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»Als ob wir im Windschatten liegen«

Das deutsch-deutsche Verhältnis, in den Hochzeiten der Entspannung stets mannigfachen Schwankungen unterworfen, hat unter der Afghanistan-Krise nicht gelitten. Mitte April kommt mit dem Wirtschaftslenker der SED, Günter Mittag, der bisher ranghöchste Funktionär der DDR zu einem Gespräch mit Kanzler Schmidt nach Bonn.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Wenn sie genauer darüber nachdenken, überkommt selbst routinierte Ostpolitiker in Bonn das große Staunen: Da treiben im Gefolge der sowjetischen Afghanistan-Intervention die Ost-West-Beziehungen einem gefährlichen Tiefpunkt entgegen, drohen Handels- und Olympia-Boykott, scheint ein verschärfter Rüstungswettlauf unausweichlich -- und mitten im internationalen Krisengetümmel machen die Deutschen untereinander weiter Entspannungspolitik, als wäre nichts geschehen.

Der Wandel ist frappant und wird doch kaum noch registriert. Die beiden Deutschlands, mit dem neuralgischen Punkt West-Berlin jahrzehntelang zuverlässigster Seismograph auch kleinster weltpolitischer Erschütterungen, scheinen inzwischen sogar mittelschwere Beben relativ unbehelligt zu überstehen. »Es ist schon faszinierend«, so ein Bonner DDR-Experte, »manchmal hat man den Eindruck, als ob wir im Windschatten liegen.«

Gunter Huonker, Staatsminister im Kanzleramt, wertet die Ruhe an der deutsch-deutschen Front als ein »Zeichen für die Effektivität unserer Vertragspolitik«. Der für Koordinierung der Bonner DDR-Politik zuständige Sozialdemokrat: »Es ist eine gute Sache, daß unsere Beziehungen trotz der internationalen Spannungen sachlich und konstruktiv geblieben sind.«

Bislang einzige sichtbare Auswirkung der Afghanistan-Krise auf das zwischendeutsche Verhältnis: Auf Ost-Berliner Wunsch wurde eine freilich noch gar nicht genau terminierte Visite des Kanzlers bei SED-Chef Erich Honecker auf vorerst unbestimmte Zeit S.22 vertagt. Doch so beiläufig-unterkühlt machten beide Seiten den Vorgang publik, daß der Eindruck von irgendwelcher Mißstimmung gar nicht erst aufkommen konnte.

Business as usual ist die Devise, und an zusätzlichen Freundschaftsgesten lassen es die Deutschen in Ost und West auch nicht fehlen.

Bonns DDR-Vertreter Günter Gaus erfreut sich seit Afghanistan der besonderen Gunst der Ost-Berliner Führung. Mit einem betont herzlichen Prosit hatte Honecker den Westdeutschen schon beim Neujahrsempfang im Hause des Staatsrats, nur 14 Tage nach der Sowjet-Aktion, zum vertraulichen Plausch beiseite genommen. Am 20. Februar empfing er Gaus, der sonst oft Monate auf einen Termin warten mußte, zum zweiten Vier-Augen-Gespräch binnen eines Vierteljahres. Zweimal auch schon seit Afghanistan telephonierten, soweit bekannt, der Kanzler und der SED-Chef miteinander.

Zur Leipziger Frühjahrsmesse entsandte Helmut Schmidt seinen Landwirtschaftsminister Josef Ertl als Botschafter des guten Willens. Sein Besuch, so Ertl im anderen Deutschland, sei der »Beweis dafür, daß wir uns bemühen wollen, die Dinge nicht zu dramatisieren, sondern soweit wie möglich dazu beizutragen, daß in Mitteleuropa normale Verhältnisse erhalten bleiben« -- das habe der Kanzler »ausdrücklich gewünscht«.

Die DDR revanchierte sich mit gewichtigen Gesprächspartnern. Nach Außenminister Horst Sölle setzte sich Gerhard Grüneberg, ZK-Sekretär für Landwirtschaft und Mitglied des SED-Politbüros, zu einem ausführlichen Meinungsaustausch mit dem Bonner Bauernminister zusammen.

Und der deutsch-deutsche Frühlingsreigen geht munter weiter. Übernächste Woche schon macht der bisher ranghöchste DDR-Funktionär in der Bundeshauptstadt Station: Staatsrats- und Politbüro-Mitglied Günter Mittag.

