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»Alles oder nichts - egal, aber storno«

Die Autonomen - der militante Ableger der Friedensbewegung *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Mit Marx und Mao haben sie wenig am Helm. Linke Alternative und ökologisch orientierte Grüne sind ihnen ebenso suspekt wie all jene, die friedlich für den Frieden demonstrieren.

Sie sind gegen neue Raketen und Rüstung schlechthin; sie kämpfen gegen Kernkraftwerke, Kapitalisten und überhaupt gegen Machthaber aller Art.

Sie wollen »Widerstandsstrukturen gegen das wirtschaftliche und politische System« aufbauen, propagieren Veränderung durch »permanente Revolution« oder »permanente Revolte«, so genau kommt es ihnen darauf gar nicht an. Am liebsten möchten sie immerzu das »ganze Schweinesystem« aus den Angeln heben.

Nach eigener Einschätzung haben viele von ihnen »einen ''diffusen Anarchismus'' im Kopf«, aber »traditionelle Anarchisten« wollen sie gleichwohl nicht sein. Sie sind Anhänger einer neuen westdeutschen Protestbewegung, die sich »autonom« nennt und mit Vorliebe militant zu Werke geht.

Rund 700 westdeutsche »autonome Gruppen« haben nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer »mehrere tausend überwiegend Jugendliche« mobilisiert, die sich »in diffusen, oft hordenähnlichen Zusammenschlüssen« sammeln. Ihr Protest richtet sich gegen die Raketen-Rüstung, die sie mit aller Gewalt verhindern wollen.

Sie propagieren »direkte Aktionen« gegen Nachrüstung und Nato, planen die Behinderung von Munitionstransporten und die Besetzung von Militäranlagen. Friedfertige Blockaden wie die von Mutlangen Anfang September sind ihnen viel zu lasch. »Autonome« wollen in die Bonner Bannmeile einbrechen, eine Kaserne in Bremerhaven (Sitz des US-Military Sealift-Command) umzingeln und die Hafenanlagen von Bremerhaven/Nordenham blockieren, wo der Waffen-Nachschub für die US-Streitkräfte umgeschlagen wird (siehe Kasten Seite 38).

»Da braut sich etwas zusammen«, erwartet ein westdeutscher Staatsschützer, »was gefährlich werden kann.« Das niedersächsische Verfassungsschutzamt befürchtet gar, daß sich neben der »Roten Armee Fraktion« (RAF) und den »Revolutionären Zellen« (RZ) eine »weitere Variante des Terrorismus auftun könnte«.

Autonome Gruppen zeigen seit gut drei Jahren, zu was sie fähig und auch bereit sind: *___Am 6. Mai 1980 lieferten sie der Polizei vor dem Bremer ____Weserstadion bei einer Rekruten-Vereidigung ihre erste ____große Straßenschlacht. Einige hundert Autonome aus ____Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen setzten sich an ____die Spitze eines Demonstrationszuges, bewarfen Beamte ____mit Steinen und Polizeifahrzeuge mit Brandsätzen. *___Am 11. Juni 1982, als US-Präsident Ronald Reagan nach ____West-Berlin kam, und am 25. Juni 1983, als ____US-Vizepräsident George Bush Krefeld besuchte, gingen ____vermummte Autonome mit Steinen und Stöcken gegen ____Polizeibeamte vor. *___Auch am Frankfurter Flughafen, beim Protest gegen die ____Startbahn West, vor dem geplanten Atommüll-Endlager ____"Schacht Konrad« in Salzgitter und bei Räumungen ____besetzter Häuser in Berlin mischten sich Autonome unter ____die Demonstranten und schürten Gewalt.

Den Begriff »autonom«, entlehnt von italienischen und französischen Vorbildern, verwenden mittlerweile Gruppen aus der Ökologie- und Hausbesetzerszene, aus der Friedens- und der Frauenbewegung; und viele von denen wollen im Herbst und auch danach den Herrschenden tüchtig einheizen. Womöglich so: »Hin - Helme auf - Randale - weg.«

Die militanten Minigruppen sind längst zum innenpolitischen Faktor geworden. Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) und sein Parlamentarischer Staatssekretär Carl-Dieter Spranger benutzen die kleine radikale Minderheit im breiten Spektrum der Raketengegner, um die ganze Friedensbewegung in Verruf zu bringen. Die neue außerparlamentarische Opposition, so Sprangers Kurz-Analyse, sei viel »gefährlicher« und »breiter angelegt« als die Apo von 1968. Zimmermann begründet seine politischen Forderungen, das Demonstrationsrecht drastisch zu verschärfen und die Vermummung von Demonstranten zu bestrafen, auch mit dem Hinweis auf die Autonomen.

