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SAUERBRUCH Als Kassenpraxis-Löwe

aus DER SPIEGEL 35/1950

Ohne die Gnade der Kommunisten wäre Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch schon längst Fürsorge-Empfänger. Und seit er nun noch die Einladungskarte zur 250-Jahr-Feier der sowjetdeutschen Akademie der Wissenschaften zerriß, auch auf telefonische Anrufe nicht reagierte, ist ihm selbst der Ehrensold von 1000 DM-Ost monatlich nicht mehr sicher.

Sauerbruch wohnt in Westberlin, und das östliche Almosen ist seine einzige Einnahme. So hätte er Anspruch auf Umtausch von 200 Ostmark im Verhältnis 1:1. Aber Monat für Monat macht ihm die Westberliner Lohnausgleichskasse Schwierigkeiten und aus den 200 Westmark werden meistens nur 150. Das reicht gerade für die Miete und für eine Woche Essen.

Auch der Verkauf des Wagens war nur ein Tropfen. Die alte Karre brachte so wenig, daß Sauerbruch, Messerheld von Königen und Präsidenten, im Winter 49/50 täglich zu Bekannten gehen mußte, um sich aufzuwärmen. Das Geld reicht nicht zu den Kohlen für die drei ihm verbliebenen Zimmer seines Hauses an der Grunewalder Herthastraße 11. Er versuchte zwar, nach seinem Hinauswurf aus der Ostberliner Charité bei seinem Freund Professor Julius Jungbluth in der Grunewald-Klinik mitzuarbeiten, aber deren 28 Betten in der ehemaligen Witzleben-Villa nähren gerade einen Arzt.

Als Direktor der I. Chirurgischen Klinik der Berliner Charité war Sauerbruch drei Wochen vor Heiligabend 1949 von DDR-Volksbildungsminister Paul Wandel fristlos entlassen worden. Mit Hausverbot. Offiziell wurde die Entlassung mit der Altersgrenze getarnt. Inoffiziell ließ Informationschef Gerhard Eisler das Gerücht ausstreuen, Sauerbruch habe verschiedene Kunstfehler gemacht. Die wirklichen Gründe werden im Privaten gesucht.

Die ewige Ebbe im Haushaltsportemonnaie der Frau Geheimrat brachte den Familienrat auf den Gedanken, im Westen eine Pension zu beantragen, um die letzte notgedrungene Bindung an den Osten zu lösen. Doch der westfälische Dickschädel Sauerbruch sträubte sich, einen Bettelbrief selber zu unterschreiben.

Da setzte sich seine Frau hin und adressierte an Theodor Heuss. Aber Bonn bedauerte. In Anerkennung seiner langjährigen Verdienste sei es zwar recht und billig, dem 75jährigen eine Rente zu bewilligen, »aber leider steht hierfür kein Fonds zur Verfügung«. Sauerbruch möge sich doch an den Berliner Magistrat halten.

Oberbürgermeister Ernst Reuter lehnte ab. Sauerbruch sei in Ostberlin beschäftigt gewesen, und die Westverwaltung sei deshalb für ihn nicht zuständig.

Der letzte Weg, um wenigstens täglich ein warmes Essen auf dem Tisch zu haben, blieb der Antrag auf Anerkennung als Kassenarzt. Die VAB (Versicherungs-Anstalt Berlin), in allen Fugen krachend, war einverstanden. Es konnte nur ihrem Renommee dienen, Deutschlands berühmtesten Arzt als Vertragsarzt zu bekommen. Aber nach den Bestimmungen mußte der Antrag bei dem paritätischen Zulassungsausschuß der Aerzte und der VAB eingereicht werden.

Und bei den Berliner Aerzten ist der alte Geheimrat keineswegs beliebt. Denn jeder, der mit ihm zu tun hatte, hat schon mal unter seiner Grobheit zu leiden gehabt.

