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TV-KRITIK Alles Roger?

Seit dem 11. September streiten Intellektuelle aller Couleur aufgeregter denn je über das Fernsehen. Das Medium gilt ihnen als blöde, böse und mitschuldig an Terror und Hysterie. Eine Debatte voller Missverständnisse. Von Thomas Tuma
aus DER SPIEGEL 43/2001

Wer vergangene Woche die unwichtigsten Medienmeldungen Revue passieren ließ, kam an drei Namen nicht vorbei: Joachim Gauck gab seine Talkshow auf. Karl Moik drohte mit Vorruhestand, weil die ARD seinen »Musikantenstadl« aus Dubai nicht live übertragen wollte. Und Roger Willemsen verkündete gleich den totalen TV-Ausstieg.

Keine der drei Personalien ist allzu viel Bestürzung wert: Die Gesprächsrunden des Ex-Behördenleiters Gauck waren so prickelnd wie ein Eimer Klarlack. Moiks Abgang könnte für die ARD eine dramatische Niveau-Steigerung bedeuten. Und an Willemsens Fernsehabschied überraschte lediglich der Umkehrschluss, dass der blasierte Gutmensch überhaupt noch auf irgendeinem Kanal präsent gewesen sein soll.

Zuletzt versendete das ZDF von Dr. phil. Willemsen eine Musiksendung sowie diverse »Gipfeltreffen«. Dort ließ der Sozialarbeiter der Besserverdienenden mit küchenpsychologischen Schleimereien bekannte Zeitgenossen aneinander vorbeireden. Sah aber eh kaum jemand zu.

Willemsen ist mal bräsig, gern pastoral, nicht selten mimosig, chronisch eitel und immer unschuldig. Für seine Misserfolge sind andere verantwortlich: die Quotengeilheit seiner Arbeitgeber, die Ignoranz der Zuschauer, das Äh-bäh-Fernsehen sowieso.

Die Gesellschaft, diktierte der Fistel-Feuilletonist der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« quasi testamentarisch, sei »resistent gegen jede Wirkung, die aus dem Geistigen kommen könnte«. Da kommt Willemsen also her. Aus dem Geistigen. Mein lieber Scholli.

Und wo geht er jetzt hin? Jedenfalls nicht mehr ins Fernsehen, das »ein so kindliches Medium« sei, »dass man das erwachsene Arbeiten eher außerhalb von ihm versuchen muss«.

Der Vorwurf ist altbacken, weil auch der letzte WDR-Redakteur sein Medium heute für irgendwie furchtbar halten muss. Er ist arrogant, weil Willemsen dem vermeintlichen Teletubbie-TV ein Gutteil seines Groß-raus- und Einkommens verdankte. Und er ist falsch, weil das Fernsehen selten so erwachsen war wie seit dem 11. September. Nie glänzte es mehr mit aktuellen Berichten und Live-Schaltungen, Analysen und Emotionen.

Willemsens heulsusig in Szene gesetzter Ausstieg wäre also nicht mehr als ein erleichtertes Aufatmen wert. Doch diese Karikatur gelebter Hochkultur ist symptomatisch für eine ganze Schar von Medienkritikern, die auch im Angesicht der New Yorker Terrorkatastrophe nichts Eiligeres zu tun hatte, als auf ebenjenes Fernsehen einzudreschen, dem sie selbst doch allerlei verdankt - und sei es nur ein fest zementiertes Feindbild.

Was hatten hier zu Lande selbst Geistesgrößen wie Hans Magnus Enzensberger über das »Nullmedium« gewettert. Was kreischten die französischen Profi-Pessimisten Paul Virilio und Jean Baudrillard über die »Diktatur des Bildschirms«, »Wirklichkeitsverschmutzung« oder »Ermordung der Realität« durchs TV!

Mehr Realität als bei den Live-Bombardements aufs World Trade Center ging nun wirklich nicht. Doch auch das galt den üblichen Bedächtigen sofort als skandalös.

Das Fernsehen sei »Bestandteil des Attentats« gewesen, sagte Philosoph Virilio und attestierte eine »Mitschuld der Medien«. War ja schon im Altertum beliebt, dass der Überbringer der Botschaft geköpft wurde. Seither hat sich nur das verbale Instrumentarium der Henker verfeinert.

