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»Alles nur Tarnung«

Margarethe Schreinemakers inszeniert ihre Steueraffäre als große Seifenoper - und sich selbst als Opfer: Deutschlands erfolgreichste Fernsehmoderatorin fühlt sich vom Finanzminister persönlich verfolgt. Doch wer das viele Geld bekommt, das für ihre Sendung von Sat 1 auf die Antillen fließt, mag sie nicht sagen.
aus DER SPIEGEL 34/1996

Karin Waigel sah die zarte Rechte nicht kommen. Tapfer rang die verlassene Ehefrau von Bundesfinanzminister Theo Waigel vor sechs Millionen Fernsehzuschauern um Fassung, als sich die Hand von Margarethe Schreinemakers wie zufällig auf die ihre legte. Zärtlich drückte die Talkmasterin zu - und schon schossen ihrem Gast die Tränen in die Augen.

Sekunden später weinte auch die Schreinemakers, denn schließlich hat sie einen Ruf zu verteidigen: Keine Showgröße im deutschen Fernsehen kann auch nur annähernd so herzzerreißend mitmenscheln wie sie.

Mit heiser-weinerlicher Stimme, einem Blick, so steinerweichend wie der eines Tierheimhundes, einem Herz für die kleinen Leute und der Fähigkeit, Distanz durch sofortige körperliche Berührung zusammenbrechen zu lassen, hat sich die 38jährige Rheinländerin zur Beichtmutter der Nation entwickelt - und zur Quotenkönigin des Senders Sat 1.

In besten Zeiten fast acht, in schlechten noch über vier Millionen Zuschauer nehmen alldonnerstäglich Anteil an der dreistündigen Bekenner-Show »Schreinemakers live«. Die bietet, was Talkshows heute so bieten müssen: mißbrauchte Kinder, greisenhafte Nymphomaninnen, aidskranke Bluter, HIV-infizierte Babys. Ein Geistheiler kuriert über Bildschirm, ein Richter liebt eine Hure, verliert den Job, liebt aber weiter, Margarethe Schreinemakers läuft über glühende Kohlen.

Bis zu 30 Talkgäste geben sich pro Sprechstunde die Klinke in die Hand. Männer, die Männer lieben, Männer, die Frauen lieben, Männer, die Windeln lieben, Männer, die zu sehr lieben. Arme Leute, die ihre Nieren verkaufen wollen, Behinderte, denen ein Therapieplatz fehlt, Junkies, die sich auf dem Babystrich andienen, Menschen, die nackt schlafen - Schreinemakers kämpft für alle, und wenn nötig, sammelt sie Geld. Denn Schreinemakers, so sagt sie, will vor allem helfen.

Wie ein Drogenhund schnüffelt Schreinemakers jeden Gast nach Spuren verwertbarer Emotionen ab. Nichts Menschliches scheint der ehemaligen Ordensschwester fremd, kein Abgrund zu tief, selbst kleine Gefühle werden groß vorgetragen.

Auch Todsünden, eigentlich Sache des Herrgotts, finden bei ihr Vergebung. Die kroatische Soldatin, die hofft, möglichst viele Feinde zerfetzt zu haben, erhält Absolution. »Es ist schwer, Sie zu verstehen, aber ich kann es«, stöhnt Schreinemakers mit vor Leid gebrochener Stimme. Schließlich sind auch Täter Opfer, und niemand versteht mehr von Opfern als Margarethe Schreinemakers.

Doch offenbar beeinträchtigt die dauernde Beschäftigung mit den Entrechteten und Chancenlosen dieser Gesellschaft den Realitätssinn der professionellen Mitleiderin. Neuerdings sieht sie sich, ein interessanter Fall für alle Hobby-Psychologen der Republik, selbst als zu Unrecht Verfolgte.

Es ist Theo Waigel, der Bundesfinanzminister, der sie »plattmachen« will, wie sie der Hamburger Morgenpost anvertraute. Der nämlich, klar doch, wolle sich an ihr rächen, weil sie das Leid seiner Ex-Frau öffentlich gemacht habe, als Waigel sich gerade mit seiner Neuen der Öffentlichkeit präsentierte. Das, so glaubt Schreinemakers, ist der wahre Hintergrund für die Steuerkampagne, die, davon ist sie überzeugt, der Finanzminister persönlich gegen sie initiiert habe.

