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SEXUALKUNDE Alles probieren

Gegen den vor Jahren an den Schulen eingeführten Sexualkundeunterricht wird immer noch gekämpft -- im Norden durch Klagen vor Gericht, im Süden durch »Gebetsstürme«.
aus DER SPIEGEL 17/1976

Gegen die mächtigen Mauern des bayrischen Kultusministeriums brandete die komplette Litanei eines altbayrischen Rosenkranzes: 50 Vaterunser, 50 Ave Maria und 50 Ehre sei dem Vater. Am Ende stimmten die rund 200 versammelten Katholiken, vom vielen Beten und der abendlichen Kälte schon etwas heiser, auch noch ein Kirchenlied an: »Großer Gott, wir loben dich

Es war eine Protestaktion. Der »Gebetssturm«. so erläutert Dr. Rita Stumpf, 51, die Wortführerin der frommen Demonstranten, soll den verantwortlichen Ministern und Ministerialbeamten zu der Einsicht verhelfen, »welche Schädigung und Gefährdung für die Kinder von der Sexualerziehung in der Schule ausgeht«.

Die Stumpf-Katholiken wollen den Sexualkundeunterricht an den Schulen, der vor acht Jahren durch Empfehlung der Kultusministerkonferenz (KMK) eingeführt wurde, wieder abgeschafft sehen, weil es »ja keine Möglichkeit gibt, die eigenen Kinder von der Sexualkunde abzumelden wie etwa vom Religionsunterricht«. So seien die Kinder, sagt Rita Stumpf, einer »sexuellen Dauerberieselung in allen Fächern« ausgesetzt -- und das, »stellen Sie sich das mal vor, auch noch vor gemischten Klassen«.

Buben wie Mädchen, so sieht es die streitbare Katholikin, selbst Mutter dreier Kinder im Alter von 17, 19 und 21 Jahren, erfuhren in der Schule »hundertprozentige Details über die Ovulationshemmung« und bekamen »sämtliche Verhütungsmittel vorgeführt«. »Wozu denn das?«. entrüstete sie sich, »die Kinder probieren das doch alles aus.«

Allzu Üppiges wird an bayrischen Schulen auf diesem Gebiet freilich ohnehin nicht geboten. Die KMK-Empfehlungen wurden längst in entschärfte bayrische »Richtlinien für die Sexualerziehung« umgearbeitet. Und Ministerialrat Klaus Himmelstoß, 63. Bayerns Referent für den Sexualunterricht, bemüht sich zwischen »völliger Tabuisierung« und »Hyperprogressivität« um eine »Mittellage, die manchmal sehr schwer zu halten ist«.

Die bayrische Mittellage ist schon dadurch charakterisiert, daß nicht einmal der vom Bundesfamilienministerium herausgegebene »Sexualkunde-Atlas« als Unterrichtsmittel zugelassen ist. Himmelstoß: »Wir legen keinen Wert auf pornographische Dinge, das würde bei den Kindern nur zu einer Art sexuellem Harakiri führen.«

Ebenso wie allzu Progressive, die »schon in der ersten Klasse alle Dinge auf den Tisch gelegt haben wollen«. lehnt Bayerns Himmelstoß freilich auch die Gebetsstürme ab: »Wir sehen in diesen Kreisen eine kleine Gruppe ultrakonservativer Leute, die das Rad der Geschichte zurückdrehen zu können glauben.« Diesen Eindruck kann der Ministerialrat auch durch eine Umfrage belegen: Danach wenden sich nur sechs Prozent der bayrischen Eltern »gegen die schulische Sexualerziehung in jeder Form«; einen Bodensatz rigoroser Gegner jeglichen Sexualkundeunterrichts gibt es jedoch auch in anderen Bundesländern, und Bayerns Himmelstoß empfindet es geradezu als einen »Witz der deutschen Geschichte, daß in Hamburg und nicht im schwarzen Bayern« gegen die Sexual-Richtlinien geklagt wurde.

In der Hansestadt klagte Rechtsanwalt Dr. Dieter Hauke, Vater dreier Kinder von inzwischen 14, 18 und 20 Jahren, vor sechs Jahren, weil er es unter anderem für unzulässig hielt, die Sexualität müsse -- so die »Richtlinien« -»als eine der Quellen von Lust und Lebensfreude heute auch in der Erziehung junger Menschen ausdrückliche Anerkennung finden«.

Die dritte Instanz, das Berliner Bundesverwaltungsgericht' hat den Hamburger Sexualunterricht inzwischen für verfassungswidrig erklärt, weil er -ein reiner Formfehler -- lediglich von der Verwaltung und nicht vom Gesetzgeber angeordnet worden war. Das letzte Wort hat nun das Karlsruher Bundesverfassungsgericht, an das der heikle Rechtsfall überwiesen wurde.

Auf den Spruch in Karlsruhe wartet Münchens Ministerialrat Himmelstoß, um je nach Ausgang des Verfahrens eine mehr oder minder bereinigte Neufassung seiner »Richtlinien« zu veröffentlichen. »Wir haben einiges rausgeschmissen"' erklärt Himmelstoß' »um vor allem die Schulanfänger nicht länger zu belasten.« Aber vorerst »bleibt das Ding in der Schublade«.

Rita Stumpf und ihre Katholiken wollen auch die Karlsruher Richter durch Gebete beeinflussen, damit »alles wieder echter und sauberer wird« und die Kinder aus dem »Teufelskreis der Onanie« wieder zu »Zucht und Ordnung zurückfinden«.

Ihre Gemeinde hält sie derweil durch drastische Schreckensbilder zusammen: So habe selbst im frommen bayrischen Oberland »eine Lehrerin öffentlich vor der Klasse onaniert«, und zwar »aus einer ideologischen Vorstellung heraus«. Dr. Rita Stumpf, die nach eigenem Bekunden erst während ihres Medizinstudiums aufgeklärt wurde: »So was machen nicht mal die Heiden.«

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