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IG-FARBEN Alles Uebel der Welt

aus DER SPIEGEL 41/1950

Für die alten IG-Farbenchemiker in Leverkusen, Höchst und Ludwigshafen reicht eine normale Dosis Pyramidon nicht mehr aus. Sie haben permanente Kopfschmerzen wegen der immer noch schwebenden Neuordnung des ehemals größten deutschen Konzerns und der in diesen Wochen so heftig umstrittenen Antwort der Hochkommission auf die Frage: Was soll aus den 18 entscheidenden ehemaligen IG-Großbetrieben und ihren vielen Zubringern werden?

Definitiv soll jetzt das vor kurzem in auffälliger Eile verabschiedete Gesetz 35 der Oberkommissare sein. Dieses Gesetz ist jedoch eher eine Latwerge aus Theophrasti Paracelsi mittelalterlicher Apotheke als eine zeitgemäße Droge aus der Kurpackung der New Yorker Außenministerkonferenz.

300000 deutsche Chemiker schickten den Präsidenten der Arbeitsgemeinschaft Chemische Industrie zum Bonner Regierungsforum, um zu protestieren: »Das Gesetz 35 legt ohne Mitwirkung oder Anhörung deutscher Stellen die Neuordnung ausschließlich in die alliierten Hände. Es ist ein diskriminierendes Ermächtigungsgesetz und stellt einen Rückfall in eine vergangene Aera dar.«

Merkmale des Rückfalls:

* Das Gesetz sagt nichts über die Möglichkeit einer Verbundwirtschaft der aufeinander angewiesenen Betriebe. Der deutsche Vorschlag, aus den dekartellisierten Werken drei Gruppen zu bilden, wurde bisher nicht anerkannt.

* Ein deutscher Treuhänderausschuß zur Mitwirkung bei der Neuordnung, wie ihn Eberhard Essers Industriegewerkschaft Chemie fordert, wurde abgelehnt.

* Die drei IG-Kontrolloffiziere betrachten sich weiter als die alleinigen, unbeschränkten Repräsentanten des IG-Vermögens.

* Die definitive Regelung des Besitzrechtes wird nach wie vor dem Besatzungsrecht untergeordnet, damit wird die Forderung von über 300000 Aktionären und Obligationären, die meist kleine Rentner und Pensionäre sind, aufgeschoben.

Was sich sonst noch hinter diesem Ermächtigungsgesetz verbirgt, wurde vom Frankfurter New York Herald Tribune-Korrespondenten Don Cook kommentiert:

»Für viele Amerikaner ist es so, als ob all das Uebel in der Welt von heute in der Zentrale der IG Farben AG seinen Anfang genommen hat. Von allen Kartellen, Konzernen, Monopolen, die von Zeit zu Zeit als Schrecken der Welt aufgetaucht sind, hat keines jemals die Größe erreicht ... Selbst Kreugers Zündholzkonzern, Standard Oil zu Beginn dieses Jahrhunderts, Basil Zaharoff und seine Kaufleute des Todes waren dagegen harmlos.«

Was haben wir in den Augen des Auslandes nur verbrochen?, fragen sich die IG-Leute schon seit Jahren.

Amerikas größter Allround-Chemiekonzern Du Pont de Nemours schließt heute noch, trotz Anti-Trustbewegung, Jahresumsatzbilanzen um eine Milliarde Dollar ab. Die US-Steel-Company, Standard Oil und General-Motors sind weit bedeutendere industrielle Mammutgebilde, als es die IG Farben jemals waren. Kapital, Gesamtumsatz und Belegschaftsstärke liegen über dem IG-Pegel.

Auch die britischen Imperial Chemical Industries beschäftigen 99000 Arbeiter und Angestellte und selbst in Italiens Montecatini-Chemiekonzern arbeiten 53000 Menschen, bei den westdeutschen Rest-IG-Betrieben rund 60000. Also warum?