Der oberste Wirtschaftslenker der SED kommt am 16. April zur Hannover-Messe. Am selben Tag reist er als Gast von Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, der ihn im März 1979 in Ost-Berlin besucht hatte, nach Bonn weiter. Für den folgenden Morgen steht ein Gespräch mit dem Kanzler auf Mittags Terminkalender.

Konkrete Verhandlungsthemen sind bisher nicht vereinbart worden. Beim Lambsdorff-Besuch hatte Mittag den Entwurf eines langfristigen wirtschaftlichen Kooperations-Abkommens nach westdeutsch-sowjetischem Vorbild überreicht -- ein Projekt, dem die Bundesregierung wegen der Besonderheiten des innerdeutschen Handels stets skeptisch gegenüberstand.

Inzwischen scheint auch die DDR nicht mehr sonderlich an ihrem Vorschlag zu hängen. Für den Mittag-Besuch rechnen die Bonner weniger mit Detail-Verhandlungen als vielmehr mit einer politischen und wirtschaftlichen »tour d''horizont« (Huonker).

Um letzte Einzelheiten geht es dagegen in den Schlußberatungen zwischen Gaus und dem DDR-Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski über Gewässerschutz und Verbesserung der innerdeutschen Verkehrswege im Wert von rund 500 Millionen Mark.

Für eine Verzögerung hatte Kanzler Schmidt gesorgt, als er Ost-Berlin wissen ließ, daß Bonn für den Ausbau des Grenzübergangs Herleshausen-Wartha statt 300 nur 250 Millionen Mark zu zahlen bereit sei. »Aber das ist kein Problem mehr«, so ein Kanzler-Gehilfe, »da werden zur Zeit von westdeutschen Firmen noch ein paar neue Angebote eingeholt.« Die Bonner gehen jetzt davon aus, daß die Vereinbarungen bis Ende des Monats unter Dach sind.

Nicht einmal harsche Worte des Kanzlers, auf die Ost-Berlin in der Vergangenheit stets überempfindlich reagierte, können neuerdings das deutsch-deutsche Verhältnis trüben.

So wäre Gaus am liebsten gleich ins nächste Großprojekt -- Elektrifizierung aller fünf Eisenbahnstrecken nach Berlin und Bau eines Braunkohle-Kraftwerks bei Leipzig mit Stromleitungen nach Westdeutschland und West-Berlin -- eingestiegen. Doch Helmut Schmidt pfiff seinen Ost-Berliner Dienststellenleiter recht schrill zurück.

Die DDR-Führung nahm Schmidts Entscheidung, über »das Baby« (Gaus) werde erst »in einigem zeitlichen Abstand« geredet, gelassen und ohne Murren zur Kenntnis.

Mit solch geschäftsmäßiger Routine läuft es derzeit zwischen Ost-Berlin und Bonn, daß engagierte Deutschlandpolitiker bereit sind, dem Kanzler für manchen kritischen Seitenhieb in der Vergangenheit Abbitte zu leisten.

Jahrelang hatten sie Schmidt vorgehalten, er reduziere die Deutschlandpolitik auf den Bau von Autobahnen und Schiffahrtswegen. Jetzt, inmitten der Weltkrise, erscheint auch ihnen genau das als richtiges Maß: »Da wird keine Seite überstrapaziert«, so ein Bonner Ministerialer, »aber wir wahren unsere Interessen nach weiterer Verbesserung der innerdeutschen Bindungen und die DDR die ihren nach wirtschaftlichen Vorteilen.«

Daß all dies über das hartnäckige Beharren der USA auf Boykott der Sowjet-Union doch noch in die Gefahrenzone kommen könnte, mögen die Bonner freilich nicht ausschließen: »Natürlich machen wir Deutschlandpolitik«, weiß Staatsminister Huonker, »nicht im luftleeren Raum.«

Die Nagelprobe steht spätestens im Mai an, wenn die Bundesregierung in Sachen Olympia Farbe bekennen muß. Aber für den Fall, daß Bonn in Treue fest zu Washington steht, baut Ost-Berlins großer Bruder bereits vor.

Wenn nur die wirtschaftliche Zusammenarbeit keinen Schaden nehme, streuen Sowjet-Diplomaten, werde man über einen Olympia-Boykott schon hinwegkommen: »Im August ist das vorbei, dann sehen wir weiter.«

S.21Am 9. März auf der Leipziger Frühjahrsmesse.*

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