Solcherart zum Opfer der Mächtigen geworden, will sie sich nun selber zum Thema machen: Am kommenden Donnerstag, in ihrer ersten Sendung nach der Babypause, hat die Opfersachverständige Schreinemakers das Opfer Schreinemakers eingeladen. Mit der geballten Macht der Millionen Zuschauer will die Unterhalterin den Finanzminister öffentlich in die Knie zwingen.

Was steckt hinter dem medialen Trommelfeuer, das die Mutter Teresa des Fernsehens in eigener Sache entfachte? Der Größenwahn einer zu schnell Aufgestiegenen? Der dreiste Versuch, noch mehr Aufmerksamkeit auf ihr Comeback nach der Babypause zu lenken? Oder ein weiteres Beispiel für die Raffgier der Neureichen?

Es geht, wie auch immer, um Geld, um viele, viele Millionen. Wie keine andere Berufsgruppe haben die Stars des Unterhaltungsgewerbes in den vergangenen Jahren ihre Gagen vervielfacht: Sportler wie Boris Becker oder Michael Schumacher, Fernsehgrößen wie Harald Schmidt oder Thomas Gottschalk, Günther Jauch - und eben Schreinemakers.

Gehälter, wie sie im Showgewerbe üblich sind, gibt es in keiner anderen Branche. Gegen die Sport- und Fernsehstars ist der Bundeskanzler ein Kleinverdiener, und selbst die Spitzenmanager der deutschen Industrie, verantwortlich für Milliardeninvestitionen und Hunderttausende von Arbeitsplätzen, können da nicht mithalten.

Über die Gagen entscheidet der Markt, und der ist bekanntlich unbestechlich: Wer hohe Quoten schafft, bringt seinem Sender hohe Umsätze - die Werbezeiten können entsprechend teuer verkauft werden. Also steigt auch die Gage. So glaubt jeder, daß er das Geld, das er bekommt, auch verdient - wie groß der Abstand zum Normalbürger auch immer sein mag.

Margarethe Schreinemakers ist die Quotenkönigin des deutschen Fernsehens - und deshalb auch die Spitzenverdienerin. 110 000 Mark bekommt sie pro Sendung. Aber das ist noch längst nicht alles: Eine Million Mark überweist der Sender Sat 1 pro Folge an die Firma Living Camera nach Amsterdam. Die wiederum überweist der Kölner Telemaus, die ihrem Mann Werner Klumpe gehört und die Sendung erstellt, etliche hunderttausend Mark. »Deutlich über 500 000« koste derzeit die Produktion, sagt Klumpe.

Wohin das ganze Geld von Living Camera am Ende fließt, ist unklar - und tiefere Ursache eines erbitterten Streits zwischen Schreinemakers und dem Bonner Bundesamt für Finanzen.

Offiziell erhält die Namensgeberin der Sendung neben der 60 000-Mark-Gage von Sat 1 noch 20 000 Mark von Living Camera und 30 000 von der Telemaus - pro Sendung, versteht sich. Ihre Einkünfte aus Deutschland muß sie in Belgien, wohin sie, der Kinder und der frischen Luft wegen, gezogen ist, nicht versteuern. Künstler, Berufssportler und freie Schriftsteller werden dort besonders nett behandelt (siehe Seite 69).

Für das Jahr 1995, empörte sich Margarethe Schreinemakers in einer einfühlsam aufbereiteten Serie der Hamburger Morgenpost, habe sie in Deutschland Steuern in Höhe von exakt 657 368 Mark gezahlt. Das waren die Steuern für ihre Einkünfte aus Köln, von Sat 1 und der Telemaus.

Was die Moderatorin verschwieg: Der deutsche Fiskus griff sich lediglich 16,125 Prozent ihrer Einkünfte - 15 Prozent Abzugssteuer zuzüglich 7,5 Prozent Solidarzuschlag. Schreinemakers hat demnach im vergangenen Jahr in Deutschland genau 4 076 700 Mark verdient. Wäre sie in Köln geblieben, hätte sie mehr als 2,3 Millionen dem Finanzamt abliefern müssen.

