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Als Nachbarn möchte man so einen

SPIEGEL-Reporter Leinemann über CDU-Generalsekretär Geißler
aus DER SPIEGEL 31/1979

Da sitzt er nun, der »einsame Dickschädel unter dem Kreuz des Südens« ("Vorwärts"), der von Franz Josef Strauß gebeutelte CDU-Generalsekretär Heinrich Geißler, isoliert zwischen lauter Damen am Vorstandstisch der Generalversammlung der Europäischen Frauen-Union. Die mitleidsvolle Charakterisierung im sozialdemokratischen Parteiblatt scheint eher unter- als übertrieben: Das Gesicht zerfällt in resignierte Knitterfalten, die Augen, zu Schlitzen verengt, starren müde ins Leere.

US-Präsident Jimmy Carter auf seinen depressivsten Bildern wirkt wie ein Strahlemann im Vergleich zu diesem hockenden Bündel Trostlosigkeit, das zwischen den Europafrauen im Stuhl hängt wie ein Mann, der geistesabwesend im selben Zug in die entgegengesetzte Richtung fährt.

Wer freilich den anderen Heinrich Geißler sehen möchte, den, der nach dem Urteil eines CDU-Ministerpräsidenten »noch nie so sicher war wie jetzt, weil er sich als Hoffnungsträger der Strauß-Gegner in der CDU fühlt« -der kommt am Donnerstag vergangener Woche, in den Bonner Unionssälen, auch auf seine Kosten: Er sieht einen lässig konzentrierten Mann, der kraftvoll ans Podium federt und mit Charme und Selbstironie den Kongreß begrüßt.

Ohne Not und ungestützt durch das Manuskript bringt er Seitenhiebe auf die Bayern in seiner Rede unter, als er plötzlich gegen »soziale Gleichgültigkeit« wettert, »sachadäquate« Aussagen in der Formulierung christlichkonservativer Politik fordert. Kenner der Unionsverhältnisse wußten Bescheid: Das ging gegen die Holzhammer-Holzer von der Isar.

Welches nun der wahre Geißler ist -- Heinrich der Einsame oder Heinrich der Kämpfer oder gar nur »Heinerle« oder »Herr Geißlein«, wie die Bayern reden -, das ist zur Zeit ein Lieblingsratespiel in Bonn.

Daß da Zweifel bestehen, überrascht. Denn seit fast zwanzig Jahren ist Heinrich Geißler, 49, hauptamtlich im politischen Gewerbe: erst als Leiter des Ministerbüros von Sozialminister Josef Schüttler in Baden-Württemberg, dann zehn Jahre als Sozialminister in Rheinland-Pfalz, schließlich seit zwei Jahren als Generalsekretär der CDU in Bonn. Und wenn es während dieser Zeit eine Konstante im Leben des Schwaben gab -- außer seinem leidenschaftlichen Eifer für Sozialpolitik -, dann ist es ein Mangel an Geheimniskrämerei.

Heiner Geißler, das war immer so etwas wie ein Synonym für Offenheit und Gradlinigkeit in der Unionspolitik. Manche sahen das positiv als charakterfest, manche betrachteten ihn eher, wie ein Geißler-Freund es nennt, als »taktisches Rhinozeros.

Aber nun wird auf einmal gerätselt um ihn. Seit Franz Josef Strauß Kanzlerkandidat der Union ist, avancierte Geißler zur Symbolfigur für jene breite Volkspartei CDU, die sein Freund Helmut Kohl in Bonn an die Macht bringen wollte. Zwar haben ihn mehr die Ereignisse als sein Wunsch in diese Position getrieben, aber Geißler nimmt, daran läßt er keinen Zweifel, die Rolle an.

Und seltsam genug, der Mann, der so selten berechnend schien, ist plötzlich schwer berechenbar. Seine ungewöhnliche Offenheit erweist sich eher als Hindernis denn als Hilfe für die Einschärfung.

Wer immer in der Vergangenheit ein Urteil über Heinrich Geißler gewagt hat -- bei dem kurzen Auftritt vor der Frauenkonferenz konnte er sich Bestätigung holen: Da sitzt der finster verschlossene Geißler, dem man schon mal einen üblen Ausrutscher wie die Terroristen-Dokumentation zutrauen kann, mit der von Böll bis Brandt alle Linken als Sympathisanten der RAF-Mörder denunziert wurden.

