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ILSE KOCH Alles nicht wahr

aus DER SPIEGEL 49/1950

Das Vernehmungskleid der Ilse Koch (vergl. SPIEGEL 7/50) steckte in einem Liebesgabenpaket. Münchens Gräfin Isenburg schickt dergleichen von Zeit zu Zeit mildtätig an Prominenten-Gefängnisse. Ueber die sackgraue Wolle ziehen sich helle Karostreifen. Der Halskragen ist blütenweiß. Das Spitzentaschentuch in der Brusttasche auch, das Taschentuch in Ilse Kochs rotaufgesprungenen Händen trüb und verwaschen.

Die Beine zieht sie meist unter den Stuhl. Der dunkelbraunen Makostrümpfe und der verschnürten Blockabsatz-Schuhe wegen.

Ihr Haar ist wieder echt blondrot geworden. In selbstgedrehten Lockensträhnen zerfällt es auf ihrem Nacken.

Kurz vor 9 Uhr sammeln sich jetzt jeden Morgen in der Trümmerstraße um Augsburgs Kolping-Haus die Neugierigen. Im Festsaal des katholischen Arbeiterjugend-Wohnheims tagt das Schwurgericht. An der Wand hinter ihrem Rücken hängt die unscheinbare Christus-Figur der katholischen Jungarbeiter. Vor ihr steht das hölzerne Pritschengestell, auf dem KZ-Häftlinge in Buchenwald gefesselt, blutig- und totgeschlagen wurden.

Ihre wässrigen graublauen Augen langweilen sich an beidem.

Interessiert sehen sie in den Zuschauerraum und mustern jeden Zeugen. Nie zeigt sich eine Resonanz auf dem weißen, etwas aufgeschwemmten Gesicht - ob nun die Zeugen von Häftlingskameraden berichten, die vor den Augen der Koch totgemartert liegengeblieben sein sollen, oder von den tätowierten Menschenhaut-Lampenschirmen mit Ständern aus einem menschlichen Schienbein, einem Wadenbein und einem Knipser aus einer Fußzehe.

Manchmal redet sie an ihrem Tisch auf den Polizisten ein, der neben ihr sitzen muß. Am ersten Verhandlungstag zischte sie noch wütend die Zeitungsleute an: »Ihr wollt doch bloß mit mir Geld verdienen!« »Aha, wieder ein Schauprozeß!« »Den Rummel kenne ich schon.« Jetzt verbietet die Gerichtsordnung jedes Gespräch mit der Angeklagten.

Schnell und sachlich spricht sie mit ihrem Anwalt Dr. Alfred Seidl. Er hat in Nürnberg Meißner, Lammers, Heß und Gouvernements-Frank offizial verteidigt. Die Verteidigung Ilse Kochs vermittelte Professor Kempner.

Anregender als die 80 DM Mindestverteidigungsgebühr pro Tag war für Dr. Seidl die Vernehmungsfahrt nach USA. Ein Vertreter der Anklage, des Gerichts und der Verteidigung interviewten in Washington und New York ehemalige Buchenwald-Insassen, die inzwischen in die Staaten übergesiedelt sind.

Die Hälfte aller Telefon-Anrufer bei Dr. Seidl wollen Details über Ilse Koch wissen. Was sie sagt, was sie ißt, was sie liebt. Aber Seidl interessiert das nicht. »Ich frage sie nie nach etwas Privatem, und sie erzählt mir auch Gott sei Dank nie etwas davon. Ich soll ihr immer Zeitungen von ihren Prozeßberichten zeigen. Bis jetzt habe ich es vergessen.«

Die Koch liest alles, was sie seit vielen Jahren in den jeweiligen Gefängnisbüchereien findet. Neuerdings auch Bücher über Theologie.

Wenn Ilse Koch zur Aussage aufgerufen wird, stockt alles, alle Türen knarren im Saal. Wenige Minuten später setzt es mit empörten »Unerhört!« - »Diese Kanaille!« verstärkt wieder ein.

Wenn sie aussagen muß, wechselt ihr Gesicht vom wachen Interesse zur maskenhaften Starrheit und Bockigkeit. Ihre stereotype, hart herausgeschleuderte Antwort ist: »Nein.«

»Nein, der Vorfall hat sich nicht ereignet.«

»Nein, solche Ausdrücke sind nie über meine Lippen gekommen.«

»Nein, ich habe nie ein fahrbares Krematorium gesehen.«

»Nein, das ist alles nicht wahr und eine bewußt falsche eidliche Aussage.«

Der Vorsitzende: »Wenn man auch die selbstverständlichsten Dinge abstreitet, kann man nicht erwarten, in strittigen Punkten Glauben zu erwecken.«

Ilse Koch: »Ich habe meinen Standpunkt am zweiten Tage erklärt.«

Vorsitzender: »So, Sie haben einen Standpunkt. Hier geht es um Tatsachen.«

Ilse Koch: »Nein, ich habe an keiner Hinrichtung teilgenommen.«

»Nein, ich habe nie bemerkt, daß die Luft verpestet war.«

»Nein, ich habe nie gehört, daß Sträflinge geschlagen werden.«

»Nein, mein Mann hat mir nie von seiner Lagerarbeit erzählt.«

»Nein, mein Mann hat mit mir nie über Geld gesprochen.«

Vorsitzender: »Ihr Mann hat nie mit Ihnen über seine Arbeit gesprochen, nie mit Ihnen über Geld gesprochen? In Liebesbeziehungen ging jeder seine eigenen Wege - wovon haben Sie denn überhaupt gesprochen?«

Ilse Koch: »Ich verzichte auf jedes weitere Argument.«

Vorsitzender: »Aber ich nicht als Vorsitzender.«

Ilse Koch: »Ich kann nur erklären, daß ich unschuldig bin, und daß alles andere erlogen ist.«

Die sechs durch Los gewählten Schöffen sind Männer. Dr. Seidl: »Ich bin froh, daß keine Frauen dabei sind.« Vorsitzender Landgerichtsdirektor Maginot mit 25jähriger Gerichtserfahrung ist auch zufrieden, daß es alle Männer sind. »Nicht, daß ich die Gleichberechtigung der Frau bestreiten will. Aber Männer sind objektiver.«

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