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GASTLEHRER Alles ganz anders

Amerikanische Lehrer, vor einem Vierteljahr nach Hamburg eingeflogen, sollten den Schulen helfen. Jetzt brauchen sie selber Hilfe.
aus DER SPIEGEL 52/1971

Der Amerikaner in Hamburg fühlt sich »hilflos mit gefesselten Händen und gefesselter Zunge«. Er bittet, man möge seinen Namen nicht nennen -- auf englisch.

Denn Mister X radebrecht ein abenteuerliches Deutsch. Gleichwohl hat ihn die Hamburger Schulbehörde in ein Gymnasium gesteckt, wo er Chemie und Mathematik in deutscher Sprache lehren soll.

23 Wochenstunden sind die Norm, aber er gab zuerst nur zehn Stunden in der Woche, neuerdings sind es sogar nur noch sechs. Auch dieses Mini-Pensum überfordert den amerikanischen Gastlehrer, der jeden Nachmittag in einem Universitäts-Institut drei Stunden Deutsch paukt.

Mit den dabei gesammelten Sprachbrocken bereitet er sich abends auf seinen Gymnasial-Unterricht vor: »Ich übersetze den Text des deutschen Lehrbuchs ins Englische, so gut ich das kann. Und die Schüler übersetzen, was ich ihnen vortrage, dann wieder zurück ins Deutsche, soweit sie mich überhaupt verstehen. Ich frage mich nur, was dabei herauskommt.«

Tatsächlich verstehen die Schüler der neunten bis elften Klassen nahezu nichts. Sie starren ihren Gastlehrer entweder ratlos an oder »machen ihn gnadenlos fertig«, wie deutsche Kollegen beobachtet haben. Den Schülern bedeute der Ami-Unterricht »so etwas wie ein Ventil, durch das sie ihre in anderen Stunden aufgestauten Aggressionen entweichen lassen«. In der Klasse geht es denn zuweilen wie im Tollhaus zu.

Mehr noch als die Mühsal des Lernens und Lehrens bedrückt den Amerikaner, daß seine Arbeit »so ineffektiv« ist: »Dieser psychische Druck macht mich müde und frustriert.« Und: »Hätte ich das drüben geahnt, wäre ich sicher nicht gekommen.«

Mister X ist einer von 80 amerikanischen Pädagogen, die vor einem Vierteljahr aus den USA eingeflogen wurden. Sie sollten -- eine Idee des damaligen Schulsenators und heutigen Ersten Bürgermeisters Peter Schulz -- das Problem des Lehrermangels vermindern und sind mittlerweile selber ein Problem geworden.

Als die Hamburger Schulbehörde in den USA Lehrkräfte für Mathematik und Naturwissenschaften suchte, meldeten sich über 600 stellungslose Wissenschaftler und Pädagogen. Die Furcht vor Sprachschwierigkeiten beseitigte das Hamburger Werbeschreiben, in dem es hieß: »Ability in the German language is preferred but not necessary.« Daß sie dann doch in deutscher Sprache unterrichten mußten, erfuhren die meisten der (per Fragebogen und aufgrund eingesandter Referenzen) angeheuerten Lehrkräfte erst in Hamburg.

Ein knappes Drittel der Gastlehrer, zumeist Deutschstämmige, nahm diese Eröffnung gelassen auf: Sie sprechen entweder perfektes oder ausreichendes Deutsch. Die Mehrheit aber war geschockt. Zehn der US-Lehrer haben sich bereits wieder aus Hamburg abgesetzt. 18 von den verbliebenen 70 haben noch keine einzige Unterrichtsstunde erteilt.

Sie sind bis zum Beginn des nächsten Schuljahres (1. Februar 1972) beurlaubt und unterziehen sich einer Gewaltkur im Berlitz-Institut: In einem Intensivkurs büffeln sie täglich sechs volle Stunden Deutsch.

Weder bei Berlitz noch in einem anderen Institut kann der US-Lehrer Bertow Culp, 31, aus South Carolina seine Deutschkenntnisse vervollkommnen: Er muß nachmittags selber unterrichten. Im Sommer 1970 machte er seinen Doktor in Chemie und suchte dann vergebens nach einem Job an einer US-Universität. Culp: »Dort warten in den Naturwissenschaften 20 Bewerber auf jede freie Stelle.« Jetzt lehrt er im Bergedorfer Hansa-Gymnasium zehn bis zwölf Stunden pro Woche Chemie und Physik in der neunten und zehnten Klasse -- »in deutscher Sprache, wenn Sie es so nennen wollen«.