Dabei machen die Krawall-Gruppen, die mit Helm und Maske, Stöcken und Steinen gegen den Staat und dessen Schützer anrennen, nicht einmal ein Prozent der Friedensbewegung aus. Auch finden dort ihre Aktionen wenig Widerhall. Bei Prostestumzügen werden sie nicht selten von friedfertigen Demonstranten _(Bei einer öffentlichen ) _(Rekrutenvereidigung am 6. Mai 1980. )

zurückgehalten, in Mutlangen durften sie erst gar nicht dabeisein.

Untereinander tragen die militanten Protestler - Spontis mit Streetfightern, Atomgegner mit Knastgruppen - erbitterte Richtungskämpfe aus. Der kunterbunte harte Kern, der mit Nonsens-Sprüchen ("Alles oder nichts - egal, aber storno") und Gewalt-Parolen ("Es gilt, das Ganze der Gesellschaft zu zerschlagen") von sich reden macht, der in Szene-Kneipen Aktionen abspricht und über Alternativ-Zeitungen und Untergrundblätter kommuniziert, zerfällt vor allem in zwei Lager: *___Die Autonomen, die in rund 45 westdeutschen Städten, ____darunter Berlin, Frankfurt, Hamburg, Bremen und ____Freiburg, organisiert sind. Ihre Mitstreiter halten nur ____losen Kontakt, kennen weder eine übergreifende ____Ideologie noch feste Strukturen und Führer. »Autonome ____Zellen« bekennen sich zu Sabotageakten und ____Sprengstoffanschlägen; Staatsschützer sehen Teile der ____Autonomen in der Nähe der terroristischen RZ. *___Die Antiimperialisten ("Antiimpis"), ein paar hundert ____Aktivisten, die sich auf 17 westdeutsche Städte ____verteilen. Sie verknüpfen militante Aktionen und ____Anschläge mit politischer Agitation. Frauen überwiegen, ____viele haben Fachhochschul- oder Hochschulreife, 90 ____Prozent der Mitglieder gelten als einschlägig ____polizeibekannt oder vorbestraft. Antiimpis sind ____teilweise ideologisch und organisatorisch auf die RAF ____ausgerichtet und gelten Staatsschützern als »eine Art ____Transmissionsriemen der RAF in der Öffentlichkeit«.

Bei Aktionen, wissen amtliche Szene-Kenner, stellen Autonome zusammen mit den Antiimpis »zumeist den militanten Teil der Aktivisten und operieren im Rahmen der sogenannten Kleingruppentaktik«. Die kleinen Gruppen liefern der Polizei »dort Gefechte, wo sie von der eigenen Überlegenheit ausgehen, ziehen sich jedoch dort zurück, wo sie unterlegen sind«.

Ein gemeinsames Konzept, wo und wann genau im Herbst der Konflikt gesucht werden soll, gibt es bislang nicht. Die Gruppen beraten noch, nur das Motto liegt fest: »Direkte Konfrontation mit den Regierenden« statt »Latschdemos« und »Deeskalationsgesprächen mit den Bullen«. Klar ist auch das Ziel: »Autonomie, aber subito.«

»Einig sind wir uns darüber«, heißt es beispielsweise in einem vom Berliner Szene-Blatt »Radikal« abgedruckten Autonomen-Thesenpapier, »daß wir den Staat ... zerstören ... wollen.« Die Bewegung kämpft »nicht für Ideologien«, auch »nicht fürs Proletariat, nicht fürs Volk, sondern für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen«.

Wie das dann aussehen könnte, formulierte der Hamburger »Arbeitskreis politische Ökologie«. Auszug: _____« Das Streben nach Autonomie ist vor allem der Kampf » _____« gegen politische und moralische Entfremdung von Leben und » _____« Arbeit ... Dieses Streben kommt zum Ausdruck, wenn Häuser » _____« besetzt werden, um menschenwürdig zu wohnen und um die » _____« hohen Mieten nicht mehr bezahlen zu müssen, wenn Arbeiter » _____« krank feiern, weil sie die Fremdbestimmung am » _____« Arbeitsplatz nicht mehr aushalten, wenn die Arbeitslosen » _____« Supermärkte plündern, um sich mit der notwendigen » _____« Kleidung und Nahrung zu versorgen. »

Den Ausstieg mit Null-Bock auf die bestehende Gesellschaft und mit viel Phantasie-Future im Kopf, den Marsch in ein Land, dessen Grenzen Traum und Terror heißen, die von einigen locker überschritten werden, suchen, wie es in Szene-Papieren heißt, »gescheiterte Alternative, Studies, Jobber und Anarcho-Sponti-Elemente«.