Das ist legal und hat auch seine innere Logik. »Das Kapital fließt in Niedrigsteuerstaaten, so wie der Rhein bergab in die Nordsee fließt«, beschreibt der Steuerrechtler Günther Felix die Folgen des »unplausiblen Steuergefälles« in Europa (siehe Interview Seite 66).

Vollkommen rechtmäßig ist es nach Ansicht von Schreinemakers auch, daß das viele Geld, das Sat 1 - wofür eigentlich? - an Living Camera überweist, dem deutschen Fiskus entzogen wird. Sie will nicht verstehen, daß deutsche Finanzbeamte in der Firma, von der keiner weiß, wem sie gehört, nur eine trickreiche Konstruktion zur Steuervermeidung sehen.

Wer die Steuer umgeht, verspürt in der Regel kein Unrechtsbewußtsein: Wenn Michael Schumacher nach Monaco zieht, nimmt seine Popularität keinen Schaden. Auch Boris Becker hat die Nation den zwischenzeitlichen Ausflug in das Fürstentum nach anfänglicher Aufregung schnell verziehen.

Und selbst die großen Konzerne verschieben im Geflecht ihrer Tochterunternehmen ihre Gewinne so lange rund um den Globus, bis die dort landen, wo sie besonders pfleglich behandelt werden.

Warum also sollte man von den gut bezahlten Medienstars mehr Steuermoral erwarten? Weil sie im Talk mit den Zukurzgekommenen der Gesellschaft Karriere und Geld machen?

Mit ihrer unsäglichen Melange aus Räuberpistole ("Waigel will mich fertigmachen"), Vertreibungsschnulze ("Ich wollte ein Stück Rasen für meine Kinder, ich wollte nicht, daß sie in einer Stadt wie Köln aufwachsen, in der permanent zehn Passanten ihre Köpfe in den Kinderwagen hängen, weil sie die Mutter erkennen") und egozentrischer Rechthaberei ("Ich tue nichts, was außerhalb des Gesetzes wäre. Ich habe das Recht auf meiner Seite") verhält sich die Moderatorin so, als sei sie Gast in ihrer Sendung.

»Ich halte es mit Winnetou«, verrät sich Schreinemakers. »Schau nicht zurück, da wird Nscho-tschi erschossen.«

Sich nichts gefallen lassen, kämpfen bis zum Umfallen, niemals nachgeben, das sind die Motive, die Schreinemakers'' Leben bestimmen. Die Verhältnisse im kleinbürgerlichen Elternhaus waren bescheiden, aber ein Motto gaben die Eltern der quirligen Tochter mit auf den Weg: Wir sind nicht reich, aber wir sind auch wer.

Margarethe jedoch wollte noch mehr sein, viel mehr, und bald wußte sie auch, wie: »Ich war ein sehr exhibitionistisches Kind«, sagt sie, »ich liebte es, auf der Bühne zu stehen und ältere Frauen mit Tanz und Gesang zum Weinen zu bringen.«

Daran hat sich nicht viel geändert, außer daß sie jetzt wirklich reich ist. Das breite Publikum wurde zum erstenmal am 17. Januar 1985 auf die ehrgeizige Nachwuchskraft aufmerksam. Da startete sie, als Komoderatorin der ARD-Unterhaltungsshow »Extratour«, in die Welt des Entertainments.

Laut, schrill und vulgär präsentierte sich Schreinemakers 1987 als Moderatorin des WDR-Ratequiz »Wortschätzchen«. Bereits nach einer Sendung erhielt sie den Spitznamen »Schwachköpfchen«, neun Folgen später folgte die rote Karte. »Wortschätzchen gefeuert«, durfte die Jungmoderatorin der Presse entnehmen.

»Es war wie Gefrierfach«, sagte Schreinemakers, »der schwärzeste Tag meines Lebens. Ich habe Rotz und Wasser geheult, mich drei Tage lang im Zimmer eingesperrt, bis mir klar wurde: Es gibt nur zwei Auswege - Aufhängen oder Reinhängen.«

Sie wählte eine dritte Variante: Sie verband sich geschäftlich - später auch privat - mit ihrem alten Bekannten Werner Klumpe. Der ist wie sie, wenn auch in einem anderen Metier, ein Meister in der Kunst der Geldvermehrung.