Culp gehört zu den wenigen Amerikanern, die noch in den USA erfahren hatten, daß sie in deutscher Sprache lehren mußten. Er hatte sich brieflich bei der Schulbehörde erkundigt und reiste trotz seines lückenhaften Deutschs, weil er »nicht glaubte, daß es so schwer werden würde. Es ist ja nicht nur die Sprache. Auch im Schulwesen ist drüben alles ganz anders als hier«.

Vielen anderen Gastlehrern erging es ähnlich. Sie waren auf das US-System eingestellt, bei dem der Lehrer doziert (und sich auf seine Vorlesung präparieren kann). In Deutschland wurde von ihnen dann das Wechselgespräch zwischen Lehrer und Schüler gefordert (für das sie sich vorher kaum Vokabeln zurechtlegen können).

Das Debüt der US-Pädagogen erschreckte vor allem die Elternschaft. So warfen die Elternvertreter der 11. Klassen des Gymnasiums Rahlstedt der Schulbehörde vor, es sei ihnen »unverständlich, wie man sich ... auf ein derartiges Experiment einlassen konnte, das zur Zeit den Schülern nur Nachteile bringt und die amerikanischen Lehrer in der Öffentlichkeit in ein völlig falsches Bild setzt«.

Die Hamburger Gymnasiallehrer, die ihre Klassen mitten im Schuljahr an einen US-Kollegen abtreten mußten, klagten zwar nicht öffentlich, daß sie wegen der Einarbeitung der Gastlehrer unbezahlte Mehrarbeit leisten mußten. Aber in den Kollegien moserten und mauerten sie so störrisch, daß Hamburgs Schulsenator Günter Apel sich genötigt sah, einige Schulleiter schriftlich zu vergattern: »Ich muß Sie noch einmal -- nunmehr sehr dringend -- bitten, alles zu tun, um die Kollegen aus den USA nach deren Fähigkeiten angemessen und zumutbar einzusetzen.«

Mittlerweile bestreitet nicht einmal mehr die für die Aktion verantwortliche Schulbehörde, daß die Gastlehrer mit irrigen Vorstellungen nach Hamburg gekommen sind. Nur sieht sie die Schuld daran bei den Amerikanern. Landesschulrat Wolfgang Neckel, Hamburgs ranghöchster Schulbeamter, kombiniert nachträglich so: »Sie hätten wissen können, daß sie hier in der Landessprache unterrichten müssen.« Er, Neckel, würde es jedenfalls gewußt haben, falls er in der Lage der US-Lehrer gewesen wäre. Warum es aber unterlassen wurde, die Gastlehrer auch nur mit einem Satz in den Werbebriefen auf diese Bedingungen hinzuweisen, kann auch Neckel nicht erklären.

Neckel gibt zwar zu, daß die Gastlehrer statt der ursprünglich geplanten 1500 Wochenstunden in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern bisher noch nicht einmal die Hälfte übernommen haben. Aber darin sieht er eines der Risiken, die man bei diesem Experiment ("Das erste dieser Art in der Bundesrepublik") habe eingehen müssen und die man nun auch unter Kontrolle habe. Neckel: »Mit Beginn des neuen Schuljahres sind alle Gastlehrer voll einsatzfähig, bis auf einen oder zwei vielleicht.«

Neckels Zuversicht mag in der Hansestadt so recht niemand teilen, weder die Gastlehrer noch ihre deutschen Kollegen, weder die Schüler noch ihre Eltern. Selbst der Philologenverband und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die gemeinhin kontrovers argumentieren, sind sich hier einig in ihrem Urteil: Das Experiment sei überstürzt angepackt und nicht hinlänglich geplant worden.

GEW-Vorstandsmitglied Jörn Norden: »Dabei hätte man in den USA genügend Lehrer mit ausreichenden Deutschkenntnissen gefunden, wenn man sich nur die Zeit genommen und die Mühe gemacht hätte.«

Gegen Neckels These, daß sich die Aktion bereits im nächsten Februar auszahlt, steht Nordens These, daß sich das Unternehmen erst rentiert, wenn die Zweijahresverträge der US-Lehrer ausgelaufen sind.

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