Die selbstgestellte Frage »Was aber ist ein Autonomer?« beantworten die anonymen Autoren einer vor zwei Jahren verfaßten Broschüre »Guerilla diffusa -

in Bewegung bleiben«, erschienen in einem »Verlag letzte Runde": _____« Vielleicht ein ehemaliger K-Gruppen-Aktivist, » _____« vielleicht eine Frauenbewegte, vielleicht beides oder » _____« keins von beidem. Anarchisten aller Fraktionen dürften » _____« recht häufig sein. Toxikomanen, Träumer, heimliche » _____« Lederschwule und Schwätzer. Punks und noch mehr » _____« Möchtegernpunks. Auch über unser Alter läßt sich wenig » _____« aussagen. Offiziell sind wir Jugendliche, was uns » _____« natürlich runtergeht wie Honig. »

Was Autonome und Antiimpis darstellen und womöglich anstellen wollen, wird in umfänglichen Strategie-Papieren, anonymen Theorie-Broschüren und in zahlreichen Szene-Blättern dargelegt und diskutiert.

Zum »praktischen Widerstand« und zum »massenhaften« Rechtsbruch wird in Schriften aufgerufen, in denen »Bilanz und Perspektiven zum Widerstand gegen Atomanlagen« (Buchtitel) aufgezeigt werden oder in denen, wie etwa in »Zoff«, »Vitamino« und »Ramba Zamba«, auch gleich zu Terror-Anschlägen animiert wird.

Vor allem der Kommunikation untereinander dienen Druckerzeugnisse wie

»Radikal« aus Berlin, die Hamburger »Große Freiheit«, das Stuttgarter »Blättle« und der Oldenburger »Nordwind«, wo auch schon mal Bekennerbriefe von Terroristen-Gruppen abgedruckt werden - Anlaß für Staatsanwälte, die Blattmacher wegen »Werbung für eine terroristische Vereinigung« zu verfolgen.

Auch in der alternativen »Tageszeitung« ("taz"), insbesondere in den Leserbriefspalten, melden sich Autonome anonym zu Wort. Mal schlagen ein »Anton Anonym« oder ein »Otto Graf Widerstand«

bundesweite Straßen- und Schienenwegblockaden an einem bestimmten Herbsttag vor, mal streiten ein »Bruno Brutal« und ein »Käpt''n Future« über den steinigen Weg zur Freiheit, die sie meinen - ein schier unerschöpfliches Thema bei den Autonomen.

»Vielleicht ist Freiheit nur der kurze Moment«, theoretisieren Autonome in »Radikal«, »wo der Pflasterstein in die Hand genommen wird, bis zum Zeitpunkt, wo er auftrifft, d. h. der Moment der Veränderung, der Grenzüberschreitung, der Bewegung.«

Gezielter Aktionismus (Motto: »Legal, illegal, scheißegal"), Propaganda der Tat ("Genauso wichtig wie die Aktion selbst ist ihre Vermittlung") und die Forderung nach spontaner »Vielfalt statt Einfalt« im Kampf gegen eine Welt von Feinden kennzeichnen das Programm der autonomen Gruppen: »Gewalt oder Gewaltlosigkeit, Militanz oder Witz stehen sich dabei nicht als Alternative gegenüber, sondern müssen einander ergänzen« ("Radikal").

Diese Leitsätze ähneln Vorstellungen, wie sie in der antiautoritären Bewegung Ende der sechziger Jahre aufkamen. Ging es einst darum, die bestehende Gesellschaftsordnung zu verändern und zu überwinden, um vorgeblich einen besseren Staat zu schaffen, so streben die Autonomen jetzt nach einer absolut herrschaftsfreien Gesellschaft. Gegner ist nicht mehr nur der bürgerliche, technokratische Staat, abgelehnt werden gleichfalls Marxismus, Sozialismus und Kommunismus. Und anders als die maoistisch ausgerichteten K-Gruppen der siebziger Jahre, die mit speziellen Regularien und Ritualen für straffe Parteidisziplin sorgten, lehnen die neuen Militanten Dogmen jedweder politischen Ausrichtung ab.

