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Aids Alles Quatsch

Der Aids-Untersuchungsausschuß ist sich schon einig: Bonn trägt Mitverantwortung für HIVverseuchtes Blut.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Der junge blasse Mann im Publikum hat den Bonner Professoren gerade noch gefehlt. Er ist ein Aids-Kranker.

Die einst hochangesehenen Wissenschaftler sind vor den Bonner Aids-Untersuchungsausschuß geladen, weil in ihrer Klinik viele Bluter mit dem HI-Virus infiziert worden sind. Der Zuhörer Oliver Köppchen, 29, gehört zu den Opfern. Der Bluter Köppchen kommentiert bissig, was bei der Zeugenvernehmung der pensionierte Leiter des größten Bluterzentrums der Welt in Bonn, Hans Egli, und sein Oberarzt Hans-Hermann Brackmann zu ihrer Entlastung vorbringen: Sie hätten alles getan, was möglich gewesen sei, damit kein infiziertes Blut weitergegeben werde.

»Ich habe den Egli doch gefragt, warum er nicht das Hitze-inaktivierte, sichere Blut verwendet«, empört sich Köppchen, aber: »Der wollte kein sicheres Blut, weil das teurer war.«

Als Köppchen 1984 den Befund »HIV-positiv« bekam, rief er verzweifelt bei Brackmann an. Doch der habe kühl geantwortet: »Wissen Sie, deshalb müssen Sie nicht gleich krank werden.«

Köppchen ist bei dieser Anhörung im Mai als Zeuge nicht dran. Aber er empfindet es als »eine totale Genugtuung«, wie seine ehemaligen Ärzte in ihrer »rumstammelnden Unglaubwürdigkeit« vorgeführt werden.

Für solche Genugtuung gab es vor dem seit November tagenden Ausschuß genügend Anlässe. Die Zeugenvernehmungen vor den neun Abgeordneten waren ein klägliches Spektakel von Ausflüchten, Ausreden, Unwissen.

Weder Politiker und Aufsichtsbehörden noch die Pharmahersteller haben sich offenbar ausreichend um die Sicherheit der Blutpräparate gekümmert. »Daß die was getan haben«, urteilt der Ausschußvorsitzende Gerhard Scheu (CSU), »ist reine Legende.«

Der Bericht der Scheu-Runde wird erst im September vorliegen. Doch schon der gegenwärtige Stand der Meinungsbildung im Ausschuß macht deutlich: Die Untersuchungsbilanz wird dem Bonner Gesundheitsministerium und dem wegen des Aids-Skandals aufgelösten Bundesgesundheitsamt in Berlin die Hauptschuld dafür zuweisen, daß zwischen 1981 und 1987 etwa 2000 Bluter HIV-infizierte Medikamente bekommen haben. Einige hundert Bluter sind an Aids bereits gestorben, die meisten anderen so krank wie Köppchen.

Der Bericht des Ausschusses wird zugleich ein Präjudiz für eine Reihe von Schadensersatzprozessen sein, die infizierte Bluter gegen die Bundesrepublik angestrengt haben (SPIEGEL 15/1994). Weil Bonn seine Aufsichtspflicht verletzt habe, fordert beispielsweise der aidskranke Bluter Wilfried Breuer aus Aachen 150 000 Mark Schmerzensgeld.

Ob Bonn zahlen muß, hängt so auch davon ab, was vier ehemalige Bonner Gesundheitsminister sagen werden, die am Donnerstag vor dem Ausschuß als Zeugen auftreten müssen. Die Reihe der Amtsinhaber seit 1972 muß sich verantworten: Katharina Focke (SPD), Antje Huber (SPD), Heiner Geißler (CDU), Rita Süssmuth (CDU). Auch der amtierende Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) muß sich noch einmal befragen lassen.

Warum wurden keine Sicherheitsvorkehrungen für Spenderblut durchgesetzt, obwohl seit 1969 Hitze-Verfahren bekannt waren, die Viren abtöten? Warum nutzten die Minister nicht ihre rechtlichen Möglichkeiten, die Hersteller zu Sicherheitsmaßnahmen zu zwingen? Warum wurde bis heute eine EG-Richtlinie zur Blutsicherheit aus dem Jahre 1980 nicht durchgeführt?

Viel Schlamperei und Leichtsinn gehen zwar auf das Konto der Experten. So haben Mediziner frühe Aids-Fälle in Deutschland unter anderem als Todesfälle durch Alkoholismus eingestuft und darum die Gefahr durch die Todesseuche nicht erkannt. Doch auch schon vor Bekanntwerden von Aids in den siebziger Jahren wäre es Sache der Gesundheitspolitiker gewesen, auf bessere Sicherheitsstandards bei Spenderblut zu achten.

Schon die Ex-Gesundheitsministerinnen Focke und Huber versäumten es, für Sterilisierungsverfahren zu sorgen, die todbringende Hepatitisviren im Blut abtöten. Gewissenhafter Umgang mit Blut, so gibt heute der SPD-Gesundheitsexperte Horst Schmidbauer zu bedenken, hätte von vornherein auch die Verbreitung von HI-Viren eingedämmt.

Heiner Geißler und Rita Süssmuth überließen es vorwiegend den Herstellern, Blutprodukte sicher zu machen. Bis weit ins Jahr 1987 durften Pharmafirmen ihre Präparate ohne Virus-Vernichtungsverfahren auf den Markt bringen.

Wie Rita Süssmuth die tödliche Seuche bagatellisierte, zeigt eine von ihr unterschriebene Hauswurfsendung von 1987. Darin versichert die Ministerin, daß Blut praktisch sicher sei - obgleich doch die Katastrophe längst bekannt war. Als Bluter protestierten, legte Ministerin Süssmuth in einer Pressemitteilung nach, man habe »frühzeitig gehandelt«, und es gebe schon seit 1984 verbindliche Vorschriften zur Blutsicherheit.

Das war nicht wahr. Die Ministerin war offenbar völlig uninformiert. Auch ihr zuständiger Abteilungsleiter Manfred Steinbach, im Nebenberuf reisefroher Sportfunktionär, hieß damals die falschen Auskünfte gut. Vor dem Ausschuß fiel ihm, sieben Jahre zu spät, die Wahrheit ein: »Das war alles Quatsch. Wer hat das denn unterschrieben?«

Steinbach selber war's. Y

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