Klumpe gilt als einer der trickreichsten Advokaten Kölns, den meisten seiner Standeskollegen ist er eine Spur zu tricky. Der Sohn eines Bergmanns aus Duisburg hat Millionenhonorare auf dem grauen Kapitalmarkt eingestrichen - als Abwickler zusammengebrochener Abschreibungsgesellschaften und vor allem als Berater von seriösen und weniger seriösen Anbietern von Immobilienfonds.

Klumpe zählt zu den wenigen Anwälten in Deutschland, die genau wissen, wie die rechtliche und steuerliche Gestaltung eines Fonds aussehen muß, damit die Initiatoren - seine Auftraggeber - juristisch abgesichert sind. Er kann aber ebenso versiert die Kommanditisten eines zusammengebrochenen Fonds vertreten. Beide Tätigkeiten läßt sich Klumpe ordentlich honorieren.

Gesellschafter der Pleite-Fonds Aquadrom Bochum nölten über die Honorare, die Klumpe für seine juristischen Bemühungen berechnete - 1,7 Millionen Mark. Über zwei Millionen Mark bekam Klumpe von dem Berliner Fonds-Initiator Klaus Ruhl, um für einige Fonds steuerliche Konzepte zu erarbeiten.

Die Arbeit für Ruhl, der seit Januar in U-Haft sitzt, brachte nebenbei auch Klumpes Ehefrau ein kleinesTaschengeld ein: Für 23 370 Mark moderierte Margarethe Schreinemakers einen bunten Abend vor Vertriebsleuten, das Honorar wurde den nichtsahnenden Anlegern des Ruhl-Fonds Nr. 19 in Rechnung gestellt.

Ende der achtziger Jahre begann der vielseitige Anwalt seine Einkünfte zu erweitern und gründete eine Reihe von Firmen, alle tätig in den Bereichen Vermögensverwaltung, Immobiliengeschäfte und Medien: 1987 die Wewa Gesellschaft für Vermögensverwaltung und -beteiligung, die MVBB Medien-, Vermittlungs-, Beratungs- und Beteiligungsgesellschaft und die Telemaus Schreinemakers & Klumpe GmbH. Mittlerweile ist Schreinemakers als Gesellschafterin dieser Firma ausgeschieden, die Telemaus gehört allein Klumpe.

Der emsige Berater von Kapitalanlage- und Steuersparfirmen kennt die Tricks. War er nun, beim Management seiner Frau, wieder eine Spur zu tricky?

Im Jahr 1991 plante der Mainzer Privatsender Sat 1, der sich gerade von internen Querelen erholt hatte, eine große Aufholjagd. Stars und Sternchen sollten die Wende bringen.

Zu den neuen Hoffnungsträgern gehörte die Talkmasterin Margarethe Schreinemakers, die nach dem »Wortschätzchen«-Desaster in der NDR-Talkshow eine Chance zur Rehabilitierung erhalten hatte. Programmchef Martin Kraml sann auf eine innovative Plaudershow, frech und spritzig wie nie zuvor im deutschen Privatfernsehen.

Die allwöchentliche Fernsehrunde schlug ein. Schon im Startjahr 1992 schauten durchschnittlich 1,7 Millionen zu, 1993 waren es dann 3,5 Millionen. Für die Produzenten war zunächst ein Salär von 400 000 Mark pro Folge ausgemacht. Das Geld ging an die Firma Atlantic Media des Schlagersängers Roland Kaiser und des Unternehmers Jacky Drechsler.

Als die Sendung so richtig florierte, schied Klumpe-Freund Kaiser aus. Der Schreinemakers-Mann schlug dem Management von Sat 1 vor, die Show woanders fertigen zu lassen.

Zum Zug kam Living Camera Produkties B.V. aus Amsterdam. Der TV-Newcomer freilich zog zunächst keine eigenen Studios hoch, sondern setzte die schon vorher aktive Telemaus GmbH nun als Subunternehmer ein. Die TV-Geschäfte rund um Klumpe übernahm der langjährige Sat-1-Mann und Schreinemakers-Vermarkter Kraml.

Das Bonner Bundesamt für Finanzen, zuständig für die knifflige Materie des Außensteuerrechts, will partout nicht einsehen, daß Living Camera eine eigenständige Firma ist.

