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Ukraine Alles halbgewalkt

Das von der Ukraine angekündigte Ansiedlungsprogramm für Deutsche stößt auf Geschäftsinteressen und Inkompetenz.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Auf den 7000 Kilometern über Land, vom Süden Kasachstans bis zum Dorf Peterstal, verwandelte sich die Habe von Hilda Hurpatschenko, 54, in Schrott. Kein Möbelstück hat den teuren Transport im zerbeulten Container heil überstanden. »Sogar die Nähmaschine ist kaputt«, sagt ihr Mann Leonid und zeigt auf das gebrochene Pedal aus Gußeisen.

»Alles hatten wir daheim«, jammert Hilda und bekommt feuchte Augen: ein Haus und 700 Quadratmeter Feld; Erdbeeren, Kirschen, Äpfel und sogar Pfirsiche. Vom bescheidenen Wohlstand in Kasachstan sind zwei Sack Kartoffeln und ein Paar Gläser mit Eingemachtem übriggeblieben. Das Haus haben die Hurpatschenkos verkauft, für 130 000 Rubel. Die Hälfte ging für den Umzug drauf.

Zu vierzehnt, mit Kindern und Kindeskindern, kehrten sie vor drei Wochen dem Städtchen Michailowka bei Dschambul in Mittelasien den Rücken. Ukraine-Präsident Leonid Krawtschuk hatte versprochen, sein Land werde Hunderttausende Deutschstämmige aufnehmen, zur »Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit«.

Der unter Stalin 1941 verfügten Deportation fielen nicht nur die Bewohner der deutschen Wolga-Republik zum Opfer, sondern auch rund 350 000 Deutsche in der Ukraine. Für Rückkehrer hat Krawtschuk die »besten Böden« im Süden seines Staates ausgeguckt. Sein Kalkül: Deutsche Ansiedler bringen deutsches Geld.

Im Januar gründete er dafür einen Fonds und investierte 500 Millionen »Kupons« - das ist ein inflationärer Rubel-Ersatz, der nur in der Ukraine gilt. Die Kiewer Staatsbank gab das Geld im Juni frei, jetzt ist es fast nur noch halb soviel wert - zwei Millionen Mark lassen sich dafür eintauschen.

Bonn aber hat, um Aussiedler von Deutschland fernzuhalten, der Ukraine 20 Millionen Mark für 1993 bereitgestellt: Um dieses Geld geht es.

Die Familie Hurpatschenko - die Deutsche Hilda hatte in Kasachstan einen dorthin verschlagenen Ukrainer geheiratet - sieht davon nichts. Auch die Aussicht auf ein eigenes Stück Land erfüllt sich bisher nicht. »Um die Versorgung der Ukraine zu gewährleisten«, heißt es im Landwirtschaftsministerium, »ist eine Privatisierung momentan kaum durchführbar.«

Die Übersiedler müssen sich zunächst ein Dach über dem Kopf schaffen. Landmaschinen und Saatgut sind kaum verfügbar. So bleibt der Familie Hurpatschenko nur übrig, sich als Landarbeiter auf dem Staatsgut, der Sowchose, zu verdingen.

Die Töchter Tatjana und Ljuda, ausgebildete Lehrerinnen, sehen das ganz pragmatisch: »Bisher haben wir Kinder erzogen, jetzt erziehen wir halt Kälber.« Ihre Männer arbeiten auf einer Baustelle der Sowchose; sie bauen Häuser, aber noch nicht für sich selbst. Erst einmal sind die alteingesessenen Sowchosniki von Petrodolinsk dran, das bis 1941, als dort vor allem Deutsche wohnten, Peterstal hieß.

Hildas Eltern dagegen kamen von der Wolga. Angelockt hat sie jetzt der selbsternannte Übersiedlungsfunktionär Wladimir Leinweber aus Odessa, der im kasachischen Fernsehen auftrat und den Deutschen Wohnung und Arbeit in der Ukraine versprach. Er selbst betreibt unter dem Firmennamen »Wiederaufbau« Exportgeschäfte.

