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PARTISANEN Alles für Deutschland

aus DER SPIEGEL 42/1952

Was woanders »Du kommst wohl vom Mond« bedeutet, heißt in Hessen: »Du kommst wohl aus Waldmichelbach.« Sechzehn kurvige Autokilometer sind es von Weinheim an der Bergstraße bis zu diesem auf einer einsamen Odenwaldhöhe gelegenen, 3000 Seelen zählenden und von einem CDU-Bürgermeister regierten Hessenstädtchen, dessen Bewohner noch immer nicht verstehen wollen, daß ihr kleines Waldmichelbach nun in aller Welt berühmt werden soll.

Letztes Wochenende saßen sie immer noch kopfschüttelnd über ihrer Zeitung und lasen ungläubig die Berichte von den angeblichen Partisanen des »Bundes Deutscher Jugend«, die in dem Landhaus von Kammersänger Wagner oben am Ende der Hammergasse an geheimnisvollen Waffen ausgebildet sein sollten.

Dort, wo das umgebaute Haus des aus Berlin stammenden Kammersängers steht, ist die Hammergasse nur noch ein steiler Waldweg, der von der Straße aus aber kaum noch als Weg zu erkennen ist, weil er zuerst mitten durch den Hof des Fuhrunternehmers Hofmann führt. Zweihundert Meter über dem Hofmann-Gehöft, gleich hinter dem Anwesen des Bauern Wilhelm Diehm, klebt das schmucke, schneeweiße Häuschen mit dem Vier-Zimmer-Flur, dem geräumigen Giebelgeschoß, den zwei an- und eingebauten Garagen und dem Naturholzzaun drumherum, im Wald versteckt an einem Hang. Die Türen sind verschlossen, die Fenster verhängt, nichts rührt sich dort mehr.

»Hier sind ja alle Woche zwölf bis vierzehn Mann mit Personenwagen oder VW-Bussen heraufgekommen. Aber wenn die hier geschossen hätten, hätte ich das doch irgendwie hören müssen.« Das schwor noch am letzten Wochenende der Bauer Wilhelm Diehm. Sein Haus steht rund 50 Meter von dem des Kammersängers entfernt.

»Das ist doch glatter Unsinn«, sagte noch am Freitag, zwei Tage nach der Regierungserklärung des hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn über den »Technischen Dienst des BDJ«, der Fuhrunternehmer Hofmann weiter unten an der Ecke. »Wo sollen die denn geschossen haben?«

Im Gasthaus von Philipp Lammer am nahen Bahnhof und im Gasthof Röth am Kirchplatz gab es am gleichen Abend keinen einzigen Waldmichelbacher, der nicht derselben Meinung gewesen wäre: »Das stimmt doch alles nicht. Da hätten wir doch etwas gemerkt.«

Bei den Waldmichelbacher Eingeborenen kamen die ersten Zweifel erst auf, als ihnen der SPIEGEL eine Handvoll mehr oder weniger plattgedrückter Kleinkaliberpatronen hinhielt. Sie stammten aus der hinteren Garage des Partisanenhauses.

Die Leute wollten das gar nicht begreifen: »Aber es hieß doch immer, das sei ein Erholungsheim.« Der Diehm-Wilhelm oben an der Partisanenvilla war zuerst sprachlos, und später sagte er unbeholfen: »Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Aber wenn die Leute nach links ausgerichtet gewesen wären, dann hätte ich mich mehr daran gestört. Aber so, daß es nach rechts gegangen ist, so laß ich das ruhig gehen. Wenn man so hört, daß das so etwas für den Fall war, daß die Russen uns überlaufen, dann war das doch schließlich alles für Deutschland.«

Zu dieser Zeit lag noch mehr in der neuen Garage an der zum Teil mit Erde

bedeckten, neu gezogenen Hinterwand des Wagner-Hauses: eine leere Pappschachtel, in der einmal 500 Kleinkaliberpatronen verpackt waren; auf gelbrotem Untergrund stand dort zu lesen:

»Winchester Super Speed, 22 Long Rifle, 50 Long Range Rim Fire Cartridges. Made in USA.«

Ein seltsames Bauwerk ist diese hintere der beiden Garagen. Mit ihrer Länge gäbe sie zwei Personenwagen reichlich Platz, wenn nicht der Boden in der hinteren Garagenhälfte um etwa 30 cm erhöht und mit Sand beworfen wäre. Die Rückwand am äußersten Ende des unverputzten Kellerraumes ist von Geschoßeinschlägen deutlich lädiert. Es ist ein waschechter Schießstand, und die im Sande vergrabenen US-Patronen gehören zu der Schalldämpferpistole, mit der sich die »Feriengäste aus Frankfurt« hier bis in den Sommer hinein heimlich im Scharfschießen übten.