Es wurden, schrieb das Amt in seinem Ablehnungsbescheid vom 3. Mai 1996, für das Jahr 1994 verschiedene Konzepte vorgelegt, die Living Camera entwickeln und produzieren wolle. Hierbei handele es sich jedoch »um Planungen und Ideen, von denen - auch unter Berücksichtigung der Folgejahre - kein Projekt realisiert wurde«.

Warum, fragen sich die Experten, erhält die Firma eine Million Mark pro Sendung? Insider taxieren die tatsächlichen Produktionskosten auf 300 000 bis maximal 500 000 Mark pro Sendung. Und die fallen bei der Telemaus in Köln an. Klumpe-Freunde dagegen sagen, die Sendung koste rund 650 000 Mark.

Living Camera, glauben die Steuerexperten im Bundesamt, erbringe keine wirtschaftliche Leistung, arbeite nur für Schreinemakers und lasse woanders produzieren - die Firma sei deshalb nur eine zwischengeschaltete Gesellschaft, die eigentlich überflüssig sei.

Für solche Fälle hat das deutsche Steuerrecht eine 25prozentige Abzugsteuer erfunden. Von dem Millionenhonorar, das Sat 1 an die holländische Gesellschaft zahlt, muß der Sender 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag abziehen und an das Finanzamt Mainz-Mitte überweisen. Das sind elf Millionen Mark im Jahr - und wegen dieses Betrags streitet sich Schreinemakers mit dem Finanzminister: Es geht um die Steuern einer Amsterdamer Firma, an der Schreinemakers offiziell nicht beteiligt ist.

Dort bei Living Camera, in einem zweistöckigen alten Kontorhaus mit Parkett und Edeldesign, denken inzwischen 13 Personen nach, wie die Marke Schreinemakers auszuweiten ist, etwa mit einer eigenen Buchreihe und einer Zeitschrift.

Seit zwei Jahren fordern die Geschäftsführer Martin Kraml und Klaas Jan Westerling eine Befreiung von der Abzugsteuer, bislang vergebens.

In diesem Sommer eskalierte der Streit. Kraml und Westerling reichten bei Theo Waigel eine »Dienst- und Fachaufsichtsbeschwerde« gegen Mitarbeiter des Bundesamts für Finanzen ein.

Am gleichen Tag, am 13. Juni, schickte die Bonner Kanzlei Loef & Partner eine Klageschrift an das Bonner Landgericht, in der Living Camera 2,2 Millionen Mark Schadensersatz forderte, weil das Bundesamt die Freistellung von der Abzugsteuer verweigerte. Gleichzeitig reichte der Bonner Steueranwalt Helmut Debatin eine Klage beim Finanzgericht Köln ein, in der er verlangt, Living Camera von der Abzugsteuer freizustellen.

Die Schriftsätze der Anwälte sind weitgehend identisch. Beide behaupten, Living Camera sei eine unabhängige Produktionsgesellschaft, die »bei ihrer Leistungserbringung«, so Debatin, »vor allem auch auf den hochqualifizierten fachlichen Beistand von Frau Schreinemakers zurückgreift«. Zudem trage Living Camera die unternehmerische Verantwortung und erstelle Konzeptionen, ergo sei dies »geistige Arbeit«.

Beide Anwälte argumentieren, die Amsterdamer Firma arbeite keineswegs nur für »Schreinemakers live«. Die Belege sind allerdings nicht immer sehr überzeugend.

Living Camera hat bislang eine CD »mit dem bekannten Musiker Willy Ketzer« produziert und in Koproduktion mit der Frankfurter ZZ-Film, an der sie 25 Prozent hält, einen Streifen hergestellt, der unter dem beziehungsreichen Titel »Alles nur Tarnung« demnächst in die deutschen Kinos kommen soll.

Daneben, so legen Debatin und Loef ausführlich dar, arbeiten die Amsterdamer seit 1995 etwa an einer Tierserie namens »Animal Cocktail« (in Koproduktion mit dem ORF) und an einer Sendung über Wale (zusammen mit einer freien Produzentin).

Vor allem aber denken die paar Mitarbeiter von Living Camera heftig über neue Projekte nach - über das Meinungsmagazin »Allegro«, eine Talkshow namens »Daily Talk«, die Musiksendung »live is live« oder den Comedy-Talk »Schwäbli«.

