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Alles Papier zum Thema NS

aus DER SPIEGEL 17/1949

Ich sitze da und will anfangen. Und kein Geld kommt!« Dr. Gerhard Kroll, ein gut gepolsterter Rundling Ende der 30er Jahre, ringt in komischer Verzweiflung die Hände.

Er weiß selbst um den rhetorischen Wert seiner Worte. Von »Dasitzen« kann keine Rede sein. Höchstens zum Wochenende kommt er zu seiner Frau ins oberfränkische Staffelstein. Wochentags macht der Ehard-Freund der Bonner CSU-Phalanx den föderalistischen Rücken stark.

Und erst wenn der Parlamentarische Rat ausgelitten hat, wird Dr. Kroll Zeit genug haben, das »Institut zur Erforschung der nationalsozialistischen Politik"*) aufzubauen. Dann, hofft er, wird auch das erste Geld eingerollt sein. Bis dahin zahlt der Staffelsteiner die Hilfskräfte von seinen eigenen Bonner Diäten.

Die Finanzen sind der wunde Punkt des Projekts. Sie waren es schon immer und werden es immer sein.

Zuerst schien es einfach: Die Amerikaner sagten sich 1947, daß es für ihre deutschen

*) Es soll möglichst bald in »Institut für Zeitgeschichte« umbenannt werden. Man will dem Nationalsozialismus durch den Namen kein Denkmal setzen. Demokratie-Zöglinge nützlich sein würde, die Hitlersche Politik auf den wissenschaftlichen Seziertisch zu legen. Wohlwollendes Echo aus deutschen Fachkreisen. Die Historiker waren sich längst einig, wie wichtig ein eingehendes Studium der braunen Jahre für die deutsche Zukunft sei.

Der Länderrat der amerikanischen Zone beschloß am 7. Oktober 1947, ein Institut in München zu errichten. Arbeitszeit des Instituts: 10 Jahre. Stiftungskapital: 80000 RM (Reichsmark), zu gleichen Teilen zu tragen von den Ländern Bayern, Württemberg-Baden, Hessen und Bremen. Die Amerikaner versprachen hochherzig, die laufenden Unkosten aus den Ueberschüssen der »Neuen Zeitung« zu begleichen. Damals ertrank die NZ bei ungestoppter Auflage in Reichsmark-Strömen.

Der große Startschwung der Stiftungsurkunde verpendelte ungenutzt. Das Institut blieb Papier. Ihre Stiftungsgelder zahlten die Länder nicht - wegen finanzieller Schwierigkeiten (in Reichsmarkzeiten!). Nur Hessen besann sich vierzehn Tage vor der Währungsreform und schickte eilig seine 20000 Reichsmark.

Ende Februar 1949 wurde es um das Projekt wieder lebendig. Die Abgesandten der stiftenden Staaten, vereinigt im Länderkuratorium, und das wissenschaftliche Kuratorium mit etlichen Kapazitäten einigten sich über die Aufgaben des Instituts. Dr. Kroll bekam provisorisch die Leitung des Sekretariats. Von den Finanzen sprach man nicht. Aber am 1. April sollte das Institut anfangen.

Dr. Kroll findet diese ungeklärte Situation unerträglich. Politische und administrative Aufgaben befriedigten den Nationalökonomen nicht, auch nicht das Landrats-Amt von Staffelstein und der bayrische Landtagssitz. Mit 24 Jahren hat er schon im Institut für Konjunkturforschung gesessen. Nach der Kapitulation hätte er am liebsten gleich angefangen, die Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten zu erforschen. Als er von dem Institutsplan hörte, bot er sich an. Außer der Abteilung »Wirtschaftsgeschichte« bekam er dann auch das harte Joch der organisatorischen Leitung auf seine breiten Schultern.

Bald wird er Prof. Kroll heißen. Für das Sommersemester hat er eine Habilitationsabrede mit der Universität Mainz getroffen, dem geliebten Protektionskind der Franzosen.

Der Freiburger Historiker Professor Dr. Gerhard Ritter hat alle Chancen, federführender Vorstand zu werden. Ritter besitzt die besten Verbindungen, die Wissenschaftler der Welt für diese Arbeit zu mobilisieren. Als korrespondierende Mitglieder. Sogar auf eine Mitarbeit der Professoren der Sowjet-Zone rechnet man. Mit beschränkten Erwartungen.

Erste Hauptaufgabe: Sammeln der NS-Akten. Vier Jahre nach Kriegsende kein leichtes Unternehmen. Der größte Teil liegt dick gebündelt in Washington. Im Reichsarchiv Potsdam erbeuteten die Sowjets Akten über die diplomatischen Rendezvous mit westeuropäischen Politikern. Beide Parteien jonglierten im kalten Krieg mit ihren Beute-Stücken. Die Marine-Akten hat der Brite okkupiert.

Von allen in Nürnberg verwendeten Dokumenten stehen den Deutschen Fotokopien zur Verfügung. Aber auch bei deutschen Ländern liegt noch allerlei. Bayern zum Beispiel hütet die Akten zum Fall »Röhm«. Im Institut soll alles zentral zusammengefaßt werden.

In der Bibliothek soll alles Papier gehortet werden, das vor oder nach 45 zum Thema »NS« bedruckt wurde. Das ist ein Wolkenkratzer von Büchern. Dr. Kroll hat eine englische Ausgabe von Hitlers Reden gesehen, in der 40 Seiten bibliographisches Verzeichnis waren.

Durch eine Interrogations-Abteilung sollen alle noch lebenden Persönlichkeiten befragt werden, die möglicherweise etwas zu sagen wissen. Die Fachbereiche Wirtschaft und Kriegsgeschichte werden statt von Historikern von Fachleuten bearbeitet werden. Wahrscheinlich eine neue Nachkriegsaufgabe für Halder, wenn ihn die Amerikaner freigeben.

»Es gilt, das geistige Phänomen des Nationalsozialismus und die habituelle Anfälligkeit der Menschen für Gewaltsysteme zu untersuchen«, sagt Dr. Kroll. Damit werde schon der positive Wert der Forschung klar. Aber auch die Politik der Weimarer Zeit soll seziert werden, um endlich das »Wie konnte es geschehen?« zu klären.

Die acht Räume im III. Stock der Reitmorstraße 29 waren am Stichtag 1. April leergefegt. Nicht einen Stuhl besaß das Institut. »Ich fürchte, die Länder zahlen nicht!« resigniert der Organisator. Bayern hat sich bereit erklärt, seine Stiftung noch einmal in voller DM-Höhe auszuwerfen. Aber aus dem weiß-blauen Staatssäckel kam noch keine Anweisung.

Die Bibliothek einzurichten, wird allein schätzungsweise 100000 DM kosten. Gesamtetat pro Jahr, taxiert Kroll, 300000 DM. Man müsse wissenschaftliche Kapazitäten schließlich auch anständig bezahlen.

Von amerikanischem Geld ist keine Rede mehr. Die Rettung wäre, daß alle elf Trizonen-Länder das Institut adoptierten und regelmäßig ihren Obulus entrichteten. Doch das Interesse der deutschen Berufspolitiker ist gering. Eine erste Besprechung verlief ergebnislos.

Trotzdem hofft Kroll, bald in der Münchener Reitmorstraße einziehen zu können. Das Endergebnis der NS-Politik werden die Dokumenten-Forscher immer vor Augen haben. Direkt gegenüber dem Institut schwankt eine respektable Ruine im Frühlingssturm.

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