Mit den verschossenen Patronen konfrontiert, versichert der Waldmichelbacher Maurermeister Georg Hering, der die Garage und den darüberliegenden Speisesaal nachträglich anbaute: »Das mit dem verlängerten hinteren Garagenteil war meine eigene Idee, das habe ich aus baulichen Gründen gemacht, damit der Speisesaal von unten Luft hatte.«

Als Hering im April 1951 den Umbau- und Renovierungsauftrag erhielt, hatte der nach München verzogene Kammersänger Wagner sein Haus gerade für zwei Jahre, bis zum 1. April 1953, an den in Lorsch bei Bensheim ansässigen Holzhändler Emil Peters vermietet. Emil Peters allerdings ließ sich in Waldmichelbach nie sehen. Dafür hatten es die Handwerker mit seinem Sohn, dem einstigen zweiten BDJ-Vorsitzenden Erhard Peters, zu tun.

Dem Rechtsanwalt Wilhelm Saeger in Waldmichelbach, der bei der Vermietung des Hauses als Vermittler fungiert hatte, erzählte BDJ-Peters damals, daß er das Waldhaus als Erholungsheim für Angestellte seiner »Holzgroßhandlung in Neu-Isenburg« (bei Frankfurt) benutzen wolle.

Statt mit abgekämpften Holzkaufleuten erschien Erhard Peters aber zunächst mit einem Amerikaner, Sterling Garwood, der seine Frau und zwei Söhne gleich mitbrachte und mit Sack und Pack in das frisch polierte Waldhaus zog. »Peters habe ich dann oft mit dem Ami hier hinaufgehen sehen«, erinnert sich der Fuhrunternehmer noch genau. »Der Ami schien gern zu malen, ich dachte, er sei nur wegen der Malerei da hinaufgezogen.«

Im Spätsommer 1951 packte der Mr. Garwood seine Möbel wieder zusammen und machte Stellungswechsel ins nahe Odenwalddorf Steinbach bei Fürth, wo er sich am 1. August von dem Maler Hollacher in der Ortsstraße ein zweistöckiges Haus gekauft hatte. »Er war aber nur selten hier, oft hat er hier nur übernachtet«, wissen die Steinbacher sich zu erinnern.

Daß Garwood so selten zu Hause war, hatte seine Gründe. Manchmal saß er nämlich fortan den ganzen Tag in Peters Waldmichelbacher Waldhaus, um die dort inzwischen eingezogenen erholungsbedürftigen Angestellten der Petersschen Neu-Isenburger Holzgroßhandlung zu betreuen. Zu diesem Zweck hatte er ihnen eine Vier-Millimeter-Schalldämpferpistole samt US-Munition zum Scharfschießen, einen 12-cm-Granatwerfer russischen Fabrikats für den theoretischen Unterricht und dazu noch Spreng- und Sabotagemittel dortgelassen.

Niemand ahnte, daß in Maurermeister Herings seltsamer Kellergarage fortan die

Kugeln flogen. Fuhrunternehmer Hofmann weiß nur: »Ab und zu habe ich hier auch fremde amerikanische Wagen rauffahren sehen, aber ich dachte, die führen zur Jagd.«

Fast jeden Sonntag, so sahen es Waldmichelbacher Einwohner, kam ein neuer Schub von zehn bis vierzehn Männern in der Hammergasse an. Meistens fuhren sie samstags wieder fort, um einer neuen Gruppe Platz zu machen. Mit Pkw und Kleinbussen, die Frankfurter Nummern trugen. Ständig in Waldmichelbach anwesend waren nur der Hausmeister Kuhn, dessen Frau und der Einkäufer Landgraf, dazu oft auch BDJ-Mann Erhard Peters.

Sie waren in der Regel auch die einzigen, die abends in den Dorfkneipen herumsaßen und das Märchen von dem »Holz-Erholungsheim« verbreiteten. »Das waren aber prima Leute, und die haben immer gleich bezahlt«, berichtet Gastwirt Röth am Kirchplatz. Die Holzangestellten, Offiziersfiguren zwischen 35 und 50, durften indessen meist nur in den Wäldern oberhalb des Waldhauses spazierengehen, wenn sie das Haus verließen.