So kamen die Formulare des im Februar 1950 eingereichten Antrages postwendend zurück. Drei genau vorgeschriebene Bedingungen über die Zulassung waren nicht erfüllt: Einmal fehlte die Urkunde über die dreijährige Assistentenzeit, die im Anschluß an das Studium absolviert werden muß. Außerdem war Sauerbruch nicht ins Aerzteregister eingetragen. ("Was ist denn das?«, fragte Sauerbruch Freund Jungbluth.) Schließlich wurde dem Professor Dr. Sauerbruch, vierfacher Ehrendoktor, Mitglied von 17 Akademien und gelehrten Gesellschaften, aufgegeben, den schriftlichen Nachweis zu führen, daß er chirurgischer Facharzt sei.

Nachdem der Antrag zum dritten Male ohne diese Papiere eingereicht worden war, bemerkte man im Zulassungsausschuß, daß es niemand gebe, der Professor Sauerbruch seine Fachkenntnisse bescheinige. Man hielt sich eben streng an »die Bestimmungen«.

Alle zwei Wochen tagt der Zulassungsausschuß der Sozialversicherungsärzte Berlins. Aber erst am 2. August 1950, als die VAB-Vertreter drängten, wurde Sauerbruchs Zulassung verhandelt. Und selbst dann noch wehrten sich die Aerzte, es lägen 80 Anträge vor, die noch nicht erledigt werden könnten, weil der Ausschuß seit Januar »in Umorganisation« sei.

Diese Umorganisation bestand in dem Austausch des neutralen Vorsitzenden. Für den bisherigen Präses, den Kammergerichts-Vizepräsidenten Dr. Johannes Lehmann, sollte zukünftig der ehemalige Reichsarbeitsminister Dr. h. c. Rudolf Wissell dem Ausschuß vorsitzen. Dieser Wechsel ist inzwischen erfolgt. Aber am 2. August war es noch nicht so weit.

Kommissions-Mitglied Dr. Jesko Wodtke: »Vizepräsident Lehmann ist ein Jurist. Er hält sich nicht nur an jeden Satz, nein, an jeden Buchstaben des Gesetzes. Es ist ihm ganz gleich, ob Professor Sauerbruch oder ein anderer vor ihm steht.«

So verschanzten sich die Aerzte in dem siebenköpfigen Gremium hinter formaljuristischen Bedenken. Erst nach einstündigem erbitterten Feilschen gaben die Ärzte den VAB-Beisitzern nach. Sie erklärten sich mit einem Kompromiß einverstanden: Sauerbruch könne zugelassen werden, zwar nicht in seinem Wohnbezirk Wilmersdorf oder in dem von Aerzten ebenso begehrten Charlottenburg, aber immerhin am Wedding. Beschlossen und verkündet.

Dr. Jesko Wodtke: »Sauerbruch als Kassenarzt. Das kann uns nicht beunruhigen. In seinem Alter wird er wohl kaum in der Lage sein, eine Kassenlöwen-Praxis aufzubauen.«

Für Sauerbruch ist die Zulassung am Wedding wertlos. Als das der Berliner »Abend« recht unverblümt sagte, tobte Westberlins Aerzteschaft. In einer schnell einberufenen Delegierten-Versammlung betonte man, es liege nicht die geringste Veranlassung vor, Sauerbruch irgendwie anders zu behandeln als den Kollegen Müller III. »Der Abend« sprach von Brotneid.

Dabei hatte Professor Sauerbruch seit seiner Entlassung aus der Charité die verschiedensten Angebote. Syrien wollte ihn zum Leiter seines Sanitätswesens machen, Pyrmont zum leitenden Kurarzt. In der Schweiz und in Westdeutschland wurden ihm Lehrstühle angeboten.