Heutzutage verurteilt der Salon-Sozi Peter Glotz die mehrtägige »monothematische Berichterstattung« der Sender (wäre ein Privatsender wie RTL dagegen sofort wieder mit spaßiger Serienkost um die Ecke gekommen, hätten die Macher garantiert erst recht den Glotz am Bein gehabt). Und das Feuilleton der »Welt« diagnostizierte: »Die Attentäter von New York verdanken die ungeheure öffentliche Wirkung ihres Massenmords nicht zuletzt der äußerst perfiden Wendung westlicher Kommunikationsformen.«

Hätte man die einstürzenden Neubauten in Manhattan also ignorieren sollen? Sind RTL-Moderator Peter Kloeppel oder CNN-Reporterin Christiane Amanpour mitschuldig? Lauern die wahren Rädelsführer nicht in afghanischen Katakomben, sondern in den Sendezentralen von Atlanta oder Köln? Solchen Ideen kann man nur in der behaglichen Irrealität von Literatur-Cafés und Prosecco-Podien verfallen.

An dieser Stelle ist es ratsam, sich einen überarbeiteten Nachrichtenredakteur bei n-tv vorzustellen, dem dieser pseudophilosophische Deutungsstuss durch den Hinterkopf schwappt. Man hat ja auch mal Kommunikationswissenschaften studiert. Man will sich nicht mangelnde Selbstreflexion vorwerfen lassen.

Was soll der Mann tun mit dem grünlichen Nachtsicht-Gekrissel von US-Luftangriffen in Afghanistan oder den Bildern vermeintlich zerstörter Taliban-Dörfer? Senden? Wegschmeißen? Senden und druntertexten, dass die Bilder zensiert wurden? Senden, aber mit salbungsvollen Interpretationen von Willemsen dekorieren?

Der war da bereits beim Plaudertaschen-Pendant Alfred Biolek, dozierte über die »Erhabenheit der Katastrophe« und empfand »sublimes Behagen« darüber, dass der Terror von New York wenigstens auf Zeit den Terror des Amüsements ablöse. Selbst dem sonst bis zur Selbstaufgabe servilen Bio wurde es bei derlei blank gescheuerten Gedankensplittern schnell zu wund.

Natürlich inszeniert Fernsehen zuweilen Wirklichkeit. Natürlich muss immer wieder gefragt werden, wer da gerade wo wen für was instrumentalisiert. Aber was sollen die Praktiker von den prätentiösen Theoretikern eigentlich lernen?

So klang es fast wie ein Aufschrei, als Friedrich Küppersbusch in der »taz« schrieb: »Könntet ihr vielleicht mal etwas Konkretes fordern?« Küppersbusch produziert Sandra Maischbergers n-tv-Talkshow. So weit vorn an der Nachrichtenfront hat er momentan ganz andere Probleme als die suggerierte Blödheit des Mediums oder die tatsächliche seiner Kritiker: »Verächtlich über das Fernsehen herzuziehen, bis man endlich ''ne eigene Show bekommt - geschenkt. Macht das in ruhigeren Zeiten.« Statt Lösungsvorschlägen haben die Untergangspropheten jedoch nur die alten Missverständnisse parat.

Fernsehen ist nun mal eine Eier legende Wollmilchsau, die alles auf einmal kann: enthüllen, analysieren, unterhalten, informieren, bilden und bebildern. Aber nicht alles in einer Sendung, wie es die zum Teil maßlosen TV-Räsonierer fordern.

Fernsehen ist in allererster Instanz ein Transporteur bewegter bis bewegender Bilder. Und es hat rund um den 11. September bewiesen, wie es solche Größt-Ereignisse, journalistisch aufbereitet, in Minutenschnelle rund um den Globus schicken kann.

Die New-York-Berichterstattung unterstützte nicht Realitätsverlust und Phlegma. Sie förderte Anteilnahme und Aufklärung der Weltöffentlichkeit. Fernsehen erreicht immer zuerst das Herz, dann das Hirn. Man mag es geschmacklos finden, dass die World-Trade-Center-Trümmer mit den hauchigen Klängen der Zartbitter-Chanteuse Enya unterlegt wurden. Aber auf diesen Gefühlsgleisen fährt das Medium. Und oft fährt es gut.

Die US-Serie »Holocaust« hat schon in den siebziger Jahren wahrscheinlich mehr Debatten über die deutsche Vergangenheit entzündet als alle deutschen Historiker zusammen. Und wenn zurzeit über Schulmisere oder Bildungskanon gestritten wird, dann nicht zuletzt dank »Wer wird Millionär?«. Das Quiz erlaubt es Hochschulkolloquien wie Kegelclubs gleichermaßen, wenigstens die eigenen Wissenslücken via Multiple Choice auszuloten.