Die »Selbstorganisation« des einzelnen, die eigene Person steht im Mittelpunkt aller Aktionen - oft mehr vom Bauch ("richtiges feeling") als vom Kopf gelenkt. »Diese Bewegung«, urteilt eine norddeutsche Innenbehörde über die schon krankhafte Ichbezogenheit, »hat geradezu autistische Merkmale.«

Die Abdrift in die Autonomie förderten enttäuschende Erfahrungen in der Bürgerinitiativbewegung, vor allem beim Kampf gegen Atomanlagen wie Wyhl und Brokdorf oder bei der Räumung besetzter Häuser. Anhänger der norddeutschen »Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe«, des »Göttinger Arbeitskreises gegen Atomanlagen« oder der Berliner Hausbesetzerszene radikalisieren sich und kommen von ihren Ein-Punkt-Zielen ab.

Nun geht es gegen alles, was eigene Freiräume eingrenzt, bis »hin zu einer diffusen Guerilla von autonomen und revolutionären Zellen«, wie es in »Radikal« heißt, »um den Staat überall da anzugreifen, wo er gerade verwundbar ist«.

Weil vor allem geregelte Arbeit dem selbstgesetzten Freiheitsideal entgegensteht, propagieren Autonome ein »Recht auf Faulheit": »Wir scheißen auf die Arbeit«, verkündet eine »Jobber-Autonomie« im Oldenburger »Nordwind«, denn »Arbeit ist Gewalt«. Ruhrgebiets-Autonome wollen »Arbeitslosigkeit für alle - bei vollem Lohnausgleich«.

Um vorzuführen, was alles für machbar gehalten wird, werden »arbeitsscheuen Aussteigern, Chaoten, Hausbesetzern und umherreisenden Berufsrevolutionären« sachdienliche Handreichungen gleich mitgeliefert: _____« Praktisch heißt das, hier ein bißchen Bafög oder » _____« Arbeitslosenunterstützung klauen (eine bewußte Aneignung » _____« von staatlichen Geldern bedeutet keine prinzipielle » _____« Anerkennung des Staates. Das ist schlicht und einfach » _____« Diebstahl im Computerzeitalter), dort ein bißchen Obst » _____« von Kaisers, keine Miete mehr zu zahlen, jedes Jahr ein » _____« kleiner Versicherungsbetrug (es müssen ja nicht immer » _____« gleich, Banken sein), nicht mehr so anfällig sein für die » _____« Ersatzbefriedigungsscheiße, die uns überall von » _____« Plakatwänden anschreit, in größeren Gruppen » _____« zusammenleben, Kommunen und Banden bilden - und wenn''s » _____« gar nicht mehr anders geht, ein paar Tage jobben gehen. »

Sammlung und Stärkung ihres Umfelds erhoffen sich die radikalen Aussteiger durch gezielte Aktionen in oder mit der Friedensbewegung, sei es bei erwogenen Blockaden von Munitionstransporten oder bei Besetzungen von Firmen- oder Militäranlagen.

»Das ist die Chance und die Möglichkeit unseres weiteren Widerstandes«, heißt es in einem Flugblattext von »autonomen plus antiimperialistischen Gruppen«, »gemeinsam mit der Guerilla und dem kontinuierlichen militanten Widerstand den Bruch voranzutreiben - gegen BRD-Staat, gegen die US/Nato-Militärstrategie.«

Da werden friedfertige Raketengegner wegen ihres gewaltfreien Widerstands zwar veralbert und kritisiert, zugleich aber fordern die Militanten von den »linken Liberallallas« (Autonomen-Blatt »Große Freiheit"), Toleranz für die eigenen handgreiflichen Protestformen.

Zahlreiche Anschläge in West-Berlin und in der Bundesrepublik rechnet die Polizei inzwischen den Autonomen und Antiimpis zu. Molotow-Cocktails und Bastelbomben der »Guerilla diffusa« flogen in Kaufhäuser und Banken, Gerichtsgebäude und Rathäuser; Baumaschinen und Stromanlagen wurden zerstört, und mitunter brannte es schon bei Richtern und Strommanagern zu Haus. Anschläge richteten sich auch gegen zivile und militärische Anlagen der Amerikaner, den erklärten Hauptfeinden der Bewegung.

»Dieser Kreis der Raketengegner«, sorgen sich westdeutsche Sicherheitsexperten, »stellt im Herbst für uns eine gewisse Unberechenbarkeit dar.«

Bei einer öffentlichen Rekrutenvereidigung am 6. Mai 1980.

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