Zur Ausgabe
Artikel 13 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Terrorismus Alte Brüder

Sicherheitsexperten fürchten Anschläge des irakischen Geheimdienstes, dessen Agenten an B- und C-Waffen in der DDR ausgebildet worden sein sollen.
aus DER SPIEGEL 7/1991

Das Gebiet südlich des brandenburgischen Städtchens Königs Wusterhausen, keine 40 Kilometer von Berlin entfernt, gehört zu den schönsten Flecken des vereinten Deutschland. Auf mehr als 50 Quadratkilometern märkischen Bodens erstreckt sich ein einzigartiger Birken-, Eichen- und Kiefernforst, nur unterbrochen durch sanfte Hügel und kleine Seen.

Versteckt in der Idylle rund um die ehemalige Försterei Massow herrschten bis zur Wende Staatssicherheit und Volksarmee. Die Führung der DDR unterhielt dort nicht nur das größte Ausbildungslager der Stasi, in dem die Elitesoldaten des Wachregiments »Feliks Dzierzynski« Stechschritt und Häuserkampf übten. In dem Staatsgehege betrieb das andere Deutschland auch eine perfide militärische Entwicklungshilfe für die Schergen des irakischen Staatschefs Saddam Hussein.

Streng abgeschottet durch breite Sperrzonen ("Halt! Hier wird geschossen!"), hohe Mauern und bewehrte Wachttürme, drillten Experten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Kämpfer des Diktators aus Bagdad für die Vorbereitung und Ausführung von Terroranschlägen.

Das Training habe, erläutert ein Ausbilder, nicht nur aus Nahkampf und »intensiver Sprengausbildung« bestanden. Nach seinen Angaben wurde auch »Wert auf Kenntnisse über nervenschädigende Kampfstoffe gelegt«. Hypergifte wie Yperit und Sarin hätten in der Ausbildung eine »entscheidende Rolle« gespielt.

Selbst der Umgang mit teuflischsten Massenvernichtungsmitteln, den von Saddam Hussein propagierten bakteriologischen Kampfstoffen, soll Programm gewesen sein. Vermittelt wurden, berichtet der Terrorlehrer, Kenntnisse über die »Verseuchung von Brunnen, Talsperren, Flüssen oder die Vergiftung ganzer Geländeabschnitte« durch die Erreger von Gelbsucht, Lungenentzündung oder Milzbrand.

Die Geständnisse über die Ausbildung irakischer Killer-Trupps, die der britische TV-Sender Channel 4 jetzt publik machte, werten westdeutsche Staatsschützer als ernsten Hinweis auf die Schlagkraft von Husseins Terroristen. Der frühere Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Hans Josef Horchem: »Die Terrorkader wollen möglichst große Massaker anrichten.«

Seit dem Angriff der multinationalen Streitkräfte auf sein Land droht Hussein »Amerika und seinen Verbündeten« mit »weltweiten« Vergeltungsschlägen. Vorwiegend linksextremistische Gruppen in Athen und in der Türkei fühlen sich zum Bomben und Zündeln gegen Einrichtungen der Alliierten berufen. Weltweit wurden seit Beginn des Golfkriegs rund 80 Anschläge gezählt.

In London, vorläufiger Höhepunkt, präsentierte sich am Donnerstag letzter Woche die irische Untergrundbewegung IRA als Trittbrettfahrer des Golfkrieg-Terrors, mit einem Mörser-Angriff auf den Amtssitz des Premierministers.

Der bislang spektakulärste Anschlag von Saddam-Sympathisanten in der Bundesrepublik geht auf das Konto der »Revolutionären Zellen«, Ortsgruppe Berlin. Nur wegen eines technischen Aussetzers ging eine mehr als zwei Kilo schwere Sprengbombe nicht hoch, mit der die Gruppe die 67 Meter hohe Siegessäule zerstören wollte.

Daß arabische Freischärler auch Terroraktionen in der Bundesrepublik ausführen werden, halten Sicherheitsexperten wie der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Christian Lochte, für »durchaus wahrscheinlich«.

