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Atlanta Alles für den Sieger

Der Anschlag auf Olympia enthüllte das Chaos der Organisatoren - und konfrontierte die Amerikaner abermals mit hausgemachtem Terror.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Es war ein Fest voll Trotz und Trubel. Tausende drängten sich am Dienstag voriger Woche im Herzen von Atlanta auf jenem Platz, auf dem drei Tage zuvor eine primitive Rohrbombe den olympischen Geist beschädigt hatte.

Zwei Menschenleben und 111 Verletzte hatte der Anschlag gefordert. Doch die Erinnerung an die Katastrophe bildete bei der Wiedereröffnung des Centennial Olympic Park lediglich den Hintergrund für die Jetzt-erst-recht-Stimmung, mit der die Besucher auf den Rummelplatz zwischen AT&T-Bühne, Budweiser-Bierzelt und Coca-Cola-City strömten.

Geduldig standen sie Schlange vor neuerrichteten Metalldetektor-Schleusen, ließen Gesichtskontrollen und das Beschnüffeln durch Sprengstoffhunde über sich ergehen, um teilzuhaben an dem, was die Amerikaner noch immer am liebsten machen: dem Bejubeln der »größten Nation der Welt«, ihrer eigenen.

Was eine Stunde der Besinnung hätte werden können, geriet zur Demonstration - laut, großspurig und mit allen Anzeichen der landesüblichen öffentlichen Rührung. Unter Tränen und zu den Klängen des Trompeters Wynton Marsalis deponierten Besucher Briefe, Blumen und kleine Fähnchen am Ort des Schreckens.

Unerwähnt blieb bei der Zeremonie, daß hartnäckige Arroganz, unglaubliche Schlamperei und die jederzeit provozierbare Gewaltbereitschaft von Einzelgängern Ursachen des Desasters waren. Die Bombe am Lautsprecherturm der Konzertbühne entblößte nicht nur die Schwächen des olympischen Sicherheitsapparates, sondern auch die düsteren Seiten der Nation.

So hätte der Anschlag weit weniger Opfer gefordert, hätte es nicht eine peinliche Panne der Polizei gegeben: Ein anonymer Anrufer hatte Samstag nacht um 0.58 Uhr vor dem Anschlag gewarnt. Doch die Dame in der Notrufzentrale brauchte zehn Minuten, um herauszufinden, daß der Park im Herzen der Stadt liegt. Erst dann alarmierte sie die Polizeistreifen.

Die »sichersten Spiele aller Zeiten« hatten die Organisatoren versprochen. Das rund 300 Millionen Dollar teure Sicherheitssystem mit seinen 30 000 Wächtern, den Spürhunden, Sprengstoffsensoren und Sondereinsatzkommandos sei undurchdringlich, prahlten sie.

Vergebens mahnten unabhängige Experten zur Zurückhaltung: Solch vollmundige Angabe sei geradezu eine Herausforderung an jeden Möchtegern-Attentäter, die angeblich unüberwindlichen Schutzvorkehrungen zu durchbrechen.

Irritiert von der Diskrepanz zwischen der öffentlichen Großspurigkeit und den erheblichen Mängeln seiner Organisation, trat noch vor Beginn der Spiele einer der höchsten olympischen Sicherheitsbeauftragten zurück. Aufträge für private Sicherheitsfirmen seien an den preisgünstigsten Anbieter vergeben worden, verriet ein Insider.

Solche Kostendrückerei zahlte sich nicht aus. Das Wachpersonal, das die zunächst verantwortliche Schutzfirma zu Minimallöhnen angeheuert hatte, kümmerte sich so vor allem um die eigene materielle Sicherheit: Diebstähle häuften sich derart, daß erst Angestellte gefeuert wurden und schließlich der Vertrag mit der überforderten Firma aufgelöst werden mußte.

Selbst nach dem Anschlag hielt die Schlamperei an, wie ein SPIEGEL-Redakteur herausfand, der sich als Bewacher anheuern ließ. Sein Führerschein und eine anderthalbstündige Fragebogenprüfung reichten zur Anstellung aus (siehe Seite 126).

Auch Richard Jewell, 33, überstand ohne aufzufallen die Eignungstests als Sicherheitsexperte. Der Schutzmann hatte in der verhängnisvollen Nacht die primitive Rohrbombe, so seine Aussage, in einem Rucksack gefunden.

Seine Warnung der Umstehenden machte ihn zum Helden, der sich auf allen Fernsehkanälen ausgiebig feiern ließ. Doch schon Stunden danach schien der Ruhm wieder zerronnen. Jewell war plötzlich Hauptverdächtiger.

Einer seiner ehemaligen Arbeitgeber, ein College-Präsident, hatte den gefeierten Retter im Fernsehen erkannt und den Behörden berichtet, er habe dem Nachtwächter wegen penetranten Übereifers die Bewerbung bei Olympia nahegelegt. Andere Berichte ergänzten das Bild eines labilen Möchtegern-Sheriffs, der nie mit einem heiklen Sicherheitsauftrag hätte betraut werden dürfen.

Als selbsternannter Polizeibeamter hatte Jewell 1990 einen Mann festgenommen und war daraufhin wegen Amtsanmaßung verurteilt worden. Seinen einzigen wirklichen Hilfssheriffposten im Habersham County nahe Atlanta gab er auf, nachdem er versucht hatte, eine Wettfahrt unter Kollegen zu gewinnen. Dabei waren beide Streifenwagen zu Bruch gegangen.