31 deutsche Familien aus Kasachstan sind auf diese Weise ins ehemalige Peterstal gekommen, noch 30 werden folgen. »Sie haben viele Kinder«, sagt Sowchose-Chef Sergej Schuk, der ihnen vorübergehend Quartier bietet.

Schlosser Erhard Richard hat sich das alles angesehen und fährt dennoch zurück in die Republik Kasachstan, um seine große Familie mit elf Enkeln zu holen. »Die Kasachen vertreiben uns von dort«, behauptet Richard. Die Sprache in Schulen, Hochschulen und Zeitungen werde auf Kasachisch umgestellt; es gebe keine Arbeit, Russen und Deutsche würden als erste entlassen.

»Nach Deitschland muß mer fahre«, enthüllt er seine wirklichen Absichten, eine Tochter sei schon in Deutschland verheiratet. Sein Sohn Wolodja, 38, ist skeptischer: Des Deutschen nicht mächtig, käme er sich in Germanija reichlich deplaziert vor. Deshalb will er lieber in der Ukraine bleiben und ein Haus bauen. Dafür teilt die Sowchose schon Land zu, es fehlen nur noch eine Million Rubel für das Baumaterial: derzeit 20 durchschnittliche Jahreslöhne oder aber 4000 Mark.

Bis zum nächsten Frühjahr sollen alle Übersiedler in der Sowchose von Petrodolinsk in eigenen Häusern wohnen. Was aber, wenn demnächst der Backstein nicht zwei, sondern drei Rubel das Stück kostet?

Zehn Kilometer weiter in Dobro-Alexandrowka geht es um ganz andere Dimensionen. Früher hieß das Dorf »Alexanderhilf«, jetzt hilft Bonn. Das Bundesinnenministerium läßt die lutherische Kirche aus dem 19. Jahrhundert, die bisher der Sowchose Tschepajewez als Klubhaus diente, renovieren und finanziert ein neues Kulturzentrum mit 744 000 Mark.

Auf dem Rohbau, der noch immer ohne Dach ist und eigentlich diesen Monat Richtfest hätte haben sollen, gerät der Sowchose-Direktor Wassilij Schewtschenko, 55, ins Schwärmen. »Genauso wie im Westen« werde das Kulturzentrum aussehen, wenn es fertig ist. Der Bauleiter nickt dem Gutsinspektor diensteifrig zu: Leider gebe es momentan Lieferschwierigkeiten mit dem Material, deshalb ruhe die Arbeit gerade.

Aber Schewtschenko hat noch größere Pläne: Gleich hinter dem Kulturzentrum sei Platz für ein Sportzentrum, mit Kindersportschule und Schwimmbad. Das ganze koste nur läppische zwei Millionen Mark.

Allerdings ist in Dobro-Alexandrowka, dem Vorzeigeobjekt für deutsche Delegationen, bis heute noch kein Übersiedler eingetroffen. Die drei deutschen Familien, die hier schon seit Jahrzehnten wohnen, wollen ausreisen. Die Deutschen nebenan aus Peterstal sind auf das Projekt Dobro-Alexandrowka gar nicht gut zu sprechen: »Wozu wird dort ein Kulturzentrum gebaut, wo wir das Geld für Wohnhäuser brauchen?«

Die Zentrums-Idee stammt vom SPD-Bundestagsabgeordneten Jan Oostergetelo, 58. Der Niedersachse lehrt Ukrainer Landwirtschaft: Jeweils 20 Praktikanten bringt er für ein Vierteljahr auf bundesdeutsche Bauernhöfe, mit Familienanschluß; mit Gerät für 1000 Mark und einem gebrauchten Traktor kehren sie zurück.

Der begierige Schewtschenko freilich »bekommt keine Mark mehr«, sagt Oostergetelo. Er hat dem Ukrainer auch das Verlangen ausgeredet, die Kirche, wenn sie fertig ist, sich selbst zu unterstellen. Die kriegt der lutherische Superintendent in Odessa.