Ein Bundestagsabgeordneter der CDU CSU erfuhr schon vor längerer Zeit, daß im Partisanenheim von Waldmichelbach ein ehemaliger deutscher Offizier - wahrscheinlich ein Oberst a. D. - in einem Fememord zu Beginn dieses Jahres umgelegt worden sei, weil ihm von den übrigen Kursusteilnehmern der Vorwurf gemacht wurde, er sei ein Ost-West-Brückenbauer.

Der Bundestagsabgeordnete wurde wegen dieses ihm mitgeteilten Vorfalls beim Bundesamt für Verfassungsschutz vorstellig. Dort wurde ihm der Tatbestand bestätigt. Es wurde ihm weiterhin erklärt, die seinerzeit eingeleiteten Untersuchungen hätten auf Befehl der Amerikaner eingestellt werden müssen. Die Amerikaner hätten gesagt, das Gelände, auf dem

sich der Vorfall ereignet habe, sei exterritorial, weil es von Amerikanern beschlagnahmt bzw. gepachtet sei.

Verschiedene andere Abgeordnete, die ebenfalls von diesem Mord und von der Existenz der Partisanenschule erfahren hatten, gaben seinerzeit schon ihrer Befürchtung Ausdruck, die Auswahl, die für die Teilnehmer der Schulungen getroffen werde, lasse befürchten, die Partisanen würden im Ernstfalle sich in erster Linie gegen »mißliebige« deutsche Politiker wenden. Das amerikanische Hochkommissariat gab solchen Darstellungen und Befürchtungen gegenüber damals - etwa im Juni dieses Jahres - die ungefähre Auskunft, daß man die Einrichtung dieser Schule beim Hochkommissariat zwar nicht billige, daß aber hinter ihrer Errichtung Kräfte des Pentagon, des amerikanischen Kriegsministeriums, stünden, gegen die das Hochkommissariat vorerst machtlos sei.

Ein bayrischer Journalist, der die Vorgänge um den Mord in der Partisanenschule ebenfalls beim Bundesamt für Verfassungsschutz sondierte, erhielt schon im Laufe des Sommers eine Bestätigung der Vorgänge. Man beschwor ihn aber, nichts an die Öffentlichkeit zu bringen.

Für die Zeit ihres Waldmichelbacher Aufenthaltes wurden den »Holzkaufleuten« die Personalpapiere abgenommen. »Uns kamen die Leute mit den Knobelbechern schon immer komisch vor«, erzählen die Waldmichelbacher Gendarmeriebeamten heute. »Aber da kam man ja nicht 'ran. Kamen wir nachts in die Nähe des Hauses, dann kläffte sofort ein Schäferhund, und dann ging im Nu ringsum das Licht an.«

Das war im Waldhaus alles wohl durchdacht. Die Außenwelt sollte es nicht wissen, wenn die Holzkurgäste auf geheime Mission gegangen und nicht zu Hause waren. Denn dreimal wurden die Leute im Sommer 1951 auf Lastwagen verladen und nach einem Truppenübungsplatz verfrachtet, nach Grafenwöhr.

Noch etliche Kilometer vor Grafenwöhr stiegen sie dabei aus, um zunächst in einem unzugänglichen Waldgelände mit amerikanischen Drillichanzügen eingekleidet und falschen Papieren versorgt zu werden. Dreimal machten die Peters-Partisanen dann, amerikanisch angetan, in Grafenwöhr einen Lehrgang an leichten Infanteriewaffen und in der Handhabung von Sprengmitteln mit.

Die Übungen in Grafenwöhr fielen im Sommer 1952 zwar aus, aber die amerikanischen Geheimgelder flossen für die deutschen Zukunftspartisanen - erst hießen sie »Technischer Dienst des BDJ«, dann nur noch »Technischer Dienst« und schließlich nur noch »Organisation« - auch in diesem Sommer noch weiter. Bis zu 50 000 Mark monatlich.

Auch am vergangenen 1. September wurden die Gehälter (500 bis 1000 Mark) für die Waldmichelbacher Partisanen-Funktionäre noch ausbezahlt. Es sei nicht ausgeschlossen, so glauben deutsche Stellen in Hessen, daß die Amerikaner das Geld auch noch zum 1. Oktober gegeben hätten.

»Aber dann bekam einer der Leute Gewissensbisse«, meint Hessens Ministerpräsident Zinn heute. Am 9. September bekam Frankfurts politischer Kriminalkommissar Joseph Ross die ganze Partisanengeschichte mit einem Mal von A bis Z aufgetischt.