Im Bonner Innenministerium läßt Amtschef Wolfgang Schäuble (CDU) für den Ernstfall eine »Vielzahl möglicher Szenarien« erarbeiten - von Bombenanschlägen in Flughäfen, Bahnhöfen oder Sportstadien bis hin zu Verseuchungen von U-Bahn-Schächten und Trinkwassernetzen mit Bakterien.

Um »Aktionen an der Heimatfront zu verhindern«, so ein Verfassungsschützer, sind »Anschlagziele mit Symbolwert« wie Bundeswehrkasernen, jüdische Institutionen oder Einrichtungen der Alliierten massiv aufgerüstet. Die Fluggesellschaften, bevorzugtes Ziel arabischer Terrorkommandos, versuchen, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern (siehe Kasten Seite 35).

Mit »gezielten Störaktionen« wie Vorladungen, Hausdurchsuchungen oder demonstrativen Beschattungen wollen Polizei und Staatsschutz mögliche Terrortäter abschrecken. Zudem führen Polizeidienststellen mit Tausenden von unbescholtenen Arabern sogenannte Kontaktgespräche, um radikalen Aktionen vorzubeugen.

Verdächtig sind viele. Nach dem jüngsten Verfassungsschutzbericht mischen allein auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik 3650 Araber, die meisten von ihnen Palästinenser, in extremistischen Gruppen mit. Zwar trauen Fahnder dem größten Teil keine Terrorakte zu. Dennoch vermuten Berliner Verfassungsschützer allein unter radikalen arabischen Studentenverbänden der Stadt »etwa zehn mögliche Gewalttäter«.

Bei geplanten Anschlägen in Deutschland kann sich Hussein unter den zahlreichen Fraktionierungen der arabischen Extremistenszene nach Einschätzung von Staatsschützern auf ein halbes Dutzend Terrorgruppen stützen.

Vor allem zwei Absplitterungen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) des Jassir Arafat gelten den Diensten als »hochgefährlich": die Fatah - Revolutionärer Rat des Abu Nidal und die Palästinensische Befreiungsfront des Abu el-Abbas. Seit Kriegsausbruch sollen sich die Terrorführer, die jahrelang mit dem Iraker zerstritten waren, in Bagdad aufhalten.

Die Gruppen der beiden Saddam-Alliierten, die in Deutschland mit »rund einem Dutzend Mitglieder und Kämpfer« (Verfassungsschutz) vertreten sein sollen, haben einschlägige internationale Erfahrung. Die Nidal-Truppe überfiel beispielsweise 1988 im Hafen von Piräus den griechischen Touristendampfer »City of Poros«, der Anschlag forderte 9 Tote und 78 Verletzte. Männer von Abu el-Abbas inszenierten 1985 die Entführung des italienischen Kreuzfahrtschiffes »Achille Lauro«.

Gut organisiert sind auch zwei palästinensische Kampfverbände, die offiziell noch auf seiten des irakischen Intimfeindes Syrien stehen. Sie könnten nach Einschätzung von Experten Hussein beispringen, sobald Israel in den Krieg eintritt: Es sind die von Georges Habasch geführte Volksfront für die Befreiung Palästinas, die sich früher durch Zusammenarbeit mit der westdeutschen Rote Armee Fraktion (RAF) hervortat; zweitens geht es um das Generalkommando um Ahmed Dschibril. Zwei Mann aus der Gruppe Dschibril stehen derzeit in Frankfurt wegen Waffen- und Sprengstoffbesitzes sowie versuchter Attentate auf Eisenbahntransporte der US-Armee vor Gericht.

Die Generalkommando-Kämpfer stehen im Verdacht, mit einer mutmaßlich über den Flughafen Frankfurt eingeschleusten Radiobombe 1988 den Jumbo der Pan Am über dem schottischen Lockerbie gesprengt und 270 Menschen getötet zu haben. Der Chef des hessischen Verfassungsschutzes, Günther Scheicher, schätzt die deutsche Generalkommando-Niederlassung auf »mindestens 25 bis 30 gefährliche Kämpfer«.

Als irakische Freischärlergruppe gilt die Arabische Befreiungsfront, eine paramilitärische Truppe der irakischen Staatspartei Baath. Spezialität der Kampfeinheit sind Bombenanschläge. Geschätzte Aktivisten in der Bundesrepublik: rund 20 Leute.

