpolitik des Erziehungsministeriums inmitten einer aus den Fugen geratenen Wohlstandsgesellschaft.

Nikkyoso-Vorsitzender Motofumi Makieda: »Verantwortlich sind Priorität fürs Wirtschaftswachstum, Korrumpierung der sozialen Gerechtigkeit unter Politikern und Erwachsenen und deren diskriminierende Auswahl strikt nach Leistung.«

Im elitären Gerangel um einen Platz an der Sonne des japanischen Wirtschaftswunders, der nur über wenige renommierte Universitäten zu erreichen ist, »haben unsere Schüler nur noch Geld und Macht vor Augen zu haben«, resümierte der Oberschullehrer Kengo Kudo.

Wo Eltern und Gesellschaft kaum noch andere Werte zu vermitteln wissen als die Aussicht, später einmal als erfolgreicher Geschäftsmann »Steuergelder und Spesen verplempern zu können«, erteilt Kudo den ratlosen Erziehern Absolution:

»Wenn unsere Kinder da revoltieren, ist das dann Schuld der Lehrer?«

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