Für 446,3 Mill. Mark exportierten die IG Farben durchschnittlich pro Jahr in Friedenszeiten (ohne Stickstoff). Das waren rund 15 Prozent des Chemie-Weltexports. Die Hindus in Darjeeling ließen sich mit IG-Plasmochin und -Atebrin von der Malaria befreien, die Viehtreiber im afrikanischen Kraal mit IG-Germanin von der Schlafkrankheit. Die hoch industrialisierten USA führten für 29,2 Mill IG-Drogen und Farben jährlich ein und England für 22,5 Mill. - trotz Imperial Chemical Industries (ICI).

Die Ressentiments des Auslandes gründen sich auf Legende und Wahrheit. Legende: Finanzierung des SS-Staates durch IG-Farben-Gewinne. Wahrheit: Auch im IG-Betrieb Troisdorf wurde Sprengstoff hergestellt - wie in Du Pont-Werken in USA und bei ICI in England Und dann ein Schuß Morgenthau-Geist gegen den deutschen industriellen Expansionsdrang.

Als der Wuppertaler Kaufmann Friedrich Bayer 1863 zusammen mit dem Färbermeister Friedrich Weskott die Erzeugung der damals so gesuchten neuen Teerfarbstoffe in Elberfeld begann, konnte niemand übersehen, daß aus den Destillaten der Ruhrkohle, die ihm als Farbegrundstoff dienten, auch die Munition gegen Seuchen und Krankheiten entstehen würde.

Als die Bürger in Ludwigshafen sich 1865 beklagten, daß ihr »Schöppche« nach Chlor schmecke, seit am linken Rheinufer die Badische Anilin- und Sodafabrik mit 30 Mann ihre Giftküche eröffnete, hätten sie jeden verdroschen der prophezeit hätte: Das wird einmal die Lohn- und Brotstätte für 21000 Menschen.

Als um dieselbe Zeit in Höchst am Main zwei junge Chemiker, Dr. Eugen Lucius und Dr. Adolf Brüning, zusammen mit dem Auslandskaufmann C. F. Wilhelm Meister Arbeiter anwarben, um Farben für die roten Sonntagsröcke der Bürgertöchter herzustellen (seitdem heißen die Höchster Farbenarbeiten Rotmacher), war das Gebiet der synthetischen Heilmittel noch ein gesiegeltes Buch.

Erst 20 Jahre später, in Verbindung mit Forschern wie Robert Koch und Emil von Behring, nahm die Serumtherapie von Höchst ihren Weg in die Krankenhäuser der Welt. Bald folgte Salvarsan, der Kampfstoff gegen die Syphilis.

Das waren Taten der deutschen Wissenschaft, bevor Carl Duisberg die acht größten deutschen Chemiebetriebe, darunter die Badische Anilin- und Sodafabrik, die Farbenfabriken vormals Friedrich Bayer und Co., Leverkusen, die Höchster Farwerke und die Agfa 1916 unter das Dach der »Interessengemeinschaft der deutschen Teerfarbenfabriken (I.G.)« brachte.

I.G.-Gründer Duisberg, Bandwirkersohn aus dem bergischen Barmen, war Chemiker mit merkantiler Begabung. Er hatte rechnen gelernt, als er, mit 20 Jahren Doktor (magna cum laude) geworden, seine erste Assistentenstelle mit 80 Mark Monatsgehalt antrat.

Der Mann, der 30 Jahre später den größten deutschen Konzern aus der Taufe hob, hatte damals in seinen kargen Jahren sonntags oft nur eine Boulette aus Pferdeffeisch auf dem Teller oder, wenn es hoch kam, den berühmten Sauerbraten, von dem die Ruhrkumpels sagen, daß man beim Essen auf Hufnägel achten muß.

1920 warnte Duisberg auf der Hauptversammlung in Leverkusen: »Der Wettkampf wird ohne allen Zweifel sehr scharf werden.« Er wurde noch schärfer, als in Uebersee und in England neue chemische Fabriken mit Staatshilfe aus dem Boden gestampft wurden. Auch damals waren fast sämtliche deutsche Patente (5000) enteignet und zwei Drittel des Absatzes verloren.