Solche Projekte, schreibt Debatin in seiner Klageschrift, »stellen daher, auch wenn sie bislang nicht realisiert werden konnten, einen wirtschaftlichen Wert dar. Sie belegen die wirtschaftliche Aktivität der Klägerin, deren Wert nicht dadurch geschmälert wird, daß für diese Projekte noch keine Vermarktung erfolgen konnte«.

Ganz absurd findet Debatin die Ansicht von Waigels Steuerexperten, Living Camera streiche fette Gewinne ein, die in keinem Verhältnis zur Leistung stehen würden. Das sei »eine gedankliche Verirrung, die man bei einem Bundesamt für Finanzen kaum noch für möglich halten kann«.

Gerade dies, so der pensionierte Ordinarius für Internationales Finanz- und Steuerrecht, spreche für eine wirtschaftliche Tätigkeit: Wenn Living Camera Gewinne »in besonders eindrucksvoller Höhe erzielen sollte«, sei dies »Ausdruck ihrer unternehmerischen Qualifikation«.

Nur einmal griffen die Holländer voll daneben - bei der Silvestershow zur Jahreswende 1994/95 mit Margarethe Schreinemakers.

Für die Show vereinbarte Living Camera mit Sat 1 ein Honorar von 2,35 Millionen Mark; produziert wurde das Spektakel von Klumpes Telemaus, die dafür ihrem Amsterdamer Auftraggeber 1,96 Millionen Mark berechnete. Von dem 2,35-Millionen-Mark-Honorar kamen aber nur 1,762 Millionen bei Living Camera an - Sat 1 mußte ja 25 Prozent Abzugsteuer an den Fiskus überweisen.

»Hier soll eine Firma vernichtet werden«, tobte die Moderatorin Schreinemakers in der Zeitschrift Gala, »weil sie ,Schreinemakers live'' produziert.« Und: »Aber das lassen wir nicht zu. Wenn mich einer provoziert, werde ich unheimlich stark.«

Öffentlich nahm sie den Finanzminister an. Ein anonymer Anrufer aus dessen Ministerium habe sie vor der Sendung mit Frau Waigel gewarnt, sie bekäme ein Problem. Später habe sich ein Sohn Waigels schriftlich bei ihr beschwert. Allerdings kann sie die Vorwürfe nicht belegen. Den Brief von Waigel junior, sagt sie, habe sie in den Papierkorb geworfen.

Eine Rede Waigels beim politischen Aschermittwoch in Passau lieferte ihr den endgültigen Beweis. »Wenn schon deutsche Showmaster oder deutsche Showmasterinnen von deutschen Zuschauern leben, dann sollen sie für ihre Gagen auch in Deutschland ihren gerechten Steueranteil zahlen«, sagte Waigel. Tags darauf titelte die Münchner Abendzeitung »Polit-Aschermittwoch: Schelte für Schreinemakers«.

Schreinemakers schlug über ihr wohlgesinnte Medien zurück. »Über Waigels Vorwurf lach'' ich mich doch kaputt«, höhnte sie in dem Gruner + Jahr-Blatt Gala. Und in der Hamburger Morgenpost aus dem gleichen Verlag lamentierte sie über vier Folgen hinweg über Waigel: »Die Sache mit Living Camera wird ganz oben entschieden.«

Der angegriffene Minister ließ in einer Presseerklärung alle Vorwürfe und Unterstellungen als »unhaltbar« zurückweisen. Er sei mit einem Verfahren weder befaßt noch habe er in »irgendeiner Art und Weise darauf Einfluß genommen«. Er werde auch in Zukunft, versicherte Waigel, »persönlich keine Entscheidung in dieser Angelegenheit treffen«.

Das machen die Beamten im Bundesamt. Und die sehen in Living Camera eine sogenannte Durchleitungsgesellschaft, über die Gewinne steuersparend in die Karibik geschleust werden.

Künstler, Entertainer und Profisportler aus aller Welt lassen ihre Rechte - etwa aus Werbeauftritten oder aus der

Verwertung ihres Namens - gern von einer holländischen Firma vermarkten.

