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Alles in den Möhrenbach

aus DER SPIEGEL 28/1948

Bayrische Landpolizisten haben die Barrieren um das oberbayrische Neuötting herum am Montag weggeräumt und die Sperrzonenschilder abgemacht. Die Quarantäne ist aufgehoben, weil der Typhus langsam abklingt. Es liegen nur noch ein paar hundert Leute in neun Seuchenkrankenhäusern.

Zusammen sind in Neuötting über 800 krank gewesen, und 62mal huben die Totengräber seitdem auf dem Friedhof ein Grab aus. Sieben Desinfekteure verbrauchten in den letzten sieben Wochen 200 Liter Sagrotan und 100 Tonnen Chlorkalk.

Am 15. Mai hatte der Neuöttinger Arzt, Dr. Winkler, seinen Kollegen Dr. Schmidt vom Gesundheitsamt angerufen und ihm von seinen 18 Patienten erzählt, bei denen Verdacht auf Typhus bestehe. Dr. Schmidt rief gleich andere Kollegen in der Umgebung an, und auch die hatten ein Dutzend Verdächtige. Ein paar Tage später stand es fest: Bauch-Typhus.

Bald reichten die Krankenhäuser nicht mehr. Es mußten Hilfskrankenhäuser eingerichtet werden, auch im benachbarten Altötting. Aber die Bevölkerung dieser frommen Stadt mit ihren zehn Wallfahrtskirchen und der berühmten schwarzen Madonna verteidigte drei Tage lang den Eingang der Mädchenschule, vor der das Rote Kreuz stand, um Betten abzuladen. Es hatten sich nämlich einige tausend Pilger angesagt, die möglicherweise mit ihrem Geld ausgeblieben wären, wenn man die Mädchenschule zum Typhuskrankenhaus gemacht hätte.

Dabei hatten die Altöttinger selber 60 Typhuskranke. »Das sind solche, die drüben in Neuötting arbeiten oder ihr Gspusi drüben haben und sich ansteckten«, erläutert Bürgermeister Meyer.

11000 Pilger hatten seit Beginn der Epidemie Alt- und Neuötting besucht und es waren schon sieben Leute gestorben, 426 erkrankt, ehe man sich entschloß, den Typhusherd durch 25 Landgendarme hermetisch abzuschließen.

Es war nicht das erste Mal, daß die Neuöttinger den Typhus in ihrer Stadt hatten. 1946 sind in drei Monaten schon einmal 26 Menschen daran gestorben, und wenn die sanitären Verhältnisse sich nicht ändern dann wird dieses zweite Mal noch nicht das letzte gewesen sein.

Im ganzen Neuötting mit seinen 5800 Einwohnern gibt es beispielsweise nur eine einzige Badewanne, und die hat der Bürgermeister Wirthmüller in seinem funkelnagelneuen Haus. Der Wirthmüllersche Bau ist auch einer von den ganz wenigen, die vorbildliche sanitäre Anlagen haben. (Frau Wirthmüller hat aber auch Typhus.)

Die meisten Neuöttinger üben eine primitive sanitäre Praxis. Unterhalb der Stadt plätschert harmlos der Möhrenbach, und in den Möhrenbach fließen die Abwässer aus den Küchen und Aborten. In manchen Häusern gibt es überhaupt keine Klosetts. Da verrichten die Leute ihre Notdurft in Eimer oder Ami-Konservenbüchsen und kippen sie in den Bach. In so einem Hause wohnen fünf Familien mit Kindern. Eines davon hat Lungentuberkulose. Eine Bewohnerin ist außerdem seit zwei Jahren unter den 150 Neuöttinger Typhusbazillen-Dauerausscheidern und -ausscheiderinnen. Das geht alles in den Möhrenbach.

In anderen Häusern ist die Latrine gleich erkerförmig über die plätschernden Fluten gebaut. Ein paar Meter weiter liegen Kleingärten. Die Kleingärtner gießen ihr Gemüse mit dem Möhrenbach-Wasser, und kein Verbot kann sie daran hindern, sich im Bache ihre Hände zu waschen, die Wäsche zu reinigen und das Gemüse von Würmern und Erde zu befreien.

Inzwischen ist allerdings außerhalb der Stadt ein neues Wasserwerk im Rohbau fertiggeworden. Zwei Pumpen, die eigentlich als Reparation nach Belgien gehen sollen, hat die Militärregierung auch vorläufig als Leihgabe den Alt- und Neuöttingern überlassen.

»Dieses Wasser ist an der Quelle einwandfrei«, sagt einer vom Wasserbauamt. »Aber die Leitungsrohre sind defekt, und die Quellen liegen nur wenige Meter vom Möhrenbach entfernt. So kann immer wieder verseuchtes Wasser in die Rohre dringen. Was wir brauchen, ist eine Kanalisation und eine völlig neue Wasserleitung. Das ist aber ein Projekt, das einige Millionen kostet.«

Dabei ist es noch gar nicht klar, wie die elf Jungärzte, die 120 Sanitäter und die Krankenschwestern bezahlt werden sollen, die im Sonderzug nach Neuötting gekommen waren. Bürgermeister Meyer von Altötting muß monatlich 30000 Deutsche Mark aufbringen, um allein den Betrieb seiner Kranken- und Hilfskrankenhäuser laufen zu lassen.

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