Aber dickköpfig bestand Sauerbruch darauf, in Berlin zu bleiben, immer noch so impulsiv wie vor 45 Jahren, als er noch ein kleiner Assistenzarzt beim berühmten Professor Johann von Mikulicz in Breslau war, der eines Abends sagte: »Sauerbruch, Sie sollen doch ein Genie sein, entdecken Sie doch einmal eine Methode für Lungenoperationen.«

Sauerbruch hatte Nachtdienst. Er ging ins Labor, zerschlug ein paar Glashafen, bis er endlich in einen die richtigen Löcher geschlagen hatte, setzte ein Kaninchen hinein, ließ eine Oeffnung mit einem Gummischlauch und ebenso eine Oeffnung für seine Hände luftdicht machen. Der Labordiener saugte mit dem Schlauch einen Teil der Luft aus dem Hafen. Dann schnitt Sauerbruch dem Versuchskarnickel den Brustkorb auf.

Das berühmte Unterdruck-Verfahren, auf dem die gesamte moderne Lungenchirurgie basiert, war gefunden.

Als Sauerbruch am nächsten Morgen seinem Professor die neue Methode vorführen wollte, setzte die Atmung bei dem Versuchskarnickel aus. Sauerbruch entdeckte erst hinterher, daß der Luftschlauch undicht gewesen war, da hatte ihn Mikulicz bereits als Scharlatan und Schwindler hinausgeschmissen.

Nach einem kurzen Zwischenspiel als Privatdozent in Greifswald und Marburg und als Ordinarius in Zürich wurde Sauerbruch der jüngste Generalarzt der kaiserlichen Armee. Dann siedelte er 1928 von München nach Berlin über. Diese Berufung in die Reichshauptstadt wäre beinahe an seinen unglaublichen Forderungen gescheitert.

Im Preußischen Landtag gab es seinetwegen heftige Debatten. Denn Sauerbruch verlangte den Neubau einer Klinik nach seinen Wünschen, Garantie eines Einkommens von mindestens 200000 Mark jährlich und das Recht, seinen eigenen Nachfolger zu ernennen.

Einer der zahllosen berühmten Patienten Sauerbruchs wurde in Berlin Paul von Hindenburg. Als dessen Todesstunde herankam, bat er Sauerbruch zu sich nach Neudeck.

Wenige Stunden vor dem Exitus erschien Hitler auf dem Präsidentengut. Zunächst verweigerte ihm Sauerbruch, einem Wunsch Hindenburgs folgend, den Eintritt ins Krankenzimmer. Aber dann gab Hindenburg nach.

Die Szene, die sich zwischen den dreien dann abspielte, muß nach der Darstellung Sauerbruchs gespenstisch gewesen sein: Hitler, rasend vor Wut wegen des halbstündigen Wartens, stellte sich neben dem Bett in Positur. »Herr Feldmarschall, im Namen der Deutschen Nation habe ich die Ehre, Sie nach Ihren letzten Wünschen zu fragen.«

Kein Sterblicher hört das gern, aber der olle Hindenburg hielt auch in seiner Schwäche Disziplin: »Ich habe nur zwei Wünsche: Daß ich hier im Park neben meiner Frau begraben werde.« Er wies mit einer schwachen Handbewegung zum Fenster, unter dem auf seinen Befehl bereits das Grab ausgeworfen war.

Hitler: »In dieser ernstesten Stunde der Nation sollten Sie an wichtigere Dinge denken, Herr Feldmarschall, als an die Erfüllung privater Wünsche. Sie gehören dem Deutschen Volke, als dessen Repräsentant ich Ihren Wunsch nicht erfüllen kann.«

Hindenburg schloß die Augen.

»Und was ist Ihr zweiter Wunsch?«

»Ich möchte, daß Sie dem Chef meine Dankbarkeit zeigen dafür, daß er in Berlin alles im Stich ließ und auf meine Bitte hierherkam.«

»Wer ist Ihr Chef? Sie sind Chef, und ich bin Chef, sonst niemand.«

Hindenburg wies auf Sauerbruch, den er wenige Tage zuvor gebeten hatte, ihn ebenso wie der Assistenzarzt und die Schwestern mit »Chef« anreden zu dürfen. ("Ich fühle mich bei Ihnen so frei von jeder Verantwortung.")

