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»Als hätte man mir die Zähne ausgeschlagen«

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über das Affären-Opfer Björn Engholm *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Am Mittwochabend vergangener Woche scheint die Lage im Kieler Landeshaus, dritter Stock, fast ein wenig entspannt zu sein. Wein steht auf den Schreibtischen im Trakt der schleswig-holsteinischen SPD-Fraktion. Im Mitarbeiterstab des Oppositionsführers Björn Engholm geht die gute Nachricht um: Der Chef habe vor dem Untersuchungsausschuß, der die Affäre »Pfeiffer-Barschel« erhellen soll, eine prima Figur gemacht.

Wichtiger noch: »Der Björn«, wie der sozialdemokratische Spitzenmann in dieser Etage selbst von unbedeutenden Aktenträgern kumpelhaft geheißen wird, sei nun »auch von der Psyche her wieder einigermaßen im Lot«. Denn »der Björn« habe »gerade gelacht«, »der hat das Schlimmste hinter sich«.

Adrett wie eh und je steht Björn Engholm in seinem Vorzimmer vor einem Spiegel, um sich das ohnehin schon makellos sitzende Haar noch einmal durchzukämmen. Und tatsächlich - er grinst noch immer, wenn auch aus schierer Fassungslosigkeit.

Der Fraktionsvorsitzende berichtet, wie er nach der Ausschußsitzung von einem Fernsehreporter über »diesen Schmuddelkomplex Dr. Wagner« befragt worden sei: Ob er, Björn Engholm, so der Journalist, sich mit seiner Information, derart mit Pfeiffer im Kontakt gewesen zu sein, nicht von selber einer »schweren Anschuldigung« ausgesetzt habe.

Mit Verlaub, das erscheint ihm nun allerdings »so irre«, daß er nicht anders kann, als sich aufzuregen. »Die Sache nimmt Formen an«, sagt er heftig, um alsdann mit schräggelegtem Kopf in jene für ihn typische Trauerhaltung zurückzufallen, wie man sie in seiner Umgebung seit Wochen kennt.

Nein, daß Engholm, der Spitzenkandidat der schleswig-holsteinischen SPD und Gewinner der Wahlen vom 13. September, seine Balance wiedergefunden habe, beruht auf einem deutlichen Mißverständnis. Sosehr die Partei auch nach außen den Eindruck erweckt, ihr erster Mann stehe »nun erst recht«, bemüht sich der Betroffene, ein differenzierteres Bild von sich unter das Volk zu streuen.

Natürlich will er durchhalten. »Das hat er versprochen«, sagt zum Beispiel der Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel - aber Engholm selber ist sich noch keineswegs darüber im klaren, ob er das am Ende auch können wird.

Denn allzu tiefe Wunden sind ihm, der ja sowieso als hochsensibel gilt, mit den geballten Scheußlichkeiten von der Unterstellung der Steuerhinterziehung bis zum Aids-Verdacht geschlagen worden. Allzu »unbearbeitet« ist noch immer die Verbitterung darüber, als daß er sich schon in der Lage sähe, eine endgültige Entscheidung bekanntzugeben.

Ist das Schwäche, wenn der Kandidat darauf beharrt, daß er »nicht zu jenen Leuten gehöre, die mit der Last der Anwürfe erst zu wachsen beginnen«? Muß man als Larmoyanz empfinden, wenn er nun wiederholt darüber klagt, ihn würge »der Brechreiz« angesichts der Heucheleien, die im Umlauf sind?

Doch er ist halt so, und er möchte sich da auch von niemandem verunsichern lassen. Einerseits kennt Björn Engholm das politische Geschäft gut genug, um zu wissen, daß die Partei in dieser Situation von ihm Härte verlangen muß. Andererseits - und das hält er für wichtiger - will er vor allem sich selber bewahren.

So unübersehbar in seinen Verästelungen der Skandal auch in der siebenten Woche noch immer ist, so innerlich aufgewühlt und zerrissen zeigt sich dessen hauptsächliches Opfer, das ein Rechtskartell aus CDU und gleichgesinnter Presse jetzt zum Mittäter umzuschminken versucht. Neben Engholms Wut darüber und der Lust, »es denen zu zeigen«, steht latent der Fluchtgedanke.

In seinen starken Momenten sieht er sich kämpferisch durchaus als den Mann, der in einer neuerlichen Wahlauseinandersetzung die drohende Schlammschlacht verhindern helfen kann. Da will er antreten, damit sich »die ganze Scheiße der Vergangenheit nicht nur perpetuiert«, und sich entschieden für die Rückgewinnung der zerdepperten politischen Kultur einsetzen.

Aber solchem Hochgefühl folgen nach seinem Auftritt vor dem Ausschuß, auf der Heimfahrt nach Lübeck, auch sofort das Tief und der Anflug von Resignation. Hat ihn der Strudel nicht schon erfaßt, weil er selber zumindest in einem Fall die Unwahrheit gesagt hat?

So klemmt er selbstquälerisch zwischen Baum und Borke - einerseits entschlossen, das Land aus der Krise zu führen, um sich danach zu befragen, ob er denn überhaupt noch der geeignete Kandidat dafür sei. Am Ende bloß noch als"der nette Kerl der Partei zu gelten« sagt der Sozi finster, genüge ihm nicht.

Also Ausstieg? Das könne schon passieren, bekräftigt er achselzuckend. Am Abend nach Barschels Tod hat ihn der starke Drang heimgesucht, »die Klamotten zu schmeißen«. Ähnlich, »wie wenn man mir die Zähne ausgeschlagen hätte«, beschreibt er nun sein Gefühl, nachdem im Untersuchungsausschuß notgedrungenerweise jene (Aids-)"Sauereien« an die Öffentlichkeit gelangt sind.

Schwer vorstellbar, daß ein Politiker, der an diesem Abend nüchtern konstatiert, er demontiere sich »mit solchen Geschichten Stück für Stück selbst«, noch die Kraft aufbringt, um die Macht zu streiten. Kann die Politik ihrerseits einen Menschen verkraften, der, wie Engholm glaubhaft macht, über das Sterben Barschels »nicht wegkommt« - der noch immer den Bildern einer von ihm vermuteten »schreienden Einsamkeit« nachhängt und die Todesart seines Widersachers für sich selbst als »existentiell bedeutsam« empfindet?

Aber wer weiß: Vielleicht entspringt gerade dieser Fähigkeit, sich so betrüben zu können, die Qualität, die er braucht, um aus der Katastrophenstimmung herauszufinden.

Bleibt er Kandidat, wird Engholm einen Wahlkampf führen, der in seiner Sanftheit »komplett dem letzten gleicht«. Am liebsten wäre ihm, wenn etwa »ein Mann wie Ernst Benda« sozusagen parteienübergreifend die Schirmherrschaft übernähme.

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