Rationalisierungsexpert Duisberg trommelte: »Infolgedessen müssen Mittel und Wege gefunden werden, die Produktionsbasis zu erweitern und Erzeugung und Verkauf so zu organisieren, daß der höchstmögliche Grad der Wirtschaftlichkeit erreicht wird.«

Der höchstmögliche Grad war die Konzentration. Carl Bosch, Miterfinder des synthetischen Stickstoffes und Leiter der Badischen Anilin- und Sodafabriken, trommelte mit, bis endlich 1925 sämtliche deutschen Teerfarbenfabriken fusionierten. Jede gab etwas von ihrem Eigenleben preis. Die Produktionsaufgaben wurden differenziert und die Betriebe so verzahnt, daß sie sich umeinander im Kreise drehten in Zulieferung von Grundstoffen, Veredelung und Endproduktion. Auf der westdeutschen Entflechtungsliste stehen 169 I.G.-Unternehmungen.

Vielleicht hatte der Konzern mittlerweile tatsächlich die optimale Wirtschaftsgröße überschritten. Er war unübersichtlicher und schwerer lenkbar geworden, so daß der »Rat der Götter« eine Neuordnung erwog, als der zweite Weltkrieg begann.

Den Rat der Götter, der als Defa-Film über die östlichen Kinoleinwände ging, hat es aber niemals gegeben. Er ist eine Erfindung von Friedrich Wolf, linkem Stückeschreiber ("Cyankali«, »Matrosen von Kattaro"), heute Botschafter Wilhelm Piecks in Warschau. Wolf schrieb das Drehbuch.

Was es bei den IG Farben tatsächlich gab, war ein Vorstand, dem die Betriebsführer der größten und wichtigsten Werke angehörten, und ein Aufsichtsrat mit zuletzt 21 Mitgliedern. Daneben technische und wissenschaftliche Kommissionen, die eine reine Finanzdiktatur unmöglich gemacht hätten.

Was es außerdem noch bei den I.G. Farben gegeben hat und was heute bei den Kulissenkämpfen gegen eine vernünftige Neuordnung nicht übersehen werden dürfte, das war die schon 1927 begründete Zusammenarbeit zwischen I.G. und Standard Oil, in umfangreichen Vertragswerken besiegelt und immer wieder erneuert. Siehe Geheimschreiben der Rechtsabteilung der I.G. Farben an die Direktoren der acht Hauptbetriebe am 6. 6. 44:

»Die Amerikaner waren uns auf Grund ihrer jahrzehntelangen Beschäftigung auf dem Treibstoffgebiet ... voraus. Alle diese Erkenntnisse sind uns auf Grund des Vertrages zugeflossen - auch die Methode der Isooktan- (Flugbenzin-) Herstellung.«

Dafür haben die Amerikaner andere wertvolle Forschungsergebnisse von der I.G. übernommen. Diese Zusammenarbeit klappte sogar noch während des Krieges - wenigstens bis 41. Im Spätsommer 39 schickte Standard Oil-Präsident N. G. Farish seinen geschicktesten Agenten F. A. Howard nach old Europe. Was er am 12. Oktober 39 seinem Präsidenten nach New Jersey schrieb, hat manchen Spionagedienst interessiert:

»... In England traf ich verabredungsgemäß die Herren aus Holland von der Royal Dutch, und nach einigen Tagen während er Verhandlungen mit ihnen und den Herren der Anglo Iranischen kamen wir zu einem allgemeinen Einverständnis .... Im Hinblick auf meine engen Beziehungen zu den Versorgungsproblemen, in Frankreich sowohl als auch in England, war ich einigermaßen besorgt, welchen Eindruck es machen werde, daß ich von diesen Unterredungen nach Holland gefahren war, um dort Besprechungen mit Deutschen zu halten.