Günther Jauch hat damit Erfolg und seine Zuschauerschar ihren Spaß. Doch Breitenwirkung ist an sich schon verdächtig bis unanständig. Nur: Die TV-Anziehungskraft von bildungsprotzenden Altherrenrunden, die in Korbsesselchen den Weltenlauf erörtern und sich Adorno-Zitate zuschmeißen, ist quer durch alle Bevölkerungsschichten begrenzt. Und wieso überhaupt soll jede Verästelung des wild wuchernden Debattendschungels auch im Fernsehen präsentiert werden, wenn Tageszeitungen, Magazine oder Bücher das viel sorgfältiger erledigen können als das Augenblicksmedium?

Dennoch ist das Postulat vom ganzheitlichen TV-Informations- und Bildungsauftrag nicht kleinzukriegen. Die Doktrin ignoriert den mündigen Konsumenten und dessen Möglichkeit, auf eine Vielzahl multimedialer Korrektive und Ergänzungen zurückzugreifen. Ohnehin geht es dabei längst nicht mehr um Demokratisierung, Dialog und Meinungsbildung. Solche Etiketten verkleben nur die Sehnsucht, die angebliche Herrschaft von Proll-TV durch eine Diktatur der Bildungselite ersetzen zu können.

Charmanterweise haben die dümmsten Shows nicht selten die klügsten Zuschauer. RTL-II-Reportagen der Kategorie »Gletscher-Gaudi und Gefummel« locken mindestens genauso viele Abiturienten vor die Glotze wie Volksschüler ohne Lehre.

Wer das will, kann sich von Talkshows der Sorte »Hilfe, mein Friseur treibt''s mit schwulen Hunden!« ins Koma senden lassen. Oder sich an TV-Inszenierungen wie der einer Verona Feldbusch berauschen, die in der vergangenen Woche tränenreich bei Johannes B. Kerner von den Grobheiten des Ex-Gatten Dieter Bohlen erzählte.

Eine Stunde vorher saß Bohlen bei Stefan Raab und gab seine Sicht der Dinge zum Besten. Am nächsten Abend tat er dasselbe noch mal bei Kerner. Ursprünglich sollte am Freitag bei Harald Schmidt dann wieder Verona sitzen, deren Tränen schon deshalb geschickt platziert waren, weil sie damit ihre neue Show auf Sat.1 promoten konnte. Na und?

Man darf das furchtbar finden. Man kann sich darüber lustig machen. Man kann auch einfach aus- oder gar nicht erst anschalten. Aber derlei nervt mittlerweile weit weniger als all diese Paradigmenwechsler, Kommunikations-Kassandren und TV-Beschwörer immer neuer Unübersichtlichkeiten (a bisserl Habermas geht allerweil), die glauben: Ich muss nicht nur keine Idee haben, ich muss das auch so verschwurbelt formulieren können, dass es niemand merkt.

Dabei hält das Fernsehen schon jetzt Dutzende adäquater Nischen bereit, wo auch noch für den letzten exiltibetischen Zwölfton-Musiker weidlich Platz ist. Oder Arte, wo Dokumentarfilme das Leben französischer Sozialarbeiter ebenso akribisch beschreiben wie die Entmystifizierung Lenins. Nebenbei sei die Frage erlaubt, ob der Sender allein in diesem Jahr über 600 Millionen Mark deutsch-französischer Gebührengelder wert ist.

Aber okay. Es ist schön, dass wir uns diese Nischen leisten können. Ob als Chancen für eine irgendwie klüger werdende Gesellschaft oder als Feigenblättchen schlechten Gewissens, ist dabei nicht wichtig.

Wer aber dauernd schreit, er vermisse Qualität, ist bei über 30 Kanälen von Phoenix bis Arte und von 3sat bis zur BBC vielleicht nur zu faul zum Suchen. Oder er fühlt die eigenen Qualitäten zu wenig gewürdigt wie Willemsen, den die Erkenntnis plagt, dass TV wohl nicht das richtige Medium sei für das, was er selbst machen will.

Figuren wie er missverstehen den Dienstleistungs-Apparat Fernsehen als Therapiebühne eigenen Geltungsdrangs, geprägt von dem unerschütterlichen Selbstvertrauen: Wo ich bin, weht der große Geist. Und sein Geist sagt: »Das Fernsehen und ich haben uns auseinander entwickelt.« Hey, hallo: Alles Roger?

Dem Fernsehen ist das mit dem Auseinander entwickeln übrigens ziemlich egal. Das ZDF hat den vakanten Intellektuellenposten bereits neu besetzt. Ab Januar soll - nach dem Aus für Marcel Reich-Ranickis »Literarisches Quartett« - Peter Sloterdijk das »Philosophische Quartett« moderieren. Wir sagen fürs Erste: Danke Roger! Friede deiner Masche.

* In der »Johannes B. Kerner-Show« am 17. Oktober im ZDF.

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