»Jeder will sich hier an diesem Feuerchen wärmen«, fällt auch Wolfgang Döke von der deutschen Botschaft in Kiew auf; der ukrainische Staat habe die Umsiedlung von Deutschen bisher »zu deklarativ« gehandhabt.

Eine für die Umsiedlung zuständige Arbeitsgruppe existiert nur auf dem Papier. »Es ist alles noch halbgewalkt«, urteilt der Diplomat über den Fortgang der Ansiedlung von Deutschstämmigen.

Die Berliner Ost-Handels-GmbH, die DDR-Eigentum abwickelt, verfügt über einen Anteil an einem Erzabbau-Kombinat bei Kirowograd, das nie fertiggebaut _(* Mit Vize Oskar Wejgum. ) wurde. In den mobilen Wohncamps lassen sich jetzt 400 Familien auf je 20 Quadratmetern unterbringen, meint die Firma. Sie meldet einen Buchwert von 94 Millionen Mark an, samt vorhandener Baumaschinen. Das ist soviel, wie 400 schlichte Einfamilienhäuser in Deutschland kosten.

Auch ein Unternehmen, das zu Zeiten der Sowjetunion »Anleitungen für die legale Ausreise aus der UdSSR« als Buch vertrieb, suchte Teilhabe am Geschäft mit der Deutschen-Ansiedlung in der Ukraine. Im Ölhandel und beim Import von Schrottautos aus Polen tätig, schloß die Firma Tacon 1991 mit dem Dorfsowjet von Tscherwono-Wladimirowka einen Pachtvertrag über Grund und Boden für Zuwanderer. Mit Unterstützung des Vorsitzenden des Deutschen-Vereins »Wiedergeburt« in Odessa, Alexej Keller, warb Tacon in Kasachstan Interessenten, bot Übernahme der Transportkosten in die Ukraine und eine provisorische Unterbringung an.

Als der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Horst Waffenschmidt, im Juli das Dorf Tscherwono-Wladimirowka besuchte, erklärte Tacon-Firmenchef Konstantin Grigorjew, das Land gehöre seinem Unternehmen, er könne es den Deutschen unterverpachten. 54 Familien sind aus Nordkasachstan in Tscherwono-Wladimirowka, einer der ärmsten Kolchosen der Umgebung, angekommen. Doch Tacon-Land gibt es gar nicht, weil die Kreisverwaltung den Pachtvertrag noch nicht genehmigt hat.

Aber Tacon hat die Flugtickets bezahlt und den Umzug von Kasachstan in die Ukraine organisiert. Dieses Geld möchte die Firma nun zurückhaben. »Rückkehr zur Leibeigenschaft«, erboste sich darüber Iwan Hoffmann, Generaldirektor von Krawtschuks Ansiedlungsfonds. »Wenn der Fonds oder die Deutschen uns diese Summe erstatten, sind die Umsiedler frei wie die Vögel«, sagt der Tacon-Rechtsberater Jurij Inosemzew.

Provisorisch wurden sie in Wohncontainern aus Deutschland untergebracht. Kolchose-Chef Wolodymir Becker, ein Ukraine-Deutscher, gibt ihnen Essen und Decken und auch ein paar Schafe. Er hofft, daß die Bundesregierung »kommt und in unser Dorf investiert«.

Nicht einmal die aus Kasachstan mitgebrachten Rubel gelten in Tscherwono-Wladimirowka. Nadja Frisorger, 25, mit einem Deutschen verheiratete Ukrainerin, kann dafür keine Milch im Kolchoseladen kaufen. Dort werden nur ukrainische Kupons entgegengenommen.

Vor zwei Wochen kam sie in die von extremer Trockenheit ausgedörrte Landschaft. Nadja Frisorger war schon gleich bei der Ankunft bitter enttäuscht: »Wir dachten, wir hätten die Steppe von Kasachstan hinter uns gelassen, aber hier sieht es nicht anders aus.«

* Mit Vize Oskar Wejgum.

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