»Ich hielt meine Verabredung in Holland ein, wo ich dreitägige Unterhaltungen mit fünf Männern der I.G. hatte. Wir bemühten uns nach Kräften, eine Arbeitsmethode auszuarbeiten, die während der Kriegsdauer funktionieren würde, unabhängig davon, ob die Vereinigten Staaten Kriegsteilnehmer werden würden oder nicht.«

Als beim Nürnberger I. G.-Farbenprozeß 1948 dem öffentlichen Kläger der USA, Mr. Randolph Newman, heute US-Kontrolloffizier der I. G.-Farbenmasse, der ausführliche Text dieses vielsagenden Geschäftsbriefes vorgelegt wurde, war ihm das mindestens ebenso peinlich wie gewisse Veröffentlichungen der jüngsten Zeit, in denen behauptet wurde, Mr. Newman sei ein Morgenthaumann.

Der als US-Staatsanwalt zurückgekehrte 39er Emigrant, der seinen deutschen Namen, Dr. Rudolf Neumann, ablegte, als er seinen Dienst als Assistent bei Prof. Martin Wolff an der Berliner Universität quittierte und in die Staaten ging, klagte 23 I.G. Direktoren an. Wegen Teilnahme an der Kriegsvorbereitung, Verschwörung, Kriegsverbrechen, Raub und Plünderung. Diese Anklagepunkte fielen durch. Von den zehn dennoch nach Landsberg geschickten I.G. Prominenten sind acht inzwischen wieder auf freiem Fuß, die beiden letzten werden im Oktober entlassen.

Heute sitzt Dr. Newman (vormals Neumann) zusammen mit Ronald F. Selby (Großbritannien) und Monsieur de Fouchier (Frankreich) als US-Farben-Controller in der ersten Etage des weißen TRIFCO-Hauses*), Frankfurt, Mainzer Landstraße Nr. 28, und kann sich vor lauter Anrufen, Protestnoten und Reporterfragen wegen des Gesetzes 35 kaum retten. Er lehnt es ab, deutsch zu sprechen.

So wird er die Nichtanglisten am ehesten los. Für andere lästige Besucher ist er nur selbdritt mit den Tripartite-Kollegen zu sprechen: »We are an Allied office.«

57 Prozent des ehemaligen I.G Volumens sind allerdingsihrem Zugriff und der Weiterentflechtung des 43prozentigen Restes entzogen, 57 Prozent liegen östlich der Elbe. Die Sowjets haben daraus eigene Kombinate gemacht, teils sowjet-, teils volkseigen. Der westdeutsche Rest schwebt schon jahrelang in der Entflechtung, ohne daß etwas Entscheidendes geschieht, nachdem jeder Betrieb als selbständige Unit erklärt worden ist - durch schwebende Entflechtung.

In der Entflechtung schweben mit die Chemiker, Arbeiter, Aktionäre, Gewinne und auch die Forschungen. Sie schweben mitunter sogar ins interessierte Ausland. Nicht nur, wenn ein ungetreuer Direktor geistiges Werkseigentum verschiebt, wie es in Uerdingen passierte, sondern auch ganz offiziell, weil es bei dem gegenwärtigen Zustand der aufgeschobenen Entscheidungen nicht möglich ist, manche wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu realisieren.

Dazu bedarf es einer gewissen Koordination und einer Potenz, die der Welt einst Heilmittel wie Germanin, Atebrin, Novokain, Aspirin, Salvarsan und Luminal erarbeitet hat.

Dr. Heinrich Greune, Leiter des zentralen Forschungslaboratoriums der Höchster Farbwerke, zieht die Schultern hoch, wenn er nach dem Export von Forschungsergebnissen gefragt wird. Er stammt aus Westfalen, dort giften die Bauern, wenn sie ein

*) TRIFCO = Tripartite Farben-Control-Office (Alliiertes Farben-Kontrollamt). Verlust nach dem anderen trifft: »Hett de Slachter de Koh geholt, dann man ok dat Kalb ...«

Der erste große Verlust war die Beschlagnahme von 50000 I.G. Dokumenten, in denen neue Farbenformeln, die Herstellung von Medikamenten, Legierungen und farbenfotografischen Verfahren aufgezeichnet waren.

