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Peter Brügge ALPEN-SYMPHONIE

aus DER SPIEGEL 31/1965

Der Gastgeber läßt mir Bergluft aus der Sprühdose entgegen zischen und schafft so schnell die geeignete Atmosphäre für ein Gespräch über sein Thema eins, die Alpen.

Einschlägige Abbildungen schmücken die Wände sowie die Verpakkung der Zuckerstücke neben meiner Teetasse und vermitteln eine Ahnung von der Größe alpiner Natur, deren Original leider gerade in einem sommerlichen Tief versinkt.

»Sie haben 1965 das Jahr der Alpen ausgerufen«, sage ich, »gibt es dafür einen Grund?«

Dr. Werner Kämpfen, Direktor der Schweizerischen Verkehrszentrale, 51, dank alpiner Verpflichtungen aber wie 50 wirkend, richtet seine wetterfeste Walliser Erscheinung im eleganten Knoll-Sessel seines Züricher Büros auf. »Nicht einen Grund, sondern mehrere!«

Erstens gab es die hundertjährige Wiederkehr der Wette, mit der ein Hotelier aus St. Moritz die ersten Engländer in den Schweizer Winter lockte, indem er ihnen drei Monate Aufenthalt bezahlte. Der Beginn der Public Relations in der Schweiz.

Zweitens jährte sich diesen Monat zum hundertsten Male die Bezwingung des Matterhorns durch den Engländer Whymper und sechs andere, von denen vier nicht zurückkamen. Auch das Public Relations für die Schweiz. Denn außer Abraham Lincolns Tod hat 1865 nichts die Zeitungen so sehr beschäftigt.

Weitere Gründe kamen nach und nach. Auch Davos, stellte sich heraus, hatte zufällig vor hundert Jahren die ersten Wintergäste. Und im Herbst 1799 hatte der russische Marschall Suworow seine Soldaten nach einem Sieg gegen die Franzosen über die Alpen geführt, was als 166. Jahrestag begreiflichen Anlaß zum Gedenken gibt.

Auch ergeben - sich kulturelle Höhepunkte, die den besonderen Anspruch rechtfertigen, wie im Heimatmuseum von Grindelwald die Schau »Das Hochgebirge von Grindelwald« oder im Oktober in St. Gallen die »OLMA, Schweizer Messe für Land- und Milchwirtschaft - voralpine Leistungsschau mit kleiner Sonderschau, unter besonderer Berücksichtigung ostschweizerischer Aspekte«. Fast zuviel für ein Jahr.

Es mußte gewagt werden. »In 60 Millionen Jahren werden die Alpen abgetragen sein«, rüttelten Kämpfens Inserate Eid- und Zeitgenossen wach, »nützen wir die Zeit!«

Daß dem Menschen im Gebirge eine geruhsamere Zeitempfindung geschenkt werde, gehört zu seinen intensivsten Werbegedanken, obwohl vitale Interessen seines Alpenlandes ihm gemächliches Disponieren auch nicht mehr gestatten.

Eilends bestellte er bei dem Schweizer Komponisten Jean Daetwyler und Hans Honegger Alpenmärsche, »spielbar für Schweizer Fanfaren und am Ende mit dem zum Trio abgewandelten Thema unseres Volksliedes 'Wo die Berge sich erheben'«. Das ließ er auf 10 000 Platten pressen und in eidgenössische Musikautomaten münden. Für höhere Zwecke mußte Daetwyler auch eine Alpen-Symphonie schaffen ("Tonmalerei in drei Sätzen").

BBC wurde für die ganztägige Fernsehübertragung einer Matterhorn-Tour gewonnen. Unten in Zermatt deklamierte der Burgtheater-Mime Alfred Lohner vor den Schaulustigen aus Lord Byrons »Manfred« die schlimme Geschichte vom Tod eines Alpenländlers nach Sonnenuntergang.

Es liegt nahe, die leidige Ausdehnung der

Alpen auf sieben weitere Länder Europas nicht außer acht zu lassen; doch haben sie bisher wenig getan, was der Größe der Alpen-Problematik angemessen erschiene.

Denn aus der Tonmalerei der Alpen-Symphonie hört, der Eingeweihte den wogenden Kampf um den Gast heraus, in dem sich die regenreichen Höhenlagen den südlichen Stränden nicht geschlagen geben wollen (mit gewissem Erfolg, wie die 2,7 Milliarden Franken beweisen, die letztes Jahr von Fremden in der Schweiz gelassen wurden).

Kämpfen gab die kämpferische Losung »Totale Landeswerbung« aus, unter der man soeben in London, 14stöckig, ein beispielloses Schweizer Haus mit sechs Restaurants, Kinderspiel- und Schönheitssalon vollendete. In New York, 5th Avenue, haben Kämpfens Eidgenossen den zweiten Schweizer Kulturpalast schon in Angriff genommen.

Was Dr. Nordhoff für den

wesentlich jüngeren - Volkswagen, ist Dr. Kämpfen für die Alpen. »Und 1966?« frage ich, »was machen Sie da mit dem Gebirge? Wenn das 'Jahr der Alpen' vorbei ist?«

Jäher Gram durchzuckt sein Optimistengesicht. »Das«, seufzt Kämpfen, »ischt wahrhaftig das Problem.«

Kämpfen

Peter Brügge

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