Er sei auf dem Weg nach Atlanta, um große Dinge zu verrichten, hatte der Egomane vor Bekannten geprahlt. Das ist dem Waffennarren wohl auch gelungen - in beiden Fällen: als Täter oder als Retter.

War Jewell der Bombenleger, wovon viele Ermittlungsbeamte fast die ganze Woche überzeugt waren, dann hat er das erreicht, was Kriminologe Alfred Blumstein als Motiv bei vielen aufsehenerregenden Verbrechen ausgemacht hat - die Sucht »nach 15 Minuten Ruhm« zu befriedigen.

Die sind Jewell einstweilen sicher. Stundenlange Verhöre, Durchsuchungen seines Apartments, einer Waldhütte, die der junge Mann außerhalb Atlantas benutzte, sowie eines Lagerraums brachten dem FBI zwar keine gesicherten Erkenntnisse. Dafür genoß der einstige Held weiterhin die ungeteilte Aufmerksamkeit der Medien: Er beteuerte seine Unschuld und machte sich noch immer Hoffnungen, Präsident Bill Clinton selber werde ihn zu seiner Heldentat beglückwünschen.

Nachdem FBI-Chef Louis Freeh vergangenen Donnerstag ausgeschlossen hatte, daß die Bombe von Atlanta das Werk einer internationalen Verschwörung sei, werden die Amerikaner nun abermals mit einer Tatsache konfrontiert, die sie am liebsten immer noch leugnen: Anders als im Fall des mutmaßlichen Anschlags auf den TWA-Jumbo vor New York kommt der Terror von Atlanta aus eigenen Reihen.

Seit vor knapp anderthalb Jahren 168 Menschen in einem Regierungsgebäude in Oklahoma City starben, vor dem vermutlich zwei Rechtsradikale eine gigantische Autobombe gezündet hatten, ist die Welt der Amerikaner aus den Fugen. Solange sich Terroristen und Attentäter außerhalb Amerikas orten ließen, hatte es im manichäischen Weltbild der Nation in dieser Hinsicht keine Risse gegeben.

Gegner wie Indianer oder Nazis, nahöstliche Bombenleger oder Kommunisten gaben stets nur eine Folie ab, vor der Gottes eigene Nation im rechten Glanz erstrahlte. Doch seit dem Zusammenbruch des Kommunismus fehlt der moralischen Überheblichkeit Amerikas die innere Legitimation.

Daß sich die dadurch freigesetzten zerstörerischen Energien nun auch auf das eigene Land richten, liegt nach der Meinung des angesehenen Ökonomen Lester Thurow an Erosionstendenzen in der Gesellschaft. Der Zerfall der Familie und überkommener Werte, das Heranwachsen eines »Lumpenproletariats« sowie die Militarisierung religiöser Fundamentalisten und radikaler Staatsgegner seien Folgen eines ungeregelten Wettbewerbs, in dem »der Sieger alles nimmt«.

Thurow sieht sogar Gefahr für das politische System: Die demokratische Gleichheitsideologie sei »unvereinbar mit einem Wirtschaftssystem, das immer größere Ungleichheit produziert«.

So folgte dem ökonomischen Abstieg selbst einiger Teile des Mittelstands die soziale Verrohung. Gewaltideologie und Waffenkult der amerikanischen Gesellschaft geben den Entwurzelten die Mittel an die Hand, mit denen sie für ihre Ziele bomben, morden und rauben können.

Noch immer gilt es in weiten Teilen der USA als Selbstmord, wenn ein Politiker Waffenkontrollgesetze befürwortet. Von Western wie »High Noon« bis zu Schießorgien wie »Natural Born Killers« wird suggeriert, daß die Kugel die einfachste Krisenlösung sei.

Und auch der Staat schreckt vor Gewalt nicht zurück. Brutale Polizei-Knüppeleien an Schwarzen oder Latino-Immigranten werden regelmäßig im Fernsehen dokumentiert. Das unerschütterliche Festhalten an der Todesstrafe, der immer wieder Unschuldige und überproportional viele Angehörige von Minderheiten zum Opfer fallen, trägt ebenfalls nicht bei zum Abbau der Gewaltbereitschaft.

Solche Symptome, glaubt der Publizist Lewis Lapham, sind der Beweis, daß sich die US-Gesellschaft »am liebsten in einer Grammatik der Gewalt ausdrückt«. Für ihn liegt die eigentliche Gefahr der Bomben von Oklahoma und Atlanta darin, daß sie nicht als Bestandteile einer solchen »Grammatik« verstanden werden.

Wenn die Anschläge weiterhin als Gewalttaten wirrer Einzeltäter mißinterpretiert würden, glaubt der Herausgeber des angesehenen Intellektuellen-Magazins Harper's, bliebe die entscheidende Frage unbeantwortet - die »Frage nach der Zukunft demokratischer Verhältnisse in unserem Land«.

Doch von dieser Gefahr war in Atlanta nicht die Rede. Andrew Young, Bürgerrechtler, Ex-Bürgermeister von Atlanta und einer der führenden schwarzen Politiker Amerikas, gab sich vorigen Dienstag pathetisch. Über das Debakel seiner Heimatstadt erhebe sich »der Planet mit allen seinen Möglichkeiten«. Mit der Wiedereröffnung des Parks erlebten die Teilnehmer der Spiele den »Triumph des menschlichen Geistes«.

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