In Großbritannien befinden sich nach Angaben von Sir Stafford Cripps mehr als 10000 Berichte und etwa 70000 Auszüge aus deutschen Patenterklärungen, und auch der australische Ministerpräsident gab im vorigen September bekannt, daß Australien 6000 Industrieberichte zusammen mit deutschen Reparationsmaschinen erhalten habe, deren Geldwert nicht ausdrückbar sei.

Dr. Greune erinnert sich an Zeiten einer geistigen Demontage, die selbst seinen privaten Schreibtisch bedrohte. Und noch heute wird von ihm verlangt, daß er sich beim TRIFCO abmelden soll, wenn er Frankfurt verläßt. Auf den Borden in Dr. Greunes Arbeitszimmer steht auf jedem Leitzordner der viereckige Stempel der FIAT (Field Information Agency of Technical Research = Technischer Untersuchungs- und Informationsdienst) oder der britischen Parallelorganisation BIOS.

Der mikrogefilmte Extrakt der Forscherakten erscheint seit 48 als »FIAT-Review of German Science 1939 to 1946«. Die gesamte Ausbeute soll 84 Bände umfassen.

Mr. MR. Fox von der englischen chemischen Gesellschaft hat in einer Veröffentlichung der jetzt von der englischen Chemie hergestellten Küpenfarben wenigstens zugegeben, daß rund 90 Prozent deutsche I.G.-Erfindungen sind.

In Höchst und in anderen früheren I.G.-Betrieben wird derweil das Rad der Entwicklung zurückgedreht. Farbenexperte Dr. Greune mixt neue Farben der alten I.G.-Palette. »Sehen Sie, dieses leuchtende Gelb wurde früher hier im Werk nicht hergestellt. Darauf war ein anderer Betrieb spezialisiert. Sollen wir unsere Kunden nun zur Konkurrenz schicken, die einmal Glied vom selben Körper war?«

Wenn auch diese Kehrt-Marsch-Forschung möglicherweise einige neue Farbeffekte erbringt, sie ist im Grunde kein besonderer Gewinn. So wie im »Falle Gelb« müssen die meisten alten I.G.-Werke auf Controller-Befehl Zeit und Geld investieren, um das nachzuerfinden, was im Nachbarbetrieb zur traditionellen Produktion gehört.

In Frankfurts Mainzer Landstraße 28, wo die Farbencontroller sitzen, nennt man das »Wiederherstellung des innerdeutschen Wettbewerbs«. Der betrieblichen Selbstkostenrechnung aber bekommt das schlecht, zumal Grundstoffe und Halbfabrikate nun nicht mehr vom nächstgelegenen ehemaligen Schwesterbetrieb zum Gestehungspreis geliefert werden, sondern mit allen Aufgeldern der üblichen Handelsspanne. TRIFCO achtet streng darauf und verwaltet einen eigenen Fonds aus I.G.-Gewinnen.

Der große chemische circulus vitiosus der I.G. Farben hat aufgehört, das große Gebäude wurde abgewrackt und in Units aufgesiedelt - so, wie die Sowjets in der Ostzone die Gutsgebäude abtragen und Neubauernhäuser daraus bauen ließen, allerdings mit dem Hintergedanken, das Ganze später doch wieder zu kollektivieren.

Die großen Units wie Höchst haben sich trotzdem erstaunlich rentabel gehalten. In Höchst ist vor kurzem die größte und modernste Penicillin-Anlage des Kontinents angelaufen. Dr. Heinz Oeppinger, Leiter des Penicillinbetriebes, ist sehr stolz darauf:

»Die deutschen Aerzte können jetzt dieses wichtige Antibioticum ohne jede Beschränkung verwenden. Der Ausstoß unserer Anlage (400000 Mill. Einheiten monatlich) wird auch jederzeit mit dem erwarteten Ansteigen des Penicillinverbrauches Schritt halten.«

Aber die mittleren und kleineren Units haben zu krebsen. Dr. Greune: »Grundlagenforschung kann dort nicht mehr betrieben werden. Was aber ist die Chemie ohne Forschung auf lange Sicht. Die Forschung von heute ist das Produktionsprogramm und Ertrag von morgen.«

Ehe ein neues Präparat, ein neuer Farbstoff in den Verkauf geht, wird er jahrelang beobachtet, getestet, verbessert, bis es keine Qualitätsschwankungen mehr gibt. Erst dann ist das neue Produkt reif für den Handel.