Da lümmelt sich der liebenswert lässige Geißler, der sich nicht in die Bonner Formen-Schablone einpassen will. Und da zwinkert auch der listige Geißler, der die taktischen Fallstricke der anderen bisher zu überspringen wußte und seinen Chef Kohl nicht nur überlebte, sondern ihn praktisch auch beerbte.

Er spielt keine Rollen. Vielmehr überläßt er sich in jeder Gemütslage und jeder Situation so sehr seinem jeweiligen Zustand, kehrt sein Inneres so sichtbar nach außen, daß er nie eindeutig festzulegen ist.

Zwar bleibt als vorherrschender Eindruck, daß er »im Grunde ein netter Kerl« ist, wie seine Freunde behaupten. Als Nachbarn möchte man so einen, als Sozialhelfer für die drogengefährdete Tochter, als Sportskameraden. Ehrgeizig ist er, hart, wenn es sein muß, empfindsam und geduldig, wenn er es sich leisten kann. Und verläßlich.

Heiner Geißler sieht es als seine Stärke an, daß er ein stabiles seelisches Gleichgewicht hat, seiner selbst sicher ist und sich und anderen nichts vormacht: nicht über seine Dickschädeligkeit, nicht über seine Ernsthaftigkeit im Einsatz für den Mitmenschen, nicht über seine Schwierigkeiten, seine Impulsivität zu disziplinieren. So, wie er ist, findet er sich in Ordnung, im großen und ganzen. Menschen -- da zitiert er gern Adenauer -- »muß man so nehmen, wie sie sind, man kann sich keine zusammenbauen«.

Für den Umgang im Alltag ist soviel Selbstverständlichkeit sympathisch. Schwierigkeiten entstehen jedoch, wenn der nette Kerl aus Mainz sich so unbeschwert auch im politischen Raum bewegt -- dann gibt es plötzlich Verzerrungen, paßt alles nicht mehr zusammen, entstehen Fehldeutungen und Mißverständnisse.

Man mag es den verwahrlosten politischen Umgangsformen anlasten, die zu Lüge und Verstellung herausfordern, man kann sich auch fragen, ob nicht jede Ebene der zwischenmenschlichen Kommunikation jeweils angemessene, transferierte Formen von Ehrlichkeit verlangt -- auf jeden Fall gibt es um den klaren Heiner Verwirrung, seit er in Bonn ist.

Seine Kinder beispielsweise kennen den Vater nicht, über den sie in den Zeitungen lesen. Ob das nur an den Journalisten liegt? Er selbst steht geradezu mit Verachtung vor seinem eigenen Wahlplakat: So bonbonfarbig lieb, so nett, so mögen ihn wählende Mütter mögen, er sich nicht. Er bevorzugt kantiges Schwarzweiß.

Aber wer sich unverändert in einen anderen Kontext begibt, der darf sich nicht beklagen, daß er immer wie aus dem Zusammenhang gerissen wirkt. Er ist es, der den Zusammenhang sprengt.

Darum wird gerätselt über Heinrich Geißler, den leidenschaftlichen Bergsteiger, der sich selbst auf einer »Gratwanderung« sieht. Der sichtbare Pfad verläuft zwischen Festigkeit und Anpassung gegenüber Franz Josef Strauß. Aber zusätzliche Lawinen kann er selbst lostreten -- durch seinen persönlichen Stil.

Denn was ihn privat zum netten Kerl macht, bringt ihn politisch in Gefahr. Stets bewegt er sich in einem Grenzbereich, wo Offenheit und Gradlinigkeit als Provokation und Torheit wirken, sein praktisches Engagement für »den Nächsten« in halsstarriges Sendungsbewußtsein ausartet, Schlichtheit im Denken und Ehrlichkeit im Fühlen als naiv und inkompetent erscheinen, seine Spontaneität ihn nicht liebenswert, sondern lächerlich macht.

Oft genug ist er schon ausgerutscht in seinen zwei Bonner Jahren -- mit voreiligen Erklärungen, unabgestimmten Plänen, kräftigen Formulierungen -, zuletzt auf eine Weise, die für die Zukunft politisch lebensgefährlich sein kann. Mit seiner freimütigen Anti-Strauß-Pressekonferenz unmittelbar vor der auf Harmonie gestimmten Strategiekommissionssitzung von CDU und CSU erbitterte Geißler nicht nur die Bayern, sondern verstimmte seine Freunde derart, daß sie von ihm abrückten. Geißler hat die Warnung bekommen, dieses »Einsamkeitserlebnis« (ein Geißler-Mitarbeiter) ist ihm in die Glieder gefahren.

