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Bundeswehr Alles verbaut

Helmut Schmidt beförderte im vergangenen Jahr 4000 Hauptleute und Majore außer der Reihe. Nun hat er ärger mit den übrigen Stabsoffizieren, die sich übergangen fühlen.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Weil Bundeswehr-Oberbefehlshaber Helmut Schmidt ein Versprechen gehalten und seinen Offizieren schnelle Beförderung verschafft hat, sind Hauptleute und Stabsoffiziere ihm böse: Sie glauben sich ungerecht behandelt.

Um einen karrierehemmenden »Beförderungsstau« (Weißbuch 1970) abzubauen, ließ Schmidt im vergangenen Jähr 1650 Hauptleute zu Majoren und 2350 Majore zu Oberstleutnanten avancieren.

Der Stau war eine späte Folge militärischer Großmannssucht. Die bundesdeutschen Wiederbewaffner hatten in den fünfziger Jahren für eine unrealistisch geplante 560 000-Mann-Streitkraft rund 12 000 ehemalige Wehrmachts-Offiziere eingekauft. Alsbald schrumpften die Planzahlen der Armee, und die Altgedienten -- meist Majore und Oberstleutnante -- blockierten nun die Chancen ihrer jüngeren Kameraden. 1970 konnten 3100 Hauptleute, die ihre Stabsoffizierprüfung bestanden hatten, nicht befördert werden.

Helmut Schmidt, dem unzufriedene Jung-Offiziere bei Truppenbesuchen ihre Not klagten, zitierte seinen Personalchef Generalleutnant Dr. Konrad Stangl. Der Minister: »Das ist ein Unding, Stangl verfiel auf ein kostspieliges Patentrezept: Insgesamt 4000 Planstellen der von den überalterten Offizieren verstopften Ränge sollten um eine Stufe aufgewertet werden. Jährlicher Mehrsold: 13 Millionen Mark. Stangl stolz: »Ich sag's ehrlich, das war mein Vorschlag.

Der Minister paukte die Erfindung seines Personal-Generals durch Kabinett und Parlament. 1971 ergoß sich die Schmidt-Spende (Kasino-Kürzel: »55") über die Armee.

Und obgleich Beförderer Schmidt auch die mittleren und älteren Jahrgänge mit seinem Sternensegen reichlich bedachte -- nur 37 Prozent der frisch gebackenen »SS« -Offiziere waren jünger als 40 Jahre -, gelang es dem Verteidigungsminister, den Altersdurchschnitt der Stabsoffiziere drastisch zu senken: für Majore von 42 auf 36, für Oberstleutnante von 51 auf 48.

Dr. Stangls Verjüngungskur verärgerte die meisten Stabsoffiziere, die -- in mühseliger Ochsentour hochgedient -- sich benachteiligt fühlten und die Reform ohnehin für Flickwerk halten.

In der Tat hat der Schmidt-Schub Auswirkungen, die ordnungsgläubige Soldaten befremden müssen.

In einem Panzergrenadier-Bataillon etwa rückt ein Offizier vom Hauptmann zum Oberstleutnant auf, obwohl er nie mehr als Kompaniechef war. Der Chef der Nachbarkompanie dient als Oberleutnant.

Der blendend beurteilte Fregattenkapitän Rudolf Ahrens, ehemals Adjutant des Generalinspekteurs Heinz Trettner und Lehrer an der Führungsakademie in Blankenese, traf jüngst auf der Hardthöhe einen seiner Schüler wieder. der ihn im Dienstgrad eingeholt hatte.

Nur sechs Wochen vor seinem ehemaligen Schüler avancierte ein stellvertretender Bataillonskommandeur zum Major. Früher war der Lehrer Oberleutnant, der andere Gefreiter gewesen.

Ein Hauptmann von den Starfightern lehnte kürzlich seine Versetzung in ein anderes Geschwader ab, obwohl er dort sofort hätte Major werden können. Grund: »Ich hab« hier mein Haus, hier will ich nicht weg. Und daß ich Major werde, dafür sorgt schon das Weißbuch. Wenige Wochen später ging seine Rechnung auf.

Kaum waren die ersten »SS« Beförderungen ausgesprochen, wurden Schmidt und Stangl bei Offizier-Tagungen und Truppenbesuchen von aufgebrachten Hauptleuten attackiert. Doch Stangl ließ sich von den heftigen Reaktionen des Offizierkorps nicht beeindrucken: »Unebenheiten müssen wir in Kauf nehmen.«

Nicht allein die in Kameraden-Kreisen umstrittenen »SS«-Sterne ärgern Kritiker wie Begünstigte. Die Offiziere argwöhnen überdies, durch den Personalschub des letzten Jahres sei der leidige Beförderungsstau nur hinausgeschoben, nicht aber beseitigt. Ein Kompaniechef bei den Panzern, der seit dreieinhalb Jahren Hauptmann ist und den Sprung nicht mitgemacht hat: »Wir sind die armen Schweine. Vor uns ist jetzt alles verbaut.«

Die Befürchtung der Sitzengebliebenen ist verständlich. Bislang konnten sie hoffen, die ohnehin meist für den Truppendienst zu betagten Vorgesetzten würden entsprechend den besonderen Altersgrenzen für Soldaten pensioniert werden: Der Bund schickt in der Regel Majore mit 54. Oberstleutnante mit 56 Jahren in den Ruhestand. Alle Schmidt-Spenden-Empfänger bleiben der Armee nun zwei Jahre länger erhalten.

Außerdem: ln den nächsten Jahren gehen zwar laut Weißbuch 1971/72 je etwa 1100 Berufsoffiziere aufs Altenteil, mehr als die Hälfte von ihnen als Oberstleutnante. Doch warten immerhin 6138 Majore auf den nächsten Schulterstern.

Karl-Wilhelm Berkhan wand sich denn auch, als die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag vom Verteidigungs-Staatssekretär wissen wollte, ob »künftig ... kein neuer Beförderungsstau entstehen wird«. Berkhan: »Das läßt sich noch nicht absehen.«

So vorsichtig freilich ist der forsche Minister nicht. Im Weißbuch stellt er lapidar fest: »Der Beförderungsstau ... ist abgebaut.«

In den Offizierquartieren hat sich inzwischen herumgesprochen, daß die im Haushalt 1971 erstmals genehmigten Weißbuch-Planstellen von den Parlamentariern mit »k u"* gekennzeichnet wurden und deshalb kassiert und herabgestuft werden können. Personalchef Stangl beschwichtigt: »Für 1972 hat das kein einziger Abgeordneter beantragt.«

Von seinen Untergebenen fühlt sich der Drei-Sterne-General ohnehin unverstanden: »Erst jammerten die Soldaten, weil sie nicht befördert werden. Dann wird befördert, und sie jammern trotzdem.«

* k u = künftig umwandelbar

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