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»ALS EHRENMANN ENTLARVT«

Erbittert warf Eugen Gerstenmaier in der vorletzten Woche deutschen Journalisten »Hinterhältigkeit« in Berichten und Kommentaren über seine Wiedergutmachung vor. Dann lud er am vorletzten Mittwoch eine Gruppe konservativer Journalisten, unter ihnen der »Welt am Sonntag«. Kolumnist William S. Schlamm, in den Bierkeller seiner Dienstvilla. Vier Tage später schrieb Schlamm, der laut Gerichtsbeschluß als »Demagoge« bezeichnet werden darf, in Axel Springers Sonntagsblatt:
aus DER SPIEGEL 5/1969

Hier wird nicht für Dr. Eugen Gerstenmaier plädiert. Erstens hat der Präsident des Deutschen Bundestages meine Verteidigung nicht nötig, und zweitens wird sie ihm nichts nützen. Gerstenmaier ist an die erste Stelle der Abschußliste gerückt, und nicht erst seit gestern. Nach Adenauer, Strauß und Springer ist nun Gerstenmaier an der Reihe. Er steht unter dem Verdacht, ein Patriot zu sein, und das wird ihm von einigen Manipulanten der öffentlichen Meinung weder vergeben noch vergessen. Er hat überdies darauf bestanden, daß der nächste deutsche Bundespräsident in Berlin gewählt wird

eine schlechthin unerträgliche Provokation für jene Apotrioten, die Deutschlands Kapitulation im Osten gar nicht erwarten können.

Diesen offenen Verschwörern gegen die Bundesrepublik kann man alles vorwerfen, nur nicht Ungeschicklichkeit. Sie haben noch nie eine Chance verpaßt und wissen aus jedem Glücksfall auch noch den letzten Tropfen der Infamie zu pressen. Der Wiedergutmachungsentscheid in Sachen Gerstenmaier war ein solcher Glücksfall, und wir werden in den nächsten Wochen alles darüber zu hören bekommen, was sich eine perfide Publizistik nur ausdenken kann ...

Aber Herr Gerstenmaier hätte eben wissen sollen, daß man in Deutschland alles wiedergutmachen kann, nur nicht den Verdacht, vor, während und nach Hitler Charakter und Courage gezeigt zu haben.

Nun steht er unter diesem Verdacht und auf der Abschußliste. Und er wird mit einer besonders raffinierten Dumdum-Patrone angeschossen: Es wird, zunächst unterderhand, angedeutet, Herr Gerstenmaier hätte seiner politischen Position wegen eine Vorzugsbehandlung erfahren, die im Wiedergutmachungsverfahren Tausender, weniger prominenter Leute hartnäckig verweigert wird ... Aber was ist das für eine Publizistik, die einem deutschen Politiker einen Vorwurf daraus macht, daß deutsche Bürokraten in seinem Fall ihre beschworene Pflicht tun ... Nein, Herrn Gerstenmaier kann nicht geholfen werden. Er wird die gelenkte Hetzjagd durchstehen müssen. Er wird sie freilich so sicher und so triumphal überleben wie Franz-Joseph Strauß vor ihm. Er hat die Kunst des Widerstandes gegen Infamie in jungen Jahren gelernt. Der Präsident des Deutschen Bundestages wird es überstehen, daß er als Ehrenmann entlarvt worden ist.

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