»Der Arzt?« rief Hitler wütend. »Der wird für seine Arbeit bezahlt; Sie können unbesorgt sein.«

Er verließ dröhnend das Zimmer, verfehlte in der Hast das Treppengeländer, rutschte die Treppe herunter und blieb mit epileptischen Zuckungen unten liegen.

»Gehen Sie weg, Herr Geheimrat«, sagte einer der Adjutanten wohlmeinend zu Sauerbruch, »wir bekümmern uns nie darum. Es würde uns schlecht bekommen.«

Der Ausdruck »Chef« führt in das Verhältnis, das Sauerbruch stets zu seiner Umgebung gehabt hat. Er war der Chef, für Aerzte, für Schwestern und Patienten.

Und er war ein Chef von plötzlich ausbrechendem Jähzorn, der mit Schimpfworten schwersten Kalibers ebenso leicht um sich warf wie mit Instrumenten bei einer unaufmerksamen Operationsschwester.

Aus dieser Einstellung kommt es auch, daß Sauerbruch heute noch jeden duzt. Aber niemand würde auf die Idee kommen, ihn wieder zu duzen.

Ex-König Alfons von Spanien, der einmal sein Patient gewesen war, kam in Rom im Hotel-Vestibül auf den Professor zu: »Kennen Sie mich nicht mehr?«

»Ja, ja, ich erinnere mich. Du bist der König. Aber es war eine harmlose Appendicitis.«

Sauerbruch, der neben seinen operativen Neuerungen bei Lungen- und Kropfschnitten für die gesamte Chirurgie eine Fülle neuentwickelter Operationsmethoden fand, ist nie nur reiner Chirurg gewesen. »Mein Fachgebiet wurzelt in Vernunft und Herz. Und entgegen den naturwissenschaftlichen Disziplinen gibt es keine allgemein gültigen Formen der Heilkunst, sondern nur einzelne Heilmethoden.«

Sein Interessengebiet ging deshalb auch weit über die Grenzen der Chirurgie hinaus. Von der Homöopathie bis zur modernen Chemo-Therapeutik reichen seine Studien. Das Messer sah Sauerbruch immer nur als ultima ratio des Chirurgen.

Trotzdem hat er als Chirurg das Entscheidende geleistet. So die Ersetzung eines exstirpierten Oberschenkels durch den umgekehrten Unterschenkel, was den in den Hüften Oberschenkelamputierten eine Prothese ermöglicht.

Die manuelle Fähigkeit des Operateurs hat den Zenith längst überschritten. Aber die unter seinen Schülern zum Sprichwort gewordene blitzschnelle Diagnose schießt noch immer aus der Pistole wie nur je. Und ebenso frisch blieb seine beispiellose Grobheit. Sie schadete ihm nichts, solange er »der Chef« war. Als er es nicht mehr war, fielen fast alle von ihm ab.

Nur einmal noch, an seinem 75. Geburtstag, am 3. Juli 1950, kam ein großer Tag für ihn. Da versammelte sich in der Grunewalder Villa die Berliner Gesellschaft um den alten Mann, und der amtierende Bürgermeister Dr. Ferdinand Friedensburg versicherte ihn des unauslöschlichen Dankes der Stadt Berlin.

Die Feier sollte finanziell von der Berliner Aerzteschaft übernommen werden. Aber irgendwo war ein Mißverständnis. Die Summe, die dem Jubilar hinterher ausgehändigt wurde, hätte gerade gereicht, ein Zehntel der geladenen Gäste zu bewirten. »Jetzt kann ich bis zu meinem Tode die Geburtstagsschulden abstottern.«

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