Das ist altes I.G.-Farben-Prinzip, das brachte den Weltruf. Und wenn sich einmal während der laufenden Produktion, die regelmäßig kontrolliert wird, die geringste Abweichung vom Standardtyp ergeben sollte, dann hilft nichts: Das Zeug muß in den Gully, ohne Rücksicht auf wirtschaftlichen Verlust.

Noblesse oblige! Indes, es gibt noch eine Reihe anderer honoriger Obligationen, die einmal bei der I.G. hoch im Kurs standen, heute aber zu einem wertlosen Stück Papier geworden sind: die I.G.-Farben-Aktien und - Obligationen. Nur einzelne Pakete liegen bei Konzernen des In- und Auslandes (z. B. 94 Mill. in USA bei Dupont). 67 Prozent der angemeldeten 450 Mill. RM I.G.-Aktien aber sind in Partien unter 10000 Mark gestreut und bei Kleinsparern verankert.

C. C. Schmid, weiland Stresemann-Freund und Staatssekretär für die besetzten Rheinlande nach dem ersten Weltkrieg, machte sich als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Schutzvereinigungen für Wertpapierbesitz zum Fürsprecher der 300000 I.G. Kleinaktionäre, die sich heute als Pensionäre, Rentenempfänger und Sozialunterstützte kläglich durchs Leben schlagen.

Sie schickten ihre Abordnungen zu einer Protestversammlung gegen das Gesetz der Oberkommissare in die Kölner Agnessäle - Aktionäre in schäbigen Kleidern, Witwen von I.G.-Angestellten, Vertreter von Kleingartenvereinen, die mit den Dividenden aus I.G.-Kleinaktien neue Schrebergärten anlegten. Sie fordern die Aufhebung der Besatzerordre.

C. C. Schmid wies auf eine neue Gefahr:

»Die Unruhe der Beteiligten wird durch immer wieder auftauchende Gerüchte genährt, daß das alliierte I.G.-Kontrollamt im Begriff sei, in verdächtiger Eile einen für uns untragbaren Aufteilungsplan zu dekretieren und wertvolle Vermögensobjekte ohne Anhörung der Berechtigten an gewisse Konsortien zu veräußern.

»Als ich mich wegen solcher Verkaufsgerüchte kürzlich an das Kontrollamt wandte, erhielt ich zur Antwort, daß Verfügungen über die I.G.-Substanz ausschließlich zur Kompetenz der Besatzungsmächte gehören und daß ich eventuell eine Untersuchung wegen Beeinträchtigung der Besatzungsautorität nach Gesetz Nr. 14 (Strafbare Handlungen gegen die Interessen der Besatzung) der Oberkommission zu erwarten hätte.«

Gemeint ist der Verkauf der chemischen Werke Hüls und der Alexander Wacker-Gesellschaft für elektrochemische Industrie in München.*) Als Interessenten kommen nach Lage der Dinge auf dem deutschen Kapitalmarkt nur ausländische Gruppen in Betracht.

C. C. Schmid schrieb am 9. September nach Frankfurt: »Die Oeffentlichkeit ist von uns darüber informiert worden, daß wir Verkäufe von Beteiligungen der I.G. Farben-Industrie-A.G., die ohne unsere vorherige Anhörung erfolgen würden, nicht anerkennen und daß wir uns bei solchen Fällen Regreßansprüche vorbehalten müssen.«

Das alliierte Triumvirat in der Mainzer Landstraße antwortete am 20. 9., »Wenn festzustellen wäre, daß sie tatsächlich Erklärungen veröffentlichen, die nicht in Uebereinstimmung mit den Bestimmungen des Gesetzes 35 sind, würden die unterzeichneten Mitglieder der Dreimächte-Kontrollgruppe den Standpunkt einnehmen, daß die Frage überprüft werden sollte, ob der Fragenkomplex nicht besser nach den Bestimmungen des Gesetzes Nr. 14 der Hohen Alliierten Kommission behandelt würde, als nach irgendeinem Punkt des Gesetzes Nr. 35.«

