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TERRORANSCHLÄGE Allgemeines Lebensrisiko

Die Colonia Versicherung weigert sich, die Hinterbliebenen der Opfer des Anschlags in Kairo zu entschädigen. Einige wollen jetzt klagen.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Für die ägyptische Justiz ist der Fall erledigt. Ende Mai wurden die Brüder Sabir und Mahmud Farahat im Istinaf-Gefängnis von Kairo hingerichtet. Sie hatten am 18. September 1997 vor dem Nationalmuseum in der Hauptstadt mit Pistolen und Molotowcocktails einen Bus attackiert. Neun deutsche Urlauber und ihr ägyptischer Fahrer starben.

In Deutschland ist der Terroranschlag Gegenstand einer zivilrechtlichen Auseinandersetzung von grundsätzlicher Bedeutung: Der Reiseveranstalter ITS und seine Versicherung, die Kölner Colonia, wollen die Hinterbliebenen der Opfer nicht entschädigen. Die Touristen seien »Opfer eines kriminellen Anschlags von geistesgestörten Tätern geworden«. So etwas, argumentiert die Versicherung, könne »jedem Reisenden in jeder Großstadt oder aber auch anderswo in ländlicher Gegend« passieren. Kairo habe damals »auch nicht zu der vom Terrorismus betroffenen Zone« gehört. Nach dieser Logik könnten Reiseveranstalter, die Touren in gefährliche Regionen anbieten, alle Risiken voll auf ihre Kunden abwälzen.

Das wollen die Hinterbliebenen der Opfer des Kairoer Anschlags verhindern. Sie halten dagegen, die Tat sei ein Terroranschlag der ägyptischen Fundamentalistengruppe »Gamaa islamija« (Islamische Vereinigung) gewesen. Von derlei Gefahren sei aber im Reiseprospekt keine Rede gewesen. Der dürre Hinweis auf Seite 108 des Ferienkatalogs, daß der Trip in »ein Entwicklungsland mit starken sozialen und politischen Gegensätzen« führe, könne nicht als ausreichende Warnung angesehen werden. »Das las sich, als sei es eine Reise in die neuen Bundesländer«, kritisiert der Koblenzer Rechtsanwalt Dieter Creutzfeldt. Seine Mandantin verlor in Kairo ihren Ehemann.

Die ägyptische Regierung behauptet bis heute, daß das Massaker von Geistesgestörten begangen wurde. Ein Abwiegelungsmanöver aus Sorge um den Verlust einer wichtigen Devisenquelle - den Tourismus (drei bis vier Millionen Reisende jährlich). Die Colonia übernahm offenbar nur allzugern die offizielle Haltung der Führung in Kairo: »Es konnte ausgeschlossen werden, daß die Täter aus religiös-extremistischen Kreisen stammten.«

Daran bestehen erhebliche Zweifel. Schon eine nach dem Attentat eilig an den Nil entsandte Delegation deutscher Sicherheitsexperten mißtraute den Feststellungen der ägyptischen Kollegen. Auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft, die noch immer gegen mögliche Hintermänner der Attentäter ermittelt, geht von einem »islamistischen Hintergrund« der Täter aus.

Die Angehörigen beklagen aber nicht nur, daß ihnen die generelle Gefahr durch den Reiseveranstalter verschwiegen worden sei. Sie argumentieren, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen hätten den Bus der slowenischen Marke TAM zur Todesfalle gemacht. Sicher ist, daß mindestens zwei der Deutschen nicht durch Schüsse starben, sondern im brennenden Bus erstickten. Nach der Anzeige eines Opfers ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

Verzweifelt hätten sie versucht, die Doppelfenster mit Colaflaschen einzuschlagen, berichteten die Überlebenden in Deutschland der Polizei - Nothämmer seien nicht zu finden gewesen, auch die hintere Tür war, so die Augenzeugen, verschlossen. Einem Urlauber sei es schließlich gelungen, eine der Scheiben mit seinem Fotoapparat einzuschlagen.

* Im September 1997.

Diesen Zeugenaussagen mißt die Colonia jedoch keine Bedeutung bei. Im Januar, fast vier Monate nach dem Anschlag, entsandte sie einen »Sachverständigen für Brandursachen« zur Inspektion des Wracks nach Kairo. Der Gutachter kam zu dem Schluß, daß die hintere Tür »zum Zeitpunkt des Brandes geöffnet gewesen sein muß« - eine abenteuerlich anmutende These. Ebenso kraus ist die Argumentation in puncto Nothämmer. Der Experte konnte zwar keinerlei Überreste dieser Rettungsutensilien finden, nicht einmal den abgeschmolzenen Kunststoff der Plastikgriffe - dennoch urteilte er, daß auch dieser Bus mit zwei Hämmern ausgestattet gewesen sei. Bei anderen Bussen der Firma, die er vor Ort inspiziert hatte, seien schließlich welche vorhanden gewesen.

Unterliegen ITS und Colonia vor Gericht, könnte das weitreichende Folgen für die Touristikbranche haben. Bisher haben sich deutsche Gerichte nicht gerade urlauberfreundlich gezeigt. Die Richter würden in ihren Urteilen zumeist, so erklärt der Rostocker Reiserechtsexperte Klaus Tonner, den Begriff des »allgemeinen Lebensrisikos« gebrauchen. Seien nicht am gleichen Ort vorher bereits vergleichbare Mordanschläge vorgekommen, dürfte dem Reiseveranstalter demnach kaum ein Verschulden nachgewiesen werden können. Zudem sei es ständige Rechtsprechung, daß deutsche Standards nicht in andere »Länder übertragen werden müssen«.

Der Dessauer Wolfgang Heinz, eines der Opfer von Kairo, kann das nicht nachvollziehen. Daß die Versicherung nicht zahlen wolle, »ist makaber und armselig«. Zumal jetzt alle in der Beurteilung der Risiken bei Ägyptenreisen einig seien. Heinz verlor bei dem Anschlag seine Ehefrau. Nach vier Schüssen, in Arm, Bein, Brust und Kopf, war er selbst ein halbes Jahr arbeitsunfähig. Von den Reiseveranstaltern hat er bislang »nicht einen Pfennig« erhalten.

* Im September 1997.

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