Nach einer Schätzung der Nederlandsche Bank gibt es in dem Königreich rund 7000 solcher Gesellschaften, die jährlich umgerechnet über 61 Milliarden Mark in die Karibik transferieren. Diese Firmen weisen allesamt eine Gemeinsamkeit auf: Die Muttergesellschaft residiert auf den Niederländischen Antillen, die Tochter in den Niederlanden.

Bei dieser Konstruktion zahlt die in den Niederlanden ansässige Firma eine geringe Steuer, um sieben Prozent. Die Gewinne gehen, weil die Niederländischen Antillen Teil des Königreichs mit besonderem Status sind, nach Curaçao und werden dort mit ein bis drei Prozent besteuert.

Sehr zum Ärger von Waigel und seiner Kollegen in anderen Ländern lassen die Holländer diese Konstruktion zu. Nach Schätzung der niederländischen Staatsbank bleiben 760 Millionen Gulden an Steuern im Land - zu einem guten Teil als Einkommensteuer der rund 10 000 hochdotierten Anwälte, Steuerberater und ähnlichen Helfer.

Auch bei Living Camera führt eine Spur in die Karibik.

Diese Gesellschaft wurde 1949 als Hattem B.V. gegründet und widmete sich dem »Handel von Emaille und Metallwaren«. Später wurde daraus eine »Beleggingsmaatschappij«, eine Anlagegesellschaft, ruhte dann und wurde von der ABN Amro Bank als Vorratsgesellschaft gehalten. 1992 wurde die Firma lebendig. Am 30. Dezember meldete sich eine Portello Corporation N. V. aus Curaçao als Alleinaktionär der Beleggingsmaatschappij Hattem B.V.

Direktor der Portello war Gregory E. Elias. Das ist jener Mann, der über holländische Durchleitungsgesellschaften dem damals in Monaco lebenden Boris Becker legal beim Steuersparen in der Karibik half und - nicht ganz so legal - dem in Deutschland lebenden Peter Graf.

Zu Silvester 1993 meldete Elias die Portello als Alleininhaber der Hattem ab, und aus der Hattem wurde die Living Camera Produkties B.V.

Damit tauchten die Eigentümer der Produktionsfirma von »Schreinemakers live« ins Dunkel. Denn nach niederländischem Recht muß sich ein Aktionär nur dann im Handelsregister zu erkennen geben, wenn er alle Anteile hält. Die Portello kann nun 1, 50 oder 99 Prozent an der Living Camera halten: Die Eigentümer der holländischen Gesellschaft - es müssen mindestens zwei sein - sind unsichtbar.

Klumpe, der gewiefte Steuerexperte, will nicht mehr gefragt werden, wem eigentlich die Firma gehört, für die seine Telemaus produziert und die er gegen teures Geld berät: »Ich will mich dazu nicht äußern.« Er selbst und Kraml dementieren aber eine Beteiligung. Richtig Sinn würde die Konstruktion dann nur machen, wenn Schreinemakers hinter Living Camera steht.

An wen das Geld tatsächlich ging, interessierte Sat 1 vor drei Jahren intensiv. Doch als Schreinemakers drohte, zu RTL zu gehen, wurden die Nachforschungen eingestellt. Die Sendung machte trotz des üppigen Honorars Gewinn, schätzungsweise 50 Millionen Mark bleiben pro Jahr hängen. »Die Frau bringt uns viel Geld«, verkündete Senderchef Hans Grimm, 60, intern.

Erst Programmchef Fred Kogel, 35, seit Mai 1995 im Amt, störte die Geschäfte des Schreinemakers-Clans. Der Jungmanager, der Thomas Gottschalk und Harald Schmidt nahesteht, zeigte wenig Neigung, mit Klumpes Kölschem Klüngel zu dealen. Sat 1 ging auf Angebote von Living Camera, Serien und Filme herzustellen, einfach nicht ein.

Die Niederländer mußten dem deutschen Fiskus unbedingt wirtschaftliche Aktivität beweisen, um nicht mehr mit der 25prozentigen Abzugsteuer belästigt zu werden. Kogel jedoch, der neue Herrscher, baute das ganze Programm nach eigenem Gusto um. Per Fax drohte er seiner Top-Moderatorin sogar an, künftig werde ihre Sendezeit knapper sein.