C. C. Schmid: »Durch Drohungen lasse ich mich selbstverständlich nicht an der pflichtmäßigen Wahrnehmung der Aktionärrechte behindern. Das Kontrollamt sollte sich im übrigen sagen, daß ein altgedienter Experte des Besatzungsrechts die Grenzen seiner Befugnisse genau kennt.«

C. C. Schmid hat auch während der Rheinlandbesetzung manche Kontroverse mit den Besatzern gehabt, weswegen ihn die Franzosen nach 45 kurzweilig einsperrten. »Aber es ist mir gut bekommen.« C. C. Schmid weist auf sein rundliches Embonpoint und nennt noch einen weiteren Grund für die Dringlichkeit einer sinnvollen Farbenneuordnung:

»Der Marshallplan erreicht demnächst sein Ende. Wie lange der durch den Koreakonflikt angefachte Rüstungsboom vorhalten wird, liegt gänzlich im ungewissen. Wir müssen daher äußerste Kraft einsetzen, um durch Steigerung von Leistung

*) Der ehemalige IG-Betrieb Kalle u. Co (Textilhilfsmittel und Cellophan) in Wiesbaden-Biebrich ist schon vor längerer Zeit zum Verkauf gestellt worden. und Export wieder auf die eigenen Füße zu kommen, um Deutschland zu einem wirtschaftlich gefestigten Bollwerk gegen die kommunistische Sintflut zu entwickeln. Freiheit und Selbstverantwortung in der Wirtschaft im Ganzen und speziell auch im I. G.-Farbenabschnitt sind hierfür unersetzliche Voraussetzungen.«

Seit Chemie-Präses Menne in Bonn die Dekartellisierungskarten aufdeckte und Schmids Schutzvereinigte Sturm laufen, können Bundesparlamentarier und Minister nicht mehr das saubere Taschentuch herausziehen, wenn die Chemiedämpfe aus den bedrohten Retorten in den Parlamentssaal wehen.

Die bürgerlichen Fraktionen schickten ihre Abgeordneten in die Kölner Agnessäle, und der greise Leuchtgens von der Rechtspartei sprach gelassen aus, was viele I.G.-Beteiligte seit langem denken: »Die Bundesregierung hat in punkto I.G.Farben-Neuordung geschlafen. Sie hätte diese Frage längst zu ihrer eigenen Sache machen müssen.«

Jetzt trug Kanzler Adenauer die unbequeme Proteststaffette zum Petersberg, angefeuert von einer Interpellation des Bundestags. McCloy will noch einmal die Konzeption der deutschen Experten prüfen.

Sie ist seit langem bekannt: Eine dreiteilige Farbenpalette mit drei lebensfähigen Chemiegruppen: Leverkusen im Norden mit den dazugehörenden, aufeinander angewiesenen Chemiebetrieben Nordrhein-Westfalens, die Gruppe Höchst-Mainkur in der Mitte und Ludwigshafen-Oppau im Süden. Ferner Regelung der gerechten Besitzansprüche der Aktionäre.

Das wäre ein neuer Anfang für die mit neuen Plänen und Ideen geladenen dekartellisierten deutschen Chemiker ohne Legende.

Grafik:

WAHLEN NACH LISTEN (PARTEIEN)SED u. abh. OrganisationenLDPCDU
1946 September GEMEINDE WAHLEN STIMMEN IN %62%20%18%
1946 20. Oktober LANDTAGSWAHLEN SITZE IN %51%23%26%
ABSTIMMUNGEN: JA oder NEIN zu vorher fefrgelegter SitzverteilungJA: 66%NEIN: 34%
1949 15./16. Mai VOLKSKONGRESSWAHL70%15%15%
1950 15./16. Oktober VOLKSKAMMERWAHL70%15%15%
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