Bundesverfassungsschützer Dr. John saß bei Premier Zinn in der Wiesbadener Staatskanzlei, als die Landes-Kripo am 18. September ihren großen Coup landete. Schlagartig wurden um 17 Uhr die Partisanenführer Kaufheld, Friedrich Kleff, Otto Rietdorf und Rudolf Rademacher verhaftet.

Es waren sämtlich BDJ-Funktionäre. Peters versteckte sich zunächst bei US-Freunden. Garwood war schon einen Monat nicht mehr in Steinbach gesehen worden.

In Waldmichelbach wurden nur noch Einzelteile von Waffen gefunden. Aber in der Neu-Isenburger »Holz-Großhandlung« des Erhard Peters und in den Wohnungen der verhafteten Funktionäre lagen noch Berge von Material. Darunter auch die Liquidationslisten gegen »unzuverlässige Personen« aus KPD und SPD.

»Saxer GmbH.« stand an der Tür zu der Neu-Isenburger »Holz-Großhandlung«. Es war eine Nebenstelle der Firma »Saxer GmbH.« in Lorsch bei Bensheim, die wiederum als Vertriebsgesellschaft für eine Wormser Sperrholzfabrik gleichen Namens fungierte.

Nur selten aber wurde bei der Neu-Isenburger Außenstelle eine Sperrholzplatte gesehen. Statt dessen diente die Tarn-Holzhandlung »Saxer GmbH.« als unauffällige Hintertür für den Kurier- und Postverkehr des »Technischen Dienstes«. »Teilhaber« der Firma war Vater Erwin Peters in Lorsch.

Im Frankfurter BDJ-Landesbüro in der Liebigstraße hatten BDJ und »Technischer Dienst« sogar einen gemeinsamen Postdurchgang.

Frankfurts Oberstaatsanwaltschaft gab den Fall »BDJ-Partisanen« noch im September an den Oberbundesanwalt Dr. Carl Wiechmann ab. Nachdem ihm aber eine »maßgebliche amtliche deutsche Stelle« mitgeteilt hatte, daß eine weitere Inhaftierung »nicht notwendig erscheint«, ließ Wiechmann die von der hessischen Kripo Verhafteten am 1. Oktober wieder auf freien Fuß. Premier Zinn meint dazu: »Die einzige rechtliche Erklärung für diese Entlassungen kann für uns nur sein, daß die Leute in Karlsruhe erklärt haben, daß sie im amerikanischen Auftrag tätig waren.«

Am 3. Oktober sprach Bundeskanzler Adenauer mit Hochkommissar Donnelly. Am 7. Oktober sprach Donnelly mit Ollenhauer. Zinn: »Ollenhauer wird ihm da schon gesagt haben, daß wir mit der Sache an die Öffentlichkeit gehen würden.« Am nächsten Morgen fuhr Donnellys Stellvertreter, Samuel Reber, zu Zinn in die hessische Staatskanzlei. Aber die Regierungserklärung Zinns am Nachmittag, die den ganzen Partisanenkampf publik machte, konnte Reber nicht verhindern.

Nun soll eine Dreier-Kommission mit je einem Vertreter des Landes Hessen, der amerikanischen Hochkommission und des Bundesamtes für Verfassungsschutz Licht in die Waldmichelbacher Walddunkelheit bringen.

In Bonn erklärte der Chef der Sicherheits- und Polizeiabteilung des Bundesinnenministeriums, Dr. Egidi, vor der Presse, Bonn habe auf den SPIEGEL-Artikel »Waffenfunde« vom 28. November 1951 hin beim bayerischen Innenminister Högner schon eine Untersuchung mysteriöser Partisanenvorbereitungen angeregt.

Der SPIEGEL hatte damals berichtet, wie Leute in amerikanischen Uniformen bei Marktschorgast in Oberfranken und bei Wilhelmsfeld nahe Heidelberg Waffen, Sprengstoffe, Munition und Medikamente vergraben hatten, die später von Deutschen gefunden wurden. In beiden Fällen konnte die deutsche Kriminalpolizei die Untersuchungen über die Herkunft dieser Gegenstände nicht beenden, weil amerikanische Stellen die Akten an sich zogen. Egidi sagte dazu letzte Woche in Bonn, die betreffenden Fundorte seien als militärisches Gelände gesperrt worden.

Vergeblich versuchte der Chef des »Bundes Deutscher Jugend«, Paul Egon Lüth, bisher, mit langen Dementis davon zu überzeugen, daß der BDJ keine Ahnung von den bundesdeutschen Partisanen gegehabt habe. Im Richard-Wagner-Saal des Bonner Bürgervereins sagte er, ein Zeichen für die kühle Atmosphäre zwischen den Amerikanern und dem BDJ sei die Tatsache, daß McCloy sich fast überall mit einem Frühstück verabschiedet habe, nur beim BDJ nicht.