Besonders beunruhigt sind die Staatsschützer aber wegen der Aktivitäten einer Terrortruppe, deren Mitglieder in Massow von der Stasi den letzten Schliff erhalten haben sollen: des irakischen Geheimdienstes Mukhabarat, der seit Mitte der siebziger Jahre weltweit mehr als 175 Regimegegner ermordet haben soll.

Da überall in den Botschaften des Irak Terroristen vermutet werden, haben zahlreiche Länder der Anti-Saddam-Koalition irakische Diplomaten ausgewiesen. In Deutschland wurden nach Hinweisen des Verfassungsschutzes, daß etliche Mitglieder womöglich verkappte Terroristen seien, 28 Botschaftsmitarbeiter abgeschoben.

Besonders die irakische Botschaft in der DDR galt bis zur Wende als Drehscheibe für Saddams Terrorbrigaden. Denn das sozialistische Deutschland diente nicht nur RAF-Aussteigern als »Ruheraum«, sondern bot auch arabischen Kämpfern gegen den verhaßten Kapitalismus Unterschlupf.

Die DDR belieferte die antiimperialistischen Kämpfer mit Waffen und Munition. Anschlägen gegen Einrichtungen im Westen, wie etwa dem Bombenattentat auf die vorwiegend von US-Soldaten besuchte Berliner Diskothek La Belle (3 Tote, mehr als 200 Verletzte), sah die Stasi 1986 tatenlos zu.

Davor konnten die Iraker über ihre Botschaft unbehelligt einen Sprengstoffkoffer in den Westen schleusen. Mit der Bombe sollten Teilnehmer einer oppositionellen irakisch-kurdischen Studentenversammlung an der Uni in die Luft gejagt werden. Doch bevor die Bombe hochging, offenbarte sich der Täter der Polizei.

Sogar noch im letzten Sommer diente die Ost-Residenz irakischen Agenten als Stützpunkt. Nach Erkenntnissen Berliner Staatsschützer waren dort Waffen und Sprengstoff en masse deponiert - heutiger Verbleib ungewiß.

Unbekannt ist westdeutschen Staatsschützern auch Art und Umfang der irakischen Massow-Connection. Bislang wußten die Experten des Militärischen Abschirmdienstes und des Bundesnachrichtendienstes nur, daß »bis zu etwa 100 Araber im Jahr«, darunter auch zahlreiche Saddam-Parteigänger, von der Stasi für den Kampf mit der Waffe trainiert wurden.

Dafür zuständig war nach West-Wissen bis Mitte der achtziger Jahre die Erich Mielke direkt unterstellte Stasi-»Arbeitsgruppe Minister, Bereich S«. Danach wurde der »Bereich S« in die MfS-Hauptabteilung XXII ("Terrorismus-Bekämpfung") eingegliedert.

Schon vor den Fernseh-Aussagen der Massow-Ausbilder war bekannt, daß irakische Militärs zu »Konsultationen« mehrfach in die DDR gereist waren und dort im »fachgerechten Umgang mit Spezialgeräten zur Erkennung von chemischen Kampfstoffen oder radioaktiven Strahlungen« unterrichtet wurden.

Daß in Massow jedoch irakische Geheimdienstler gezielt für Terrorattacken mit Bio- und Chemiewaffen gedrillt worden sein sollen, wollen selbst Stasi-Obere wie Horst Franz nicht gewußt haben. Davon, versichert der frühere Oberst, der während der Wende Chef der DDR-»Terrorabwehr« war, habe er »in der Firma nie etwas erfahren«.

Die Ausbildung der Iraker, behaupten die Massow-Trainer, sei eine hoch geheime Aktion gewesen. »Diese ausländischen Soldaten« seien »dezentralisiert untergebracht« gewesen, »Zu- und Abfahrt zum Ausbildungsgelände wurde gedeckt durchgeführt«.

Sicherheitsexperten trauen der Stasi nicht nur das Terroristen-Training an B- und C-Waffen zu. Sie befürchten, daß verbohrte Ex-Stasi-Leute bei Anschlägen helfen könnten. Wenn die arabischen Kommandos ihre »alten Waffenbrüderschaften aktivieren«, so ein Fachmann, »droht uns hier Saddams zweite Front«.

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.