Zur Ausgabe
Artikel 20 / 81
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Selbstjustiz Alles ist paletti

Willy Zeller, Boxpromoter und beraubter Pelzhändler, schickte Profi-Boxer aus, um die Berliner Unterwelt nach gestohlenem Fell abzuklopfen. Diese Woche nun müssen die Faustrechtler vor Gericht.
aus DER SPIEGEL 17/1972

Der Prozeß fand im Beatschuppen statt, die Anklage lautete auf Hehlerei, der Angeklagte schwieg.

Einer schwang die Faust, einer verteilte -- laut Protokoll -- einige »gehörige Backpfeifen«, wobei der Beschuldigte »auf seinen Hintern fiel«. Und noch von anderem, Tritten, Tiefschlägen, Boxhieben, ist die Rede.

Doch erst nachdem der Beschuldigte, wie ihm schien, mit dem »Kopf mehrmals gegen ein Handwaschbecken« geschlagen worden war, kehrte sein Erinnerungsvermögen wieder. Er gab die Tat zu.

Dies alles geschah in West-Berlins Tanzlokal »Sit in«, im Dezember 1970. Und eine Sechzehnjährige, die zufällig sah, was da geschah mit dem »Sit-in«-Geschäftsführer ("Sein ganzes Gesicht war aufgeplatzt und blutete"), kam, weil der Hehler-Hilfe verdächtig, gleich auch noch dran. Folgen: Druckschmerz unter dem linken Rippenbogen und am Nabel, Verdacht auf Milzriß. Krankenhaus-Diagnose: »stumpfes Bauchtrauma«.

Die Prügelei an der Friedenauer Hauptstraße galt, so jedenfalls fanden die Akteure, allein der Pflege von Recht und Ordnung: Denn die Knockouts unterliefen beim erfolgreichen Versuch, den Diebstahl von 51 Pelzmänteln aus dem West-Berliner Pelzhaus Zeller aufzuklären und die Täter zu stellen: Ein rundes Dutzend zumeist geständiger Pelzfreunde kam zur Kripovernehmung oder in Polizei-Arrest. Die Hatz auf eigene Faust betrieben:

* Konrad ("Conny") Velensek, 30, vorübergehend Box-Europameister im Halbschwergewicht; Devise: »Ein Kampf sagt mehr als tausend Worte«; Horst Benedens, 29, deutscher Box-Exmeister im Schwergewicht; Frank Reiche, 22, Nachwuchs-Berufsboxer; Peter Michalski, 33, Ex-Boxer, sowie der Spritzenmann Manfred ("Feuerwehrmanne") Blässing, 34; ferner

* Boxstall-Chef Willy Zeller, 40. Besitzer einer Göring-Villa im Zeitwert von 500 000 Mark und -- bis zur Verhaftung im vergangenen November -- Inhaber dreier Pelzgeschäfte. darunter des bestohlenen. Ihr Ermittlerfleiß ("Wir haben nicht so lasche Vernehmungsmethoden wie die Kripo) bringt sie nun vor Gericht: Vom Donnerstag dieser Woche an müssen sich die Weltstadt-Djangos gemeinsam mit einem nicht boxenden Zeller-Angestellten vor einer Großen Strafkammer des Landgerichts in West-Berlin zum Vorwurf der Freiheitsberaubung, Nötigung, Amtsanmaßung, des Hausfriedensbruchs und der gefährlichen Körperverletzung äußern.

Die -- amtlichen -- Ankläger kamen beim Katalogisieren sämtlicher Rohheits- und Anmaßungs-Delikte von Zellers glorreichen Sieben auf immerhin siebzehn selbständige strafbare Handlungen. Doch wer nun wirklich wann, warum und womöglich gar zuerst geschlagen hat, ist wegen des Konglomerats widersprüchlicher Bekundungen nicht immer klar auszumachen.

Ex-Europameister Velensek zum Beispiel, Kneipenwirt aus dem niedersächsischen Schöningen, dem gegen Kaution Haftverschonung gewährt wurde, ist sich sicher, daß er »nicht ein einziges Mal tätlich geworden« ist.

Die Ermittler hingegen glauben, zumindest bei jener Episode, wo es im West-Berliner Kontakt-Hotel »Nobel« gar nicht nobel zugegangen war, das Gegenteil beweisen zu können. Dort nämlich hatte es gleichfalls im Dezember 1970 Streit gegeben mit einem Mann, Schachtmeister von Beruf, der sich den eigenen Whisky nicht austrinken lassen wollte.

Eskalation laut kriminalpolizeilichen Ermittlungen: Die angeschuldigten Michalski und Benedens versetzten dem Mann mehrere Faustschläge gegen Gesicht und Körper, Velensek hielt den Gast fest. Zeller trat ihn mehrmals mit den beschuhten Füßen in den Unterleib, und alle Angeschuldigten schlugen den Kopf des Mannes mehrfach gegen einen Wandpfeiler, so daß der Geprügelte fünf Zähne aus dem Oberkiefer verlor, Platzwunden, Blutergüsse und Prellungen davontrug.

Übel, so ermittelte die Kripo, erging es auch einem gewissen Dieter Jagdmann, der -- offenbar gut im Bilde -- dem Pelz-Zeller damals im Dezember die Wiederbeschaffung der gestohlenen Ware gegen zehn Prozent des Nominalwertes angeboten hatte, von der Zeller-Familie aber samt zwei Komplizen der Polizei übergeben wurde. Als Jagdmann, nach Vernehmung wieder frei, zurückkehrte und nun 25 Prozent forderte, machten ihn, laut Kripo-Ermittlungen, »Schläge ins Gesicht« auch ohne Bares gefügig. Jagdmann führte die Zellers (Motto: »Wir verkaufen Ihnen die besten Pelze, aber nicht zum teuersten Preis") zu Hehlern und Aufkäufern.

Der Polizei blieb nur noch übrig, nach Zellers telephonischen Hinweisen bereits von der Boxer-Clique durchkämmte Wohnungen zu durchsuchen, Zellen bereitzuhalten oder für zügigen Abtransport Verletzter zu sorgen. Und einer der Beamten, so jedenfalls berichtet Zeller-Verteidiger Dr. Hans-Joachim Rust, habe diese Arbeitsteilung auch ganz praktisch gefunden. Der Revierpolizist -- laut Rust -- zu Zeller: »Von euch müßten wir mehr haben«

Wie die Beamten ansonsten reagierten, schrieben sie, nach der »Sit in«-Keile, in einem Bericht nieder: »Herr Zeller erklärte auf Befragung. daß er die Ermittlungen der Täter hinsichtlich der Diebstähle ... selbst in die Hand genommen habe und zusammen mit einigen Boxern auf eigene Faust mehr in zwei Tagen erreicht hätte als die gesamte Kripo.«

Er wollte alsbald noch mehr erreichen. Als der verprügelte »Sit in«-Geschäftsführer Jürgen Einbeck zehn Tage nach den Hieben bei Zeller telephonisch anfragte, ob mit »noch weiteren Überfällen dieser Art gegen mich« zu rechnen sei, habe ihn -- so ließ er später die Staatsanwaltschaft wissen -- der Pelz-Boß kurz beschieden: »Nimm den Strafantrag (wegen Körperverletzung) zurück, und alles ist paletti.«

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 81
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel