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»Alles, was man braucht, ist ein Sonderkonto«

SPIEGEL-Interview mit dem indischen Anwalt Ram Dschethmalani über die Bofors-Affäre *
aus DER SPIEGEL 36/1987

SPIEGEL: Herr Dschethmalani, Radschiw Gandhis Regierung ist in schwere Skandale verwickelt: Schmiergeldzahlungen des schwedischen Rüstungskonzerns Bofors von 71 Millionen Mark und die umstrittenen Millionenbeträge der Howaldtswerke Deutsche Werft. Nicht nur die herrschende Kongreß-Partei, die ganze Regierung, ganz Indien ist ins Zwielicht geraten. Wie soll es weitergehen?

DSCHETHMALANI: Der einzige Ausweg wäre, daß entweder der Vorsitzende oder die Mehrheit der herrschenden Kongreß-Partei den Ministerpräsidenten zwingt sein Amt niederzulegen, bis ehrliche Untersuchungen durchgeführt werden können. Wird er freigesprochen, kann er sein Amt als Regierungschef ja wieder übernehmen.

SPIEGEL: Bofors hat dem Premier eine Art Persilschein ausgestellt . ..

DSCHETHMALANI: Das Schreiben von Bofors besagt gar nichts. Es ist nichts weiter als ein Vertuschungsmanöver, mit dem ein Komplice den anderen zu decken versucht.

SPIEGEL: In dem Bofors-Papier aber heißt es, daß kein Inder an der Transaktion beteiligt gewesen sei.

DSCHETHMALANI: Diese Erklärung ist absolut lächerlich.

SPIEGEL: Auf welchem Wege, denken Sie, hätte Radschiw Gandhi das Geld bekommen können?

DSCHETHMALANI: Das ist das einfachste von der Welt. Alles, was man dazu braucht, ist ein Sonderkonto, entweder ein eigenes oder das von Freunden, die das Geld für einen waschen und quasi als Treuhänder fungieren.

SPIEGEL: Sie sprechen davon, daß auch Gandhis Verwandte in die Bofors-Affäre verwickelt seien und Schmiergelder erhalten hätten. An wen denken Sie dabei?

DSCHETHMALANI: Die Gelder werden für Radschiw Gandhi von einem gewissen Adschitabh Batschtschan _(Ein in der Schweiz lebender Inder ) _(und Bruder von Amitabh Batschtschan, dem ) _(berühmten indischen Filmstar und guten ) _(Freund Radschiw Gandhis. )

verwahrt. Überdies gibt es Indizien, daß der andere Nutznießer aus diesem Geschäft Gandhis italienischer Schwager Walter Vinci ist.

SPIEGEL: Der Ministerpräsident bestreitet das nach wie vor. Er erklärte vor dem indischen Parlament, daß niemand aus seiner Familie in die Angelegenheit verstrickt sei.

DSCHETHMALANI: Behaupten kann man vieles. Nehmen wir das Beispiel des japanischen Ministerpräsidenten Kakuei Tanaka, der überführt und für schuldig befunden wurde. Hatte der sich etwa vorher schuldig bekannt?

SPIEGEL: Im Bericht des schwedischen Rechnungshofes werden gewisse Namen verschwiegen. Warum?

DSCHETHMALANI: Das ist auch mir schleierhaft, scheint mir jedoch der schlüssigste Beweis für Gandhis Schuld zu sein. Die Art, wie er die Sache behandelte, nachdem sie ans Licht gekommen war, ist sehr aufschlußreich. Heute ist absolut und über alle Zweifel gesichert, daß große Summen an Schmiergeldern gezahlt wurden. Die Frage ist nur, an wen?

SPIEGEL: Wissen Sie es?

DSCHETHMALANI: Wenn der Ministerpräsident und seine nächsten Angehörigen nicht in die Affäre verwickelt sind und diejenigen, die in die Sache tatsächlich verstrickt sind, mit dem Ministerpräsidenten nichts zu tun haben, dann müßte Gandhi alles daran gelegen sein, die Wahrheit sehr energisch aufzudecken.

SPIEGEL: Und warum unternimmt Ihrer Meinung nach Gandhi nichts, um den wahren Sachverhalt aufzuklären?

DSCHETHMALANI: Allein schon die Tatsache, daß er auf der Stelle tritt, daß er alles, aber auch alles tut, um zu verhindern, daß die Wahrheit ans Licht kommt, und daß er, wenn er überhaupt etwas unternimmt, immer nur die falschen Maßnahmen ergreift, die nie zur Aufdeckung der Wahrheit führen werden beweist doch hinlänglich, daß er etwas zu verbergen hat.

SPIEGEL: Was sollte Gandhi denn tun?

DSCHETHMALANI: Das ist ganz einfach. Zunächst einmal muß er ein offizielles Schreiben an die schwedische Regierung richten, in dem er ihr unmißverständlich erklärt, daß sie die Wahrheit im Interesse des indischen Volkes und im Interesse unserer gegenseitigen freundschaftlichen Beziehungen aufdecken muß und wir es als höchst unfreundlichen Akt betrachten würden, wenn sie diese Informationen zurückhält.

SPIEGEL: Und der nächste Schritt?

DSCHETHMALANI: Als nächstes wäre nach schweizerischem Recht ein Ersuchen an die Bundesregierung in Bern zu richten, in dem mitgeteilt wird, daß wir einen Bestechungsfall unter Beamten untersuchen, die auf schweizerischem Boden vermutlich Schmiergelder erhalten haben, und als Beweisgrundlage daher um Offenlegung der dortigen Bücher bitten. Auch das ist bislang nicht geschehen.

SPIEGEL: Es waren aber doch indische Beamte unterwegs.

DSCHETHMALANI: Eine Delegation schwachköpfiger Beamter wurde in die Schweiz entsandt. Sie unternimmt nichts und bringt von ihrer Mission nichts nach Hause als Schweizer Schokolade und Käse.

SPIEGEL: Was soll nun mit den Bofors-Kanonen passieren, für deren Bestellung das Schmiergeld angeblich bezahlt wurde?

DSCHETHMALANI: Die dritte Möglichkeit und zugleich das dringlichste Gebot der Stunde wäre, dem Rüstungskonzern Bofors zu erklären, er solle sich mit seinen Kanonen zum Teufel scheren; der Vertrag sei null und nichtig; wir würden uns nicht mehr an ihn gebunden fühlen, wenn der Konzern uns seine Bücher nicht völlig offenlege. Das aber wird Radschiw Gandhi niemals tun, weil damit sofort alles ans Licht käme.

Ein in der Schweiz lebender Inder und Bruder von AmitabhBatschtschan, dem berühmten indischen Filmstar und guten FreundRadschiw Gandhis.

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