Auch seine Leidenschaft für Sozialreformen, so erfolgreich sie sich in Rheinland-Pfalz praktisch und wählerwirksam umsetzte, drohte schon mehrfach gegen ihn umzuschlagen.

Die Gefahr wächst, daß er Politik mit Sozialhilfe verwechselt, die Probleme der Welt mit missionarischer Nächstenliebe lösen will. Da wird er zum Eiferer, büßt Kredit ein durch Dickschädeligkeit. Es ist auch unter den Liberalen der CDU keineswegs Allgemeingut, daß der Klassenkampf überholt sei, soziale Ungerechtigkeit nur noch in den Nischen der Gesellschaft niste, wie er unter dem Gelächter der Sozis behauptet.

Weder die Kritik an Schnitzern noch der Streß des Machtgerangels um den Kanzlerkandidaten in den letzten Monaten haben Geißler jedoch, so sagt er, sonderlich tangiert. »Das muß man wegstecken können«, ermuntert er seine Mitarbeiter im Bonner Adenauerhaus.

Dafür hat er ein Ventil: Sport. Körperliches Ausarbeiten, das ist für ihn nicht bloß leichte Lockerung. Da nimmt er sich ran. Tägliche Waldläufe von mindestens einer halben Stunde, lange, oft schwierige Bergpartien und Straßenbolzereien mit seinen eigenen Jungs und den Kindern der Nachbarschaft schaffen ihm Entlastung von der aufgestauten Wut, den schmerzlichen Enttäuschungen, dem nervenbelastenden Kleinkram in Bonn. Wenn es ganz schlimm kommt, gräbt er sogar nächtens seinen Garten um.

Dieser Ausgleich ist ihm lebenswichtig, seine körperliche Fitness ist das Fundament für seinen immensen Fleiß und seinen kraftraubenden Arbeitsstil. Hier fühlt er sich auch verletzbar: »Die Erfahrung, wie ich mit einer körperlichen Krise fertig würde, mit einer Krankheit, steht mir noch bevor.« Zweimal in seinem Leben ist er im Krankenhaus gewesen, beide Male hat er sich vorzeitig verdrückt -- einmal sogar, als Junge in Hannover, über den Blitzableiter.

Sowenig sich Geißler, dessen aus Österreich stammende Vorfahren stets als rauflustig galten, zu körperlicher Aktion zwingen muß, so sehr muß er sich zu geistiger Disziplin zwingen. Da hilft ihm seine jesuitische Schulbildung

ganz wie er es in St. Blasien gelernt hat, pflegt er vor schweren Entscheidungen auf ein Blatt Papier die Gründe für und wider niederzulegen. Argumente, Rationalität, Sachbezogenheit, Systematik sind Lieblingsvokabeln dieses impulsiven Mannes.

Geißler hat die CSU so gerügt: »ln einer komplexen Gesellschaft muß sich eine große Partei die Mühe machen, differenziert zu antworten, sonst wird sie zu einer Kaderpartei, zu einer extremistischen Partei. Die können mit Holzhammerparolen arbeiten, das haben die Nazis gemacht.«

Davon nimmt der CDU-Generalsekretär nichts zurück, Widerspruch müsse möglich bleiben. Sofort zieht er den Kopf in Boxerhaltung zwischen die Schulter. »Kurs halten!« haben ihm Parteifreunde an Tankstellen und Telephonzellen in den letzten Wochen zugerufen. Das gedenkt er zu tun. Da sieht Geißler, der so gern (und wohl ehrlich) die Sache vor die Person stellt, sieh doch als eine Person, an deren Standhaftigkeit die Sache gemessen wird.

Was Heinrich Geißler nicht sehen mag, geringschätzig als durchsichtiges Verunsicherungsmanöver sozialistischer Interessenten abtut, ist, daß er vor einer trostlosen Alternative steht. Symbolfigur ist Heinrich Geißler nur, solange er kämpft.

Gibt er auf, dann ist das seine ganz persönliche Resignation, verspätetes Opfer für den Traum von einer liberalen Union, der ohnehin schon mit der Kandidatenwahl ausgeträumt war -- Strauß hätte auch den letzten einsamen Kämpfer abgeräumt.

Gibt er aber klein bei, dann wird Heiner Geißler zum liberalen Feigenblatt für die Machtinteressen des Bayern. Geißlers Programm-Union verkümmert zu einem gehobenen Sozialausschuß. Norbert Blüm läßt grüßen.

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