Aber es gibt genügend Dokumente, die dafür zeugen, daß Lüth über die Bestrebungen des amerikanisch finanzierten »Technischen Dienstes« genau Bescheid wußte.

Schon am 6. April 1952 wurden bei einer Tagung der schleswig-holsteinischen BDJ-Kreisführer in der Hamburger BDJ-Landesgeschäftsstelle, Michaelisstraße 21, vorbereitende Maßnahmen für den Fall eines Einmarsches der Roten Armee in Westdeutschland besprochen. Paul Egon Lüth war dabei.

In dem Bericht eines Teilnehmers heißt es: »Die Kreisführer wurden angewiesen, festzustellen, wo Kraftfahrzeuge in großer

Anzahl stationiert sind. Diese sollen dann im Falle X handstreichartig und, wenn nötig, mit Gewalt von für diesen Zweck abgestellten Mitgliedern in Besitz genommen werden und zu den Sammelpunkten der BDJ-Mitglieder in den einzelnen Orten gefahren werden zum Abtransport der Mitglieder zu einem Meldekopf des norddeutschen Raumes in der Lüneburger Heide. Welche Straße zu benutzen ist, um den Meldekopf zu erreichen, wird noch zur rechten Zeit den einzelnen Kreisführern mitgeteilt werden. Vom Meldekopf aus sollen die Mitglieder zum Einsatz kommen.«

»Es soll festgestellt werden, welche Fahrzeuge an den Standorten stationiert sind, um die Beschaffung von Zündschlüsseln zu erleichtern. Benzinvorräte anzulegen, wurde ebenfalls in Erwägung gezogen.«

»Zur reibungslosen Nachrichtenübermittlung sollen nach Möglichkeit die einzelnen Kreisführungen mit Funkgeräten ausgerüstet sein. Eigenbau wurde angeregt.«

Auch über die Möglichkeit einer Waffenbeschaffung wurden damals konkrete Gespräche geführt.

Schließlich wird der BDJ-Arbeitsplan für 1952 für die kommenden Untersuchungen ein interessantes Dokument werden. »Wir haben sowohl über die KP, FDJ als auch über die Neutralisten aller Schattierungen und die Ohne-uns-Gesundbeter gesiegt«, heißt es dort zunächst zurückschauend, und dann ruft der BDJ sogar zu einem Spitzeldienst innerhalb der noch gar nicht entstandenen neuen deutschen Armee auf:

»Die Mitglieder des BDJ, die zum Wehrdienst einberufen werden, müßten das politische Rückgrat der neuen Truppe werden. Da nach den Meldungen kein Freiwilligenheer aufgestellt wird, sondern eine Art allgemeine Wehrpflicht zustande kommt und da angesichts des hohen Wehruntauglichkeitsgrades etwa jeder vierzigste Deutsche mit der Einberufung zu rechnen hat, ist es klar, daß sehr viele Kommunisten, FDJler und andere Stalinagenten in dieses deutsche Kontingent einströmen werden. Deshalb haben die BDJler die doppelte Aufgabe,

* ihre Kameraden mit unserem Gedankengut vertraut zu machen, sie über die Notwendigkeit der europäischen Verteidigung aufzuklären, sie also ständig politisch in unserem Sinne zu beeinflussen;

* wachsam zu sein und eingedrungene Bolschewiken zu erkennen und zu entlarven.«

Hinter verschlossenen Türen tagt im ersten Stock des Frankfurter Polizeipräsidiums nun die schon vor Premier Zinns Regierungserklärung geplante deutsch-amerikanische Untersuchungskommission. Ihre erste Aufgabe ist es, herauszufinden, inwieweit amerikanische Offiziere oder Beamte auch von den innenpolitischen Bestrebungen des »Technischen Dienstes« etwas gewußt haben könnten. Meinte am Samstag ein deutsches Ausschußmitglied: »Daß der Präsident der Vereinigten Staaten nichts davon gewußt hat, ist klar.«

Nichts gewußt, jedenfalls nichts Neueres und Genaueres, hat am letzten Wochenende auch der Dr. Egidi vom Bundesinnenministerium. Der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. John, hatte noch keine Zeit gehabt, sich in Wiesbaden auf dem laufenden zu halten und in Bonn einen Bericht abzugeben.

Er sagt in München als Zeuge im Huppenkothen-Prozeß aus.

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