Kurz entschlossen ging Schreinemakers, deren Vertrag mit Sat 1 zum Jahresende ausläuft, zur Konkurrenz. Da war mehr möglich. RTL-Chef Helmut Thoma bot ihrer Produktionsfirma Living Camera an, die Live-Show unverändert fortzuführen - und er garantierte die so lange ersehnten Aufträge für die Firma.

In einem Rahmenvertrag vom 4. Juli 1995 einigten sich die Partner, so die Darstellung von Kraml und Westerling, daß die Firma aus Amsterdam zwei Krimiserien (Arbeitstitel: »BKA« und »O.K. Kölsch") sowie zwei TV-Movies produziert. Gesamtvolumen: rund 30 Millionen Mark. Auch eine Show mit dem Ex-Sat-1-Moderator Jörg Draeger sollen die Holländer produzieren.

Für 1997 präsentiert die Firma viele Projekte, und wenn die tatsächlich richtiger Fernsehstoff werden, hat das deutsche Finanzamt wenig Chancen, die Überweisungen nach Amsterdam zu schmälern: Dann ließe sich die wirtschaftliche Aktivität und der eigenständige Charakter der Firma kaum mehr bestreiten. »Diese Firma kann niemand mehr kaputtmachen«, sagt Manager Kraml. Nächste Woche soll eine Entscheidung fallen, ob »Schreinemakers live« künftig im holländischen Vaals produziert wird. Dort will Kraml Studios hochziehen. Nur Schreinemakers hat sich bisher gegen den Umzug gesträubt.

Konkrete Produktionsverträge bei RTL freilich gibt es noch nicht. RTL-Chef Thoma spricht von »Entwicklungsaufträgen«. Danach müsse man, so Thoma, weitersehen.

Der Rummel um seinen künftigen Star stört Thoma nicht. »Wir empfangen sie auf jeden Fall mit Kußhand«, sagt er. RTL würde sie auch früher anfangen lassen.

Gut möglich, daß sie ihren Arbeitplatz schwer beschädigt antreten wird: Ihre steile Karriere bei Sat 1 könnte wirklich ein abruptes Ende finden.

Der geplante Beitrag über ihren eigenen Fall - Arbeitstitel: »In eigener Sache - Die Steueraffäre Schreinemakers-Waigel« - sei »grundsätzlich falsch und auch geschmacklos«, schrieb Programmchef Kogel seiner Quotenkönigin in der vergangenen Woche. In einer Art Unterlassungserklärung sollte sie - Frist: Freitag, 12 Uhr - garantieren, von einem Stück in eigener Sache zu lassen. Lediglich ein paar Worte bei der Anmoderation ("Ich sage Ihnen nur, ich habe meine Steuern gezahlt") wollte Kogel durchgehen lassen.

Das wiederum will Anwalt Klumpe auf keinen Fall hinnehmen. Der Vertrag mit Sat 1 garantiere eine weitgehende Programmhoheit von Schreinemakers, sie müsse sich nur an die allgemeinen Mediengesetze halten, sagt Klumpe. Das sei ein Fall für eine fristlose Kündigung.

Schreinemakers unterschrieb nicht, statt dessen setzte Klumpe seinerseits eine Frist: Bis Montag, 16 Uhr, soll Sat 1 garantieren, nie mehr in die Autonomie von »Schreinemakers live« einzugreifen. Der Eklat ist da.

Der Sender bereitet rechtliche Schritte gegen Schreinemakers vor, wenn sie auf ihrer Waigel-Nummer beharrt. Zudem überprüfen Revisoren und Juristen alle Verträge rund um Klumpe/Schreinemakers. »Wir machen keinen Rückzieher«, sagt Sprecherin Kristina Faßler. »Notfalls fällt die Sendung eben aus«, erklärte ein Manager intern.

Dann erlebt das Publikum Margarethe Schreinemakers wieder in ihrer liebsten Rolle: als unnachgiebige Kämpferin - und als Opfer.

[Grafiktext]

Steuersparmodell Schreinemakers: Zahlungen pro Sendung

[GrafiktextEnde]

* Bei der Bambi-Verleihung, im Dezember 1992 in Köln.* Mit Sohn Kristoph in ihrem Haus in Belgien.* Oben: 1987; unten: mit Jutta Weinhold in der NDR-Talkshowam 28. Mai 1988.

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